Rechtsradikale SRP Geheim ins Reich

Rechtsradikale SRP: Geheim ins Reich Fotos
DER SPIEGEL

Sie glorifizierte Hitler und nannte Gaskammern eine "revolutionäre Methodik": In den Fünfzigern hetzte die Sozialistische Reichspartei gegen die Demokratie und saß sogar im Bundestag. Die Skandale der braunen Truppe hielten das Land monatelang in Atem - und sorgten für das erste Parteiverbot der Republik. Von Peter Maxwill

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    4.4 (34 Bewertungen)

Zielstrebig schritt der Saaldiener im Plenarsaal des Bundestags zu dem Mann mit dem streng pomadisierten Haar und dem dünnen Oberlippenbärtchen. An dessen Platz angekommen, reichte er dem Parlamentarier die Anwesenheitsliste. Der kritzelte routiniert seine Signatur darauf: Dr. Richter. Als der 40-Jährige wenig später die Sitzung verließ, folgten ihm zwei Männer zunächst in die Wandelhalle des Bonner Bundeshauses, dann brachten sie den Politiker in ihr Dienstzimmer im Kellergeschoss: das Büro der Kripo. Dort klickten die Handschellen.

Die zwei Männer waren Polizisten in Zivil, und sie hatten Richter an diesem 20. Februar 1952 auf frischer Tat ertappt. Der Bundestagsabgeordnete hatte sich im Plenarsaal der Urkundenfälschung schuldig gemacht, als er mit falschem Namen unterschrieb. Dr. Franz Richter hieß eigentlich Fritz Rößler, doch das war nur eine von vielen Lügen im Lebenslauf des Abgeordneten.

Rößlers Enttarnung beendete eine der bizarrsten Karrieren der jungen Bundesrepublik und brachte ein gigantisches Lügengebilde zum Einsturz. Er hatte sich selbst für tot erklärt, seine Frau als angebliche Witwe seines Frontkameraden Fritz Rößler erneut geheiratet und die eigenen vier Kinder adoptiert. Rößler war kein Geschichtslehrer und er war auch nicht promoviert. Die Behörden wurden auf den Schwindel erst aufmerksam, als alte Bekannte Rößlers auf die Ähnlichkeit des Abgeordneten mit einem hochrangigen Nationalsozialisten hinwiesen.

Deutschlandlied und uniformierter Saalschutz inklusive

Jahrelang war es dem Politiker gelungen, die Behörden und das Parlament über seine wahre Identität zu täuschen: Der Mann, der in der gewählten Vertretung der Deutschen saß, war tatsächlich alles andere als ein Demokrat. Er hatte unter Hitler Karriere gemacht, unter Goebbels im Propagandaministerium gedient und die Gauhauptstelle in Sachsen geleitet. Und hatte es als strammer Nazi danach in den ersten deutschen Bundestag geschafft.

Die Geschichte könnte hier zu Ende sein - wäre das, was folgte, nicht mindestens genauso spektakulär wie die Münchhausen-Story des Altnazis Fritz Rößler. Das Ende des Abgeordneten bildete den Auftakt für einen Polit-Krimi, der die Bundesrepublik für Monate in Atem halten sollte. Der Krimi handelt vom Aufstieg und Fall der Sozialistischen Reichspartei (SRP), die den Bundestag kaperte, für spektakuläre Prozessen und Schlagzeilen sorgte, sensationelle Wahlergebnisse feierte - und schließlich verboten wurde, als erste Partei in der BRD.


einestages gefällt Ihnen? Hier können Sie Fan bei Facebook werden.

Im Rückblick wirkt es unglaublich, dass die SRP überhaupt im Bundestag sitzen konnte. Sie forderte offen das Deutsche Reich zurück, hetzte gegen Juden und Linke - Marschmusik, Deutschlandlied und uniformierter Saalschutz inklusive. Wenn die Redner bei Versammlungen ins Mikrofon brüllten, pfiffen die Lautsprecher. 233 Mal schrieb allein die "Frankfurter Rundschau" über die Partei, die sich offen auf den Geist der NSDAP berief.

