Red Adair Der Mann, der das Feuerzeug des Teufels löschte

Er bekämpfte brennende Ölquellen mit kiloweise Dynamit, 1962 erstickte er so das berüchtigtste Feuer der Welt. Was für ein Mann war Brandbekämpfer Red Adair?

Popperfoto/Getty Images

Der Mann fuhr durch die Hölle. Unablässig bebte die Erde unter seinem Bulldozer, infernalischer Lärm betäubte seine Ohren. Der Lack des Baugeräts hatte sich schon lange verflüssigt. Meter für Meter näherte sich Paul Neal Adair einer rund 250 Meter hohen Feuersäule in der algerischen Sahara. "Feuerzeug des Teufels" hatten Journalisten die brennende Gasquelle getauft. Seit Stunden kühlten Adairs Männer an diesem 28. Mai 1962 den Sand um das Flammenmeer mit Tausenden Litern Wasser, damit er sich überhaupt dem Brandherd nähern konnte.

Größere Sorge als die sengende Hitze bereitete dem Feuerwehrmann die explosive Fracht, die er auf einem etwa 20 Meter langen Ausleger vor seinem Fahrzeug beförderte - mehr als 300 Kilogramm Sprengstoff, gut verpackt in zwei mit Asbest isolierten Fässern. Als die Sprenglandung schließlich die ideale Position erreicht hatte, sprang Adair aus dem mit Hitzeschilden geschützten Bulldozer heraus und rannte zum sicheren Unterstand.

Mit aller Wucht presste er den Sprenghebel herunter: nichts geschah. "Zur Hölle mit dir!", schrie Adair und drückte den Hebel noch einmal. Jetzt explodierte das Fass in einem Feuerball. Der Bulldozer wurde in die Luft geschleudert, Steine und Staub regneten herab. Als die Männer wieder sehen konnten, war das Feuerzeug des Teufels ausgeblasen. Sie hatten das berüchtigtste Feuer des Planeten erstickt - Paul Neal Adair, der die Operation geleitet hatte und den alle wegen seiner roten Haare nur "Red" nannten, wurde weltberühmt.

"Was, zum Teufel, ist in dich gefahren?"

Der Rotschopf stammte aus der texanischen Ölmetropole Houston. Am 18. Juni 1915 geboren, wuchs er mit seinen sieben Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Mutter war an Tuberkulose erkrankt, der Vater machte bald mit seiner Schmiede Pleite.

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Brandbekämpfer Red Adair: Der Feuerfresser aus Texas

Um die Familie zu unterstützen, ging Red früh von der Schule ab und arbeitete in zahlreichen Jobs. Bereits als Zwölfjähriger fing er nebenbei mit zwei Freunden außerhalb Houstons wilde Pferde ein, um sie verkaufen. Später arbeitete er für einen Schwarzbrenner, fuhr Pakete aus und landete schließlich in einer Eisenbahnwerkstatt. Erst mit 25 Jahren konnte er einen besser bezahlten Job bei einer Ölfirma ergattern.

Im gleichen Jahr arbeitete der kleine, schlaksige Adair auf einem Gasfeld in Arkansas, als ein gewaltiges Brüllen einsetzte. Der Boden wackelte, die Männer rannten um ihr Leben - bis auf Red Adair. Es drohte ein sogenannter Blow-out: das unkontrollierte Austreten des Gases aus der Tiefe mit gewaltigem Druck. Meistens entzündet sich kurz darauf das hervorschießende Gas oder Öl. Eigentlich sollte ein "Blow-out-Preventer" genau so ein Unglück verhindern, doch gerade diese Sicherheitsvorrichtung drohte an der Bohrlocheinfassung abzureißen. Schnell holte Adair einen Schraubenschlüssel von seinem Laster und sicherte den Preventer. "Was, zum Teufel, ist in dich gefahren?", fuhr ihn sein Vorarbeiter an, wie er Jahrzehnte später seinem Biografen Philip Singerman erzählte.

Die Geschichte sprach sich herum. Bald wurde ein Mann namens Myron Kinley auf den jungen Ölarbeiter aufmerksam. Der fast 20 Jahre ältere Kinley war einer der wenigen, der den Todesmut aufbrachte, sich einer außer Kontrolle geratenen Ölquelle zu nähern. Seine Spezialität: Brände durch Explosionen zu ersticken. Bald erhielt Adair mehr und mehr Aufträge von seinem neuen Mentor. Und erfuhr am eigenen Leib, wie gefährlich der Job war. Als er 1941 an einer Ölquelle arbeitete, stieg plötzlich der Druck. Sekunden später flog Adair gut 25 Meter in Luft. Er überstand den Unfall halbwegs unverletzt, zwei andere Arbeiter starben. "Verdammte Scheiße!", meinte Adair hinterher geschockt.

