Rauchverbot Vom Sexsymbol zum Kainsmal

Die Zigarette hat Aufstieg und Fall erlebt wie kein anderer Konsumartikel. Selbst in Kneipen gilt verschärftes Rauchverbot, die Ära des Glimmstängels ist endgültig vorbei. einestages zieht Bilanz - und zeigt Tabakwerbung aus einer sorglosen Zeit.

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Rauchen ist tödlich - Sultan Murad IV. hat es damit besonders ernst gemeint: 1633 riss der Herrscher des Osmanischen Reiches alle Tabakhäuser ab und stellte das Rauchen unter Todesstrafe. Etwa zur gleichen Zeit geißelte die russische Obrigkeit die Paffer, indem sie ihnen die Lippen aufschnitt oder die Nasen aufriss. 1904 verurteilten die protestantischen Eiferer die New Yorkerin Jennie Lasher zu 30 Tagen Gefängnis, weil sie in Gegenwart ihrer Kinder geraucht hatte. Und in Deutschland erlassen zum Neuen Jahr acht weitere Bundesländer ein generelles Rauchverbot in Gaststätten. Kurzum: Jede Zeit versucht auf ihre Weise, der lästigen Qualmerei Herr zu werden.

Ganz unterbinden lassen wird sich die Lust am Laster trotzdem nicht, im Gegenteil. Sie wird sich neue Hintertürchen suchen. Doch zugegeben: Einfach wird das nicht. Die Raucher müssen sich in Zukunft warm anziehen, um ihrer Abhängigkeit zu frönen, so viel steht fest. Das Säkulum der Zigarette, wie das 20. Jahrhundert auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel noch gefeiert wurde, ist unwiderruflich vorbei.

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Dabei hat es mit so tollen Typen begonnen. James Dean, Marlene Dietrich, Thomas Mann und Jean Paul Sartre - ob Sexsymbol oder Denkerstirn: Die Alphatierchen von einst spielten kein Golf, sondern sondern frönten dem Tabak. Heute hingegen dominiert das Bild vom qualmenden Verlierer, rauchen arbeitslose Männer laut Studien bis zu doppelt zu häufig wie ihre erwerbstätigen Geschlechtsgenossen.

Kult rund um die Schnupferei

Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich das Image des Glimmstängels um 180 Grad gewandelt - ein rasanter Prozess. Denn während der Tabakgenuss (erstmals gesichtet bei der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492) eine uralte Tradition darstellt, ist die Zigarette selbst ein ziemlich junges Produkt. Erst im 19. Jahrhundert hat sie ihren weltweiten Siegeszug angetreten - und damit Schnupftabak, Pfeife und Zigarre den Rang abgelaufen.

Heutzutage versucht die Regierung mit stattlichen Gesetzeskonvoluten dafür zu sorgen, dass die Zigarette aus dem Blickfeld verschwindet - zu früheren Zeiten diktierten die jeweils herrschenden Eliten über Wohl und Wehe der jeweiligen Arten des Tabak-Konsums. Da Ludwig XIV. das Pfeife-Rauchen zutiefst verabscheute, verordnete er seinem Hofstaat kurzerhand den Schnupftabak. Und schon schnupfte der ganze französische Adel. In Abgrenzung zum aufstrebenden Bourgeois entwickelten die letzten Edelmannen des Ancien Regime geradezu einen Kult rund um die Schnupferei, mit Gold und Edelsteinen besetzte Tabakdosen gehörten zum standesbewussten Accessoire.

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Mit der Revolution von 1789 geriet mit dem Adel auch der Schnupftabak in Verruf - die Zigarre avancierte zum Statussymbol der Bürger, zum Inbegriff von Freiheit, aber auch sozialer Autorität. Wer etwas auf sich hielt, bat die Herren der Schöpfung nach vollendetem Diner ins hauseigene Rauchzimmer, um dort beim Digestif dem Laster nachzugehen. Die Damen hatten sich gefälligst an Petit Fours zu ergötzen, Rauchen war für sie tabu, bis die Emanzipationsbewegung die Qualmerei als Menschenrecht reklamierte. Noch immer fristete die Zigarette ein Außenseiterdasein, in den USA betrug der Anteil der Zigaretten am Tabakmarkt am Ende des 19. Jahrhunderts gerade einmal zwei Prozent.

"Zündet eine Fackel der Freiheit an!"

Zu wenig, befand ein US-Unternehmer namens James Buchanan Duke, der in der praktisch zu handhabenden Zigarette das Genussmittel der Zukunft erkannte. Er war es, der die mechanische Massenproduktion der zuvor von Hand gedrehten Glimmstängel vorantrieb; durch ein offensives Marketing, das etwa auf Sammelbildchen setzte, beschleunigte er den Siegeszug der Zigarette. Plötzlich war Rauchen keine umständlich- bourgeoise Angelegenheit mehr, sondern ein schneller, für jedermann erschwinglicher Spaß.

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Wer paffte, galt als mondän, fortschrittlich und emanizipiert: 1929 schickte das Marketing-Genie der British American Tobacco, Edward Bernays, paffende Frauenrechtlerinnen über die New Yorker Fifth Avenue und lieferte ihnen das Motto "Zündet eine Fackel der Freiheit an", ein Skandal! Zeitungsreporter aus aller Welt lichteten die rauchenden Damen ab, und schon bald galt die schlanke, elegante Zigarette als Inbegriff selbstbestimmter Weiblichkeit. Schluss mit den muffigen Herrenzimmern: Fürderhin amüsierten sich Männer und Frauen gemeinsam beim Rauchen. Das Qualmen avancierte zum geselligen Event, dank pfiffiger PR-Talente wie Bernays, die die Zigarettenwerbung zur Speerspitze des modernen Marketings kürten - in Spots wie "Immer am Puls der Zeit" oder "Von höchster Reinheit". Klassiker der Zigrattenwerbung wurden auch das HB-Männchen, der wohl berühmteste Choleriker der Werbebranche, und der "kecke" Gründer von New York.

Doch nicht nur mechanische Produktion, kluge Vermarktung und aufmüpfige Frauenzimmer, sondern auch die beiden Weltkriege beschleunigten den Aufschwung des Glimmstängels. Waren Frauen und Alkohol an der Front tabu, bildeten Zigaretten ein unverzichtbares Genussmittel, das zudem das Hungergefühl unterdrückte und die Nerven beruhigte - die ideale Droge für knallharte Jungs.

Nebel in Talkshows

Aber eben auch perfekt für Verliebte nach dem Akt, gestresste Manager und vergnügungsorientierte Nachtschwärmer. Das machte den unvergleichlichen Erfolg der Zigarette aus: die Vielzahl der damit verknüpfbaren Aussagen. Cool, böse, sexy, erfolgsorientiert, schnelllebig, genießerisch - die vor der Kamera qualmenden Hollywood-Stars machten es vor, die ganze Welt eiferte ihnen nach. Lag der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland 1936 bei 571 Zigaretten, schnellte diese Zahl bis 1966 auf 2214.

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Eltern qualmten im Auto ihre Kinder voll, Talkmaster nebst Gästen sorgten im TV für dichten Nebel - dass Rauchen ungesund sein könnte, interessierte bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts keinen Mensch, auch wenn bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erste Berichte über negative Klinikerfahrungen veröffentlicht wurden. Selbst die erste Untersuchung über den Zusammenhang von Rauchen und Lungenkrebs im Jahr 1950 erregte die Gemüter noch nicht. Erst der 1964 veröffentlichte Terry Report, der die Sterbedaten von Rauchern und Nichtrauchern miteinander verglich, erschütterte die Weltöffentlichkeit.

Die Tabakkonzerne, die längst um die gesundheitlichen Risiken und das enorme Suchtpotenzial wussten, dies aber marktbewusst verschwiegen, reagierten mit der Einführung von Filter- und Light-Produkten. Zudem erhoben sie nun wilde Kerle wie den Marlboro-Man zu Werbeikonen, die den Konsumenten signalisierten: Pfeift auf die Gesundheitsapostel und macht Euer eigenes Ding! Noch 1994 beteuerten die CEO's der Tabakindustrie, Nikotin mache nicht süchtig - kurz darauf flog der ganze Betrug auf und die Konzerne musste zahlen.

Qualmverbot in den eigenen vier Wänden

Seither ist nichts mehr wie früher: Peu à peu wird den Rauchern der Spaß an der Zigarette ausgetrieben. Auf Werbeverbote folgten Rauchverbote, wie immer preschten die USA besonders eifrig voran. Den Bock hat unlängst der Stadtrat des kalifornischen Belmont abgeschossen: Er verbot den Bürgern das Rauchen in den eigenen vier Wänden. Nur glückliche Besitzer freistehender Eigenheime dürfen dort noch ungestraft paffen. Im Vergleich dazu haben selbst die gebeutelten Bayern noch Glück gehabt: Sie dürfen künftig nicht mehr in den Bierzelten auf den Wiesn rauchen - schlimm genug.

