Flugschautragödie 1988 Die Flammenhölle von Ramstein

Als italienische Piloten ihr berühmtestes Kunststück vorführten, steuerten sie in die Katastrophe: 1988 starben auf der U.S. Air Base Ramstein 70 Menschen, tausend wurden verletzt. Die Überlebenden quält das Unglück bis heute.

imago/ Belga

Von Kathrin Seelmann-Eggebert


Mit leiser, brüchiger Stimme erzählt Roland Fuchs von seiner glücklichen Kleinfamilie. Er war 23, als er mit seiner Frau Carmen und Tochter Nadine, 5, nach Ramstein fuhr. Einen USA-Urlaub konnten sie sich nicht leisten, also wollten sie beim Tag der offenen Tür auf der amerikanischen Flugbasis etwas erleben, Eis essen, Cola trinken.

Der Ausflug vor 30 Jahren endete in einer der größten Tragödien in der Geschichte der Bundesrepublik. 70 Menschen starben beim Flugschau-Unglück, mehr als tausend wurden verletzt, fast die Hälfte schwer.

Familie Fuchs war schon auf dem Weg zurück zum Auto, als es am Himmel über ihnen zum Inferno kam. Roland Fuchs kann sich nicht mehr an viel erinnern, nur noch an die Schmerzen. Um sie zu lindern, schütteten andere Besucher massenhaft Eiswürfel über ihn. Seine Frau starb, seine kleine Tochter kam schwer verletzt in eine Ludwigsburger Klinik.

In den Monaten danach rang Fuchs im Krankenhaus mit dem Tod. 60 Prozent seiner Haut waren verbrannt, er fühlte sich wie "lebendig begraben", wie er heute sagt. Die Ärzte sagten ihm nichts über seine Frau und seine Tochter, sie wollten, dass er sich nicht aufgibt. Sie sprachen mit ihm Englisch, weil Roland Fuchs sich anfangs nicht mitteilen konnte und sie vermuteten, er sei Amerikaner. Aber er konnte kein Englisch, verstand kein Wort und wusste nicht einmal, wo er war - wohl nicht mehr in Deutschland, glaubte Fuchs zeitweise.

Eine Flutwelle von brennendem Kerosin

Erst Wochen später erfuhr er vom Tod Carmens und auch der kleinen Nadine. Jahrelange Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte folgten. In der Klinik lernte Fuchs seine heutige Frau kennen, mit der er drei Töchter hat. Aber abschließen mit dem Unglück von Ramstein, das kann er nicht. Noch heute besucht er jeden Tag auf dem Friedhof das Grab von Carmen und Nadine. Gerade hat er es um 15 Jahre verlängert, die Pacht war abgelaufen.

Der 28. August 1988 war ein heißer Sommertag. Rund 350.000 Zuschauer besuchten den alljährlichen Flugtag der U.S. Air Force in Ramstein, nur an diesem Tag durften Zivilisten hinein. Ein Volksfest mit Hamburgern, Hotdogs und Cola mitten in der pfälzischen Provinz - viele waren mit der ganzen Familie vor Ort.

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Flugzeugkatastrophe in Ramstein: Das durchstoßene Herz

Um 13 Uhr begannen die Vorführungen internationaler Militärstaffeln. Zum Höhepunkt und Abschluss startete die "Frecce Tricolori" (dreifarbige Pfeile). Die italienische Kunstflugstaffel, bereits 1960 gegründet, war die weltweit einzige, die mit zehn Düsenmaschinen flog. Um 15.44 Uhr zeigten die Piloten ihre schönste Flugfigur, das "durchstoßene Herz": Nachdem neun Flugzeuge mit ihren Kondensstreifen ein Herz in den Himmel geschrieben hatten, sollte das zehnte es wie ein Pfeil durchqueren.

Doch Solopilot Ivo Nutarelli war etwa vier Sekunden zu früh und erreichte den geplanten Kreuzungspunkt in zu tiefer Flugbahn. Er kollidierte mit zwei anderen Flugzeugen. Die Zuschauer hörten nur ein dumpfes "Plopp" - dann stand der Himmel in Flammen.

Das brennende Soloflugzeug riss den Stacheldraht, der Zuschauer davon abhalten sollte, aufs Flugfeld zu laufen, mit in die Menge. Der Draht war glühend heiß und messerscharf; 800 Liter brennendes Kerosin schwappten in einer riesigen Welle über die Besucher. Auf eine solche Katastrophe war niemand vorbereitet.

Chaos brach aus. Alle liefen kreuz und quer und suchten nach Angehörigen, zwischen Schwerverletzten und Leichen. Die verzweifelten Menschen wurden von US-Soldaten aufgehalten und abgedrängt. Es waren viel zu wenige Sanitäter vor Ort, unverletzte und leicht verletzte Besucher halfen ihnen notdürftig.

Der kleine Bruder erkannte die Spielorgel

Als großes Problem erwies sich die sogenannte Vietnamstrategie der amerikanischen Einsatzkräfte: Verletzte wurden sofort mit Helikoptern und Bussen in umliegende Krankenhäuser gebracht, statt sie durch Erstversorgung vor Ort zu stabilisieren und dann in geeignete Kliniken auszufliegen. Die Kommunikation unter den Helfern funktionierte kaum, der Funkverkehr war überlastet. Alle Krankenhäuser im Umkreis waren überfüllt, teils wiesen sie Schwerstverletzte ab.

