Raketenautos Sprengstoff als Motor

Raketenautos: Sprengstoff als Motor Fotos
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Drei, zwei, eins - Kickstart! Heute vor 80 Jahren präsentierte der Tüftler Fritz von Opel sein Raketenauto RAK1. Ein Sprengstoffantrieb beschleunigte den Prototypen in acht Sekunden von Null auf Hundert - bis sich der Traum vom Super-Rennwagen schlagartig in Rauch auflöste. Von Sebastian Heilig

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Für die Zuschauer vor Ort war es die Sensation. Am 11.04.1928 erlebten sie den Auftakt in eine neue Zeitrechnung. Selbst aus heutiger Sicht sind die alten Film- und Fotoaufnahmen spektakulär. Ein zigarrenförmiges Rennauto mit Flügeln, die RAK1, rast über eine holprige Teststrecke und zieht eine gewaltige weiße Rauchwolke hinter sich her. Man erkennt Fehlzündungen, unkontrollierte Explosionen, kleinere Rauchschwaden, die seitwärts wegschießen, ahnt den Schwefelgeruch und ist irgendwie froh, dass es davon keine Tonaufnahmen gibt. Laut war es: Da saß ein Testfahrer zusammen mit 12 Raketen und 40 Kilogramm hochbrisantem Brennstoff in einem Auto, einem Raketenauto.

Die Geschichte des spektakulären Raketenautos beginnt nur ein halbes Jahr zuvor. Im Herbst 1927 traf Fritz von Opel den Testpiloten Max Valier. Der Raketen-Enthusiast Valier hatte ein klares Ziel: Die unendlichen Weiten des Weltraums. Der Visionär verfügte zwar über viel Phantasie, aber nicht über die finanziellen Mittel, um sein Projekt zu realisieren. Fritz von Opel hatte das Geld und teilte die nötige Leidenschaft für aussergewöhnliche Ideen. Man einigte sich zunächst auf die Entwicklung eines Raketenantriebs. Der dritte kreative Kopf im Team war Friedrich Wilhelm Sander. Der Erfinder war bereits eine Nummer in der Raketenszene. Seine Herangehensweise an das Thema war allerdings vergleichsweise bodenständig: Er hatte ein Rettungsgerät entwickelt, mit dem man Leinen zu gestrandeten Schiffen schießen konnte.


Opels Raketengefährte

Video 1: Die erste Testfahrt des Raketenautos

Video 2: Die große Show an der Berliner Rennstrecke Avus

Video 3: Explosive Experimente auf Schienen

Video 4: Der Erfinder des Raketenflugzeugs im Interview

Video 5: Das Raketenflugzeug hebt ab


Lilian Harvey machte das Boxenluder

Nachdem die erste Vorführung im eher abgelegenen Rüsselsheim ein Erfolg war, wollte Fritz von Opel nun das gesamte Publicity-Potential des Raketenwagens abschöpfen. Für den nächsten Auftritt am 23. Mai 1928 musste eine angemessene Bühne her: die Avus, eine Test- und Rennstrecke direkt vor den Toren Berlins. Für den nötigen Glamour sorgten geladene Gäste wie der Dichter Joachim Ringelnatz, Box-Idol Max Schmeling sowie der blonde Filmstar Lilian Harvey, die mit ihrem Auftritt am Streckenrand die Blicke auf sich zog, lange bevor man den Begriff Boxenluder kannte. Das rollende Pulverfass, das hier feierlich enthüllt wurde, nannte sich RAK2 und hatte gleich dreimal soviel Sprengstoff an Bord wie der Vorgänger. Von Opel, ganz Showman, saß dieses Mal selbst hinterm Steuer. Der Autofabrikant hielt eine kurze Rede über interstellare Raketenvisionen und kletterte feierlich in sein Monstrum.

"Merkwürdige Gedanken durchblitzten mich", erzählte von Opel einem Mitarbeiter nach der Testfahrt, "120 Kilo Sprengstoff im Rücken, genug für ein ganzes Häuserviertel. Da steht ja auch die goldige Lilian Harvey, knapp 90 Pfund mag sie wiegen." Dann katapultierte der Wagen mit einem bedrohlichen Feuerschweif aus dem Heck nach vorne, legte nach 24 Sekunden bereits 1800 Meter zurück und erreichte mit dem Zünden der letzten beiden Raketen eine Geschwindigkeit von 238 Kilometern pro Stunde. Das war viel zu schnell, um das Auto sicher auf der Straße zu halten. Die kurzen Flügel an beiden Seiten des Fahrzeugs, die für den notwendigen Anpressdruck sorgen sollten, waren der Gewalt kaum mehr gewachsen: Immer wieder hoben die Vorderräder kurz vom Asphalt ab. Und mit jedem Durchtreten des Gaspedals zündete eine neue Raketenstufe.

Fritz von Opel erlebte die Fahrt als einen Rausch: "Seitwärts verschwindet alles. Ich sehe nur noch das große Band der Bahn vor mir. Ich trete schnell noch viermal das Pedal, fahre nun mit acht Röhren. Ich überlege nicht mehr. Die Wirklichkeit verschwindet. Ich handle nur noch im Unterbewusstsein. Hinter mir das Rasen der unbändigen Kräfte." Die feuerspeiende Zigarre raste die Strecke hinab. Dank seiner Nervenstärke und einer gehörigen Portion Glück schaffte es von Opel, die Energie der 24 Raketen zu bändigen. Als der Rauch sich verzog, war es nicht mehr einfach Fritz von Opel, der dem Hobel entstieg, es war der Raketen-Fritz, wie ihn der Volksmund von da an nannte. Lilian Harvey war verzückt von diesem kleinen Mann mit der Brille und der Sturmfrisur. Einem Reporter verrät die Diva: "Mit Fritz von Opel möchte ich im Raketenauto fahren."


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Am Steuer saß eine Katze

Im Nachhinein könnte man unterstellen, Fritz sei selbst überrascht gewesen von so viel Wucht. Bei den folgenden Versuchen saß er jedenfalls nicht mehr am Steuer. Die Tüftler verlagerten die Testreihe auf die Schiene. In der RAK3 saß statt einem Piloten eine Katze. Glück für den verschonten Testfahrer, Pech für das Tier: Wenige Sekunden nach dem Start explodierten die 375 Kilogramm Dynamit mit denen das Gefährt angetrieben werden sollte. Angeblich trug das Tier lediglich leichte Blessuren davon. RAK4 - diesmal ohne Katze - ereilte ein ähnliches Schicksal: Sie explodierte direkt am Start. Die Reste fand man ungefähr 50 Meter entfernt, völlig verbogen. Mit diesem Fiasko ging auch der Traum vom Rüsselsheimer Raketenwagen in Rauch auf. Weitere Tests wurden von den Behörden untersagt.

Das war aber nicht weiter schlimm, man dachte ohnehin längst in anderen Dimensionen: Auf der internationalen Automobilausstellung im November in Berlin wurde die "Moto-Club Super Sport" vorgestellt, ein Motorrad mit zuschaltbarem Raketenantrieb. Mit diesem Gerät wollte von Opel den Geschwindigkeitsrekord für Motorräder - damals 206 Kilometer pro Stunde - toppen. Aus Sicherheitsgründen fand auch dieser Versuch nie statt.

Ein bemannter Feuerwerkskörper

Unterdessen machte ein anderer Deutscher Erfinder mit einem noch tollkühneren Raketen-Projekt von sich reden: Julius Hatry, ein Flugzeug-Konstrukteur aus Mannheim experimentierte seit geraumer Zeit mit unbemannten Raketenflugzeugen. Raketen-Fritz sorgte sich wohl um seinen neuen Spitznamen und erpresste mit wenig Feingefühl und viel Kleingeld das Know-How des Konkurrenten. Der dabei ausgehandelte Vertrag regelte, dass Hatry zwar die ersten, lebensmüden Tests fliegen durfte, die finale Präsentation vor versammelter Presse blieb jedoch Publicity-Fritz vorbehalten.

Am 30. September 1929 war es soweit. Am Flughafen "Rebstock" in Frankfurt am Main wurde der erste bemannte Flug in einem Raketenflugzeug angekündigt. Nach zwei missglückten Anläufen und einem ohrenbetäubenden Knall, katapultierte sich der tollkühne Industrielle auf seinem Feuerwerkskörper durch die Lüfte, 20 Meter über dem Boden mit 100 Kilometer in der Stunde. Die historischen Filmaufnahmen verlieren sich in Rauchwolken. Nach 80 Sekunden versagte die Zündung und zwang den Piloten zur Notlandung. Raketen-Fritz stieg aus dem Trümmerhaufen wie der Phönix aus der Asche - unverletzt.


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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Daniel Crommer 11.04.2008
Das Raketenauto machte sicherlich Geschichte, obwohl sicherlich nicht mal der Erfinder an die Zukunft dieses Antriebes glaubte. Da ist es doch viel beeidruckender, was bereits viele Jahre vorher, nämlich 1911. Der sogenennta Blitzenbenz erreichte mit einem herkömmlichen Kolbenmotor eine Geschwindikeit von 228km/h. 1911! Und mit diesem Wagen hätte man durchaus einen Sonntagsausflug bestreiten können, ohne ganze Landstriche in Brand zu setzen... http://virtualcars.de/magazin/blitzenbenz.html
2.
Ralf Bülow 12.04.2008
Noch ein Hinweis: Der wissenschaftlich-technische Nachlass von Julius Hatry, dem Erbauer des Opel-Raketenflugzeugs, liegt im Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit, Link siehe unten. http://www.landesmuseum-mannheim.de/
3.
Robert Stueck 06.03.2009
Wie so oft kann mal wieder was mit den Zahlen nicht stimmen. Wenn der Wagen in 24 s 1800 m zurücklegt, dann hat er eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 1800/24*3.6 km/h = 270 km/h. Dies bereits ist größer als die 238 km/h nach zünden der letzten Raketen. Außerdem ist der Satz "Der Wagen legte nach 24 Sekunden bereits 1800 Meter zurück [...]" doch wohl auf die ersten 24 s nach dem Start bezogen, so dass bei 270 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit die Endgeschwindigkeit sehr viel höher gewesen sein muss. Bei gleichmäßiger Beschleunigung ergibt sie sich zu: 1800 m = a/2 * (24 s)^2 -> a = ... -> v = a*24 s = 1800 * 2/24 *3.6 km/h = 540 km/h .
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