Raketenpionier Robert Goddard Der Mondmann

"Nell" hopste 12,5 Meter hoch, blieb 2,5 Sekunden in der Luft - und eröffnete die Ära der modernen Raumfahrt: 1926 startete Robert Goddard in aller Heimlichkeit die erste Flüssigkeitsrakete der Welt.

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"Jede Vision ist ein Witz, bis der erste Mensch sie verwirklicht!"

Mit diesem Satz will der schmächtige Mann mit der Glatze die Lästermäuler endlich zum Schweigen bringen. Doch sie sticheln munter weiter. "Na, Robert, wie geht's Deiner Mondrakete heute?" Jeden Morgen schleudert ein Kollege dem Physikprofessor auf dem Universitätsflur den gleichen Spruch entgegen.

Die Zeitungen verunglimpfen ihn als "Mondmann" und "modernen Jules Verne", die "New York Times" urteilt am 13. Januar 1920: "Dem Forscher fehlt es offenkundig an jenem Grundlagenwissen, das Tag für Tag an den Highschools gelehrt wird." Robert Hutchings Goddard ist verzweifelt. Seit er in einem Essay die Möglichkeit andeutete, eine unbemannte Rakete bis zum Mond zu schießen, hagelt es von allen Seiten Kritik.

Eine Weile versucht er, die Spötter durch sachliche Argumente zu überzeugen. Doch dann resigniert Goddard, taucht ab, meidet jegliche Öffentlichkeit. Und läutet in aller Abgeschiedenheit die Ära der modernen Raumfahrt ein: Auf dem Bauernhof seiner Tante Effie in Auburn, Massachusetts, schickt Goddard die erste mit flüssigem Treibstoff befeuerte Rakete der Welt in Richtung Orbit.

Jungfernflug endet im Kohlfeld

Der 16. März 1926 war ein klarer, eiskalter Dienstag. Schnee lag auf den Wiesen rund um die Farm, wie Goddard in seinem Tagebuch erinnerte. Vor der Revolution gab es für den Forscher, seine Frau Esther und seine beiden Helfer Percy Roope und Henry Sachs noch einen Becher heiße Malzmilch: Effies Geheimrezept gegen Erkältung. Dann ging es los.

Erwartungsvoll zückte Goddards Frau Esther ihre brandneue Debrie-Sept-Kamera, die kurze Filmsequenzen aufzeichnen konnte. Um 14.30 Uhr zündete Robert Goddard die mit flüssigem Sauerstoff und Benzin gefüllte Rakete, Esther drückte auf den Auslöser - und nichts passierte.

1923: Der siebenbürgische Physiker Hermann Oberth veröffentlicht 1923 seine Abhandlung "Die Rakete zu Planetenräumen". 1929 folgt "Die Wege zur Raumschifffahrt". 1928/29 berät Oberth den UfA-Regisseur Fritz Lang bei der Produktion des berühmten Raumfahrtfilms "Frau im Mond" (Szenenfoto).

1926: Auf dem Bauernhof seiner Tante Effie in Auburn, Massachusetts, startet Robert H. Goddard seine erste Rakete mit Flüssigtreibstoff. Sie fliegt 12,5 Meter hoch und bleibt 2,5 Sekunden in der Luft. Das Prinzip einer Flüssigkeitsrakete: Flüssiger Sauerstoff und Treibstoff werden der Brennkammer zugeführt und dort bei konstantem Druck verbrannt.

1931: Der Schweizer Forscher Auguste Piccard und sein Assistent Paul Kipfer starten von einer Wiese in Augsburg mit einem Gasballon in die Stratosphäre. In der selbstkonstruierten Aluminium-Kugel erreichen sie eine Höhe von knapp 16.000 Metern. Piccard und Kipfer sind die ersten Menschen, die die Erdkrümmung mit eigenen Augen sehen.

