Reemtsmas Zwangsarbeiter Tabakrausch im Osten

Reemtsmas Zwangsarbeiter: Tabakrausch im Osten Fotos
Museum der Arbeit

Als die Nazis im Zweiten Weltkrieg die Krim unterjochten, waren deutsche Unternehmen schnell vor Ort. Vor allem Reemtsma wurde zum Nutznießer der Ausbeutung. Der Konzern ließ Zehntausende Zwangsarbeiter für sich schuften und maximierte seinen Profit - dank bester Verbindungen in die Wehrmacht. Von

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Eine Zigarette, das war für Philipp Fürchtegott Reemtsma "Papier, ein Gramm Tabak und viele Werbemillionen". Das mit der Werbung verstand der Hamburger Tabakunternehmer so gut wie kaum ein zweiter.

Schon früh legte er in seine Schachteln Schecks für Sammelbilder - stets das, was gerade gut lief: Märchen, Olympische Spiele, in den dreißiger Jahren dann Porträts von Nazi-Größen. Die Nähe zu ihnen zahlte sich bald aus, Reemtsma verdankte Hitler und Co. einen großen Teil seines Rohstoffnachschubs.

Die Halbinsel Krim im Schwarzen Meer wurde nach ihrer Eroberung durch die Wehrmacht Ende 1941 zum wichtigen Revier für Reemtsma: Mehr als 28.000 Arbeiter, darunter viele Kinder, schufteten dort im Dienste der deutschen Tabakwirtschaft. Das Gros der Ernte bekam Reemtsma.

Tabakernte gegen karge Brotrationen

Wie die Konzernmanager dies einfädelten und wie lautlos sie dabei die Besatzungswirtschaft lenkten, liegt nun als Buch vor. Der Slawist Jan-Peter Abraham und der Historiker Karl Heinz Roth, eine Art linkes Historikerfossil, der schon mit Studien zur Deutschen Bank und Daimler-Benz für Aufsehen sorgte, befragten dafür auch Zeitzeugen, deren Erinnerung sie verblüffte: Das biografische Trauma vieler Krim-Tartaren war weniger das Joch der sowjetischen Zwangskollektivierung noch die Unterdrückung durch die NS-Besatzer. Es war die anschließende Deportation unter Stalin nach der Rückeroberung 1944.

Auf einmal galten die Krim-Bewohner als Kollaborateure, obwohl sie von den Deutschen als "Leibeigene" missbraucht worden waren, so die Autoren. Ihre Tabakernte hatten sie der deutschen Gebietsverwaltung abzutreten. Die zahlte nichts, sondern verteilte nur spärliche Brot- und Mehlrationen, um die Arbeitsfähigkeit der Zwangsarbeiter zu erhalten.

Mit der Krim, die bis zu ihrer Rückeroberung ein provisorisches Heerlager blieb, hatten die Nazis eigentlich große Pläne: Man träumte von einem "Reichsgau Gotenland", obwohl die letzten Spuren der Goten aus dem 7. Jahrhundert stammten. Die Krim-Euphorie erfasste auch die Reemtsmas.

Auf der Gehaltsliste Reemtsmas: Hermann Göring

Philipp Reemtsma, der mittlere der drei Brüder und Lenker des Familienkonzerns, galt damals als einer der reichsten Europäer. Bereits 1938 hatte das Unternehmen die Umsatzmilliarde geknackt und beherrschte die deutsche Zigarettenindustrie. Doch Nichtraucher Hitler stand der Branche misstrauisch gegenüber, "in die Taschen des Herrn Reemtsma" sollte nicht alles fließen. Ein staatliches Tabakmonopol lag in der Luft.

Die Reemtsmas stellten den Konzern deshalb breiter auf. Sie investierten Millionen von Reichsmark ins Tiefkühl- und Reedereigeschäft sowie in Bestechung: Hermann Göring stand ebenso auf ihrer Gehaltsliste wie der Gauleiter für Ostpreußen, Erich Koch.

Das Hauptgeschäft blieb jedoch der Zigarettenverkauf: Über 42 Milliarden Stück brachte das Unternehmen 1941 unters Volk. Trotz Importengpässen gelang den Hamburgern damals das Kunststück, mit weniger Rohstoff mehr Zigaretten zu verkaufen: Sie drehten den Leuten einfach Glimmstängel mit weniger Tabak an.

Für den Nachschub während des Krieges sorgten Reemtsma-Manager, die im Windschatten der Wehrmacht in die besetzten Gebiete einrückten und die Ausplünderung organisierten - erst etwa in Griechenland, dann auf der Krim. Auch andere deutsche Firmen fanden sich dort ein, die Bremer Baumwoll-AG und die Degussa etwa, die Mineralien brauchte.

Koran übernimmt

Besonders schnell bei der Sache war Reemtsma, das seine Leute längst in den Wirtschaftskommandos der Wehrmacht sitzen hatte. Von den staatlichen Stellen ließ man sich die Infrastruktur aufbauen. Als alles rentabel schien, übernahm die Tochterfirma Krim Orienttabak-Anbau GmbH (Koran), die schon im ersten Jahr Gewinne abwarf.

Philipp Reemtsma war selbst nicht auf der Krim, aber stolz auf seine Koran-Truppe, die den "Reemtsma-Geist" inhaliert hatte: Trotz Räumungsbefehl der Wehrmacht blieben seine Mitarbeiter noch bis Anfang 1944 dort - zur "Erntesicherung".

Mit der Ausplünderung der Krim gehen die Erben und Nachfahren heute unterschiedlich um. Im Zweig Hermann Reemtsmas (des älteren Bruders von Konzernlenker Philipp) gibt es einen Sohn, der als Minderheitsgesellschafter 1989/90 sogar die neuerliche Ost-Expansion der Firma vorantrieb. In Entschädigungsfragen verweise er, so schreiben Roth und Abraham, nur auf die Einzahlung des Unternehmens in die Zwangsarbeiter-Stiftung. Die nicht-deportierten Tabakarbeiter haben von dort jedoch nichts zu erwarten.

Jan Philipp Reemtsma, der Sohn des Konzernlenkers, der 1980 seine Anteile verkauft hatte, suchte eine andere Lösung: Mithilfe des Historikers Rainer Fröbe hat er bereits rund 200 Krim-Arbeiter entschädigt. Manche, so Fröbe, hätten die Geste nicht sofort verstanden. Dann habe er ihnen erklärt, wie der Vater seines Chefs ihnen damals quasi den Tabak geklaut und damit seine Firma zum Blühen gebracht hat. "Von dem hatten die noch nie etwas gehört."

Zum Weiterlesen:

Karl Heinz Roth, Jan-Peter Abraham: "Reemtsma auf der Krim". Edition Nautilus, Hamburg 2011, 576 Seiten.

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1.
Timo Henk 27.08.2011
Interessant ist, dass Herr Reemtsma, der die Wehrmachtsausstellung mitorganisiert hat die Verwickelung seiner Familie in die Rolle Zwangsarbeiter in der Ausstellung verschweigt. Das waere doch mal eine Gelegenheit, sich and die eigene Nase zu fassen und Reue zu zeigen. Welch eine Gelegenheit, die in seiner Ausstellung verpasst wurde! Oder wurde das bewusst nicht erwaehnt?
2.
Peter Grolig 10.12.2012
Und ich dachte, dass die drei Affen erst mit Helmut Kohl in Deutschland Einzug gehalten haben. Pardon: Vier Affen: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen und alles einstecken.
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