Rekord-Überfall in London Der Trick mit den 6800 Goldbarren

Sie begingen den größten Raub der britischen Geschichte - aus Versehen. 1983 erbeuteten Gangster dreieinhalb Tonnen Gold. Die Polizei kam ihnen auf die Schliche, die Beute wurde nie gefunden. Der Legende nach tragen noch heute viele Bürger das Diebesgut als Schmuck.

DPA

In gut 20 Minuten würden die Gangster den größten Raubüberfall in der Geschichte Großbritanniens begehen. Der Witz dabei: Das wussten sie noch nicht.

Es war der 26. November 1983, 6.40 Uhr am Londoner Flughafen Heathrow. Ungeduldig warteten die Räuber in einem gestohlenen blauen Van vor einem Depot nahe dem Flughafen darauf, dass ihr Spitzel sie hereinlässt. Von dem Informanten hatten sie zuvor gehört, dass an diesem Tag etwa drei Millionen britische Pfund zu holen wären. Tatsächlich würden sie dort aber später mehr finden. Viel mehr.

Um dieselbe Zeit eilte der Wachmann Tony Black zu seiner Frühschicht. Wie so oft hatte der junge Wärter verschlafen. Blacks Job war es - zusammen mit vier weiteren Männern - eine Lagerhalle der Sicherheitsfirma Brink's Mat nahe des Heathrow-Geländes zu beaufsichtigen. Als Black, leicht durch den Wind, an diesem Morgen zu seinen Kollegen in den Aufenthaltsraum stolperte, entschuldigte er sich gleich wieder - auf Toilette. "Er sah nicht gut aus", erinnerte sich Jahre später einer von Blacks Kollegen im "Guardian" an diesen Moment. "Irgendwie tat er mir leid."

Doch Black ging nicht auf Toilette.

Statt aufs Klo schlich sich der Wachmann zum Haupteingang, öffnete das Tor und ließ sechs bewaffnete Männer mit gelben Sturmmasken in den Sicherheitstrakt. Der Alarm schrillte los, als die Gangster in die Halle rannten. Doch das Warnsignal war im Aufenthaltsraum, dort, wo sich Blacks Kollegen befanden, kaum zu hören. Auch war der Alarm an kein größeres Warnsystem gekoppelt. All das wusste Tony Black. Und all das wusste auch die Verbrechercrew. Denn Tony Black war ihr Spitzel.

Mit halbautomatischen Pistolen und Gewehren im Anschlag stürmten die vermummten Verbrecher in den Aufenthaltsraum der Wärter - und stülpten ihnen Leinensäcke über die Köpfe. Von Black hatten die Gangster vorab erfahren, welche zwei Wachmänner den Code für die drei Hochsicherheitssafes kannten, auf die es die Bande eigentlich abgesehen hatte. Einer der Räuber ging zu den beiden Wärtern hin, überschüttete die Männer mit Benzin und schubste die Beiden die Gänge entlang in Richtung Tresorraum.

Der Code war eine lange Zahlenfolge, von der jeder der beiden Wärter jeweils nur eine Hälfte kannte. Ohne zu zögern, hackte der erste Wärter seinen Teil der Zahlenkolonne in das Tastenfeld des Tresorsystems. Doch sein Kollege hatte Probleme, die Kombination zu vervollständigen. Brink's Mat hatte den Code erst vor kurzem geändert, und der Wachmann konnte sich nur an die alten Zahlen erinnern.

"Sieht ganz so aus, als ob wir einen Helden haben"

Dazu kam die Panik. Der Gestank des Benzins und am Hinterkopf der Lauf einer Waffe. "Sieht ganz so aus, als ob wir hier einen Helden haben", soll einer der Gangster - mit einer Streichholzschachtel schüttelnd - gesagt haben. Immer wieder tippte der Wachmann wahllos Zahlenkombinationen in das Eingabefeld, die ihm gerade in den Sinn kamen.

Plötzlich - um kurz vor sieben - öffneten sich die Safes.

Doch der Tresorinhalt war überschaubarer, als die Gangster gehofft hatten: Ein paar Geldbündel lagen darin, vielleicht ein paar Hunderttausend Pfund, dazu ein Sack mit eindeutig zurückverfolgbaren Reiseschecks, Wert: etwa 200.000 Pfund. Außerdem noch ein paar geschliffene und rohe Diamanten, für die man auf dem freien Markt vielleicht etwas mehr als 100.000 Pfund bekommen würde.

Ein Zufallsfund, so schwer wie zwei Mittelklassewagen

Fast wollten die Gangster schon abziehen, als sie plötzlich einen Stapel voller grauer Kisten in dem Tresorvorraum entdeckten. Als einer der Verbrecher den Deckel eines der Kartons aufklappte, konnte er seinen Augen kaum trauen: In dem fluoreszierenden Licht des Tresorvorraums schimmerten ihm zwölf Barren aus purem Gold entgegen. In den anderen Kartons lagerte weiteres Gold. Insgesamt 6800 Barren sollten die Verbrecher am Ende aus dem Depot nahe Heathrow schleppen, Gesamtwert: mehr als 26 Millionen Pfund. Es war die fetteste Beute, die je in Großbritannien gestohlen wurde. Und die sechs Gangster hatten sie durch Zufall entdeckt.

Die Barren wogen zusammengenommen etwa dreieinhalb Tonnen, so schwer wie zwei Mittelklassewagen. Als die Räuber ihren Van mit der edlen Beute befüllten, konnte das Fahrwerk die Last kaum tragen. Mehrere Augenzeugen berichteten später der Polizei, an diesem Novembermorgen einen alten Van mit heulendem Motor durch die Straßen von West-London schleichen gesehen zu haben. Dennoch: Die Räuber entkamen ungeschoren. Vorerst.

Denn mit dem unverhofften Goldfund begannen die Probleme. Das erste war Tony Black, der Wachmann-Spitzel. Er redete. Eingeschüchtert von Scotland Yard, verriet er der Londoner Kripo die Namen dreier Schlüsselfiguren des Raubs. Sie alle hatten mit dem aktenkundigen Profiräuber Brian Robinson zu tun, den die Gruppe ehrfürchtig den "Colonel" nannte - und der außerdem Blacks Schwager war.

Kenneth Noye: Das eigentliche Mastermind des Coups

Das andere Problem war die Beute selbst. Das Gold zu stehlen, stellte sich als einfacher heraus, als es einzutauschen. Die Barren waren eindeutig mit Seriennummern beschriftet. Die Gruppe, deren führende Köpfe immer weiter ins Visier von Scotland Yard gerieten, mussten sich etwas überlegen, um aus dem Gold Geld zu machen.

Hier kam das eigentliche Mastermind des Coups ins Spiel: Kenneth Noye.

Bis heute ist strittig, ob Noye an dem Tag des Rekordraubs auf dem Brink's-Mat-Gelände zugegen war - oder ob er zu dem Zeitpunkt überhaupt von dem Raub und den Planungen darum wusste. Fest steht aber: Kurz nach dem Rekord-Verbrechen hatte sich Noye für die Brink's-Mat-Gruppe ein ausgeklügeltes System ausgedacht, mit dem sich die schmutzige Beute reinwaschen ließ.

Eingeschmolzenes Gold und ein toter Polizist

Über einen Strohmann in London lieferte Noye die Goldbarren in kleinen Mengen in Sporttaschen an einen Händler in Bristol. Dieser wiederum schmolz das pure Gold ein und mischte es mit Kupfer. Die nun unedlere Metallmischung sollte sich leichter eintauschen lassen - so zumindest der Gedanke Noyes. Tatsächlich aber ließ sich der Goldhändler stets von ein und derselben kleinen Bank in Bristol ausbezahlen, die wegen des überraschend guten Geschäfts des Goldhändlers plötzlich mehrere Millionen Pfund Bargeld nachordern musste. Das wiederum ließ die Zentralbank des Vereinigten Königreichs und ein paar Monate später auch die Ermittlungsbehörden aufhorchen - und führte Scotland Yard schließlich zu der Spur von Kenneth Noye.

Doch der machte den Ermittlern das Leben zur Hölle: Als Noye einen Polizisten im Januar 1985 in seinem Garten rumwuseln sah, tötete er den Beamten kurzerhand mit elf Messerstichen. Weil sich die Tat nachts und auf Noyes Gelände ereignete (der Ermittler wollte dort mit einem Kollegen Informationen zu Noyes Geldwäschesystem sammeln), konnte Noye auf Notwehr plädieren - und wurde zunächst freigesprochen.

Beute noch immer verschollen

Im Juli 1986 konnte Noye vor dem Old Bailey in London aber doch noch eine Mittäterschaft als Geldwäscher in dem Brink's-Mat-Raub nachgewiesen werden. Das Urteil lautete auf 14 Jahre Freiheitsstrafe wegen Hehlerei und - wegen Mehrwertsteuerbetrug. Denn mit seinen unlauteren Verkaufsmethoden schmuggelte Noye auch einige Millionen Steuergeld am Fiskus vorbei. Auch Noyes Strohmann und der Geschäftsführer des Goldhandels in Bristol wurden verurteilt - der eine zu neun, der andere zu zehn Jahren Knast.

Nach der Urteilsverkündung soll Noye laut einem BBC-Bericht in Richtung der Geschworenen gerufen haben: "Ich hoffe, dass ihr alle an Krebs sterben werdet."

Mindestens zehn Millionen Pfund sollen Noye und seine Komplizen mit dem Hehler-Gold ergaunert haben. Von den eigentlichen Brink's-Mat-Räubern vom 26. November 1983 wurden nur zwei gefasst und zu 25 Jahren Haft verurteilt, darunter auch Blacks Schwager Brian Robinson. Black selbst musste für sechs Jahre ins Gefängnis.

Bis heute ist ein Großteil der Beute nicht aufgetaucht. Einige Goldmarkt-Experten erzählen sich dafür die Legende, dass wohl in so gut wie jedem Goldschmuck, der nach 1983 in und um Südengland hergestellt wurde, ein bisschen Brink's-Mat-Gold steckt.

Zum Weiterlesen:

Wensley Clarkson: "The Curse of Brinks-Mat: 25 Years of Murder & Mayhem: The Inside Story of the 20th Century's Most Lucrative Armed Robbery", Quercus Books, 2012, 352 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon .

Zum Weiterschauen:

"Britain's Biggest Heists", TV-Serie, Go Entertain, 2010.

Die DVD erhalten Sie bei Amazon .



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