Rechenmaschinen Superhirne im XXL-Format

Rechenmaschinen: Superhirne im XXL-Format Fotos
Barbara Haeberlin

Es schien wie Zauberei, war aber in Wahrheit nur geniale Mechanik: Fast hundert Jahre lang verrichteten Rechenmaschinen den Job von Taschenrechnern - mit Hilfe von Walzen und Zahnrädern statt Chips und Halbleitern. Am Ende halfen sie sogar bei der Entwicklung der ersten Computer. Von Barbara Haeberlin

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25. März 1892, Jahreshauptversammlung der deutschen Nähmaschinen-Fabrikanten in Hamburg. Franz Trinks, einer der Gesellschafter und technischer Leiter von Grimme, Natalis und Co., kurz: GNC, einem kleinen Nähmaschinen-Hersteller aus Braunschweig, ist beunruhigt. In den vergangenen Jahren ist die Konkurrenz auf dem Nähmaschinenmarkt enorm gewachsen - mit entsprechenden Auswirkungen auf Preise und Gewinn.

Trinks hat daher ein offenes Ohr, als ihm ein Agent aus Sankt Petersburg Lizenzen zu Fertigung und Vertrieb einer ungewöhnlichen Maschine anbietet. Der Mann erzählt von einer Erfindung, "welche sich behufs Fabrikation und Ausbeutung ganz besonders für eine Nähmaschinenfabrik ersten Ranges eignen dürfte" und die "ohne Illusion wohl als eines der hervorragendsten Geistesprodukte unserer Zeit zu betrachten" sei.

Bei dem Produkt, so erfährt Trinks, handele es sich um eine von dem Schweden Willgodt Theophil Odhner entwickelte Rechenmaschine. Odhner produzierte diese Maschine bereits seit einigen Jahren in Petersburg - hatte aber bislang erfolglos nach einem Käufer für seine Patente gesucht. Erst wenige Jahre zuvor, 1878, war im sächsischen Glashütte, zu jener Zeit bereits eine Hochburg der Uhrenherstellung und somit der Feinmechanik, die "Erste Deutsche Rechenmaschinenfabrik" gegründet worden. Dort fertigte man Geräte nach französischem Vorbild. Denn bereits Anfang des 19. Jahrhunderts hatte der Versicherungsdirektor Charles Xavier Thomas in Frankreich eine Rechenmaschine erfunden, die er "Arithmometer" nannte. 1820 ließ er sie patentieren und begann schon bald mit der industriellen Produktion. In Glashütte waren bis 1892 gerade einmal 500 Stück dieser Arithmometer gefertigt worden - schwere Holzkästen mit einem Innenleben aus massivem Messing. Und das sollte die Zukunft von GNC sein?

Ein überzeugendes Argument

Dabei war Bedarf für die schweren Technikwunderwerke durchaus vorhanden. Schon seit dem 17. Jahrhundert tüftelten Wissenschaftler an Geräten, die vor allem Kaufleuten bei der Abwicklung von Geschäften nützlich sein sollten. Der Aufsichtsrat von GNC war dennoch skeptisch. Welcher Geschäftsmann würde ernsthaft eine 15 und mehr Kilogramm schwere Maschine mit sich herumtragen? Die persönlich haftenden Gesellschafter bezweifelten, dass ihr Geld in dieser Produktion gut angelegt wäre.

Trinks konnte sie schließlich dennoch überzeugen, in diesen exotischen Markt einzusteigen - und sollte es nicht bereuen. Für Jahrzehnte wurde das faszinierende Räderwerk der mechanischen Rechenmaschine zum unentbehrlichen Helfer in stetig expandierenden Verwaltungs- und Versicherungsbüros. Wohl nur technisch Versierte wussten dabei die Raffinessen der Maschinen zu schätzen, ihren praktischen Nutzen hingegen erkannte jeder, der sonst die Personalkosten für Heerscharen kopfrechnender Angestellter zu verantworten hatte.

Doch das Argument, mit dem Trinks Gesellschafter und Aufsichtsrat der GNC letztlich überzeugen konnte, lieferte ihm der Agent aus Petersburg selbst: Er versprach eine neue Technologie, die aus den schweren Maschinen leichte, handliche Geräte machen sollte - und die noch dazu preisgünstig herzustellen wären.

Der Star unter den Rechenmaschinen

Denn die bislang bekannten Rechenmaschinen nach französischem Vorbild basierten auf einer Staffelwalze. Dazu wurden auf einer Achse zehn Zahnräder mit unterschiedlicher Zahnzahl zu einer Walze gestaffelt. Darüber bewegte sich ein verschiebbares Zahnrad, das mit dem Einstellwerk der Maschine verbunden war. Je nachdem, welche Ziffer zwischen Null und Neun auf der Tastatur gewählt wurde, griff das Rädchen an der entsprechenden Stelle auf die Walze, trieb sie an und übertrug das Resultat so in die Anzeige. Der Konstrukteur in Sankt Petersburg aber hatte sogenannte Sprossenräder entwickelt, Zahnräder, die ihre Zähne einziehen und ausfahren konnten, weshalb seine Maschine keiner schweren Walze bedurfte.

Noch im Jahr 1892 stellte GNC seine ersten Rechenmaschinen fertig - und konnte sie für 150 Mark anbieten, etwa einem Drittel des Preises der Konkurrenz aus Glashütte. Der Name der neuen Maschine: Brunsviga, die latinisierte Form des Firmensitzes Braunschweig. Chefingenieur Trinks gab sich auf der Hauptversammlung des Vereins deutscher Ingenieure euphorisch: "Dagegen erscheint die neue Rechenmaschine Brunsviga, eine Erfindung des Mechanikers W. T. Odhner in St. Petersburg, berufen zu sein, alsbald Gemeingut des rechnenden Publikums werden zu sollen."

Trinks sollte Recht behalten. Für die nächsten 70 Jahre entwickelte sich GNC in der noch jungen Rechenmaschinenbranche zum Marktführer, und auch der Lizenzgeber aus Sankt Petersburg fand Anerkennung: Die "Odhner-Maschine" wurde zum Synonym für eine Sprossenradmaschine. Doch die Russische Revolution machte dem Erfolg ein jähes Ende. Die Nachfolger des schwedischen Firmengründers Odhner verließen Russland. Ihre Petersburger Produktionsstätten wurden sowjetischer Staatsbesitz.

Ein neuer Job als Nebenprodukt

Auf den Resten der Odhnerschen Fabrik gründete in den zwanziger Jahren die Rechenmaschinenproduktion unter sowjetischer Flagge. Initiator war ein gewisser Felix Edmundowitsch Dserschinski - zugleich Gründer und Chef der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka. Sein Vorname "Feliks" wurde zum Markennamen der dort gefertigten Rechenmaschinen, die sich nur unwesentlich von den ursprünglichen Odhnerschen Modellen unterscheiden sollten.

Doch auch wenn mit steigender Fertigungsgenauigkeit das Gewicht der Maschinen von 15 Kilogramm auf etwa fünf Kilo gesunken war - aktentaschentauglich waren sie damit noch lange nicht. Und auch ihre Bedienbarkeit ließ zu wünschen übrig. Die in den USA entwickelte Rechenmaschine "Comptometer" war in ihrer Handhabung so kompliziert, dass die Herstellerfirma Felt & Tarrant gleich auch ein Netz von Trainingszentren aufbaute und dadurch zugleich zum größten privaten Fortbildungsunternehmen ihrer Zeit wurde. Nebenbei entstand so ein neuer Beruf: der Comptometer-Operator.

Zu groß und zu kompliziert - der österreichische Konstrukteur Curt Herzstark verstand die Schwächen der handelsüblichen Geräte als Herausforderung: Er wollte eine leichte und auch leicht zu bedienende Rechenmaschine bauen. In Anlehnung an ein gut in der Hand liegendes Wasserglas wählte er eine Zylinderform, die es erlaubte, die vielen Staffelwalzen für jede Dezimalstelle durch eine einzige zentrale Staffelwalze für alle Stellen zu ersetzen, was Platz und Gewicht sparte. Für Subtraktion und Division baute er noch eine zweite, umgekehrte Staffelwalze in die erste hinein. Herzstarks Werkstattmeister zeigte sich angesichts solch revolutionärer Ideen skeptisch: "Aber Herr Curt, die Amerikaner haben so etwas bisher nicht fertiggebracht, und Sie wollen das machen?"

Die kleinste Rechenmaschine der Welt

1937 hatte Herzstark seine erste Konzeptstudie fertig: Heraus kam ein Gerät - immer noch eher unhandlich - das vage an eine Kaffeemühle erinnerte. Aber es funktionierte. Im Frühjahr 1938, kurz nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich, meldete Herzstark das erste Patent dafür beim Wiener Patentamt an. Die Nationalsozialisten aber verboten dem Halbjuden Curt Herzstark weitere Arbeiten an der Maschine - zunächst jedenfalls, bis sie ihn 1943 verhafteten und ins Wilhelm-Gustloff-Werk, einer dem Konzentrationslager Buchenwald angeschlossenen Waffenfabrik, brachten. Dort erhielt Herzstark Reißzeug, Zeichenmaterial und dazu das Versprechen: "Wenn die Maschine wirklich etwas wert ist, werden wir sie nach dem siegreichen Krieg dem Führer zum Geschenk machen. Sollte sie die Erwartungen erfüllen, wird er Sie bestimmt arisieren."

Der Endsieg blieb aus, doch mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das Gerät so gut wie produktionsreif. Bald fand Herzstark auch einen Investor: Das Fürstentum Liechtenstein war vom Krieg verschont geblieben und zu jener Zeit bemüht, die Entwicklung seiner spärlichen Industrie voranzutreiben. Der Konstrukteur erhielt eine Einladung ins Schloss nach Vaduz und durfte seine Erfindung der fürstlichen Familie präsentieren. In seiner Autobiografie schreibt er über diesen Moment: "Ich packte meinen Prototypen aus und seine Durchlaucht, die, wie ich hörte, sich zum Privatvergnügen mit Mathematik befasst, begann unter meiner Anleitung erste Rechnungen auszuführen. Ich glaubte zu bemerken, dass dem Landesherrn die Sache Spaß machte und die Maschine seinen Beifall fand."

Man kam ins Geschäft. Die Curta, benannt nach ihrem Erfinder, wurde ab 1948 im eigens dafür errichteten Werk in Mauren gebaut. Die kleinste rein mechanische Rechenmaschine der Welt, die alle vier Grundrechenarten beherrschte, markierte den Höhepunkt der Entwicklung mechanischer Rechentechnik. Der Taschenrechner der kleinen Leute wurde im Nachkriegsdeutschland allerdings ein anderes Gerät. Die Firma Addiator produzierte kostengünstige Kleingeräte aus Blechstanzteilen, die allerdings nur addieren und subtrahieren konnten - und für viele ihre Faszination endgültig verloren, als Anfang der siebziger Jahre elektronische Taschenrechner auf den Markt kamen. Mit einer vorläufigen Ausnahme: Addiator hatte sich frühzeitig auf Nischenprodukte spezialisiert - wie seinen "Addiator Hexadat". Das Gerät half schließlich Programmierern der frühen elektronischen Großrechner beim Rechnen mit Hexadezimalzahlen - zum Testen ihrer Programme.

1975 wurde die Firma Addiator schließlich aus dem Firmenregister gelöscht. Die letzte Brunsviga Sprossenrad-Maschine wurde 1969 gefertigt, die Produktion der Curta 1970 eingestellt. In der Sowjetunion zeigte man sich hingegen beständiger: Feliks-Rechenmaschinen wurden dort noch bis 1978 produziert - und bewahrten so bis zuletzt den technischen Stand der Vorkriegszeit.


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1.
Andre Koppel, 09.01.2009
Ein sehr interessanter Artikel, Meiner Ansicht nach wurde die Curta bis 1972 oder 73 gebaut, denn soweit ich weiss versetzte der Taschenrechner HP35 ihr sozusagen den Todesstoß, da der HP35 mehr konnte als die Curta, und das für deutlich weniger Geld. Die Curta war überaus beliebt, da die zweite Generation mit bis zu 16 Stellen rechnen konnte. Das konnte damals kein Billigtaschenrechner (und können auch heute nur High-End-Geräte). Siehe hierzu auch meinen Artikel über Taschenrechner.
2.
Rolf Radicke, 17.06.2013
Ich kann mich noch gut an die Curta Rechenmaschinchen erinnern. Wir hatten eins in der Schule. Sie wurden in der Contina AG in Mauren (Liechtenstein) produziert und galten damals als sensationell. Die Firma wurde von der Hilti AG (auch diese FL-Firma keine Unbekannte) uebernommen, einzig die Rechner wurden weiter produziert, der Verkauf 1973 eingestellt.
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