Echte Superhelden Der Maskenmann von nebenan

Echte Superhelden: Der Maskenmann von nebenan Fotos

Vergessen Sie Batman und Spider-Man! Seit den siebziger Jahren kämpfen überall auf der Welt echte Superhelden für Recht und Ordnung. In hautengen Kostümen schippen sie Schnee für alte Damen, mischen Schlägereien auf - oder greifen zur Kettensäge. einestages zeigt die schrägsten Hobby-Heroes. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
    4.6 (21 Bewertungen)

Es passierte in einer der Ecken Seattles, die man nachts am besten meidet: Eine dunkle Autobahnunterführung, von einem Baugerüst verstellt, von der Straße schlecht einsehbar. Doch die Schreie konnte man weit hören in dieser Samstagnacht vom 8. auf den 9. Oktober 2011. Eine Prügelei war ausgebrochen unter einer Gruppe von jungen Leuten in Feierlaune. Fäuste flogen, Frauen kreischten, Menschen gingen zu Boden. Bis plötzlich dieses Brüllen erklang.

"Hey! Auseinander!" Wie aus dem Nichts war eine muskulöse, schwarzgoldene Figur aufgetaucht, die sich trotz ihres schweren Panzers blitzschnell zwischen den Kämpfenden bewegte. In der Hand hielt sie eine Kanone mit Sprühtank, ihr Gesicht war hinter einer grimmigen Maske mit golden umrandeten Augen verborgen. Die dunkle Gestalt schrie die Kämpfenden an, sie sollten sofort voneinander ablassen - und setzte sie mit Pfefferspray außer Gefecht. Verwirrt stoben die Raufbolde vor dem Angreifer auseinander und verschwanden in die Seitengassen. Ein Auto rollte heran. Der Fahrer, der nur die sonderbar kostümierte Figur und die vor ihr Fliehenden sah, fragte aus dem Fenster: "Bist du ein Superheld?" Doch der Maskierte antwortete nicht. Vielleicht, weil er davon ausging, dass man ihn in seiner Stadt kennen müsste: Phoenix Jones - Seattles maskierter Rächer.

Seit Anfang 2011 sorgt Seattles Superheld für Schlagzeilen - dabei ist Phoenix Jones alias Benjamin Fodor nur der bekannteste Vertreter einer Massenbewegung. Rund um den Globus kämpfen maskierte Gestalten in - meist engen - Kostümen dafür, die Welt ein bisschen besser zu machen. In den letzten zehn Jahren ist ihre Zahl so explodiert, dass die "Real-Life-Superheroes" sich bereits in Online-Branchenbücher wie worldsuperheroregistry.com (zurzeit rund 200 registrierte Superhelden und 140 Heldenanwärter) eintragen. Doch die Wurzeln der Bewegung reichen weit vor diesen Boom zurück - bis in die siebziger Jahre.

Eskorte für den Erdnussbutter-Superman

Von der kugelsicheren Panzerung eines Phoenix Jones, dessen Pfefferspray-Kanone und Elektroschockstab war Richard Pesta meilenweit entfernt. Als er Anfang der siebziger Jahre durch San Diego zog, bestand seine Ausrüstung nur aus blauen Leggings, goldenem Umhang und einem Pulli mit einem goldenen "S", der über seinem stattlichen Bauch ein bisschen spannte. Immerhin: Eine Erdnussbutter-Bazooka, so der "New Musical Express" 1975, hatte Pesta sich gebaut. Überhaupt liebte er leckere, klebrige Erdnussbutter. Darum hatte er auch den Superheldennamen "Captain Sticky" gewählt - "Kapitän klebrig".

Dass er mit seinem Glitzerkostüm auffiel, störte den bärtigen Helden nicht - ganz im Gegenteil: "Wenn ich einen Nadelstreifenanzug tragen würde, während ich den Unterdrückten helfe, hätte ich keine Wirkung. Im Kostüm kann ich mir sicher sein, dass ich nicht ignoriert werde." Den Unterdrückten helfen, das war für Pesta vieles: Mal zwang er als Captain Sticky ein Pflegeheim, zu Missbrauchsvorwürfen seiner Patienten Stellung zu nehmen, mal trat er auf wohltätigen Veranstaltungen wie einem Jahrmarkt für geistig Behinderte auf. Und immer wieder prangerte er öffentlich Probleme an. Ob unwürdige Haltungsbedingungen in Tierheimen - oder auch einfach überteuerte KFZ-Werkstätten.

