Rechtsextreme in den USA Vom Ku-Klux-Klan bis zu Alt Right

In den Vereinigten Staaten formierten sich über Jahrzehnte immer neue Gruppierungen von Rechtsradikalen - ein Überblick.

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Die American Nazi Party wurde im März 1959 gegründet und hatte ihr Hauptquartier in Arlington (US-Bundesstaat Virginia). Dahinter stand George Lincoln Rockwell, ein glühender Nazi, der eine Pilotenausbildung absolviert und im Zweiten Weltkrieg noch gegen Hitlerdeutschland und Japan gekämpft hatte. Rockwell radikalisierte sich zusehends und wurde zum "Führer" der Partei, die allerdings selbst zu ihren besten Zeiten lediglich um die 200 Mitglieder zählte.

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US-Nazis: Mit Uniform, Hakenkreuzen und Armversteifung

Zeitweise bildete sich sogar eine verblüffende Allianz: Der schwarze Bürgerrechtler Elijah Muhammad lud Rockwell zu Versammlungen der "Nation of Islam" (NOI) ein. Diese Gruppe propagierte die Rassentrennung und einen eigenen Staat für Schwarze. Nur wo, darüber waren die beiden Anführer uneins: Rockwell forderte, alle Schwarzen nach Afrika zu deportieren - Muhammad wollte ein Stück von Amerika.

Am 25. August 1967 wurde Rockwell, als er einen Waschsalon besuchte, erschossen - von einem enttäuschten Fan, der kurz zuvor aus der Partei geflogen war. Die Leitung übernahm danach der Vizevorsitzende Matt Koehl, doch die Partei zersplitterte sich in Streitigkeiten. Viele Mitglieder wechselten zu anderen Organisationen. Mehr über das Leben und Sterben von George Lincoln Rockwell lesen Sie in diesem Beitrag.


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Die National Socialist Movement (NSM) hat ihre Wurzeln in Rockwells American Nazi Party und ist heute eine der größten Neonazi-Vereinigungen in den USA. Sieben Jahre nach George Lincoln Rockwells Tod gründeten die ANP-Mitglieder Robert Brannen und Cliff Herrington 1974 die Vereinigung, die zunächst "National Socialist American Workers Freedom Movement" hieß. Den neuen Namen gab ihr 1994 Jeffrey Schoep, als er im Alter von 21 Jahren zum Leiter aufstieg. Das "Viking Youth Corps" spezialisierte sich auf die Rekrutierung von Teenagern. Die NSM nutzte das Vakuum nach dem Tod der Neonazi-Größen William Pierce (2002; Leiter der National Alliance) und Richard Butler (2004; Leiter der Aryan Nations) geschickt. Sie betreibt mit NSM88 Records ihr eigenes Musiklabel sowie das bei Neonazis beliebte Netzwerk "New Saxon".

Ihre Ideologie entspricht weitgehend der von Rockwells ANP: Die Gruppe verehrt Adolf Hitler als "Visionär" und fordert die Deportation aller Nichtweißen aus den USA - nur heterosexuelle Weiße hätten das Recht auf die Staatsbürgerschaft der USA. Anführer Schoep formuliert das so: "Die Verfassung wurde allein von weißen Männern geschrieben. Also gilt sie auch nur für Weiße."


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Aryan Nations vertritt ebenfalls die Ideologie einer Überlegenheit der "weißen Rasse". Gegründet wurde die Organisation von Richard Butler (Foto Mitte), der von radikalen Ansichten der Anti-Regierungs-Miliz "Posse Comitatus" und zudem von Wesley Swift beeinflusst wurde. Dieser Pastor, Anhänger der "Christian Identity"-Bewegung, predigte die Ansicht, Weiße seien die wahren Israeliten, Juden hingegen das Ergebnis der sexuellen Vereinigung von Eva und Satan. Nach mehreren anderen Organisationen von Swift und Butler entstand in den Siebzigerjahren Aryan Nations mit einem breiten Spektrum rassistischer und antisemitischer Ideen. In den Achtziger- und Neunzigerjahren lud die Organisation regelmäßig zu "Weltkongressen", an denen Neonazis, Skinheads, Ku-Klux-Klan-Mitglieder und weiße Nationalisten teilnahmen.

Die Klage einer antirassistischen Bürgerrechtsbewegung schadete den Finanzen der Aryan Nations, der Tod von Butler 2004 schwächte sie weiter. Sie zerbrach in zwei konkurrierende Gruppen: eine in Pennsylvania, eine in Georgia. Beide stimmen in ihren antisemitischen Ansichten überein, können sich aber nicht einigen, ob Neonazis sich in ihrem Hass auf Juden mit muslimischen Terroristen verbrüdern sollten.


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Die National Alliance war jahrzehntelang eine der am besten organisierten und gefährlichsten Neonazi-Gruppen in den USA. Ihre Mitglieder fordern die Ausrottung der Juden sowie anderer "Rassen" mit dem Ziel eines rein weißen Heimatlandes. Der 1967 gegründete Vorläufer "National Youth Alliance" zerfiel schnell, die Kontrolle über die größte Splittergruppe übernahm William Pierce (Foto von 2001), zuvor in Rockwells Nazi Party aktiv. Sein Roman "The Turner Diaries", bei Neonazis beliebt, inspirierte Timothy McVeigh 1995 zum Bombenanschlag auf ein Regierungsgebäude in Oklahoma City, bei dem 168 Menschen starben.

Fast 30 Jahre lang dominierte die NA die amerikanische Neonazi-Szene. In den Neunzigerjahren knüpfte Pierce erfolgreich Kontakte zu europäischen Neonazi-Gruppen und gründete 1999 zudem das Plattenlabel "Resistance Records" für Nazi-Musik. 2002 starb Pierce, nach etlichen Streitigkeiten verlor die Organisation einen Großteil der Mitglieder und wurde 2013 offiziell aufgelöst.


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Die NSDAP/AO (das Kürzel AO steht für Aufbau- und Auslandsorganisation) wurde 1972 vom Neonazi Gary Rex Lauck gegründet. Sie setzt sich für die Wiederzulassung der NSDAP und die Wiedereinführung des Nationalsozialismus in Deutschland ein. Lauck, als Kind einer deutsch-amerikanischen Familie in Milwaukee geboren, ist seit seinem 11. Lebensjahr Hitler-Fan und änderte als 19-Jähriger seinen Vornamen von Gary in Gerhard. 1978 schoss Lauck nach einem politischen Streit auf seinen Bruder und verwundete ihn. Wegen seiner Herkunft wird er auch "Farm Belt Führer" genannt, tritt mit Hitler-Bärtchen und Hitlergruß auf und eignete sich sogar einen falschen deutschen Akzent an.

Mit der NSDAP/AO verbreitete Lauck zunächst illegale Neonazi-Propaganda in 30 Ländern und kooperierte mit schwedischen und norwegischen Neonazi-Gruppen; daraus entstand der "Nordic National Socialist Bloc". Nach der deutschen Wiedervereinigung half er den Neonazis Michael Kühnen, Gottfried Küssel und Christian Worch, die "Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front" in Ostdeutschland zu etablieren.

Auf einer seiner Reisen wurde Lauck 1995 in Dänemark verhaftet und nach Deutschland überstellt, wo man ihn wegen Verbreitung von Neonazi-Propaganda per Haftbefehl suchte. Nach einer vierjährigen Haftstrafe kehrte er in die USA zurück. Weil durch das Internet der Bedarf an Laucks gedruckter Propaganda rapide sank, vertreibt er jetzt Nazi-Devotionalien im Netz und bietet zudem Hosting an: Europäische Neonazis mit Angst vor Strafverfolgung können bei ihm ihre Homepages in den USA registrieren.


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Der Ku-Klux-Klan hat eine lange Tradition des Rassenhasses und wurde Heiligabend 1865, kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, gegründet. Die Organisation spezialisierte sich auf alle Spielarten des Terrors gegen Afroamerikaner, in weißen Kostümen und Kapuzen sowie mit brennenden Kreuzen als mystische Symbole. Vorzugsweise nachts gingen die Mitglieder auf Tour und ließen von Lynchmorden über Vergewaltigungen bis zum Teeren und Federn ihrer Opfer kein Gewaltverbrechen aus. Immer mal wieder löste der KKK sich auf oder wurde aufgelöst und gründete sich danach einfach neu.

In den Zwanzigerjahren protestierte der Klan auch gegen die Einwanderung von Katholiken und Juden, verlor dann allmählich an Macht und Schrecken, erstarkte aber in den Sechzigern erneut, als Antwort auf die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Der KKK attackierte, mordete und bombte, mit zahlreichen Todesopfern. Doch seitdem schwächten zahlreiche interne Konflikte den Geheimbund. Die Splittergruppen des KKK kommen heute zusammen USA-weit auf geschätzt 5000 bis 8000 Mitglieder.


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In der Bewegung Alternative Right, kurz Alt Right, sammeln sich derzeit Ultrarechte der USA: weiße Nationalisten, Rassisten und Antisemiten, Neonazis, frühere KKK-Führer. Richard Bertrand Spencer (Foto), Leiter des rechtskonservativen Think Tanks "National Policy Institute", gebrauchte den Begriff 2008, um die Anhänger stark rechtskonservativer Ideale zu beschreiben, vor allem der Idee einer weißen Identität. Zwei Jahre später ging Spencer mit dem "Alternative Right Blog" online, um die Ideologie der Alternativen Rechten weiter zu formen.

Vertreten sind sehr verschiedene Strömungen. Dazu zählen etwa auch "Archäofuturisten", die eine Rückkehr zu traditionellen Werten mit den modernen Errungenschaften der Gesellschaft und Technologie verbinden wollen. Oder "Rasse-Realisten", die ihre Theorien mit pseudowissenschaftlichen Argumenten unterlegen. Ihnen allen ist der Bruch mit dem etablierten Konservatismus gemeinsam. Amerikas Alternative Rechte protestiert, ähnlich wie identitäre Bewegungen in Europa, gegen Einwanderung, Multikulturalismus und Feminismus. Sie sieht die weiße Rasse als überlegen an und behauptet, die Mainstream-Medien würden von Juden kontrolliert. Wichtigstes Sprachrohr der Bewegung ist das Onlineportal Breitbart News, dessen Chef Stephen Bannon vom designierten US-Präsidenten Donald Trump zum ranghöchsten politischen Berater ernannt wurde.



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