Als dunkelhäutiges Mädchen im Rheinland Gesucht: Rastavati

Die kleine Jutta - dunkle Haut, krause Locken - wuchs bei sehr blonden Eltern auf. Ihr leiblicher Vater hieß Oin, kam aus Jamaika, spielte Saxofon. Mehr wusste Jutta nicht, als sie ihn Jahrzehnte später aufspüren wollte.

Jutta Weber

Juttas Leben begann mit einem ungläubigen Ausruf: "Ach, du grüne Neune, is die dunkel! So wat hab isch noch nit jesehen!" - vor Schreck verfiel die Hebamme in rheinisches Platt, als sie das Baby mit der milchkaffeebraunen Haut und dem schwarzen Haarschopf sah, ehe sie es der blonden Mutter auf den Bauch legte. Es war das Jahr 1964 und Jutta im Krankenhaus das erste "Mulattenbaby", wie man damals sagte.

In den Sechzigerjahren waren dunkelhäutige Menschen in der Bundesrepublik noch selten, erst recht im verschlafenen Meerbusch am Niederrhein. So selten, dass manche Bürger beinah in den Kinderwagen hineinkrochen, um den putzigen Krauskopf zu bestaunen. Wochenlang stellte der Fotoladen Bilder der kleinen Jutta im Schaufenster aus, an der Scheibe drückten verzückte Passanten ihre Nasen platt.

Mit ihrem Temperament eckte Juttas Mutter Helga Nielsen damals überall an, auch bei der Witwe, in deren Villa sie zur Untermiete wohnte. Um nicht samt Tochter auf der Straße zu landen, beschloss die 21-Jährige, ihr Leben in geordnete Bahnen zu lenken.

"Jutta? Passt doch gar nicht zu dir"

Ein Ehemann musste her. Für eine Alleinerziehende mit dunkelhäutigem Kind keine leichte Aufgabe. Doch sie wurde fündig: Hans, weißblondes gescheiteltes Haar, türmte als Inhaber von Lebensmittel Lüdemann jeden Morgen akkurat seine Südfrüchte zu Pyramiden auf.

Mit Jutta zog Helga Nielsen in seine Wohnung und wurde, was sie niemals sein wollte: eine Hausfrau. Abends sahen sie gemeinsam die "ZDF Hitparade", spazierten am Wochenende in Sonntagskleidern durchs Städtchen. Als Kind nahm Jutta sich selbst als völlig normal wahr. Auch wenn um sie herum alle weiß waren: ihre blonde Mutter, der blonde Stiefvater, die Nachbarn. Wann immer sie in den Spiegel sah, war sie überrascht, wie anders sie aussah, vergaß es aber wieder.

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Rastavati: Wer ist dieser "Oin" aus "Tschömeika"?

Erst mit Schulbeginn änderte sich das. Mitschüler betrachteten sie von oben bis unten: "Du heißt Jutta? Das passt doch gar nicht zu dir." Ein Mädchen rief ihr hinterher: "Wusstest du noch nicht? Du bist adoptiert! Deine Mutter ist weiß, dein Vater ist weiß. Du bist braun. Wie soll das sonst gehen?"

Selbstverständlich sei sie die Mutter, versicherte Helga Nielsen der Tochter, gestand aber auch, wer ihr leiblicher Vater sei: ein Mann aus "Tschömeika", der "Oin" heiße und begnadeter Saxofonspieler sei. Sie habe ihn nur einmal in einer Bar mit seiner Rock'n'Roll-Band spielen hören und sei dann noch mit ihm um die Häuser gezogen. Mehr wisse sie auch nicht. Nicht mal seinen Nachnamen.

"Krause Haare, krauser Sinn"

Oin, Tschömeika, Saxofon: Diese drei Merkmale setzte Juttas Kopf zu einem schillernden Bild zusammen. Ihr Vater war ein Künstler, vielleicht gar ein Weltstar? Fortan fahndete sie nach ihm auf Schallplattenhüllen in Musikläden. Mit ihrer Mutter konnte sie darüber nicht reden, die versicherte immer nur, Hans sei doch jetzt ihr "Papa".

Der hasste nichts mehr, als von irgendwelchen Leuten auf die Hautfarbe seiner Tochter angesprochen zu werden. Dann brummte er nur, seine Frau habe in der Schwangerschaft eben "zu viel Lakritz gegessen".

"Afro.Deutschland" - TV-Doku von Jana Pareigis

Es waren die frühen Siebzigerjahre. Was "sich gehörte" und was nicht, war streng geregelt. Ledige Frauen waren "sitzen geblieben", Verheiratete hatten ihre Männer zu bewirten, Väter stellten die Regeln auf und Kinder keine Fragen. "Krause Haare, krauser Sinn", sagte man damals auch.

Zu dieser Zeit verdrängten neuartige Supermärkte die kleinen Lebensmittelgeschäfte. Auch der Stiefvater musste seinen Laden schließen und wurde Vertreter für Nylonstrumpfhosen. Seinen Frust ertränkte er im Alkohol und brüllte zu Hause immer öfter herum.

Die kleinen, hässlichen Demütigungen

Jutta ging eigene Wege: Als erstes dunkelhäutiges Kind schaffte sie es aufs örtliche Gymnasium. Im Gospelchor merkte sie bald, dass es in den Songs um die Unterdrückung dunkelhäutiger Menschen ging - also auch um ihre unbekannten Vorfahren. In der Bücherei verschlang sie alles über Sklaverei und begann, sich als Teil einer schwarzen Gemeinschaft zu sehen.

Zugleich fühlte sie sich selbstverständlich weiter als Deutsche. Nur sahen das nicht alle Mitbürger so. Betrat sie etwa im Kaufhaus die Umkleidekabine, erklärte ihr die Verkäuferin laut: "Du - nix - mehr - als - drei - Teile - mit - in - die - Kabine - nehmen!", wobei sie drei ausgestreckte Finger hochhielt.

Mit der Pubertät wuchs die Sehnsucht nach ihrem leiblichen Vater. Gern stellte Jutta ihn sich auf der fernen Karibikinsel vor, pfeifend in einer Hängematte zwischen Palmen - und hoffentlich kein dauerbekiffter Rastafari. Ein paar Mal noch fragte sie ihre Mutter, aber die blockte ab. Irgendwann hörte Jutta auf zu fragen, auch weil sie Angst hatte, ihren zunehmend cholerischen Stiefvater zu kränken.

Der hatte manchmal auch seine fürsorglichen Seiten und versuchte, Jutta zwei Lebensweisheiten mit auf den Weg zu geben: Sie müsse, erstens, um anerkannt zu werden, mehr leisten als andere. Und zweitens: "Lass dich nie auf einen Schwarzen ein! Die haben eine ganz fremde Kultur!"

Ihre Kinder begeisterten sich für Rasta-Opi

Nach dem Abitur erhielt Jutta Nielsen den ersehnten Studienplatz für Medizin und zog ins Studentenwohnheim. Zum Abschied machte ihr der Stiefvater eine kuriose Offenbarung. Er gestand, auch wenn das womöglich etwas hart für sie sei: "Ich bin nicht dein richtiger Vater!"

Das überraschte Jutta längst nicht mehr. Sie absolvierte ihr Studium, wurde Ärztin, heiratete, hieß fortan Weber und bekam vier Kinder. Inzwischen lebten in Deutschland mehr und mehr dunkelhäutige Menschen. Spätestens seit der Jahrtausendwende waren Afrodeutsche, wie sie jetzt offziell hießen, Afro-Shops und schwarze Sportler Teil des Alltags.

