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Mexikos Drogenboss Quintero Ein Händchen für Hanf

Drogenmafia: Der Aufstieg und Fall von Rafael Caro Quintero Fotos
DPA/EPA/DEA

Mit Marihuana-Pflanzen zeigte er Geschick, mit Mexikos erstem Drogenkartell scheffelte er Milliarden. Doch dann ging Rafael Caro Quintero zu weit - nach einem Agentenmord eröffneten die USA die Jagd. Von

Der Bildungsminister des mexikanischen Bundesstaates Jalisco war außer sich. "Am 7. März um 3.30 Uhr wurde meine Tochter entführt", gab er der Polizei zu Protokoll. "Auf dem Heimweg von einer Feier stoppten zwei Limousinen der Marke Grand Marquis unser Auto. Aus den Wagen stiegen acht Männer mit Sturmgewehren und kidnappten meine Tochter." Auch einen Verdächtigen nannte César Cosío. Die Pistoleros, da war der Politiker ganz sicher, "sind Männer von Rafael Caro Quintero".

Die Provinz Jalisco, bekannt für ihren Tequila, war Mitte der Achtzigerjahre Schauplatz eines filmreifen Mafia-Krimis. In ihrer Hauptstadt Guadalajara regierte die Partei von Minister Cosío. Der mächtigste Mann im Staat aber war ein charmanter junger Mann mit Schnauzbart, der mit Drogengeschäften in kürzester Zeit Milliarden angehäuft hatte. Richter, Polizisten und Politiker standen auf seiner Gehaltsliste. Rafael Caro Quintero war der Kopf des Guadalajara-Kartells - und schwer verliebt in die Tochter des Bildungsministers.

"Du kommst mit mir, weil ich es so wünsche", hatte der Mann mit dem Wuschelkopf und dem breiten Lächeln ihr zuvor geschrieben. Denn die US-Drogenbekämpfungsbehörde DEA war ihm auf den Fersen: Quintero hatte einen ihrer Agenten umbringen lassen. Der Vorfall belastete die Beziehungen beider Länder schwer - in einem War on Drugs, der bis heute anhält.

Das Drogengeschäft lernte Quintero früh: Die Gemeinde Badiraguato, wo er 1952 zur Welt kam, war ein trostloser Fleck in den endlosen Hügeln der Sierra Madre - Marihuana-Pflanzen und Schlafmohn gediehen dort prächtig. Als ältestes von elf Geschwistern besuchte er nur die Grundschule. Beim Hanfanbau zeigte der Bauernsohn Geschick: Mit 24 produzierte er bereits sechs Tonnen Marihuana pro Jahr.

Marihuana, Kokain, Heroin - das teuflische Trio

Gemeinsam mit dem mexikanischen Kokainkönig Miguel Ángel Felix Gallardo, der mit dem kolumbianischen Medellín-Kartell zusammenarbeitete, und Ernesto Fonseca Carrillo - Nummer eins im Heroingeschäft - schmiedete er das Guadalajara-Kartell, das erste auf mexikanischem Boden. Das Trio schuf ein Imperium. Bald dominierten sie den gesamten Drogenhandel in Mexiko.

Der Bauernsohn war nun Teilhaber von Hotels und Autoagenturen, ihm gehörten Boutiquen, Diskotheken, Anwesen. Wer ihm wohlgesonnen war, dem schenkte Quintero einen Mercury Grand Marquis. In solchen Nobelkarossen fuhren alsbald Angehörige der Polizei, der Justiz und der Presse. Umgerechnet zehn Millionen Dollar steckte Quintero aber auch in den Ausbau strukturschwacher Regionen.

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In den USA sah man den Aufstieg des Kartells mit Sorge. Schon Präsident Nixon hatte Drogen zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt, doch die Zahl der Drogentoten stieg weiter. Anfang der Achtzigerjahre beschloss Präsident Reagan, den War on Drugs ins Herkunftsland zu tragen, und drängte die mexikanische Regierung zu gemeinsamen Aktionen.

Erstes Ziel: die gewaltige Farm "El Búfalo" im Staat Chihuahua. 1000 Hektar Hanfpflanzen, 7000 streng bewachte Arbeiter, modernste Bewässerungssysteme. Besitzer: Rafael Caro Quintero. Im November 1984 stürmten 450 Soldaten die Ranch, zerstörten die Felder und beschlagnahmten sagenhafte 8000 Tonnen Marihuana.

Der Agent wurde zu Tode gefoltert

Ein schwarzer Tag für Quintero. Ihm war klar: Im Kartell musste es einen Maulwurf geben. Bald präsentierten ihm seine Spitzel einen Namen - Enrique Camarena alias Kiki. Der Mexikaner mit US-Staatsbürgerschaft ermittelte seit 1981 verdeckt für die DEA-Drogenbekämpfer. Ihm war es gelungen, sich in Quinteros Kartell nach oben zu dienen.

Am 7. Februar 1985 verhafteten Polizisten Camarena am helllichten Tag beim Verlassen des US-Konsulats in Guadalajara. Was der Spion nicht wusste: Die Uniformierten standen auf der Gehaltsliste von Quintero. Und der kannte bei Verrat kein Pardon. In einer Hacienda ließ er den DEA-Mann foltern, dessen Leben ein Arzt immer wieder verlängerte.

Das Verschwinden ihres Top-Agenten versetzte die USA in Aufruhr. Die "Operation Stop and Seize" begann: Jeder Wagen wurde bei der Einreise aus Mexiko in die USA gefilzt, was zu kilometerlangen Autoschlangen führte. "Camarenas Entführung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", so US-Botschafter John Gavin. Man habe Mexikos unkooperativer Regierung "eine Rüge erteilen" wollen.

Da ahnten die Drogenschnüffler noch nicht, dass ihr Kollege längst tot war. Drei Tage nach der Entführung war Camarena den Folterqualen erlegen. Ein Versehen, sollte Quintero später aussagen. Ihm sei wohl die Hand ausgerutscht.

"Verliebt, nicht entführt"

Als man die Leiche im März 1985 in einem Feld fand, floh Quintero. Mit Sara, Tochter des Bildungsministers, die er Wochen zuvor in einer Diskothek kennengelernt hatte.

Der Mord-Hauptverdächtige entwich unter den Augen örtlicher Beamten über den Flughafen Guadalajara in die Tropen - die USA kochten. Außenminister George Shultz: "Was in Mexiko geschehen ist, hat die Toleranzschwelle überschritten." Die Jagd auf Caro Quintero war eröffnet.

Der vergnügte sich derweil in einer Finca in Costa Rica. Ein Telefonat mit Sara Cosío beruhigte ihre Eltern nicht gerade: "Ich bin nicht entführt, ich bin verliebt in Caro Quintero", sagte die junge Schönheit. DEA-Experten gelang es, die Gespräche zurückzuverfolgen.

Wenig später überraschten Antiterroreinheiten Quintero im Bett, halbnackt und die schwangere Sara Cosío an seiner Seite, auf dem Nachttisch einen diamantverzierten Colt. Er wurde den mexikanischen Behörden überstellt.

Quinteros geschätztes Vermögen lag bei zwei Milliarden Dollar, überall im Land beschlagnahmten die Fahnder Villen, Geschäfte, Luxuskarossen. Im Dezember 1989 wurde er zur Höchststrafe von 40 Jahren verurteilt, wegen Mordes, Entführung, Bildung einer kriminellen Vereinigung, Anbau und Handel mit Marihuana und Kokain.

"Ich bin kaputt"

Während der Drogenboss im Hochsicherheitsgefängnis saß, kamen pikante Informationen ans Licht. 1988 legte eine Untersuchungskommission unter Senator John Kerry einen Bericht vor. Demnach hatte die CIA im Zuge der Iran-Contra-Affäre enge Verbindungen mit dem Guadalajara-Kartell: Die Drogenbosse unterstützten die Contra-Rebellen in Nicaragua und erhielten dafür Zugang zum amerikanischen Markt.

Schlüsselfigur: Quintero. Auf seinen Ranches in Mexiko war die Contra-Guerilla laut Bericht ausgebildet worden, von seinen Flugfeldern starteten Flugzeuge, die Drogen in die USA schafften - und Waffen nach Nicaragua. Der größte Feind der US-Drogenbehörde: demnach ein Verbündeter der CIA.

Am Morgen des 9. August 2013, nach 28 Jahren Haft, konnte Quintero das Gefängnis verlassen, seine Anwälte hatten Verfahrensfehler im Urteil von 1989 nachgewiesen. Da war der "Narco de Narcos", wie Volklieder den Drogenboss besangen, längst ein gebrochener Mann. "Ich bin kaputt", hatte er dem Magazin "Proceso" gesagt. Das US-Justizministerium war über die Freilassung empört: "Die DEA wird mit allen Mitteln die Verfolgung von Caro Quintero fortsetzen", verkündete ein Sprecher, unter Druck stellten die Mexikaner einen neuen Haftbefehl aus.

Da war der Grauhaarige längst über alle Berge. Bis heute sind auf die Ergreifung von Rafael Caro Quintero fünf Millionen Dollar ausgelobt.

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1. Wen es interessiert!
Bernd Wintermeyer, 04.03.2016
Nachzulesen in Don Winslows: Tage der Toten und in der Fortsetzung Das Kartell. In den Büchern wird der ganze Wahn beschrieben.
2. Wenn man den alten Bericht von 1985
Dieter Neth, 04.03.2016
durchliest, könnte man meinen, man lese einen Artikel von 2016. Nur die Namen muss man auswechseln. In Mexiko hat sich somit in 31 Jahren NICHTS am desolaten Justizsystem gebessert. Da ist es kein Wunder, dass es dort auch wirtschaftlich für den Grossteil der Bevölkerung nicht vorwärtsgeht. Das scheint jedoch ein Grundübel aller sogenannten Schwellenländer zu sein. Zuviel Korruption, zuviele Seilschaften und eine allgemeine Abzockermentalität.
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