Reaktorunglück Harrisburg Das amerikanische Tschernobyl

Reaktorunglück Harrisburg: Das amerikanische Tschernobyl Fotos
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Knapp an der Katastrophe vorbei: Vor 30 Jahren schockte der Beinahe-GAU im Atomkraftwerk Three Mile Island die Welt. Sieben Jahre vor Tschernobyl drangen radioaktiv verseuchte Gase in die Luft und kontaminierte Kühlflüssigkeit in den Fluss des US-Ortes Harrisburg. Nur Glück verhinderte Schlimmeres. Von

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Die Lichter an der Schalttafel blinken wie verrückt. Überall leuchtet es rot. Alarm! Schichtleiter William Zewe und Fred Scheimann aber können die Vielzahl der Signale nicht deuten - die Informationsflut verwirrt sie. Nichts in ihrer Ausbildung zum Reaktortechniker hat sie auf diese Situation vorbereitet.

Es ist Mittwochmorgen, der 28. März 1979 und in dem Atomkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania passiert gerade das Undenkbare, das Unfassbare, das, was auf keinen Fall passieren darf: eine teilweise Kernschmelze im Reaktorblock.

Um vier Uhr früh bemerken die Männer in der Schaltzentrale die ersten Probleme. Eine Pumpe im Kühlkreislauf des Reaktors ist ausgefallen. Das Wasser soll die Brennstäbe kühlen, die sich bei der Kernspaltung auf etwa 1100 Grad Celsius erhitzen. Routinemäßig schaltet sich der Reaktor ab - aber die Nachzerfallswärme treibt den Druck im Kühlkreislauf in die Höhe, denn die Wärme kann nicht mehr abgeführt werden.

Die Kernschmelze beginnt

Ein Sicherheitsventil öffnet sich. Der Druck entweicht; das heiße Wasser schießt heraus. Doch als sich Druck und Wasserstand wieder auf das normale Maß einpendeln, schließt sich das Ventil nicht wieder. Pro Minute rauscht nun eine Tonne Kühlwasser aus dem geöffneten Ventil, ohne das die Schichtleiter es bemerken - die Anzeige auf der Schalttafel gibt fälschlicherweise an, dass das System übervoll mit Kühlungsmittel sei.

Der Auffangtank für das ablaufende Wasser aus dem Kühlkreislauf fließt schon bald über. Um 4.38 Uhr treten erstmals radioaktives Wasser und Dampf durch einen Abluftschacht aus dem Reaktor nach außen. Gegen sechs Uhr ist der obere Teil des Reaktorkerns statt von Kühlwasser nur noch von Dampf umgeben. Die gigantische Hitze kann nicht entweichen. Die Brennstäbe beginnen, sich zu zersetzen. Bei der Reaktion entsteht Wasserstoff, der sich mit dem Sauerstoff zu einem hochexplosiven Gas vermischt.

Um 6.18 Uhr beginnt der Alptraum der Atomphysik: Die Kernschmelze, bei der das Reaktorgebäude nicht mehr standhält, radioaktive Stoffe austreten und die zulässigen Strahlengrenzwerte weit überschritten werden. Fachleute nennen dieses Szenario "Größter Anzunehmender Unfall", kurz GAU. Er bringt Tod und Krankheit in unvorstellbarem Ausmaß. Endlich bemerkt ein Techniker das offene Sicherheitsventil im Kühlkreislauf. Gerade noch rechtzeitig schließt er ein Notventil und verhindert so die Katastrophe.

Evakuierung erst nach zwei Tagen

Doch die Situation ist nach wie vor kritisch. Um 7.24 Uhr löst Schichtleiter Zewe die höchste Alarmstufe aus. Der Gouverneur von Pennsylvania, Richard Lewis Thornburgh, erfährt von dem Störfall. Eine halbe Stunde später informiert die zuständige US-Atombehörde den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Jimmy Carter.

Die Öffentlichkeit tappt da noch vollkommen im Dunkeln. Ein Sprecher der Betreiberfirma Metropolitan Edison behauptet um 9.30 Uhr, es sei keine Radioaktivität freigesetzt worden und dies sei auch nicht zu erwarten. Er lügt - es ist hochradioaktives Gas in die Atmosphäre entwichen und verseuchtes Wasser in den Fluss Susquehanna geflossen. Die Techniker versuchen unterdessen alles, um die Lage zu stabilisieren. Doch als sie am folgenden Tag das hochexplosive Gasgemisch aus dem Reaktorkern in einen Tank ableiten wollen, entweicht nochmals Radioaktivität: Weil das Explosionsrisiko einfach zu groß ist, müssen sie das hochgiftige Gas am Freitagmorgen um 7 Uhr in die Atmosphäre strömen lassen - eine radioaktive Wolke schwebt über der amerikanischen Stadt Harrisburg.