1934: Die Gruppe um den deutschen Ingenieur Wernher von Braun arbeitet an einem geheimen Raketenforschungsprojekt für die Reichswehr. Flüssigkeitsraketen interessieren das deutsche Militär zu Kriegszwecken. Im Dezember erreichen die auf der Insel Borkum gezündeten A-2-Raketen "Max und "Moritz" eine Gipfelhöhe von 2000 und 2200 Metern.

1935: Robert Goddard (l.) entwickelt eine Rakete, die als erste die Schallmauer durchbricht.

1942: Ein Prototyp der "V2"-Rakete startet von der Heeresversuchsanstalt Peenemünde aus zum ersten erfolgreichen Flug. Das von der NS-Propaganda als "Wunderwaffe" verklärte Geschoss fliegt 84,5 Kilometer hoch und nähert sich damit erstmals dem Weltraum. 1944 folgt der Kriegseinsatz der "V2" gegen alliierte Großstädte. Das Foto zeigt den Nachbau einer V2-Rakete auf dem Gelände des Historisch-Technischen Museums Peenemünde.

1947: US-Testpilot Chuck Yeager durchbricht mit dem Raketenflugzeug X-1 die Schallmauer. Damit ist die bis dato gängige Vorstellung widerlegt, dass jedes Flugzeug, das die Geschwindigkeit des Schalls erreicht, an jener Mauer zerschellt.

1957: Eine sowjetische Rakete trägt "Sputnik 1" (Illustration), eine knapp 60 Zentimeter große Aluminiumkugel, in eine Erdumlaufbahn. "Sputnik 2"...

...mit Hündin Laika an Bord, folgt einen Monat später. Die zweijährige Mischlingshündin ist das erste Lebewesen im All. Schon kurz nach dem Start ist Laika überhitzt und verendet qualvoll in ihrem engen Behältnis.

1958: Gründung der US-Raumfahrtbehörde Nasa. "Explorer 1", der erste künstliche Erdsatellit der USA und die Antwort auf "Sputnik 1" und "Sputnik 2", startet am 1. Februar 1958 von Cape Canaveral aus.

1959: Die Sowjetsonde "Lunik 3" liefert erste Bilder von der Mondrückseite. "Lunik 3" nimmt insgesamt 29 Fotos aus rund 65.000 Kilometern Distanz zum Mond auf.

1961:Kosmonaut Jurij Gagarin ist der erste Mensch im All. Sein Flug in der engen "Wostok"-Kapsel dauert 108 Minuten.

1962: Als erster Amerikaner wird John Glenn in den Orbit geschossen. "Friendship 7" dreht drei Runden um die Erde (Foto vom Start am 20. Februar). Die Mission dauert vier Stunden, 55 Minuten und 23 Sekunden.

1968:An Weihnachten umrundet "Apollo 8" den Mond. Nach drei Tagen und zehn Mondumkreisungen kehren die Astronauten Frank Borman, William Anders und James Lovell in ihrer Raumkapsel zur Erde zurück. Das berühmte Foto zeigt den "Earthrise" - den Aufgang der Erde vom Mond aus.

1969: Am 21. Juli um 03.56 Uhr MEZ, betritt US-Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Der 38-Jährige sagt den berühmten Satz: "Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit." Armstrong verbringt zweieinhalb Stunden auf der Oberfläche des Erdtrabanten.

Störrisch verharrte das selbst gebaute Gebilde in seinem Gestell und rührte sich nicht vom Fleck. Erst als Esthers Film längst voll war, hob die Viereinhalb-Kilo-Rakete mit einem Zischen ab. Sie erreichte eine Höhe von zwölfeinhalb Metern, beschrieb eine 56 Meter lange Linkskurve - und landete nach zweieinhalb Sekunden Flug in einem Kohlfeld.

"Es sah schon fast magisch aus, als die Rakete in die Luft ging, ohne großen Lärm oder Flammen. Als wollte sie sagen: 'Ich war lang genug hier unten und gehe jetzt mal woanders hin, wenn du nichts dagegen hast'", notierte Goddard am Tag danach in seinem Tagebuch.

Spätestens jetzt wusste der Raketenpionier: Der Flüssigkeitsrakete gehörte die Zukunft, seine Kritiker waren im Unrecht. Und es war doch möglich, eines fernen Tages den Weltraum zu erobern. Nichts Geringeres trieb den Wissenschaftler um, seit er ein kleiner Junge war.

Offenbarung im Kirschbaum

Wie viele Kinder seiner Zeit verschlang Goddard Science-Fiction-Romane wie Jule Vernes "Von der Erde zum Mond" und H.G. Wells' "Der Krieg der Welten". Laut Biograf Milton Lehman war der kränkliche, schmale Junge besessen von allem, was der Schwerkraft trotzt: Flugdrachen, Vögel, Ballons. Er experimentierte mit Chemikalien, bis das Elternhaus fast in die Luft flog. Am 19. Oktober 1899, mit 17 Jahren, kletterte er in einen alten Kirschbaum - und kam erleuchtet wieder runter, wie er in seinem Tagebuch schrieb:

"Ich schaute auf die Felder und stellte mir vor, wie wundervoll es wäre, einen Apparat zu entwickeln, mit dem man zum Mars reisen kann. Im Geist schickte ich meine Erfindung von den Wiesen zu meinen Füßen aus nach oben. Ich war ein anderer Junge, als ich vom Baum runterkletterte. Ab sofort schien es mir, als habe mein Dasein ein ganz bestimmtes Ziel."

Den 19. Oktober erklärte der Teenager zu seinem persönlichen Feiertag - eine Art zweiten Geburtstag. Doch so beseelt Goddard auch von der Idee war, den Sternen auf den Leib zu rücken: Sein Umfeld hielt nicht allzu große Stücke auf ihn.

"Mondrakete verfehlt Ziel um 238.799,5 Meilen"

Für seine erste selbst konstruierte Pulverrakete, die 1915 mit einem Höllenlärm gen Himmel brauste, erntete der Jung-Physiker statt Applaus eine Rüge des Campus-Hausmeisters. Und als er vier Jahre später in seiner visionären Abhandlung "Methods for Reaching Extreme Altitudes" die Hypothese aufstellte, dass Raketen zum Mond fliegen können, lachte ihn ganz Amerika aus.

"Oh, They're Going to shoot a Rocket to the Moon, Love!" trällerte Sänger John Henry Boyle und bot Goddard an, die Tantiemen mit ihm zu teilen. Ein Filmstudio in Hollywood schickte ein Telegramm mit der Bitte, eine Botschaft ins All absetzen zu dürfen. Und mehr als 100 Menschen belagerten den Physiker, um ihn auf seine Reise zum Mond zu begleiten.

Der erste Start einer V-2-Rakete 1942

Selbst in der Einöde von Tante Effies Bauernhof spürte ihn irgendwann die Presse auf. Als Goddard im Sommer 1929 eine Rakete zündete, die immerhin 27 Meter hoch flog sowie ein Barometer, eine Kamera und ein Thermometer mit an Bord hatte, schrieb ein lokales Blatt in Worcester, Massachusetts: "Mondrakete verfehlt Ziel um 238.799,5 Meilen".

Einer der ganz wenigen, die Goddards Genie erkannten, war Luftfahrt-Legende Charles Lindbergh. Der berühmte Nonstop-Atlantiküberquerer suchte den Raketentüftler auf, überzeugte sich von dessen Fähigkeiten - und gewann die Familie Guggenheim als Sponsor für weitere Tests. Sie fielen spektakulär aus: 1935 zündete Goddard eine Rakete, die als weltweit erste die Schallmauer durchbrach. Zwei Jahre später erreichte seine Konstruktion eine Rekordhöhe von 2700 Metern.