Heute erinnert am Ort der Katastrophe nichts mehr daran. Auf der Air Base Ramstein sind alle Spuren beseitigt. Doch für die, die damals dabei waren, ist nichts vergessen, nichts verheilt. Diese Bilder verfolgen sie bis heute, die Schreie der Verletzten und der Geruch von verbranntem Fleisch.

Auch Dominic Jung kämpft bis heute mit seinen Flashbacks. Als 18-Jähriger fuhr er mit Freunden nach Ramstein, weil er alles liebte, was fliegt. Luftwaffenpilot zu werden, war sein Traum. Was Dominic am 28. August 1988 nicht wusste: Sein Vater, seine Stiefmutter und sein vierjähriger Halbbruder Marc-David waren auch beim Flugtag. Der Vater hatte ihm am Abend zuvor gesagt, sie würden nicht nach Ramstein fahren, also verbrachte Familie Jung den Flugtag getrennt.

  • Die Dokumentation "Die Tragödie von Ramstein - Die Flugschaukatastrophe auf der US Air Base" läuft am Montag, 10. Dezember, um 21:00 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über SKY zu empfangen ist.

Dominic kaufte sich gerade ein Eis, als hinter ihm "die Welt zusammengestürzt ist". Er versuchte, so schnell wie möglich wegzukommen, und fuhr nichts ahnend nach Hause. Am nächsten Tag teilte ihm die Vermisstenstelle auf der Air Base mit, dass sein Vater als vermisst gelte und sein jüngerer Bruder Marc-David tot sei. Er konnte das nicht glauben und ging auf die Suche. Nach ein paar Tagen der Anruf aus einer Mannheimer Klinik: Er solle kommen und einen kleinen Jungen identifizieren, es könne der als tot geltende Bruder sein.

Dominic fuhr von Saarlouis nach Mannheim. Diesen kleinen Jungen mit dem bandagierten Gesicht - er konnte ihn nicht erkennen. Aber Dominic hatte eine kleine Spielorgel mitgebracht, das Lieblingsspielzeug seines Stiefbruders, und spielte ihm "London Bridges Falling Down" vor. Wenn Dominic heute davon erzählt, stockt seine Stimme: "Und dann bewegt der sich auf einmal und fragt mich: 'Hallo, wer ist da? Dominic, bist du es? Wo ist der Papa?'"

Keine Tiefflüge - für einen Tag

Diesen Moment kann Dominic nicht vergessen. Eine Woche später sollte er eigentlich nur das Auto des Vaters in Ramstein abholen, wurde aber dort gefragt, ob er nur das Auto abholen wolle oder auch seinen Vater. Als Dominic die persönlichen Gegenstände seines Vaters identifizieren sollte, sackte der Boden unter ihm weg. Er wusste: Sein Vater Karl-Thomas Jung lebte nicht mehr.

Noch heute quält Dominic Jung ein schlechtes Gewissen. Er kann sich nicht verzeihen, den kleinen Bruder allein im Krankenhaus zurückgelassen zu haben. Aber er war überfordert und "ging auf Tour", wie er es nennt. Jung arbeitete auf Kreuzfahrtschiffen, lebte zeitweise als Obdachloser in Miami, zog auf die Philippinen. Nach Jahren kehrte er zurück. Die Trauer um den toten Vater hat die beiden ungleichen Brüder geeint. Bruder Marc-David ist heute 34 und arbeitet als IT-Spezialist in Luxemburg. Und Dominic heiratete, bekam einen Sohn und lebt zurückgezogen in Saarlouis.

Am Tag nach der Katastrophe hatte US-General John R. Galvin den Militärflugplatz besucht. Er sei "sehr stolz auf das, was ich vor Ort gesehen habe", sagte der Nato-Oberkommandierende in Europa und lobte die Evakuierungsversuche und die Koordination der deutschen und amerikanischen Einsatzkräfte. Die Flugtage seien "so bedeutsam, so symbolträchtig, dass wir sie auf jeden Fall fortsetzen werden", nur über die Form müsse man nachdenken.

Noch in der Nacht nach dem Unglück hatte man Leichen und menschliche Körperteile per Tieflader abtransportieren lassen; deutsche Feuerwehrleute mussten 31 Tote verladen. Bereits nach zwei Tagen wurde der Flugbetrieb wieder aufgenommen, als wäre nichts passiert. Tiefflüge setzte die Nato rein symbolisch für einen Tag aus. Das deutsche Verteidigungsministerium verbot akrobatische Kunstflüge; Italiens Regierung indes kündigte nach wenigen Tagen trotz aller öffentlichen Empörung an, die "Frecce Tricolori" werde ihre Kunstflüge fortsetzen.