Am Freitagmittag werden auf Anweisung von Gouverneur Thornburgh hin Schwangere und kleine Kinder aus einem Umkreis von acht Kilometern um das Atomkraftwerk evakuiert. Tausende andere fliehen ebenfalls. Die Filmaufnahmen von Menschen, die panisch ihre Häuser verlassen, gehen um die Welt.

Giftige Gase, metallischer Geschmack im Mund

Clair und Ruth Hoover aus Bainbridge nahe dem Katastrophen-Reaktor erinnern sich, dass sie am Samstag nach dem Störfall einen metallischen Geschmack im Mund verspürten. "Die Spitze unserer Zungen brannte." Marie Holowka, Farmerin aus Zions View, stürzte, als sie am Tag der Katastrophe ihr Haus verließ. "Das war das giftige Gas", ist sie sich sicher. "Ich weiß, dass ich nicht gestolpert bin. Ich bin einfach kollabiert." Später wurde bei ihr Schilddrüsenkrebs diagnostiziert.

Wieviel radioaktiver Strahlung die Menschen in Harrisburg und Umgebung tatsächlich ausgesetzt wurden, ist bis heute nicht bekannt. Ungesichert ist auch das Ausmaß der gesundheitlichen Folgeschäden. Die Zahl der Blutkrebspatienten im Umkreis von Three Mile Island ist aber nach einer Studie der Columbia Universität von 1991 deutlich erhöht. Forscher der Universität Iowa fanden 2005 heraus, dass die Gebiete um den Unfallreaktor die höchste Konzentration des radioaktiven Elements Radon in den gesamten Vereinigten Staaten aufweisen.

Der Beinahe-GAU von Harrisburg bedeutete das abrupte Ende der Begeisterung für die atomare Energiegewinnung. Was bis dahin oft als moderne und saubere Methode bejubelt wurde, zeigte auf einmal sein anderes Gesicht. Die Katastrophe wurde zum Schlüsselereignis für die Anti-Atomkraft-Bewegung.

Atomkraft - Nein danke!

Und das auch in Deutschland: Hunderttausend Menschen demonstrierten 1979 in Hannover gegen das geplante Atommüll-Endlager im niedersächsischen Gorleben. Im Oktober protestierten in Bonn sogar 150.000 gegen den Ausbau der Atomkraft. Im Januar 1980 wurde die Partei "Die Grünen" gegründet, ein Resultat der Ökologiebewegung. Das Engagement der Massenbewegung gipfelt im Jahr 2000 mit dem Beschluss einer rot-grünen Koalition zum Ausstieg aus der Atomkraft binnen 30 Jahren.

Der gerät angesichts des Klimawandels bereits wieder unter Beschuss - erst recht, nachdem Vorreiter Schweden jüngst seinen Rückzieher von der nuklearfreien Energiepolitik erklärte. In dem skandinavischen Land hatte sich die Bevölkerung ein Jahr nach Harrisburg bei einer Volksabstimmung am 23. März 1980 als erstes Land der Welt für den Atomausstieg entschieden. Auch in den USA, wo seit 1979 kein neuer Meiler mehr ans Netz ging, wird über den Bau neuer Atomkraftwerke nachgedacht.

Viele Befürworter des Atomstroms argumentieren, dass ein solcher GAU wie in Tschernobyl niemals in einem westlichen Atomkraftwerk hätte passieren können. Diese seien ungleich sicherer als die sowjetische Technik. Möglicherweise war aber Harrisburg nur knapp davon entfernt, das Tschernobyl vor Tschernobyl zu werden: Laut eidesstattlichen Aussagen wurden aus dem offiziellen Abschlussbericht der US-Regierung die alarmierendsten Passagen gestrichen, "weil der Unfall auf Three Mile Island unendlich viel gefährlicher war, als jemals öffentlich zugegeben wurde".