Allein: Kaum einer scherte sich um die Erfolge des Ausnahmeforschers, der 214 Patente auf sich vereinigte, die mathematische Theorie des Raketenantriebs entwickelt und zudem bewiesen hatte, dass eine Rakete sehr wohl auch im Vakuum Schub produzieren kann.

Importierter Nazi als Geburtshelfer der US-Raumfahrt

Weder Wissenschaftler noch Militärs oder Regierungsvertreter erfassten das gewaltige Potenzial seiner Raketentechnik. Auch weil Eigenbrötler Goddard seine Forschungen nicht publik machte. So kam es, dass nicht er, sondern ausgerechnet ein importierter Nazi das US-Raumfahrtprogramm mit anschieben und die Amerikaner schließlich sogar bis zum Mond katapultieren sollte: Raketeningenieur Wernher von Braun, einst NSDAP- und SS-Mitglied, der sich nach Kriegsende den Amerikanern stellte.

Mitsamt Forschercrew wurde er aus Hitler-Deutschland in die USA verpflanzt, um seinen neuen Dienstherren die berüchtigte "V2"-Rakete zu erläutern: das erste von Menschenhand konstruierte Flugobjekt, das mit einer Gipfelhöhe von 84,5 Kilometern die Grenze zum Weltraum durchbrach.

Als Goddard kurz vor seinem Tod eine "V2" auseinandernahm, erlitt er laut seinem Mitarbeiter Sachs einen Schock. Der US-Forscher war sich sicher: Die Deutschen haben von ihm abgekupfert. Nachweisen konnte er es ihnen nicht. Goddard starb am 10. August 1945 an Kehlkopfkrebs.

Erst posthum widerfuhr dem geschmähten Raketenpionier Gerechtigkeit: Am 17. Juli 1969, vier Tage, bevor Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat, veröffentlichte die "New York Times" eine Richtigstellung. Darin hieß es, mit Blick auf die arrogante Herabwürdigung Goddards angeblich fehlenden Fachwissens im Jahr 1920: "Die 'Times' bedauert diesen Fehler."

Am Ende siegte der Mondmann und sein 1904 erstmals ausgegebenes Motto: "Es ist schwer zu sagen, was unmöglich ist: Die Träume von gestern sind die Hoffnung von heute und die Realität von morgen."



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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Gunnar Ganz, 16.03.2016
1. Mister Goddard
Schade,dass das erste Bind farbig unterlegt wurde-seinerzeit reichte der farbige 1.Weltkriegfilm im TV!Fragliche Aufnahme ist mir nur in schwarz/weiß bekannt.Ansonsten gut geschrieben..Danke
Martin Heilmann, 16.03.2016
2. Jules Verne Lesen
Zur Bilderserie: In Jules Vernes Roman kommt keine Rakete vor. Die Protagonisten werden mit einer gewaltigen Kanone zum Mond geschossen.
Harald Kucharek, 16.03.2016
3. Das zweite Bild zeigt nicht Ziolkovski...
...sondern Oberth.
Michael Perlbach, 16.03.2016
4. Auf Bild Nummer 2
Ist Hermann Oberth und keinesfalls Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski zu sehen. Es scheint, als wäre dieser Artikel mit der sehr heißen Nadel gestrickt worden.
Ralf Schaefer, 16.03.2016
5. Ok, probieren wir aus, ob sich seit damals etwas veraendert hat:
So sicher wie ich weiss, dass ich lebe, weiss ich auch, dass in einigen Jahrzehnten von Wasserstoffbomben getriebene Plattformen aus Stahl und Beton Nutzlasten von der tausendfachen Groesse wie die der Saturn V Mondrakete zum Mars bringen werden. Einhunderttausend(!) Tonnen Maschinen und Anlagen als Groessenordnung, die direkt von der Erdoberflaeche zur Marsoberflaeche transportiert werden - so etwas waere technisch-physikalisch in 20 Jahren moeglich. Bei allen politischen Problemen hoffentlich in 200 Jahren.
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