Hitlers Lieblingsoffizier wird Stellvertreter

Zu den prominentesten Köpfen der Skandalpartei zählte eben jener Fritz Rößler, der im Februar 1952 aufflog - und der Vorsitzende Fritz Dorls, NSDAP-Mitglied von 1929 bis 1945. Mit zwei Mitstreitern hatte er im Juni 1949 den Grundstein für den rasanten Aufstieg der SRP gelegt - und die "Gemeinschaft unabhängiger Deutscher" gegründet. Kurz darauf schlossen sich Dorls und Rößler der Deutschen Rechtspartei - kurz DRP - an, einem Sammelbecken von Altnazis, Antisemiten und Autoritär-Konservativen. Sie profitierten davon, dass zur ersten Bundestagswahl noch keine Fünf-Prozent-Hürde galt: So saßen vier Jahre nach Hitlers Tod 1949 mit Dorls und Rößler wieder zwei Nationalsozialisten in einem deutschen Parlament - und verbargen ihre kruden Ansichten nicht.

Auf einer Pressekonferenz erklärte Dorls im Mai 1950 die NS-Diktatur zum "Höhepunkt einer revolutionären Entwicklung des Abendlandes", die Gaskammern in den Konzentrationslagern zur "revolutionären Methodik dieser Epoche". Als er mit diesen Thesen für Empörung sorgte, war das schon nicht mehr das Problem der DRP: Die hatte Dorls wegen angeblicher Kontakte zum Nationalsozialisten Otto Strasser längst aus der Partei ausgeschlossen. Doch der Geschasste münzte seinen Rauswurf um, behielt das Bundestagsmandat und gründete eine eigene Partei - die SRP. Rößler folgte ihm mitsamt Parlamentssitz bald nach, Dorls selbst wurde Vorsitzender der Ultrarechten. Zu seinem Stellvertreter erkor die Partei einen Mann, der zu dieser Zeit weit über Deutschland hinaus bekannt war: Otto Ernst Remer, einer von Hitlers Lieblingsoffizieren.

Remer, im Dritten Reich Kommandeur des Wachbataillons "Großdeutschland", war ausgerechnet am 20. Juli 1944, dem Tag des Stauffenberg-Attentats, zur Berühmtheit geworden: Als Offizier hatte der stramme Nationalist den Putschversuch gegen Hitlers Regime niedergeschlagen. Der Diktator zeigte sich dankbar, baute Remer zum "Wochenschau"-Star auf und übertrug ihm das Kommando der "Führer-Begleit-Brigade". Remer war ein Held, ein Nazi-Held. Und darauf war er stolz.

Bei einer Wahlkampfrede in Braunschweig brüstete sich Remer am 3. Mai 1951 mit seiner Tat: Ein Blutvergießen habe er im Sommer 1944 verhindert, sagte er vor tausend Zuschauern, und: "Sie können Gift darauf nehmen, diese Landesverräter werden eines Tages vor einem deutschen Gericht sich zu verantworten haben." Folgenschwere Worte.

In Bonn ärgerte sich schon seit Wochen ein mächtiger Mann über die Hasstiraden der Altnazis: Innenminister Robert Lehr. "Es ist einwandfrei erwiesen", sagte er, "dass diese Partei einen Aufruhr gegen den Staat herbeiführen will." Für den CDU-Minister, der selbst dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus angehört hatte, war das Parteiverbot eine persönliche Mission. "Kanonen-Lehr", wie die Presse den rabiaten Minister nannte, sollte der schärfste Gegner der Rechtsradikalen werden.

Einen Tag nach Remers Rede in Braunschweig plädierte Lehr für einen "sofortigen Zugriff" gegen die SRP, die sich "durch nichts von der NSDAP" unterscheide. Am selben Tag verbot er die SRP-Ordnertruppe "Reichsfront". Und Lehr scheute auch die direkte Konfrontation nicht: Weil er ohne die Zustimmung des Bundeskabinetts kein Verbotsverfahren einleiten konnte, verklagte er Remer privat. Als Mitglied des Widerstands fühle er sich persönlich beleidigt. Lehr sollte den Rechtsstreit später gewinnen - doch ausgerechnet in den Monaten seines Kampfes gegen die "rechtsradikalen Strolche", wie er die Nazis nannte, begann deren rasanter Aufstieg.

27,7 Prozent - die SRP wird in Verden stärkste Fraktion

Die SRP erfuhr einen beispiellosen Boom, vor allem in Niedersachsen: 6500 ihrer 11.200 Mitglieder rekrutierte die SRP hier, Remer nannte das Bundesland den "Kristallisationskern eines zukünftigen gesamtdeutschen Reiches": Vertriebene, Flüchtlinge und Arbeitslose waren nach dem Krieg nach Niedersachsen geströmt, viele waren verbitterte Altnazis. Für die SRP ein Glücksfall: Bei den Landtagswahlen im Mai 1951 erhielt sie elf Prozent der Wählerstimmen und ergatterte 16 Mandate, ein halbes Jahr später zogen in Bremen acht SRP-Abgeordnete in die Bürgerschaft ein. In Verden an der Aller stellte die Remer-Truppe sogar die stärkste Fraktion, nachdem sie sensationelle 27,7 Prozent der Stimmen erhalten hatten.

Ausgerechnet dort, in der Parteihochburg Verden, stand Parteigrande Remer im März 1952 vor Gericht: Er hatte der Bundesregierung bei einem Wahlkampfauftritt unterstellt, sich für den Fall eines Krieges "Ausweichquartiere in London" besorgt zu haben. Kanzler Adenauer klagte auf Verleumdung, das Gericht gab ihm Recht: Remer musste für vier Monate ins Gefängnis. Während der Haft brummte ihm ein anderes Gericht drei weitere Monate auf, weil er die Widerstandskämpfer um Stauffenberg verunglimpft hatte. Remer, der noch Jahre später als Holocaust-Leugner für Schlagzeilen sorgen sollte, war nach Fritz Rößler der zweite prominente SRP-Abgeordnete, den der Rechtsstaat demontierte.

Die sensationellen Wahlerfolge, die Rößler-Affäre und der Prozess gegen Remer läuteten den Anfang vom Ende der rechtsradikelen Partei ein. Um das zu erreichen, musste sich die Bundesregierung nicht einmal abmühen: Knapp und unpräzise formulierte Adenauers Kabinett im November 1951 den Verbotsantrag, dem nur wenig Beweismaterial beigefügt war. Dass der Verfassungsschutz auch V-Männer in der Partei unterhielt, dass der Behörde angeblich kaum Belastungsmaterial vorlag - all das war damals kein Hinderungsgrund.

Fritz Dorls ahnte früh, dass seine Partei vor dem Ende stand. Im Juli 1952 schwadronierte er zurückgelehnt im Polstersessel in einer Münchner Wohnung vor Parteigenossen über die Zukunft der SRP: Untergrundorganisationen wie die "Nationale Opposition" in Osnabrück sollten die Mitgliedermassen der Nazi-Partei aufnehmen, Strohmänner als Vereinsbosse das Projekt tarnen. "Bis 1954", orakelte Dorls, "werden wir kräftig genug sein, um die Reichsregierung übernehmen zu können." Zwei Wochen später berichtete der SPIEGEL detailliert über Dorls' Pläne, es kam zum Bruch in der Parteiführung. Prompt suspendierte das "Parteiehrengericht" den Vorsitzenden - der tauchte unter.

Am 23. Oktober 1952 setzten die Richter dem furiosen Aufstieg der Altnazis in der jungen Demokratie ein Ende und verboten die "Sozialistische Reichspartei". Ihr Urteil war eindeutig: "Die SRP ist in ihrem Programm, ihrer Vorstellungswelt und ihrem Gesamtstil der früheren NSDAP wesensverwandt." Die Bundes- und Landtagsmandate der braunen Truppe wurden vom Bundesverfassungsgericht gestrichen.

Artikel bewerten
4.4 (34 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen