Regie-Phantom Der Mann, der niemals lebte

In der Traumfabrik war Alan Smithee der König der Rohrkrepierer: In 30 Jahren drehte er mehr als 70 miserable Filme und Serienfolgen. einestages erinnert an ein Hollywood-Phantom, das erst nach Jahrzehnten aufflog - und die Regisseure, die sich hinter dem Pseudonym der Peinlichkeit versteckten.

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Das Werk des wohl mysteriösesten Widerstandskämpfers von Hollywood begann mit dem Tod eines Revolverhelden: 1969 kämpfte der alternde Protagonist des Westerns "Frank Patch - Deine Stunden sind gezählt" darum, als Marshall die Kontrolle über Recht und Ordnung in dem kleinen Nest Cottonwood Springs zu behalten, während sich die Gemeinde immer mehr gegen ihn stellte und ihn schließlich selbst richtete. Das war solide Westernkost, mehr aber auch nicht: Rauchende Colts, ein Bordell und viel Whiskey - alles schon hundertmal gesehen. Aber es war auch nicht der Film selbst, der eine Revolution in Hollywood anzetteln sollte, sondern sein bis dahin unbekannter Regisseur, ein Mann namens Allen Smithee.

Für sein Erstlingswerk erntete Smithee viel Anerkennung: So pries die "New York Times" am 10. Mai 1969 seine "scharfsinnige" Arbeit an, und das Branchenmagazin "Variety" lobte, seine Regie halte "die Handlung straff". Selbst Roger Ebert, der wohl mächtigste Filmkritiker der USA, überschlug sich in der "Chicago Sun-Times" förmlich vor Lob: "Ein außergewöhnlicher Western" sei das, ein "liebevolles Portrait einer Westernstadt im Umbruch". Regisseur Allen Smithee, ein Name, der ihm bisher nicht bekannt gewesen sei, erlaube es seiner Geschichte, sich "ganz natürlich zu entfalten" und verzichte dabei darauf, "zu predigen und sich mit dem Offensichtlichen aufzuhalten".

Es war kein Wunder, dass selbst Ebert Smithees Namen nicht kannte - der Regisseur existierte nämlich gar nicht. Er war ein Phantom, das durch Probleme beim Dreh von "Frank Patch" notwendig geworden war: Regisseur Robert Totten und Hauptdarsteller Richard Widmark hatten sich nämlich so heftig zerstritten, dass Totten auf Druck von Widmark hin gefeuert wurde. Als Ersatz wurde Regieveteran Don Siegel eingestellt, der den Western in nur neun Drehtagen fertigstellte. Weil aber Totten den Großteil der Arbeit geleistet hatte und der völlig unterschiedliche Stil der beiden Regisseure nicht zusammenpasste, wollte Siegel nicht als Regisseur anstelle von Totten genannt werden. Und auch der wollte nicht mehr mit dem Film in Verbindung gebracht werden.

Irgendein Regisseur musste aber angegeben werden, so verlangten es die Richtlinien der Director's Guild of America, der Gewerkschaft amerikanischer Regisseure. Und so suchte der Verband ein Pseudonym, das anstelle von Totten und Siegel genannt werden konnte: Erst fiel die Wahl auf den Allerweltsnamen "Allen Smith", doch sicherheitshalber hängte man noch zwei 'E's an, um nie in die Verlegenheit zu kommen, dass tatsächlich ein Regisseur dieses Namens auftauchen würde. Allen Smithee war geboren. Die Director's Guild erklärte Smithee zum Pseudonym, mit dem Filmemacher sich von ihrem Werk distanzieren konnten, wenn ihnen die kreative Kontrolle über das Projekt von Produzenten oder Verleih entzogen worden war.

Der Sündenbock von Hollywood

Zunächst glaubte niemand daran, dass der Phantomregisseur eine besondere Karriere vor sich habe: So erinnert sich Don Siegel in seiner Autobiografie "A Siegel Film" daran, wie er nach Veröffentlichung von "Frank Patch" Witze über sein Alias machte: "Da der Film gut ankam, empfahl ich jungen Freunden, die Regisseure werden wollten, sie sollten ihren Namen in Smithee ändern lassen und den Ruhm für den Film einheimsen." Siegel hielt das Pseudonym für einen einmaligen Eulenspiegelstreich. Doch Smithee sollte eine weit längere Laufbahn vor sich haben als erwartet.

Schnell wurde Allen Smithee, der immer öfter Alan Smithee geschrieben wurde, zu einem der produktivsten Filmemacher der Welt - und blieb doch zunächst unbekannt. Kein Wunder, schließlich machte er fast nur obskure, kleine Filme, die kaum jemand sah: So drehte er die Hitchcock-Verwurstung "Die Vögel II - Die Rückkehr", in der Dorfbewohner mit Dynamit gegen Raben kämpfen. Regisseur Rick Rosenthal verzichtete lieber darauf, als Urheber dieses Trash-Feuerwerks genannt zu werden. Und als Sam Raimi 1982 kurz nach seinem Horrorschocker "Tanz der Teufel" mit seinem jüngeren Bruder Ivan das Drehbuch für die peinliche Klamotte "Die total beknackte Nuss" schrieb, musste Smithee gleich zweimal einspringen, als "Alan Smithee senior" und "Alan Smithee junior".

Immer mehr Star-Regisseure wollten mit dem Phantom zusammenarbeiten: So wurde 1984 die um fünfzig Minuten mit Füllmaterial aufgeblasene TV-Version des Science-Fiction-Epos "Der Wüstenplanet" von David Lynch als Alan-Smithee-Film veröffentlicht. Sechs Jahre später sprang Smithee dann für Regisseur Dennis Hopper ein, als sein Film "Catchfire" in einer von den Produzenten gegen seinen Willen umgeschnittenen Version erschien. Als Hopper den Film dann wenig später noch einmal als Director's Cut herausbrachte, musste er ihn in "Backtrack" umtaufen. Schließlich war "Catchfire" ja schon ein Alan-Smithee-Film. Und 1992 übernahm Smithee für Martin Brest die Regie für "Der Duft der Frauen" in der gnadenlos verstümmelten Linienflug-Kurzversion des Films.

In manchen Fällen blieb jedoch bis heute geheim, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg: Zum Beispiel bei dem "Twilight Zone"-Kinofilm "Unheimliche Schattenlichter" von 1983. Während des Drehs war es zu einem tragischen Unfall gekommen: Ein Hubschrauber war in einer Actionszene abgestürzt, wobei drei Darsteller ums Leben gekommen waren. Als der Film in die Kinos kam, wurde Alan Smithee als zweiter Regieassistent genannt. Manche erklärten, er sei es gewesen, der für den Dreh der verhängnisvollen Hubschrauberszene verantwortlich gewesen war. Andere deuteten vielsagend an, es sei doch seltsam, dass die Regisseure Steven Spielberg, Joe Dante, John Landis und George Miller ausgerechnet den Dreh dieser einen Szene ihrem Regieassistenten überlassen hätten. Smithee schwieg.

Smithee meldet sich krank

In der von übermächtigen Produzenten dominierten amerikanischen Filmindustrie war Smithee zu einer Geheimwaffe geworden: Er war ein Insidercode, ein Widerstandskämpfer gegen die Unterdrückung der Kreativen durch die Geldgeber, der letzte Ausweg, wenn alle Versuche, den Film zu retten, gescheitert waren. Immer öfter wurden seine Dienste in Anspruch genommen, und so wurde er allmählich immer bekannter: Man schrieb Zeitungsartikel und Bücher über ihn, und 1997 hielt gar die Universität von Philadelphia eine Konferenz über das Werk von Smithee ab. Es war diese wachsende Bekanntheit, die schließlich zu seinem Ende führen sollte.

1998 drehte Regisseur Arthur Hiller den Film "Fahr zur Hölle Hollywood", im Original "An Alan Smithee Film: Burn Hollywood Burn". Drehbuchautor und Produzent Joe Eszterhas wollte damit eine bitterböse Satire auf das Filmgeschäft schaffen. Ex-Monty-Python-Komiker Eric Idle spielt darin einen Regisseur, der tatsächlich Alan Smithee heißt und mit einem Riesenbudget einen Actionfilm mit Sylvester Stallone, Jackie Chan und Whoopie Goldberg drehen soll. Als der Regisseur feststellt, dass er zur Marionette der Produzenten geworden ist, will er sich von seinem Film lossagen - was natürlich nicht geht, weil er ja bereits Alan Smithee heißt. Zuletzt entführt er die Filmnegative und versucht, von den Produzenten einen Director's Cut zu erpressen.

Auch Arthur Hiller wäre wohl am liebsten mit den Negativen von "Fahr zur Hölle Hollywood" über alle Berge verschwunden, als die Satire abgedreht war: Er beschwerte sich bei der Director's Guild, Eszterhas habe an seinem Originalschnitt herumgefuhrwerkt. Und tatsächlich bekam Hiller die Genehmigung, den Film unter dem Pseudonym Alan Smithee zu veröffentlichen. "Fahr zur Hölle Hollywood" erwies sich als kolossaler Flop: Er erzielte im Verhältnis zu seinen Produktionskosten ein noch schlechteres Einspielergebnis als "Plan 9 from Outer Space", der immerhin als schlechtester Streifen der Filmgeschichte bekannt ist. Dennoch machte er dank der bizarren Anekdote um den Regisseur, der als Alan Smithee einen Film über den Regisseur Alan Smithee dreht, Schlagzeilen.

Smithees Scheinidentität war endgültig aufgeflogen, und sein Arbeitsprinzip hatte sich selbst ad absurdum geführt: Sollte sein Name eigentlich ein nur Insidern bekanntes Mittel sein, sich möglichst unauffällig von einem Film loszusagen, war er nun selbst zu einer Berühmtheit geworden und lenkte nicht mehr vom Regisseur ab, sondern machte gerade auf ihn aufmerksam. So kam es wenig überraschend, als die Director's Guild im Januar 2000 der Los Angeles Times erklärte: "Smithee hat sich krankgemeldet und wird wahrscheinlich nicht genesen." Mit ihm verschwand der wohl hartnäckigste Widerstandskämpfer in der Filmgeschichte. Doch ein Regisseur kommentierte nur trocken: "Angesichts der vielen mäßigen Filme, die er gemacht hat, ist es erstaunlich, dass er überhaupt so eine lange Karriere hatte."



insgesamt 3 Beiträge
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Florian Hennet, 25.08.2010
1.
Alan Smithee ist ein Anagramm von "The Alias Men".
PETER FUCHS, 25.08.2010
2.
Gerade heute lief eine Simpsons Folge, die dieses Thema betrifft. Mr Burns drehte einen Werbeclip über Atomkraftwerke den Homer Simpson versaute und in der Ausstrahlung stand als Regisseur genau dieser Name im Abspann bildschirmfüllend zu lesen.
Laszlo Arato, 21.10.2014
3. Totgesagte leben länger ...
Kurze Suche auf IMDB (International Movie DataBase) zeigt dass Alan Smithee selbst 2014 noch Filme dreht ... bzw. für Filme gradstehen darf :-)
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