"Ich blase euch das Höllenfeuer aus"

Erst 1959 endete Adairs und Kinleys Zusammenarbeit. Der Jüngere gründete im Alter von 44 Jahren mit der Red Adair Company sein eigenes Unternehmen. Seit er drei Jahre später in der Sahara das Feuerzeug des Teufels gelöscht hatte, riefen die Ölmanager überall auf der Welt nach Adair, wenn eine Quelle außer Kontrolle geriet - mehr als 40 Mal im Jahr rückte er mit seinen Männern aus.

Adair, der niemals einen Schulabschluss erworben hatte, genoss den Ruhm und verlangte Spitzenhonorare von bis zu einer Million Dollar täglich. Zahllose Menschen auf der Welt bewunderten seinen Mut, sich nur mit einem Schutzanzug bis auf wenige Meter einer mehr als tausend Grad Celsius heißen brennenden Ölquelle zu nähern. Journalisten rissen sich um Interviews mit dem Brandmeister, der stets einen markigen Spruch auf den Lippen hatte. "Gebt mir genügend Dynamit und ich blase euch das Höllenfeuer aus", meinte Adair einmal.

Rot erkor der Medienprofi zu seinem Markenzeichen. Sein Schutzanzug war rot, seine Krawatten waren rot, seine Dutzenden Edelautos vom Typ Bentley und Mercedes-Benz waren selbstverständlich ebenfalls in dieser Farbe lackiert. Die Frage nach der Haarfarbe seiner Sekretärin erübrigt sich. Adair liebte schnelle Autos und ebenso PS-starke Rennboote. Denen er in der Regel denselben Namen gab: "Blow-Out". Neben der Anschaffung derart teuren Spielzeugs unterstützte Adair mit Millionensummen wohltätige Einrichtungen.

Macho aus Texas

Es dauerte nicht lange, bis Hollywood auf die Geschichte des "Katastrophenkillers", wie einer seiner Spitznamen lautete, aufmerksam wurde. Adairs Leben hörte sich in der Tat an wie ein Abenteuerfilm. 1951 war er in letzter Minute von einem kolumbianischen Bohrfeld geflohen - die Pfeile feindlicher Indianer hatten sich bereits in die Tragflächen seines Flugzeugs gebohrt. Derart inspiriert spielte John Wayne 1968 im Streifen "Hellfighters" schließlich einen heldenhaften Brandbekämpfer. Adair brachte bei den Dreharbeiten sein Fachwissen ein - und schloss mit Wayne Freundschaft.

Im persönlichen Umgang war der weltbekannte Feuerwehrmann bisweilen mit Vorsicht zu behandeln. Bei der Brandbekämpfung war Adair ein unermüdlicher Organisator, dem vor allem die Sicherheit seiner Leute wichtig war. Daheim in Texas gebärdete er sich bisweilen als Büroschreck. Wenn er sich langweilte, ließ er seinen Frust an seinen Mitarbeitern aus. Später taten ihm die Ausbrüche leid und er revanchierte sich mit exklusiven Uhren oder neuen Autos. Vor allem seine Frau Kemmie hatte aber unter Adairs Machotum zu leiden. Als sie in den Vierzigerjahren eine Karriere als Sängerin anstrebte, lautete Adairs kategorische Antwort: "Niemals!"

Lange daheim war der Ehemann und zweifache Vater ohnehin nicht. Mehr als 200 Tage im Jahr war Adair weltweit im Einsatz. 1988 löschte er mit seinen Männern den Brand der Bohrinsel Piper Alpha, der 167 Arbeitern das Leben gekostet hatte. "Es ist das Schlimmste, was ich je gesehen habe", meinte er über das Unglück.

"Einsamer Marsch"

Er sollte sich irren. Drei Jahre später steckten irakische Truppen bei ihrem Rückzug aus Kuwait im Ersten Golfkrieg fast 700 Ölquellen in Brand. Metertiefe Seen aus Öl und gigantische Rauschschwaden verhalfen der brennenden Region zum Spitznamen "Nationalpark des Satans". Neben Löschteams aus der ganzen Welt rückte Adair mit seinen Männern an - und gab selbst nach gut zwei Wochen auf. 76 Jahre war der Brandbekämpfer mittlerweile alt. Bei seinen gut 2000 Einsätzen hatte er sich unzählige Verletzungen und Verbrennungen zugezogen. Einmal hatte ihm ein Kran das Becken zerschmettert, mehrmals war er wegen stechender Gase zeitweilig erblindet, der Lärm hatte ihn schwerhörig werden lassen.

Adair reiste zurück in die USA und kümmerte sich um die Versorgung seiner Männer in Kuwait mit Material. Die leisteten ganze Arbeit, Ende 1991 wurde die letzte brennende Ölquelle gelöscht. Zwei Jahre später verkaufte er sein Unternehmen.

Adair starb am 7. August 2004 mit 89 Jahren friedlich in einem Krankenhaus - berühmt und geachtet als amerikanischer Held. Einblicke hinter diese Fassade ließ er nur selten zu. Was er empfand, wenn er sich einer brennenden Ölquelle näherte, offenbarte er einmal seinem Biografen Singerman: "Es ist ein einsamer Marsch, mein Junge, das kannst du mir glauben."



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Seite 1
Dale Cooper, 18.06.2015
1.
also das kann nicht sein, dass Feuer heiss ist. in Hollywoodfilmen ist Feuer selten heiss, erst bei unmittelbarer Nähe/Kontakt.
Jens Habermann, 18.06.2015
2. Bewunderung
Was für ein erfülltes Lebenswerk! Ruhe in Frieden, Red Adair!
Gerhard Fuetterer, 18.06.2015
3. Ölquellen in Kuweit
wenn ich mich recht erinnere , und dies sollte auch hier erwähnt werden, haben tchechische oder jugoslawische Arbeiter, nicht aus der RED ADAIR Gruppe mit einem auf einen Panzer montierter Düsenjäger Triebwerk die brennenden Quellen, durch abreisen des Luftstroms gelöscht. Zu dieser Zeit war auch der Frankfurter Feuerwehrchef angefragt worden wusste aber auch keine Löschungsmethode.
Christian Kohnert, 18.06.2015
4.
Hat noch jemand in den 90'ern "Oil Imperium" von reLine auf dem Amiga, PC oder C64 gespielt? Wenn einem dort die Bohrlöcher gebrannt haben, konnte man einen gewissen "Ted Redhair" mit der Löschung beauftragen. ;D
Karl-Heinz Pohl, 18.06.2015
5. Etwas oberflächlich...
Etwas oberflächlich ist dieser Bericht, denn er erwähnt nicht daß sich die Technologie in Red Adair's Leben grundsätzlich geändert und weiter entwickelt hatte. So ist heute (und schon mindesten seit 30 Jahren) das "Ausblasen" einer brennenden Ölquelle mit Sprengstoff eher selten. Stattdessen ist die Methode der Wahl bei großen Blow-outs in jedem Fall eine (oder mehrere) Zusatz-Bohrung(en) die seitlich in das ursprüngliche Bohrloch führen, und durch die dann schwere Flüssigkeit & Zement gepumpt wird um den Öl & Gasstrom zur Erdoberfläche zu stoppen. Ich hatte die Gelegenheit mehrere solcher "Blow-Out-Kills" als Ingenieur einer Service-Firma zu begleiten, und im Rahmen dieser Tätigkeit auch noch Red Adair selbst, sowie seine Nachfolger & Konkurrenzfirmen Boots & Coots sowie Wild Well Control kennzulernen. Beeindruckend war vor allem an Red Adair sein Absolutsheitsanspruch, vor allem und auch was Kosten anging. Wenn da einmal ein Controller seine Millionenkosten sowie auch die Kosten von gecharteten Flugzeugen, Fahrzeugen, Kränen, Pumpen usw. diskutieren wollte kam gleich seine Ansage: "Wenn ihr wegen der Kosten diskutieren wollt, dann holt euch jemand anders !" Und wegen der neueren Methoden waren auch bei den Blow-Outs in Kuwait einige weitere Firmen tätig (ich denke fast ein Dutzend) aus verschiedenen Ländern, die dort ihre fortgeschritteneren Methoden erfolgreich anwendeten. Der Artikel läßt den Eindruck entstehen daß diese 700 Blow-outs alle von Red Adairs Firma gelöscht & gestoppt wurden.
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