Albträume bis heute

Der Ramsteiner Flugtag hatte schon vorher erbitterte Gegner, nicht nur Besucher, die Militärtechnik faszinierte. Friedensbewegte und Anwohner demonstrierten auf den Zufahrten gegen ständige Tiefflüge und Fluglärm. Auch Edeltraut Koch hatte sich jahrelang dafür eingesetzt, dass die Leute die Flugschau meiden. Am Tag der Tragödie arbeitete sie auf einem Stadtfest der SPD Kaiserslautern - einer Gegenveranstaltung.

Edeltraut Koch hatte eine Tochter. Am Donnerstag kam Karin, 22, zu Besuch und erzählte, sie wolle am Sonntag zum Flugtag. Die Mutter versuchte, sie davon abzubringen - es könnte doch etwas passieren. Die beiden sahen sich nie wieder. Fünf Tage galt Karin als vermisst, bis Edeltraut Koch die Gewissheit hatte: Ihre Tochter war tot. Sie erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma und starb auf der Stelle.

Viele Angehörige konnten niemals Abschied nehmen von ihren Kindern, Vätern, Eheleuten. Die Leichen wurden nicht gefunden oder bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Für Entschädigungen sah sich das US-Militär nicht zuständig. Deutsche Kranken- und Rentenkassen sowie das Amt für Verteidigungslasten kamen für Klinikaufenthalte und Frührenten auf.

1989 erschien der abschließende Untersuchungsbericht der Bundesregierung zu den Rettungsmaßnahmen. Die Bewertung auf Grundlage der geltenden Vorschriften, Standards und Einsatzpläne rechtfertige das Urteil "gut", hieß es darin. Viele Opfer und Hinterbliebene empfanden es als Hohn. Aus einem Sonderfonds der Bundesrepublik, der USA und Italiens wurden für Verletzung oder Tod Entschädigungen von insgesamt lediglich rund 11 Millionen Euro gezahlt, ausschließlich für körperliche Schäden. Seelische Traumata wurden nie anerkannt. Ein Prozess scheiterte 2003, da das Oberlandesgericht Koblenz die Ansprüche als verjährt ansah.

30 Jahre sind inzwischen vergangen. Viele Überlebende leiden noch immer unter den Spätfolgen. Und jene, die mit ansehen mussten, wie Freunde und Verwandte qualvoll verbrannten, verfolgt das bis heute. Albträume, Gerüche und Geräusche erinnern sie täglich an den Tag, der ihr Leben verändert hat.

Mitarbeit: Jochen Leffers

insgesamt 18 Beiträge
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Reinhard Harnack, 10.12.2018
1. Schande über uns
Ja, es war furchtbar. Ja, die amerikanischen Rettungskräfte griffen sich wahllos die Verletzten und brachten sie wie auch mich ins nächstgelegene Krankenhaus. Was mich aber am meisten beschäftigte: die sensationsgeilen Menschenmassen welche die kleine Anhöhe emporstürmten um das vermeintlich Unfassbare mit eigenen Augen zu sehen. Die unmittelbar Betroffenen des Unglück und die Helfer flüchteten vor den Flammen, die Gaffer stürmten uns entgegen und behinderten eine geregelte Rettung. Ich bin danach im Landstuhler Militärkrankenhaus unverletzt wieder aufgewacht, ging am nächsten Tag wieder ins Büro, aber diese menschliche Niedertracht werde ich wohl mein Lebtag nicht vergessen.
Wolfgang Lehnert, 10.12.2018
2. gottseidank
gab es damals noch keine Smartphones. Auch wenn dadurch die evtl. unzureichenden Rettungsmaßnahmen hätten dokumentiert werden können, wären all diese "Horrorfilme" heute noch Clickkönige auf youtube. Für Gaffer sollten die Strafen nochmals verschärft werden. Gaffen ohne Behinderung von Rettungskräften empfindliche Geldstrafen, mit Behinderung von Rettungskräften auch Haftstrafen - und/oder bei Unfällen im Strassenverkehr mehrmonatiger Entzug der Fahrerlaubnis.
Uwe Cossmann, 10.12.2018
3. Ich erinnere mich ...
als wäre es heute gewesen, als diese Bilder über die Sender gingen. Der absolute Horror. Wenigstens gibt es diese Art Flugshows in Deutschland nicht mehr - woanders in der Welt kann aber ähnliches durchaus wieder passieren. Ein unverantwortliches Risiko.
David Braben, 10.12.2018
4. Tanja
Als am Unglückstag damals in der 20-Uhr-Tagesschau das Video der Katastrophe gezeigt wurde, hörte man aus der Menge einen jungen Mann mehrmals verzweifelt laut "Tanja" rufen. Journalisten brachten die Frage, wer jene Tanja ist, und ob sie überlebt hat, in allen Variationen, aber wirklich nachgegangen ist ihr offenbar nie jemand. Jedenfalls konnte ich in den vielen Berichten und Rückblicken seitdem nie etwas über "Tanja" erfahren.
Michael Schmidt, 10.12.2018
5. Nicht erwähnt ist,
das ausgerechnet zwei der drei italienischen Piloten in den Itavia870-Absturz verwickelt waren und eine Woche nach Ramstein vor einem Untersuchungsausschuss aussagen sollten....
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