Die Bewohner San Diegos gewöhnten sich an den Anblick des Mannes in Goldstiefeln und Umhang, der in seinem "Stickymobile" durch die Straßen patrouillierte, einem umgebauten Lincoln Imperial voller Amerikaflaggen und Blinklichter und mit einer aufgesetzten Kunststoffglocke, die das Auto wie ein Science-Fiction-Requisit aussehen ließ. Nur einmal, so Pesta, habe eine Polizeistreife das imposante Gefährt für eine Art Staatskarosse gehalten - und ihn durch die Stadt eskortiert.

Rächer mit toten Stinktieren

Im Grunde war Pesta eine Art Sozialarbeiter und Verbraucherrechtsaktivist in Strumpfhosen, auch wenn er selbst es mit mehr Superheldenpathos auszudrücken pflegte: "Ich bin der einzige Kreuzritter mit Umhang in ganz Amerika - und will mein Leben lang diese Rolle einnehmen", sagte er 1984 dem "San Diego Tribune". Doch Pesta irrte sich: Schon damals hatten an anderen Orten weitere Superhelden ihre Arbeit aufgenommen.

In Montreal etwa hatte der Stuntman Rick Rojatt Mitte der siebziger Jahre die Heldenfigur The Human Fly geschaffen. In einem an Spider-Man erinnernden Kostüm mit strassbesetzter Maske spazierte er über die Tragflächen fliegender Flugzeuge oder sprang mit dem Motorrad über Schulbusse - zu guten Zwecken: Den Großteil seiner Gagen stiftete The Human Fly an wohltätige Organisationen. Selbst nachdem Rick Rojatt bei einem Autounfall gestorben war, lebte seine Heldenfigur weiter: Der Comicverlag Marvel schuf eine "Human Fly"-Comicserie. Ihr Werbeslogan: "Der wildeste Superheld aller Zeiten - denn er ist echt!"

Ein weiterer früher Prototyp des Real-Life-Superheros war der Biologielehrer Jim Phillips aus Aurora, Illinois. Seit 1969 machte er als The Fox Jagd auf Umweltsünder. Sein Pseudonym hatte Phillips nach dem Fox River gewählt, der durch Industrieabwässer gefährdet war. Mit Trenchcoat, Pelzhut und Sonnenbrille verwandelte der Lehrer sich in The Fox, ruderte nachts den Fluss hinunter und verstopfte die Abflussrohre von Fabriken. Er verschickte 10.000 Leuchtsticker mit dem Hinweis "Die Dial Soap Company tötet unser Wasser - The Fox" und Anweisungen, sie in Läden auf Produkte der Firma zu kleben. Er brach in Firmengebäude ein und kippte Industrieabfälle auf den Teppich. Bevorzugt aber legte er immer wieder Firmeninhabern tote Stinktiere vor die Tür: "Wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch in Nordamerika, der überfahrene Skunks als natürlichen Rohstoff betrachtet", so Phillips 1999 in seiner Autobiografie "Raising Kane".

Die Tatsache, dass The Fox faktisch gegen geltendes Recht verstieß, schien Phillips durchaus bewusst. Die Frage, ob der Selfmade-Held damit faktisch ein Verbrecher sei, umschiffte der radikale Umweltaktivist jedoch. Die Frage sei vielmehr, so Phillips, gegen welches Gesetz er verstoßen habe. "Das der Menschheit? Vielleicht. Das Gesetz der Natur? Niemals."

Held in Ganzkörperflagge

Was genau die riesige Welle von Real-Life-Superheroes ausgelöst hat, die in den letzten zehn Jahren überall auf der Welt auftauchten - vom "Insektenmann" Entomo in Neapel bis zu Brisbanes Captain Australia - ist schwer zu sagen: Möglicherweise waren es die Nachwehen des 11. Septembers, der Heldenkult um US-Feuerwehrmänner und -Soldaten, die vor allem in Amerika die Sehnsucht nach neuen Helden weckten. Vielleicht aber auch schlicht die Welle neuer Superhelden-Blockbuster wie "Spider-Man" (2002), "Hulk" (2003) oder "Batman Begins" (2005), die Nachahmer auf den Plan riefen.

Die stetig wachsende Armee von Feierabend-Superhelden lässt sich noch immer in die zwei Prototypen unterteilen, die schon Captain Sticky und The Fox in den siebziger Jahren absteckten: Auf der einen Seite der freundliche Sozialarbeiter mit Cape, der die Welt einfach ein bisschen besser machen will. Auf der anderen Seite der radikale Aktivist, der sein eigenes Rechtsempfinden auch über das geschriebene Gesetz stellt.

Viele ziehen sich das Superheldengewand einfach über, um Gutes zu tun, auch, wenn es nur im Kleinen ist: In New York etwa weist "Direction Man", die Taschen seiner neonfarbenen Signalweste vollgestopft mit Stadtplänen, verirrten Touristen den Weg. "Polarman" hilft seit 18 Jahren, die Straßen seiner Heimatstadt Iqaluit in Nordkanada sicher zu halten, indem er auf den Bürgersteigen Schnee schippt. Und Rescue Rick the Grass Cut Man aus Pennsylvania bemüht sich nach einem Rasenmäherunfall, andere über die Gefahren des Rasenmähens aufzuklären. Das Kostüm ist dabei für viele ein Mittel, die eigene Identität in den Hintergrund zu stellen. "Es hat einen Grund, dass ich meine Haut nicht zeige", erklärt DC's Guardian, der im Ganzkörper-US-Flaggen-Anzug durch Washington patrouilliert: "Ich will, dass sich die Menschen jeden hinter dem Kostüm vorstellen könnten".

Spiel für große Jungs?

Doch so edel die Absichten auch sein mögen - es bleibt die Frage, wie weit die Arbeit der selbsternannten Ordnungshüter von mäßig verkleideter Selbstjustiz entfernt ist. Ist es noch reine Pose, wenn etwa Death's Head Moth im Internet mit Schlagstöcken posiert und seine Entwürfe für ein neuartiges Kampfmesser zeigt? Welche juristische Vorbildung hilft Helden wie Captain Australia (Ex-Soldat), Razorhawk (Ex-Wrestler) oder Phoenix Jones (Ex-Kampfsportler) dabei, Recht und Unrecht zu unterscheiden? Das Internet-Heldenprofil von DC's Guardian erklärt: Sein Weg, die Liebe zu seinem Vaterland zu zeigen, sei es, "nicht auf Erlaubnis zu warten, sondern zu erkennen, was richtig ist und es in die Tat umzusetzen". Der Superheld als kunterbunter Richter und Scharfrichter in einer Person: ein Gedanke, bei dem sich nicht jeder sicherer fühlt.

Die örtliche Polizei jedenfalls zeigte sich bei der Schlägerei in der dunklen Gasse von Seattle keineswegs begeistert über die Unterstützung durch den schwarzgoldenen Rächer Phoenix Jones: Nach seinem Eingreifen am 9. Oktober wurde der Superheld verhaftet - für seinen großzügigen Gebrauch von Pfefferspray gegen vermeintliche Schläger. Als der Polizeibeamte am Tatort eintraf und den gepanzerten Rächer erblickte, seufzte er nur: "Ich hab diese Spielchen satt".

Artikel bewerten
4.6 (21 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Stefan Rueter 10.07.2012
... meines Wissens geht das doch bis in die 60er zurück ... da gab es doch schon den Bicycle-Repair-Man von Monthy Python's ...
2.
Florian Nassauer 10.07.2012
Sehr guter Film zum Thema: Kick Ass Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=Pj9c4FSBzEo
3.
Rainer Temme 10.07.2012
Ein ganz wichtiger Hero fehlt hier aber doch ... http://www.youtube.com/watch?v=U01xasUtlvw ... auch wenn er nicht ganz so "echt" ist wie die anderen ;-)
4.
Peter Hengl 10.07.2012
Hier in Österreich drehen wir gerade einen Kurzfilm über einen Real Life Superhero: http://www.facebook.com/derheld.film
5.
Marc Becks 10.07.2012
Kein Wort über den Dokumentarfilm "Real Life Superheroes" von HBO?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH