Rapper im Ruhestand Es gibt ein Leben nach dem HipHop

Rapper im Ruhestand: Es gibt ein Leben nach dem HipHop Fotos
Corbis

Sie können Worte zu Gold machen, doch für viele Rap-Stars kommt das Ende des Ruhms schneller, als ihnen lieb ist. Sie beginnen überraschende Zweitkarrieren: als Straußenzüchter, Innendekorateur - oder als echter Gangster. Wie der totgeglaubte Tim Dog mit seiner afroamerikanischen Stripshow. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
    3.0 (22 Bewertungen)

Als Timothy Blair ans Telefon geht, ist er eigentlich schon seit Wochen tot. Im April 2013 wählt ein amerikanischer Radiojournalist die Handy-Nummer des Mannes, der besser unter seinem Rapper-Pseudonym Tim Dog bekannt ist. Des Mannes, der einst mit seinem HipHop-Track "Fuck Compton" die berühmte "Eastcoast gegen Westcoast"-Fehde auslöste - und der laut Pressemeldungen bereits im Februar 2013 gestorben ist.

Doch seine Leitung ist alles andere als tot: "Hallo?", sagt jemand am anderen Ende. Es ist Blairs Stimme! Der Moderator ruft fröhlich: "Tim, das ist ja 'ne tolle Neuigkeit, ich kann es nicht glauben, dass du gar nicht tot bist!". Stille. "Wer ist da?", fragt die Männerstimme. "Mista Montana von Conspiracy Worldwide Radio!". Freizeichen. Am nächsten Tag ist die Nummer nicht mehr erreichbar.

Journalist Montana zweifelt nicht als Einziger am Ableben des Rappers, der vor rund 20 Jahren berühmt wurde. Auch zahlreiche Rap-Kollegen glauben nicht, dass Tim Dog tatsächlich am 13. Februar 2013 an Diabetes-Komplikationen gestorben ist. Eine Leiche fehlt bis heute, auch einen Totenschein gibt es nicht. Die einzige Quelle der Todesnachricht ist ein Artikel im HipHop-Magazin "The Source". Zwei Monate nach Tim Dogs Tod erlässt ein Staatsanwalt aus Mississippi Haftbefehl gegen ihn. Die Ermittler verdächtigen ihn, seinen Tod nur vorgetäuscht zu haben. Gründe dafür gäbe es viele.

Rap-Rentner ohne Rente

Viele US-Rapper der ersten Stunde strebten eine zweite Karriere an, nachdem sie den Zenith ihrer ersten überschritten hatten. So hatte sich etwa Terminator X von Public Enemy in den neunziger Jahren auf eine Farm zurückgezogen, um Strauße zu züchten, und MC Hammer überstand einen Privatbankrott, indem er sich als HipHop-Priester ins Fernsehen predigte. Auch Tim Dog hatte nach seinem Höhenflug im Rap-Business einen Karriere-Einbruch erlitten: Mit seinem Debütalbum "Penicillin on Wax" war er in der Szene berühmt geworden - hatte an diesen Erfolg jedoch nie wieder anknüpfen können. Und so musste der New Yorker sich mit Anfang 40 eine neue Einkommensquelle suchen: Online-Dating.

Unter dem Pseudonym "perfectone69" ("Großverdiener, unverheiratet, kinderlos") chattete er mit Frauen, die im Internet die große Liebe suchten. Esther Pilgrim zum Beispiel, eine Krankenschwester Mitte 40, alleinerziehend, verliebte sich schon nach dem ersten Treffen in den Rapper. Der unterbreitete ihr bald ein Angebot, dass sie angeblich reich und sorgenfrei machen würde. "Er überredete mich, in die Produktion eines 5-CD-Boxsets zu investieren", sagte Pilgrim später in einem Interview. "Es sei eine sichere Investition, es gebe bereits 20.000 Vorbestellungen." Die zweifache Mutter nahm einen Kredit auf und überwies Tim Dog insgesamt 32.000 Euro. Doch es gab gar kein Boxset, der Ex-Rapper verprasste das Geld einfach.

