Streit um Martin-Luther-King-Rede Die Gedanken sind unfrei

Streit um Martin-Luther-King-Rede: Die Gedanken sind unfrei Fotos
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Vor 50 Jahren elektrisierte Martin Luther Kings "I have a dream"-Rede die Massen. Kurz nach seinem Tod aber wurde sie unter Verschluss gehalten. Kings Erben behaupten, seine Worte seien Privatbesitz und verfolgen jeden, der sie benutzt ohne dafür zu bezahlen. Von

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Am späten Nachmittag des 28. August 1963 bahnt sich Martin Luther King jr. seinen Weg zum Rednerpult. Er legt seinen Text ab und schaut auf die jubelnde Menge, die sich am Fuße des Lincoln Memorial versammelt hat. 250.000 Menschen sind gekommen, mehr, als er erwartet hat. Beidseits des Reflecting Pool, der sich im Osten des Denkmals erstreckt wie eine glitzernde Landebahn, sitzen Leute auf dem Rasen. Es ist heiß. Den ganzen Tag über gab es Reden, Mahalia Jackson hat gesungen, aber King, Präsident der Southern Christian Leadership Conference, ist die Hauptperson. Sie rufen seinen Namen.

King lächelt vorsichtig. "Danke", sagt er, ein paarmal, aber der Applaus nimmt nicht ab. Er sieht auf seinen Text. Bis vier Uhr am Morgen hat er mit seinen Assistenten daran gearbeitet, jedes Wort sollte sitzen. Es ist ein wichtiger Moment, der Abschluss der bislang größten Demonstration gegen die Rassendiskriminierung, die in den Südstaaten immer noch Realität ist. Fernsehsender haben ihr Programm unterbrochen für eine Live-Übertragung. King stützt beide Händen auf das Podium. Er beginnt vorzulesen, im Predigermodus, langsam und getragen.

Es soll eine der bedeutendsten Ansprachen der amerikanischen Geschichte werden, bekannt unter ihrem Refrain: "I have a dream". Es ist ein Traum von Freiheit und Gleichheit - und sein Wortlaut ist Privatbesitz. Wer daraus zitiert, muss mit einer Klage rechnen.

Wem gehören die Worte von Martin Luther King?

Denn während die Bürgerrechtsbewegung die Ermordung Kings nicht lange überlebte, werden seine Erben auch 50 Jahre nach dem Marsch auf Washington für Jobs und Freiheit nicht müde, zur Not auch vor Gericht darüber zu streiten, wem die Worte des Friedensnobelpreisträgers gehören.

Die zentrale Frage ist: War seine Rede der Allgemeinheit gewidmet? Dann müsste sie so etwas wie ein öffentlicher Park sein, zugänglich für alle. Oder war sie eher eine Performance für ein ausgewähltes Publikum? Dann wäre sie das rhetorische Äquivalent zu einem Privatgrundstück.

Wie King selbst darüber dachte, kann man nur vermuten. Einerseits verstand er sich immer als Figur im Dienst einer viel größeren, universalen Idee, die er nur vertrat. Was für den öffentlichen Park spräche. Andererseits hat er einen Monat nach der Rede selbst ein Copyright angemeldet. Das ist die Grundlage, auf der seine Erben heute noch Prozesse führen.

Ausgeschlachtet für die Werbung

Kurz nach Kings Ermordung im Jahr 1968 gründete seine Witwe Coretta das Martin Luther King Jr. Center for Nonviolent Social Change, kurz: King Center. Die Abteilung Intellectual Property Management kümmert sich bis heute um Copyright-Fragen. So solle der Name des Bürgerrechtlers geschüzt werden, lautet die offizielle Begründung.

1987 verklagten die King-Erben den Produzenten Henry Hampton, der in "Eyes on the Prize", einer 14-stündigen Dokumentation über die Bürgerrechtsbewegung, Originalaufnahmen der Dream-Rede verwendet hatte. "USA Today" wurde verklagt, als sie die Rede am 30. Jahrestag des March on Washington abdruckte. Später traf es den Fernsehkonzern CBS, der ein Video mit seinem damals gedrehten Material vertreiben wollte. Die Journalisten argumentierten, King sei eine Person der öffentlichen Zeitgeschichte, sie gewinnen in erster Instanz. Die Kings gehen in Berufung. 1999 befand der nächste Richter, die Rede sei eine urheberrechtlich geschützte Performance und keine "general publication" gewesen. Seitdem ist die Dream-Speech Privatgrundstück. Der Eintritt kostet Geld.

Doch während Journalisten die Nutzung verwehrt wurde, gingen Lizenzen an Apple, Alcatel und Cingular Wireless - für Werbespots. Ein Spot zeigt King im Duett mit Kermit dem Frosch. Kritiker waren empört: Das King Center verscherbele das Erbe des genialen Rhetorikers, zerstückele einen Text mit historischer Bedeutung in sinnentleerte Werbejingles. 2000 forderte der King-Forscher Michael Eric Dyson ein zehnjähriges Moratorium, in der die Rede weder gelesen noch gehört werden dürfe. Damit man sich danach wieder dem nähern könne, um das es wirklich geht: dem Text und seiner Botschaft.

Hat King selber geklaut?

Tut man das, wird die Frage der Urheberschaft noch ein wenig komplizierter. Als Prediger arbeitete King mit Textbausteinen. Er verfügte über einen enormen Fundus religiöser und politischer Zitate, kannte seine Lieblingsdichter auswendig und bediente sich bei anderen Predigern. Am 28. August 1963 zitiert er die Emancipation Proclamation, mit der Abraham Lincoln hundert Jahre zuvor die Sklaverei abgeschafft hatte. Er vergleicht sie mit einem "ungedeckten Scheck" - eine Metapher, die vor ihm schon Malcolm X gebraucht hatte. Der Refrain "Let freedom ring" wiederum geht auf Archibald Carey zurück, einen Chicagoer Prediger. Und ein Großteil der Rede stammt natürlich aus der Bibel. Die Dream-Speech wurde weniger geschrieben als arrangiert aus schon vorhandenem Material.

Diese Mash-up-Methode ist auch eine Botschaft. Wer in Zitaten und Allusionen spricht, reiht sich ein in eine Tradition, stellt sich in den Dienst einer Idee, die älter ist als er selbst. Originär jedoch ist die Umsetzung, das Finden des richtigen Bildes im richtigen Moment. Und darin war King tatsächlich ein Genie.

Nachdem er rund zehn Minuten vom Blatt gelesen hat, schaut er auf. Er muss gemerkt haben, dass die geschriebene Rede nicht ganz zur Stimmung passt. In Interviews wird er später sagen, dass das Publikum einfach so wundervoll war an dem Tag. Und dass da plötzlich diese Worte waren: "I still have a dream." Er spricht jetzt weiter, aber ohne aufs Blatt zu sehen. Seine Assistentin wird unruhig, sie kann die Stelle im Skript nicht finden. "He's off now. He's on his own", sagt sie zu ihrem Kollegen. King liest nicht mehr ab, er predigt.

"Er würde sich im Grabe umdrehen"

Als er in den fünfziger Jahren am Crozer Theological Seminary in Pennsylvania studierte, besuchte er auch einen Kurs in Homilectics, der Kunst des Predigens. Mit seinen Kommilitonen entwickelte er dort eigene Strategien. Eine nannten sie: "Der Hase im Busch". Dabei lässt sich der Prediger vom Publikum leiten. Reagiert es auf eine Idee, feuert er weiter in diese Richtung. An diesem Augusttag ist es seine Interpretation des amerikanischen Traumes, die das Publikum hinreißt. Er muss lauter sprechen, um den Applaus und die Rufe zu übertönen. "Dream some more!", rufen sie. King hat den Hasen gefunden. Er macht Pausen, um die Reaktionen abzuwarten. Man könnte sagen, sie entwickeln die Rede gemeinsam, King und sein Publikum.

Auch der Alcatel-Werbespot zitiert diese Response-Technik. Nur spricht King hier zu einem menschenleeren Platz, wie ein Idiot. "Before you can inspire", sagt ein Sprecher in Kings Pausen hinein, "before you can touch, you must first connect." Und dazu, so die Pointe, braucht man keine göttliche Inspiration, sondern einen fähigen Kommunikationsdienstleister.