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1.
Axel Sasse 26.03.2009
Man könnte noch hinzufügen, daß dieses Thema in einiger Tiefe im Buch von Charles Perrow abgehandelt wird. "Normale Katastrophen-unvermeidbare Risiken der GRoßtechnik". 2. Auflage 92 Campus-Verlag.
2.
Frank Seiler 27.03.2009
Dieser Artikel handelt das Unglück leider nur unzureichend ab. Es wird hier weder auf die Verknüpfung von unglücklichen Umständen eingegangen, noch auf die Maßnahmen, die danach ergriffen wurden, um eine Wiederholung auszuschließen.
3.
Robert Krause 24.11.2009
Perrow, ein Organisationsoziologe, beschäftigte sich als Gutachter im Rahmen der Untersuchungen des Reaktorunfalls in Harrisburg (1979). Die Erfahrungen aus dieser Tätigkeit bilden die Basis für sein 1984 erstmals veröffentlichtes Buch, welches als eines der einflussreichsten Bücher der modernen Krisenforschung gilt. Mit ihm begründet Perrow seine vertretene Theorie - Normal Accident Theorie (NAT), dass in komplexen Systemen, die zudem eng gekoppelt sind, es lediglich eine Frage der Zeit ist bis Unfälle geschehen - Unfälle in solchen Organisationen bzw. Systemen, die solche Systemeigenschaften aufweisen sind in der von ihm vertretenden Weise somit normal. Ausgehend von Kernkraftwerken untersucht Perrow das Katastrophenpotential einer Reihe von vorwiegend technischen Organisationen bzw. Systemen, die hochriskante Technologien nutzen. Riskant da die genutzte Technologie die Gefahren für das Bedienungspersonal, Passagieren, Unbeteiligte oder zukünftige Generationen erhöhen. Das Ergebnis seiner Analyse in Bezug auf Kernkraftwerke ist, dass sie aufgrund ihres Katastrophenpotentials und der Systemeigenschaften (Komplexität und enger Kopplung von Teilsystemen) eine mögliche Katastrophe nur eine Frage der Zeit ist und sich aus strukturellen Gründen nicht vermeiden lassen, empfiehlt er einen kompletten Verzicht dieser Technologie. Anders als Perrow, der eine eher pessimistischen Standpunkt vertritt, gehen die Vertreter der High Reliability Organizations Theorie (HRO) von einem eher optimistischen Standpunkt aus. Ihrer Meinung nach können Unfälle bzw. Katastrophen in High-Risk-Systemen durch ein gutes Management und gutes organisatorisches Design vermieden werden. Dabei ist zu beachten, das sich die HROT nicht als Alternative, sondern sich eher komplementär zu NAT versteht. Perrows theoretische Überlegungen scheinen sich somit wieder einmal bestätig zu haben. Unerwartete Ereignisse können sicherlich auch in jeder anderen Organisation, als einem Kernkraftwerk stattfinden, um so mehr müssen solche Organisationen zuverlässige Verhaltensweisen entwickeln, die bereits antizipativ Fehler und Unfälle vermeiden bzw. bei einem Eintritt einer solchen unerwarteten Situation Mechanismen haben, um das Problem einzudämmen.
4.
Wolfgang Bischofs 23.04.2010
Zwar werden nach jedem Unfall die Betriebshandbücher für die AKW-Mitarbeiter erweitert, um auf ein neu erkanntes Szenario künftig besser zu reagieren, allerdings ist es erfahrungsgemäß unmöglich, alle Szenarien vorherzusehen. Es gibt immer neue Überraschungen. Beim Unfall in Forsmark/Schweden vor wenigen Jahren wurde eine Katastrophe nur verhindert, weil sich Mitarbeiter in fast letzter Minute über die Maßgaben des bisherien Betriebshandbuchs hinwegsetzten. Es bleibt eine Illusion, so komplexe Systeme wie Atomkraftwerke völlig absichern zu können. Die Folgen können verheerend sein. Es war in Harrisburg 1979 oder Forsmark viel Glück im Spiel, dass es zu keiner Katastrophe im Tschernobyl-Ausmaß kam. Eine interessante 55-minütige Film-Dokumentation über den Harrisburg-Unfall von 1979 sowie Medienberichte von 1979 finden sich in 6 Episonden auf www.youtube.com/user/HarrisburgTV Interessant auch die Beiträge zu Tschernobyl und Hamm-Uentrop auf youTube.com unter dem Suchwort pannenreaktoren .
5.
Wolfgang Bischofs 23.04.2010
Korrektur: das Suchwort zu Tschernobyl und Hamm-Uentrop lautet pleitenreaktoren (nicht pannenreaktoren).
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