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Mit dem Rauchverbot in Gaststätten hat die staatliche Reglementierungswut neue Dimensionen erreicht: Mit bis zu 1000 Euro können Ordnungsämter künftig die Wirte belangen, die ihre Gäste rauchen lassen. Kein Wunder, dass die Kneipiers einen ungeheuren Erfindungsreichtum an den Tag legen, um das für sie fatale Verbot zu umgehen. Während manche einen Lkw-Anhänger als Qualmrefugium vor die Pinte parken, träumen andere von Rauchertunneln, stellen massenweise Heizpilze auf - oder optieren gar für die "Clublösung": Diese Idee haben sich die von der CSU mit dem bundesweit härtesten Anti-Raucher-Gesetz gestraften bayerischen Gastwirte ausgedacht. Sie liebäugeln damit, ihre Kneipen zu Vereinen umzudeklarieren, innerhalb derer weiter ungestraft gepafft werden darf. Inzwischen schließen sich sogar Hamburger SPD-Politiker dieser Forderung aus dem Freistaat an - zumindest hier verbindet Rauchen noch.

Was uns die kreativen Kneipiers sagen wollen: Die Lust am Laster lässt sich durch staatliche Reglementierung zwar eindämmen, ganz unterbinden wird sie jedoch keine noch so strenge Regierung. Es sei denn, sie geht so drakonisch gegen die Raucher vor wie Sultan Murad IV. vor knapp 400 Jahren. Ausgerechnet in Marlboro Country ist man davon nicht mehr weit entfernt.



insgesamt 11 Beiträge
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Jürgen Schulze, 02.01.2008
1.
Raucher sind Deppen. Immer und überall. Ich kenne einen, der will mir tatsächlich bis heute noch sagen, dass Rauchen gesund sei. Genauso gesund sieht er auch aus. Und wenn alle Kneiben jetzt Vereine werden, auch schön, dann werde ich eben weiterhin zuhause meinen Drink zu mir nehmen.
Daniel Rose, 02.01.2008
2.
Mal wieder ziemlich einseitig, der Artikel. Im Ausland, das reinen Tisch gemacht hat, erwies sich das Rauchverbot in Kneipen keinesfalls als fatal für die Wirte. Als Nichtraucher konnte man sich bisher dem Qualm kaum entziehen. In welche rauchfreie Kneipe hätte man auch gehen sollen?! Das ganze als "staatliche Reglementierungswut" zu verunglimpfen ist schon ziemlich dreist. Und warum nicht den Raucher auch vor sich selbst schützen? Immerhin ist das bei fast jeder Droge (eben mit Ausnahme von Tabak und Alkohol) bereits jetzt der Fall. Oder sind sie dafür, dass der Staat aufhört zu reglementieren und alle Drogen frei verkäuflich werden?!
Lea Norbisrath, 02.01.2008
3.
Es erstaunt mich doch immer wieder wie sich die Deutschen gegen ein Rauchverbot in Kneipen und Gaststaetten wehren. Ist es denn so undenkbar, fuer eine Zigarette vor die Tuer zu gehen? Ich lebe inzwischen seit 4 Jahren in Australien, wo alle diese Regelungen laengst in Kraft sind, die jetzt in Deutschland diskutiert werden. Und ich muss sagen, es hat mir persoenlich sehr geholfen, das Rauchen endlich aufzugeben. Ich denke dass es auch in Deutschland viele Menschen gibt, denen es natuerlich schwer faellt aufzuhoeren, weil beim naechsten Kneipenabend um einen herum ueberall Zigaretten angezuendet werden. Und die meisten Raucher geben an, schon mal versucht zu haben, aufzuhoeren. Von dieser Perspektive her betrachtet, muss ich sagen dass ich ein generelles Rauchverbot befuerworte. Draussen Rauchen ist nicht das Ende der Welt, und wenn es vielen Menschen hilft, von den Kippen wegzukommen, dann ist es doch ein kleiner Preis.
Oliver Bauer, 03.01.2008
4.
Der Artikel über die Entwicklung des Rauchens ist sehr informativ und legt die Änderung der Einstellung gegenüber dem Glimmstängel in der Gesellschaft auf. Trotzdem habe ich eine kleine Kritik, die eher patriotischer Natur ist: Im letzten Abschnitt wird vom Rauchverbot auf "den Wiesn" berichtet. Bei dieser Grammatik stellen sich einem echten Münchner die Nackenhaare auf! Richtig heißt es "auf d e r Wies'n", da es sich von d e r Theresienwiese ableitet, auf der jährlich das Oktoberfest (Hochdeutsch für "Wies'n") stattfindet. Der Autor hat dies beim Korrekturlesen leider übersehen...
Michael Wübbe, 07.01.2008
5.
Ein interessanter Beitrag. Es ist einfach ein sehr kuriose Geschichte. Der Eingriff des Staates in den privaten Lebensraum zu tolerieren und Menschen in der Berufsfreiheit einzuschränken ist sehr gewöhnungsbdürftig. Der Blick ist Ausland ist nicht immer der richtige. Was woanders funktioniert muss nicht zwangsläufig auch hier funktionieren (Beispiel: WalMart). Warum wird es denn eigentlich immer mit dem Aufhören gleichgesetzt, wenn man in einer Bar nicht mehr rauchen darf?
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