"Martin Luther King würde sich im Grabe umdrehen", sagte Bill Rutherford, der ehemalige Geschäftsführer der Southern Christian Leadership Conference, dazu. "Er hat sein Leben dafür aufs Spiel gesetzt, Ideen zu kommunizieren - aber nicht, sie zu verkaufen."

Endlich frei

2009 übertrug das King Center die Verwaltung der Urheberrechte an EMI Publishing, wie viel Geld floss, blieb geheim. Als EMI später von Sony aufgekauft wurde, witzelte ein satirisches Onlinemagazin für Computerspiele, es gebe Martin Luther King demnächst auch für Playstation.

Heute findet man auf YouTube Kopien der Mitschnitte, die meisten sind nicht lizensiert. "Wir haben ein Anwaltsteam, das diese Leute kontaktiert und rechtlich belangt, sofern die Urheberrechtsverletzung nicht eingestellt wird", heißt es dazu drohend von Seiten des Intellectual Property Management.

Aber kann eine Zitatcollage, zusammengefügt in einem Moment, vielleicht sogar aus göttlicher Inspiration, Privateigentum sein? In den USA gilt das Copyright bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Die Dream-Speech ist also noch bis 2038 geschützt. Danach ist sie frei, endlich.

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insgesamt 8 Beiträge
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    Seite 1    
1.
stefan maass 27.08.2013
So ist es nun einmal mit Priestern und ähnlichen Lügnern, das ist auch bei Mr. King nicht anders gewesen. Money talks ! Seine ausserehelichen Aktivitäten werden ja auch nur zu gern "vergessen".
2.
Thomas Halfmann 27.08.2013
Liebes SPON Team, Sie schreiben in Ihrem Beitrag: "Bis vier Uhr am Morgen hat er mit seinen Assistenten daran gearbeitet, jedes Wort sollte sitzen. ... King stützt beide Händen auf das Podium. Er beginnt vorzulesen, im Predigermodus, langsam und getragen." In Ihrem Beitrag vom 23.08.2013 "Marsch auf Washington - "Martin, erzähl ihnen von dem Traum"" schreiben Sie: "Als Martin Luther King am Rednerpult stand und sprach, saß die Sängerin Mahalia Jackson hinter ihm und rief: "Martin, erzähl ihnen von dem Traum." Im Redemanuskript stand nichts von einem Traum, aber der Pfarrer und Bürgerrechtsaktivist fing an zu improvisieren." Was denn nun? Improvisation oder akribisch vorbereitet und abgelesen?
3.
Sylvia Götting 27.08.2013
"Kings Erben behaupten, seine Worte seien Privatbesitz und verfolgen jeden, der sie benutzt - ohne dafür zu bezahlen." Na, dann wird sich Youtube vor Angst in die Server machen, wo die Rede unter diesem Link frei zu sehen und natürlich zu hören ist: http://www.youtube.com/watch?v=smEqnnklfYs
4.
Georg Schmidt 27.08.2013
naja, es in Südafrika so und warum solls in den USA anders sein-ham se schon geerbt ? Schmidt Georg, Lollar
5.
F. R. 29.08.2013
Dr. King bzw. seine Erben haben natürlich das Urheberrecht und damit alle Verwertungsrechte. Und die gelten halt bis 70 Jahre nach Dr. Kings Tod. Wenn jemand die geistige Schöpfung eines anderen (auch kommerziell) nutzen möchte, braucht er die Zustimmung des Rechteinhabers. Das ist bei Disney-Bildern schließlich auch so. Oder wenn man ein Grass-Drama aufführen wollte. Wieso sollte das gerade in diesem Fall anders sein? Auf einem anderen Blatt steht natürlich, dass die Schutzfristen generell DEUTLICH zu lang sind, verglichen etwa mit gewerblichen Patenten. Das sollte man genauso ändern wie die Veto-Möglichkeit von Rechteinhabern bei Benutzung von Werken in einem anderen Kontext ("Recht auf Remix"). Aber noch sind die Gesetze wie sie sind und Dr. Kings erben in einem schlechten Licht darzustellen, obwohl die Autorin dieses Artikels genauso vom Urheberrecht profitiert, ist schon ziemlich heuchlerisch.
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