Betrügereien auf der ganzen Welt

Pilgrim begann zu recherchieren und stieß auf Schicksale von Frauen auf der ganzen Welt - England, Norwegen, Australien - die Tim Dog bereits um Tausende Dollar betrogen hatte. Danielle Selhorst zum Beispiel, eine Angestellte aus dem niederländischen Arnheim, ließ sich nach vier Jahren Internet-Freundschaft von Tim Dog überreden, als seine Geschäftsführerin in Europa die "Chocolate Fantasy Tour" zu organisieren - eine Bühnenshow strippender Afroamerikaner. Die neu gegründete Eventfirma lief auf ihren Namen, sie buchte Veranstaltungslokale, verkaufte die Tickets im Internet und überwies 80 Prozent der Einnahmen an Tim Dog. Doch die Shows fanden nie statt, Selhorst blieb auf einem Berg Schulden sitzen und musste sich vor den geprellten Kunden und der Polizei rechtfertigen. Der Strippenzieher aber saß in den USA und konnte nicht belangt werden, schließlich lief alles auf Selhorsts Namen.

Als sie genügend Beweise in der Hand hatte, zog Esther Pilgrim schließlich vor Gericht. Mit Erfolg: Im Jahr 2011 wurde Tim Dog wegen schweren Betrugs schuldig gesprochen und zu fünf Jahren Haft auf Bewährung sowie der Rückzahlung von rund 20.000 Dollar an Pilgrim in monatlichen Raten verdonnert. Die investigative NBC-Sendung "Dateline" machte auf seinen Fall aufmerksam, doch er ließ sich davon nicht bremsen. Er fädelte weitere Betrügereien ein, wieder übers Internet.

Doch nachdem Mista Montana den angeblich verstorbenen Rapper im April 2013 ans Telefon bekam, blieb Timothy Blair bis heute verschwunden. Wer weiß: Vielleicht strebt er ja nach seiner ersten Karriere als Rapper und einer zweiten als Hochstapler nun eine dritte an - als scheintoter Privatier auf einer einsamen Insel.

Nicht alle Rapper griffen nach dem Karriere-Aus zu solch extremen Mitteln, um ihre Rente zu sichern. Und doch verblüffte so mancher seine Fans mit einem völlig unerwarteten neuen Job. einestages verrät in der Bildergalerie, womit sich die Rap-Stars von einst heute durchschlagen.

Artikel bewerten
3.0 (22 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Stephan Dombrowski 20.08.2013
Ice-T ist meiner Meinung nach vergessen worden, wobei dieser wohl nicht so ganz zu den oben genannten passt, da er sehr erfolgreich als Schauspieler arbeitet und weiterhin auch noch eine Zeitlang Musik machte.
2.
Can Julian 20.08.2013
Ice T würde ich da eher außen vor lassen. Nach seiner Musik-Karriere hat er ja erst so richtig als Schauspieler durchgestartet und ist heute sehr erfolgreich. Interessant finde ich, was DJ Stylewarz hier in diesem Interview über Bühnenshows von Ami-Rappern sagt, die auch eher ihren zenit überschritten haben: http://www.rap-n-blues.com/artist-feature-dj-stylewarz/
3.
Jakob Hartmann 20.08.2013
Auf die Schnelle fallen mir noch zwei Rapper ein: Mase von Bad Boy Records, der nur einige Jahre nach seinem größten Erfolg, Anfang des Jahrtausends eine eigene Kirchengemeinde gründete und Canibus, einer der heiß gehandelsten Rapper der Ende der 90 er Jahre, der 2002 der US Army beitrat und 2004 schon rausgeschmissen wurde.
4.
Simon Höfer 21.08.2013
Fragt sich hingegen, was Too $hort auf der Liste macht, welche sich gemäß der Aussage "...kommt das Ende des Ruhms schneller, als ihnen lieb ist." ja hauptsächich wohl auf gescheiterte Rapper bezieht? Der Mann hat in 30 Jahre 20 Alben rausgebracht, davon 6 Alben hintereinander mit Platinstatus in den USA, das können die wenigsten Musiker, gleich welcher Musikrichtung, von sich behaupten...
5. Ice t
Christoph Mähl 12.09.2014
hat mit Body Count dieses Jahr erfolgreich ein neues Album veröffentlicht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH