Rassentrennung im Selbstversuch In der Hochburg des Hasses

Rassentrennung im Selbstversuch: In der Hochburg des Hasses Fotos
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Enthüllungsautor Günter Wallraff spürt als Somalier dem Alltags-Rassismus in Deutschland nach - und folgt damit einem historischen Vorbild. Schon vor 50 Jahren ließ sich ein weißer Amerikaner zum Schwarzen machen und reiste in die Südstaaten. Dann musste er um sein Leben fürchten. Von

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Der Arzt wirkte äußerst besorgt. Doch schließlich ließ er John Howard Griffin gewähren. Er gab dem Schriftsteller die Behandlung, die dieser von ihm verlangte. Eine Woche lang setzte sich Griffin Tag für Tag mehrere Stunden lang der Bestrahlung durch ultraviolettes Licht aus und schluckte ein hochdosiertes Medikament. Die Verwandlung sollte perfekt sein. Die Tabletten sorgten bei Griffin für ständige Übelkeit. Doch er hielt an seinem Vorhaben fest. Nach sieben Tagen entschied der Arzt, dass die Behandlung erfolgreich gewesen sei. Er verabschiedete Griffin mit besorgtem Blick und den Worten: "Nun werden Sie in Vergessenheit geraten." Ein Satz, an den der Schriftsteller in den nächsten Wochen häufig denken würde.

Griffin ging zurück ins Hotel, rasierte sich seine blonden Haare vom Schädel, schaltete alle Lichter aus und stellte sich das erste Mal vor den Spiegel. "Die Verwandlung", so Griffin, "war vollständig und schockierend." Er hatte erwartet, dass er sich selbst in einer Art Verkleidung sehen würde. Doch er erkannte das Gesicht im Spiegel nicht mehr. "Es war ein völlig Fremder, ein unsympathisch aussehender Schwarzer, zu dem ich keine Verwandtschaft fühlte." Die Transformation war beendet. Der Schriftsteller und Journalist John Howard Griffin war nun ein Farbiger.

Wenn in diesen Tagen die Kino-Dokumentation "Schwarz auf Weiß" von Günther Wallraff startet, bekommen die Zuschauer einen deutschen "Undercover"-Journalisten zu sehen, der - braun angesprüht und mit einer absurden Lockenperücke auf dem Kopf - als Somalier verkleidet ein Jahr lang immer wieder durch die Republik tingelt. Er unternimmt eine Gondelfahrt in Wörlitz, versucht im Teutoburger Wald einen Wohnwagenstellplatz zu mieten und besteigt einen Fanbus des Fußballclubs Dynamo Dresden. Es gibt auch einen Bericht über dieses Jahr, der sich in Wallraffs zeitgleich erscheinenden Buch "Aus der schönen neuen Welt" findet. Darin erwähnt er am Rande den Namen John Howard Griffin. Er stellt ihn vor als einen, der sich damit auskenne, wie man sich als Weißer schwarz färbt.

Warum begingen so viele Afroamerikaner Selbstmord?

John Howard Griffin galt 1959 als angesehener Mann in seinem Heimatort Mansfield, einem kleinen Städtchen mitten im Bundesstaat Texas. Er war Autor und Patriot, ging im Zweiten Weltkrieg zur Air Force, wurde im Südpazifik stationiert und später für seine Tapferkeit mit einem Orden ausgezeichnet. 1947, noch während seiner Dienstzeit bei der Armee, verlor er bei einem Unfall sein Augenlicht. Erblindet machte er dennoch das Beste aus seinem Leben. Griffin heiratete, schrieb fünf Bücher, von denen zwei recht erfolgreich verlegt wurden. Er fand seinen Weg zu Gott und zum Katholizismus. Nebenbei machte der Südstaatler eine simple Erfahrung, die sein Leben verändern sollte: Sieht man nicht, mit wem man spricht, verliert die Hautfarbe eines Menschen jede Bedeutung.

Zwölf Jahre später erholten sich seine Augen wie durch ein Wunder. Griffin konnte wieder sehen. Doch was er sah, gefiel ihm nicht. Während er in der Armee Seite an Seite mit Farbigen für ihr gemeinsames Vaterland gekämpft hatte, waren die Vorurteile gegen Schwarze in den Südstaaten so schlimm wie eh und je. Bei Recherchen zum Thema Rassentrennung stieß er auf einen Bericht über die Selbstmordrate von Schwarzen im Süden der USA und fand heraus, dass sich erschreckend viele das Leben nahmen.

"Dies bedeutete nicht, dass sie sich bewusst gegen das Leben entschieden", schloss Griffin daraus, "sondern dass sie einen Punkt erreichten, an dem es ihnen einfach egal war, ob sie lebten oder starben." Der Autor wollte wissen, was den farbigen Amerikanern den Lebensmut nahm - und entschloss sich zu einem radikalen Experiment. Als Schwarzer wollte er durch den Süden reisen und am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, dort als Teil dieser Minderheit zu leben.

In die Hochburg des Hasses

Durch Höhensonne und Medikation verwandelte Griffin sich in einen Afroamerikaner und reiste nach New Orleans. Es begann eine Odyssee, die den ganzen Wahnsinn der Rassentrennung offenbaren sollte. Die grundsätzlichsten Bedürfnisse wurden plötzlich zu einem Spießrutenlauf: Der Schriftsteller, dem wenige Tage zuvor in jedem Laden mit großer Herzlichkeit ein Becher mit Wasser gereicht wurde, musste nun bei drückender Hitze kilometerweit laufen, um einen Wasserhahn zu finden, aus dem auch er einen Schluck trinken durfte. Um eine Toilette für Schwarze aufzuspüren, irrte Griffin stundenlang durch die Straßen von Louisiana.

An einem Busticketschalter wurde der Schriftsteller dann das erste Mal mit dem konfrontiert, was Schwarze den "Hate Stare" nennen. Als er eine Fahrkarte kaufen wollte, traf ihn plötzlich ein durchdringender Blick, erfüllt von unversöhnlicher Feindseligkeit. "Er war so übertrieben hasserfüllt, dass es mich amüsiert hätte, wenn ich nicht so überrascht gewesen wäre", berichtete Griffin später. "Ich begriff, dass ich nichts falsch gemacht hatte - einzig und allein meine Hautfarbe beleidigte sie."

Obwohl die Diskriminierung von Schwarzen in Bussen per Gesetz verboten war, machte Griffin auf seinen Reisen immer wieder erniedrigende Erfahrungen. Einmal überhörte der Fahrer seine Bitte, aussteigen zu dürfen, einfach und ließ ihn erst Meilen später raus. Auf dem Weg nach Mississippi, der Hochburg des Rassenhasses, untersagte der Busfahrer den Schwarzen gar während einer Pause - alle Weißen waren bereits draußen, um sich die Beine zu vertreten - auszusteigen und die Toilette zu benutzen. Seine schlichte Begründung: "Ich kann mich nicht darum kümmern, euch in zehn Minuten alle wieder zusammenzutreiben."

Angst, Verzweiflung und ein tiefes Gefühl der Verlorenheit

Die Atmosphäre offener Abneigung, die ihm schließlich in Mississippi entgegenschlug, ängstigte den Schriftsteller bis ins Mark. "Wenn du dich im Viertel nicht auskennst, sieh zu, dass du so schnell wie möglich von der Straße herunterkommst", empfahl ihm jemand. Minuten später tauchte ein Pick-up voller weißer Männer auf. Der Wagen verlangsamte die Fahrt, und es hagelte Beschimpfungen. Eine Mandarine traf die Wand nur knapp neben Griffins Kopf. In diesem Moment wurde dem Schriftsteller klar, dass er auf den nächtlichen Straßen von Mississippi jede Sekunde totgeschlagen werden könnte. Schon Tage zuvor war er in einem anderen Ort von einem weißen Jungen verfolgt und bedroht wurden. Doch das hier war weit beängstigender.

Griffin rettete sich schließlich in einen Laden. Ein Schwarzer hinter der Theke erzählte ihm, dass Gewalttaten gegen Farbige an der Tagesordnung seien - und Griffin hielt es nicht mehr aus. Getrieben von Angst, Verzweiflung und einem tiefen Gefühl der Verlorenheit gab er auf. Er rief einen weißen Freund an und bat um Hilfe. Eine Nacht-und-Nebel-Aktion - denn die Hausherren durften nicht riskieren, von den Nachbarn dabei gesehen zu werden, wie sie einen Schwarzen in ihr Domizil einluden.

Seine Erfahrungen schrieb John Howard Griffin ungeschminkt nieder. Erst in einer Reihe von Artikeln für eine afroamerikanische Zeitung namens "Sepia", später in seinem Buch "Black Like Me". Das Medienecho auf seinen ungewöhnlichen Selbstversuch war gewaltig. Für ein Gespräch mit dem "Time Magazine" flog er nach New York, gab Interviews im Fernsehen, europäische Zeitungen und TV-Sender bestürmten ihn, um seine Geschichte zu hören. Griffin bekam Tausende Briefe, allein 6000 davon von weißen Südstaatlern, die ihm für seinen Bericht dankten. Sie hätten mehr Angst vor ihren rassistischen Nachbarn als vor den Schwarzen.

"Warum hat er die Tür für die Nigger aufgestoßen?"

Nur die Schwarzen blieben unbeeindruckt von Griffins Experiment. "Wenn es für ihn eine beängstigende Vorstellung war, für 66 Tage so zu tun, als wäre er schwarz", kommentierte Malcom X Griffins Experiment kritisch, "sollte er mal darüber nachdenken, was echte Schwarze über 400 Jahre in Amerika durchmachen mussten." Ausgerechnet in seiner Heimatstadt sollte Griffin - inzwischen längst wieder weiß - dies am eigenen Leib erfahren.

In den folgenden Monaten wurden der Autor und seine gesamte Familie systematisch diskriminiert und ausgegrenzt. Sie wurden mit Anrufen terrorisiert. "Warum hat er die Tür für die Nigger aufgestoßen?", keifte eine Frau ins Telefon, "nachdem wir so hart daran gearbeitet haben, dafür zu sorgen, dass sie draußen bleiben." Und die Atmosphäre heizte sich noch weiter auf: Nachbarn ignorierten die Familie, Fremde pöbelten Griffin auf offener Straße an, ehemalige Freunde meldeten sich plötzlich nicht mehr - sie erhielten sogar Morddrohungen. Dann lynchte ein wütender Mob auf der Hauptstraße eine Puppe - um ihren Hals ein Strick und ein Schild mit Griffins Namen darauf. Wenige Tage später brannte in der Stadt ein Kreuz.

Der Hass wurde unerträglich. Der Schriftsteller hielt die Angst um seine Familie nicht mehr aus. Mit seiner Frau, den Kindern und seinen Eltern wanderte er nach Mexiko aus und schrieb im Exil "Black Like Me", seinen Erfahrungsbericht über seine Zeit als Schwarzer. Das Buch wurde zum Klassiker, der sich bis heute mehr als zehn Millionen Mal verkauft hat und in 14 Sprachen übersetzt wurde. Doch es dauerte Jahre, bis Griffin nach Amerika zurückkehrte.

Solche Konsequenzen wird Wallraff sicher nicht fürchten müssen.

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1.
Ralf Bülow 23.10.2009
1969 erschien das Buch "Soul Sister" der Autorin Grace Halsell (1923-2000), die sich einer ähnlichen Behandlung wie John Howard Griffin unterzog und in Mississipi sowie in Harlem als 'Schwarze' arbeitete.
2.
armin otto 23.10.2009
Wie bitte? Günter Wallraff macht einen neuen Film über ein ernstes Thema und der erste bezugnehmende Artikel watscht den Film in einem Satz mit "Solche Konsequenzen wird Wallraff sicher nicht fürchten müssen." ab? Möchte da jemand viele Augen vor dem deutschen Rassismus verschließen?
3.
Marcus Landgraf 23.10.2009
Wäre es möglich von so stumpfsinnigen Vokabeln wie "Afrodeutsche" abzurücken? Es sollte mittlerweile bekannt sein dass Schwarze nicht nur aus Afrika kommen, wir leben doch nicht mehr im 12. Jahrhundert.
4.
Dirk Holtschlag 26.10.2009
Mal wieder eine kleine subtile Herabsetzung von Herrn Wallrafs Leistung und ein selbstgefälliges Schulterklopfen gefällig? Bitte schön! Dafür braucht man keinen Mut. Die Wirklichkeit in Deutschland ist leider anders als in der Wahrnehmung des Autors, wenn auch nicht mehr so schlimm wie im Heimatland des Ku-Klux-Klan in Mississippi. Auch in den Deutschland braucht man leider noch sehr viel Mut für eine so vorbildliche Zivilcourage, wie er sie unermüdlich zeigt.
5.
Stefanie Wiemer 26.10.2009
"Afrodeutsche" ist keine stumpfsinnige Vokabel, sondern eine weitgehend von Schwarzen akzeptierte (u.a. weil selbstgewählte) Bezeichnung. Ich möchte eher darauf hinweisen, dass "Farbig" aus dem Wortschatz gestrichen gehört. Mehr zum Thema auf www.derbraunemob.de - lohnt sich. Ganz bezeichnend an diesem, auch an Wallraffs Selbstversuch finde ich, dass es im Verständnis dieser Männer und wohl auch der Medien Weißer bedarf, die vom alltäglichen Rassismus erzählen, damit man ihnen glaubt. Es gibt ausreichend Literatur von Schwarzen zu dem Thema - das wird dann allerdings nicht auf einestages oder sonstwo besprochen. Anscheinend nicht so ernst zu nehmen, wenn die seit ihrer Geburt Diskriminierten darüber sprechen. Da braucht man schon einen glaubwürdigen Weißen. Ich empfehle hier, auch zur Unterstützung der eigenen critical whiteness, "Deutschland schwarz-weiß. Der alltägliche Rassismus" von Noah Sow.
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