Rassismus in den USA Wer hat die Lizenz zum "Niggern"?

Rassismus in den USA: Wer hat die Lizenz zum "Niggern"? Fotos
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Die Rassenproblematik in den USA ist bisher nur in der Theorie gelöst - sagt zumindest der schwarze Rechtsprofessor Randall Kennedy. Er analysierte den komplizierten amerikanischen Rassismus und seine Ausprägungen in Popkultur und Gesellschaft an Hand des Schimpfwortes "Nigger" - und landete einen kontroversen Bestseller.

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Irgendwann war es Benjamin J. Davis zuviel. Der berühmte afroamerikanische Verteidiger sprang auf und erhob zornig Einspruch dagegen, dass Zeugen und Staatsanwalt den Angeklagten ununterbrochen "diesen Nigger" nannten. "Es ist erniedrigend und beleidigt für meinen Klienten", empörte er sich. "Sprechen Sie ihn bitte mit seinem korrekten Namen an!" Der Richter lehnte sich zurück, kratzte sein Kinn und sagte schließlich: "Nun gut ... Ich weise die Zeugen an, den Boy 'Darky' zu nennen - das ist ja ein Kosewort." Diese Gerichtsszene spielte sich 1932 in Atlanta, US-Bundesstaat Georgia, ab. Boy und Darky waren zwei andere übliche Beleidigungen dieser Zeit.

Als 63 Jahre später O.J. Simpson des Mordes an seiner Ex-Frau und ihren Liebhaber angeklagt wurde, hatten sich die Dinge - scheinbar - gründlich geändert. Weil der Hauptbelastungszeuge ein weißer Polizist war, der Afroamerikaner routinemäßig "Nigger" nannte, konnten die Verteidiger des Football-Stars die Beweislast erfolgreich als rassistisches Komplott darstellen - Freispruch.

Die beiden Verfahren, die aus so unterschiedlichen Winkeln dasselbe Problem zeigen, sind nur zwei von insgesamt 4219 Fällen, durch die sich Randall Kennedy gewühlt hat. Anfang des Jahres hat er seine lange, oft düstere und manchmal auch absurde Liste als Buch auf den US-Markt gebracht: "Nigger - Die seltsame Karriere eines ärgerlichen Wortes". Das knappe (220 Seiten), locker geschriebene Buch ist das fünfte des Rechtsprofessors von der US-Eliteuniversität Harvard.* Anhand von Gerichtsakten und popkulturellen Phänomenen beleuchtet er das Schimpfwort, wofür es früher stand und wozu es sich entwickelt hat.

Eigener Slang, eigene Stars, eigener TV-Kanal

Eines blieb über die Jahre unverändert: Das "N-Wort" (wie man in Amerika politisch korrekt sagt) ist in den meisten Fällen das deutlichste Symptom für rassistische Motive von Vermietern, die keine Schwarzen in ihrer Nachbarschaft wollten. Oder gar von Mördern, die aus purem Hass wahllos Afroamerikaner umbrachten. Oder eben von Polizisten, die bei farbigen Jugendlichen lieber einmal mehr zutraten als einmal zu wenig - wie am vergangenen Wochenende im Falle des 16-jährigen Donovan Jackson in Los Angeles. Sein Fall schockiert Amerika wie ähnliche Fälle zuvor und fachte die Rassen-Debatte erneut an - unabhängig davon, dass die Hintergründe des brutalen Polizeieinsatzes noch nicht endgültig geklärt sind.

Für viele Teile der USA gilt nach wie vor, dass die Rassentrennung nur juristisch und auf dem Papier beendet ist. Und nirgendwo erkennt man besser als in der Popkultur, dass die afroamerikanische Welt oft eine ganz andere als die weiße amerikanische ist. Die schwarze Community vereint nicht nur eine eigene Geschichte (der "Struggle"), sondern auch ein eigener Slang, eigene Musikstars, eigene Musik und seit ein paar Jahren nun auch ein eigener Fernsehkanal, "BET - Black Entertainment Television". Freilich wird all das auch von Weißen konsumiert. Aber es gibt eben Teile davon, die für diese "off limits" sind, wie zum Beispiel beinahe jede schwarze Stand-up-Comedy-Nummer, weil dieselben Witze aus weißem Mund auch ohne Überempfindlichkeit für Political Correctness außerordentlich rassistisch klingen würden. Nicht zuletzt wegen des inflationär gebrauchten "N-Wortes".

Wortwörtlich immer tabu

"Nigger" ist für Weiße nicht nur bei Scherzen tabu, sondern - in seiner wortwörtlichen Form - immer. "Ich will das Wort weder hören noch lesen", sagt Eddith Dashiell, Professorin für Massenkommunikation an der Ohio University. "Noch nicht einmal als Zitat in Anführungsstrichen. Andere Schimpfwörter druckt man ja auch nicht, und dieses ist mit Abstand das schlimmste." Das Wort steht für ein langes, dunkles Kapitel aus Sklaverei, Misshandlung, Erniedrigung, Segregation und Gewalt. Der neuerliche Fall der Polizeibrutalität gegen den jungen Donovan ist für viele Afroamerikaner nur ein kleines Beispiel alltäglicher Gewalt, das zufällig an die Öffentlichkeit gelangte. Doch so sehr die schwarze Community sich einig sein mag, dass "Nigger" das Symptom für den alten, hässlichen Rassismus ist, so uneins ist sie sich, wie Amerika damit umgehen sollte.

So empfanden viele schwarze Intellektuelle und Journalisten allein den Titel des Kennedy-Buches als Provokation. Englischprofessor Houston Baker sieht das Buch allein wegen des reißerischen Namens als "unwürdigen" Marketingtrick. Die Journalistin Julianne Malveaux meint, "er gibt den Rassisten nur eine Rechtfertigung, das Wort weiter zu benutzen." Und Greg Tate, Autor des linken New Yorker Magazins "Village Voice", missfällt schon allein der Ansatz Kennedys. Die zitierten Gerichtsfälle seien oft "auf perverse Art lustig, so dass sich das Buch liest wie ein langer Nigger-Witz". Über die wahren Mechanismen weißer Unterdrückung lerne man hingegen nichts. Aber auch einige von Kennedys Thesen haben die Diskussion um "das N-Wort" neu entfacht. Und damit auch das Interesse am Buch: "Nigger" stand monatelang auf der Bestsellerliste der "New York Times".

215-mal "Nigger" in "Huckleberry Finn"

"Die Verkaufszahlen und die Kontroverse um das Buch zeigen, dass 'Nigger' immer noch ein ganz besonderes Wort in der amerikanischen Gesellschaft ist", sagt Randall Kennedy. "Nigger" sei die Visitenkarte des Rassismus und das "Paradigma unter den rassistischen Schimpfwörtern". Kinderreime, Romane und rassistische Witzeseiten im Internet zeigten, wie der Begriff seit dem 19. Jahrhundert in die amerikanische Kultur eingesickert ist. Sportler wie Michael Jordan und Tiger Woods hatten damit genauso zu kämpfen wie Künstler, Ärzte oder Anwälte. Der "White Trash" - arme, ungebildete Weiße - bediene sich des Begriffes ebenso wie hohe Richter oder Politiker, unter anderem die US-Präsidenten Truman, Johnson und Nixon.

Das Thema sei aber noch komplexer: In Mark Twains "Huckleberry Finn" kommt "Nigger" zwar 215-mal vor - allerdings, um so den Südstaatenrassismus anzuprangern. Kennedy wird daher regelrecht wütend, wenn amerikanische Eltern den Roman immer wieder vom Lehrplan klagen wollen. Überhaupt wird Kennedy in seinem Buch immer dann wieder vom Analysten zum Anwalt, wenn es um pauschale "N-Wort"-Verbote geht. "Jeder kann 'Nigger' sagen", sagt er. "Es kommt immer auf die Absichten an." Warum hätte HipHop-Star Beanie Sigel sonst vor zwei Jahren gesungen "I'ma ride with my niggas, die with my niggas"? Wieso sagte Rapper Ice-T in "Straight Up Nigga" 1991 von sich, "ich bin ein Nigger, kein Farbiger oder Schwarzer oder Negro oder Afroamerikaner" und Ice Cube 1990, er sei "der Nigger, den ihr liebt zu hassen"? "Sie wollen", so Kennedys These, "auf den Rassismus hinter dem Wort reagieren, indem sie 'Nigger' dem anti-schwarzen Umfeld entreißen und den Rassisten keinen Fußbreit überlassen - nicht einmal deren Lieblingswort." Das Schimpfwort als Waffe für den Gegenschlag.

Comedian Richard Pryor: "Nigger" exzessiv eingesetzt

Inzwischen wird der Begriff von vielen Schwarzen alltäglich benutzt, sogar als Kosewort. Kennedy selbst habe Freunde, die ihn "liebevoll 'ihren Nigger' nennen". Dass gerade die frühe HipHop-Szene wegen mangelnder sozialer Integration und aus Hoffnungslosigkeit auf trotzige Selbstabgrenzung setzte und das schwarze "Nigger" dabei identitätsstiftend wirkte, spart der Harvard-Professor allerdings aus. Dass auch Rebellion und Generationskonflikt innerhalb der afroamerikanischen Community dahinter stecken, deutet er zumindest an, als er sich ausführlich den farbigen Comedians widmet.

Vor allem der in den Sechzigern in New York vom Underdog zum Comedy-Star avancierte Richard Pryor setzte "Nigger" erstmals exzessiv ein. "Pryors 1974er Album 'That Nigger's Crazy' leuchtet die amerikanische Kultur und Rassenbeziehungen brillant aus", schwärmt Kennedy noch heute, "obwohl er 'Nigger' auf verschiedenste Art benutzt, zum Teil auch sehr verletzend." Viele Farbige fanden das seinerzeit gar nicht komisch. Comedy-Veteran Bill Cosby sagte, er wolle den Begriff überhaupt nicht hören, egal aus welchem Mund. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung habe bitter kämpfen müssen, damit Schwarze eben keine "Nigger" mehr seien. Pryors Reaktion war die Empfehlung an Cosby, sich "eine Coke und ein Lächeln zu genehmigen und einfach das Maul zu halten".

"Auf einer vornehmen Party in die Bowle urinieren"

Heute taucht der Begriff nicht nur in unzähligen unpolitischen Stand-up-Nummern auf "BET" auf, sondern auch bei weißen Künstlern aller Sparten. So sorgte Filmemacher Quentin Tarantino mit seinem Film "Jackie Brown" (1997) für die letzte "N-Wort"-Debatte vor Kennedys Bestseller."'Nigger' kommt in dem Film 38-mal vor! Quentin ist vernarrt in das Wort", beschwerte sich der schwarze Star-Regisseur Spike Lee. "Er sollte wissen, dass nicht alle Afroamerikaner das Wort für toll und trendy halten." Lee benutzt es zwar selbst, habe aber etwas dagegen, es von Weißen zu hören.

"Ich verurteile jeden, der 'Nigger' als Schmähung benutzt - unabhängig von der Rasse", kommentiert Autor Kennedy diesen Fall. "Für alles andere bin ich offen." Dass Kennedy seitenweise solche Fälle seziert - von Jennifer Lopez' "Nigger"-Sample bis zur "N-Wort"-Verweigerung Eminems - verspottet die "Village Voice" mit der Feststellung: "Die Frage, wer die Lizenz zum Niggern hat, bereitet ihm offensichtlich Freude." So mag die "New York Times" Recht damit haben, dass Kennedys Ausführungen "ein bisschen wirken, wie auf einer vornehmen Party in die Bowle zu urinieren." Zumindest aber geht Kennedy nicht von der naiven Annahme aus, intellektuelle Debatten könnten Entwicklungen in der Populärkultur stoppen. Denn während in den Feuilletons und Talkshows ausgiebig über die Grenzen des "N-Wortes" gestritten wird, träumen die Halbstarken in afrikanischen Städten davon, auszuwandern und "als Nigger in Amerika" zu leben, und die weißen HipHop-Kids in den Staaten nennen einander schon mal "Wigger" - weißer Nigger.

*Randall L. Kennedy: "Nigger - The Strange Career of a Troublesome Word": Pantheon Books, New York; 226 Seiten; 22 Dollar.

Steven Geyer

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 12.07.2002

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