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Jutta Weber, Ella Carina Werner:
Rastavati

Wie ich meine jamaikanischen Wurzeln fand

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Und dennoch, als dunkelhäutige Kinderärztin schien Jutta Weber noch immer so exotisch, dass manche Patienten sie gleich für die Sprechstundenhilfe hielten - als könnte eine Afrodeutsche keine Ärztin sein. Mit bald 50 Jahren dachte sie nur noch selten an ihren Vater: so aussichtslos, ihn jemals zu finden. Ihre Kinder jedoch interessierten sich brennend für den unbekannten Opa, begeisterten sich für Rastafari-Kultur und Reggae, spielten Saxofon oder flochten sich die Haare zu Rastazöpfen.

Dann brachte vor fünf Jahren die Lesung einer Autorin mit jamaikanischen Wurzeln alles ins Rollen. Jutta Weber, von der Aura der Fremden fasziniert, wollte mehr über ihre karibischen Wurzeln erfahren. Allerdings: Oin, Jamaika, Saxofon - mehr wusste sie ja nicht. Bis ihr dämmerte, dass ihr Vater vielleicht Owen statt "Oin" heißen könnte und ihre Mutter, die kaum Englisch sprach, sich den Namen falsch gemerkt hatte.

Could You Be Loved?

Über Umwege, Behördengänge, monatelanges Hin und Her fand Jutta Weber den Namen ihres Vaters heraus: Owen Mc Ferlain. Doch auch damit kam sie nicht weiter. Gut, dass ihre Tochter Hannah, 17, sich einklinkte.

Hannah suchte im Internet den Vor- und Nachnamen in allen erdenklichen Buchstabenkonstellationen - und entdeckte ein winziges, unscharfes Foto eines "Owen Mc Farlane". Trotz der anderen Schreibweise war Hannah Weber sicher: Dieser Mann hatte ähnliche Gesichtszüge wie ihre Mutter, er musste einfach der Verschollene sein.

Endlich vereint: Jutta Weber und ihr Vater Owen Mc Farlane beim ersten Treffen 2014
Jutta Weber

Endlich vereint: Jutta Weber und ihr Vater Owen Mc Farlane beim ersten Treffen 2014

Recht hatte sie. Und so fand Jutta Weber über Facebook nach einem halben Jahrhundert ihren Vater, der keineswegs als kiffender Rastafari auf Jamaika lebte, sondern als frisch pensionierter Buchhalter in Kanada. Nach langem E-Mail-Austausch besuchte der über 70-Jährige seine Tochter in Deutschland - und im Jahr 2014 stellten beide fasziniert fest, dass sie einander auch in ihrem Wesen ähnelten, nicht nur äußerlich.

Zu Ehren ihres Vaters organisierte Jutta Weber eine Willkommensparty. Auch ihre Mutter Helga erschien, wie zwei Fremde reichten sich die beiden die Hand. Tatsächlich kannte sie einander ja kaum, hatten vor Jahrzehnten lediglich eine flüchtige Liaison gehabt.

Jutta Weber aber beschlich das gute Gefühl: Ihre Eltern hatten in jener Nacht im Jahr 1963 letztlich alles richtig gemacht.


PS: "The Down Beats" hieß die Band, in der Owen Mc Farlane 1963 spielte. Jetzt würden Sie doch gern wissen, wie die wohl klangen? Na gut: So klangen die nämlich. Bitte, gern.

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Tobias Schlagberger, 06.06.2017
1. tolle Geschichte
Wegen solchen Artikeln lese ich gerne spon. Und doch immer wieder bemerkenswert, was Dank Internet alles möglich ist...
Boris Wedel, 06.06.2017
2. Berührend
Diese Geschichte eines "halben" Lebens ist wirklich berührend. Ich komme ursprünglich auch aus Meerbusch und bin sogar fast ein Jahrgang mit der Protagonistin. Damals hatten wir Kinder überhaupt keine "Berührungsängste" vor farbigen Menschen, die haben sich bei mir leider später gebildet. Trotzdem war eine meiner lebhaftesten Kindserinnerungen, daß ich unbedingt auch "schwarz" sein wollte, wohl aus einer angestrebten "Sonderstellung" heraus, dem Wunsch anders als "die Anderen" zu sein. Jedenfalls war mein damaliger bester Freund ein Junge namens (Y)Jassin aus der Nachbarschaft, der es später gerüchteweise bis in die Management-Spitze der Lufthansa "geschafft" hatte. Durch das "Alleinstellungsmerkmal" Hautfarbe waren in meiner Erinnerung solche Menschen besonders "wertvoll" bzw schützenswert. Ich glaube, dies hat sich nunmehr 40 jahre später doch sehr verändert - und nicht zum Vorteil der Betroffenen. Das Thema "farbige Nationalspieler" vom Vorposter verstehe ich nicht, die Frage ob FM nun ein "Farbiger" ist oder nicht finde ich extrem unerheblich. Grüße, Wedel
Wilfried Huthmacher, 06.06.2017
3. Schöne Geschichte - und ich bin dankbar, ....
....dass ich erst in dieser Zeit auf die Welt kam und so in einer offeneren Generation aufwuchs, die heute eher damit klar kommt, wenn man (dann 1998) eine farbige Partnerin (aus Kenia) nach Hause bringt. Natürlich kam auch in meinem Dorf die halbe Nachbarschaft vorbeigeströmt, als ich und meine Frau unsere mein Tochter (*2005) im Kinderwagen durch die Straße schoben, aber Vorhaltungen oder rassistische Bemerkungen habe ich nie gehört. Ein "Ach, der Boris Becker hätt jo och een´" war das Maximum. Wobei ich mich auch immer wieder ertappe, bei Schwarzen, die mir begegnen automatisch Englisch sprechen will, weil ich unbewußt sie mit den Afrikaneren ideintifizere, die ich in bzw. aus der Heimat meiner Frau kennenlernte.
Annette Hexx, 06.06.2017
4. nice
Solche Geschichten sind wichtig für das gegenseitige Verständnis unserer Gesellschaft. Ich habe viel mit schwarzen Menschen zu tun und kenne einige, die zb. ohne Wissen um die Herkunft ihrer Hautfarbe aufgewachsen sind. Das kann sehr entwurzelnd sein. Eine Freundin hat vor einiger Zeit ihre afrikanische Familie gefunden, ist zu ihr gereist und hat vieles in ihrem Leben dadurch "heilen" können, viele Unklarheiten, Fragen, Verletzungen usw. Das war sehr schön, daran teilhaben zu dürfen. Vielleicht schreiben wir auch mal ein Buch darüber.
Hugh Waldem, 06.06.2017
5. Tolle Gescichte...
wenn denn auch der Kontext stimmen würde. Zitat: "Es waren die frühen Siebzigerjahre. Was "sich gehörte" und was nicht, war streng geregelt. Ledige Frauen waren "sitzen geblieben", Verheiratete hatten ihre Männer zu bewirten, Väter stellten die Regeln auf und Kinder keine Fragen. . "/Zitat Verzeihung, in welchem Land soll denn das gewesen sein? Das war nach 68, weiß die Autorin, Jahrgang 79 mehr als die Leute die damals erwachsen waren? "Was sich gehörte" wurde gerade damals immer wieder neu ausgehandelt, das hatten wir nämlich 68 aus den Angeln gehoben. Seit 71 lebte ich schon mit meiner Partnerin zusammen, ohne Einwilligung des Vaters, sie war auch nicht "sitzen geblieben", und weder hatten verheiratete noch unverheiratete (im Weltbild der Autorin wohl in wilder Ehe lebend) Frauen ihre Männer "zu bewirten". Allerdings konnte damals ein Paar (eine Familie) noch von (s)einem Gehalt leben, (meine Partnerin hat studiert während ich unser Einkommen erarbeitete) so dass es im Rahmen der geteilten Familienarbeit durchaus üblich war, dass sie das Essen bereitete. Wie gesagt tolle Geschichte, nur war der Autorin offenbar die Story nicht genug und sie musste sie noch mit ihrem Nichtwissen, bzw. Vorurteilen ausschmücken. Und das entwertet die Story denn doch etwas
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