Regierungsflieger Rente für die Rumpelflieger

Qualm im Cockpit, defektes Höhenruder, Tankstopp im Urwald: Bundeskanzler und Staatspräsident nutzen bis heute umgebaute DDR-Flieger zu Regierungsreisen. Wirtschaftsbosse und Politiker tobten wegen Flugausfällen und Pannen. Jetzt beginnt die Modernisierung der staatlichen Luftflotte - Ende einer turbulenten Ära.

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DPA

Am 27. Januar 2005 versetzte um 17.05 Uhr ein Notruf den Flughafen Berlin-Tegel in Alarmbereitschaft. Und dieses "Mayday" war besonders brisant: Es wurde von einem offiziellen deutschen Regierungsflieger der Luftwaffe abgesetzt. An Bord der Staatsmaschine vom Typ Canadair Challenger befand sich einer der wichtigsten Repräsentanten der Bundesrepublik auf dem Weg ins griechische Thessaloniki: Bundesaußenminister und Vizekanzler Joschka Fischer.

Der Minister war schockiert: Nur wenige Minuten nach dem Start drang plötzlich beißender Rauch in die Kabine. Brannte da etwa ein Triebwerk? Im Cockpit blinkten Alarmlampen, Sauerstoffmasken fielen von der Decke. Der Pilot drehte um und landete kurz darauf wieder in Berlin-Tegel, wo bereits Löschfahrzeuge warteten. Sie wurden nicht benötigt: Später stellte sich heraus, dass die Ursache für den Qualm Enteisungsmittel war, das sich am Ansaugstutzen der Lüftung entzündet hatte.

"Was muss eigentlich noch passieren, ehe die Flugbereitschaft neue Maschinen bekommt?", polterte Fischer später im Kabinett. "Muss ich erst im Sarg im Weltsaal des Auswärtigen Amtes aufgebahrt werden?" Der Außenminister hatte schon auf früheren Reisen schlechte Erfahrungen mit den Regierungsfliegern gemacht, die von der Flugbereitschaft der Luftwaffe unterhalten werden: Auf dem Weg nach Madrid platzte einmal in 11.000 Metern Höhe die Außenschicht einer Scheibe. 2001 musste ein Hubschrauber des Chefdiplomaten in Berlin wieder landen, nachdem die Treibstoffzufuhr für ein Triebwerk ausgefallen war.

Abenteuer mit den Regierungsfliegern

Mit solchen Abenteuern soll nun Schluss sein: Am 31. März beginnt die von vielen Politikern lang ersehnte Modernisierung der mehr als 20 Jahre alten Luftflotte aus Klein-Jets und VIP-Airbussen. Dann übergibt die Lufthansa den ersten nagelneuen Airbus A319 an das Verteidigungsministerium. Ein weiterer Airbus und vier Maschinen des kanadischen Herstellers Bombardier werden 2011 folgen und damit alle sechs alten Challenger-Maschinen der Luftwaffe ablösen. Auch die beiden Langstreckenflieger "Konrad Adenauer" und "Theodor Heuss" werden nach und nach nicht mehr auf Staatsreisen gehen: Der erste Ersatz, ein moderner Airbus A340, soll schon Ende des Jahres kommen, der zweite A340 dann 2011.

Mit dem geplanten Aus für die Oldtimer in Staatsdiensten wird nicht nur eine peinliche Pannenserie enden: Mal war ein Fahrwerk defekt, dann ein Höhenruder, dann wieder ein Triebwerk. Selbst ein Sprecher der Luftwaffe räumte gegenüber SPIEGEL ONLINE ein, dass "die Zuverlässigkeit der Challenger-Maschinen nach über 20 Jahren im Dauerbetrieb nachließ". Zudem war auch die Reichweite der Langstreckenmaschinen auf 11.000 Kilometer begrenzt. Als Gewürge bezeichnete Kanzler Gerhard Schröder daher 2002 einen Tankstopp mitten in der brasilianischen Urwaldstadt Manaus.

Doch gleichzeitig waren die engen Maschinen Orte, an denen wegweisenden Reden der letzte Feinschliff gegeben wurde, außenpolitische Erfolge mit Zigarren und Wein gefeiert und intime Hintergrundgespräche geführt wurden. Und manchmal spielten sich hier einfach legendäre Szenen ab: Joschka Fischer soll einen Heidenaufstand gemacht haben, als ihm einmal die falsche Diätkost gereicht wurde. Und Schröder brachte nach einem Besuch in den Golfstaaten mitreisende Geschäftsleute zum Grölen, als er wertvolle arabische Dolche und andere edle Gastgeschenke versteigern ließ. 90.000 Euro wurden so für ein Kinderheim gesammelt.

Bundeskanzler in DDR-Maschinen

Mit der Modernisierung wird aber auch langsam ein Stück gesamtdeutscher Geschichte sterben. Denn die drei wichtigsten Airbus-Maschinen mit den stolzen Namen "Konrad Adenauer", "Theodor Heuss" und "Kurt Schumacher" stammen noch aus DDR-Beständen. 1990 kaufte sie die Bundesrepublik von der ehemaligen DDR-Gesellschaft Interflug - ziemlich preisgünstig für 282 Millionen Mark. Es war nicht ohne Symbolik, dass Helmut Kohl, der sich als Kanzler der Einheit feiern ließ, jahrelang in den DDR-Maschinen durch die Welt flog, in denen zuvor schon Staatschef Erich Honecker auf Reisen gegangen war.

Für 100 Millionen Mark ließ die Bundesregierung 1993 Honeckers Staatsmaschinen zu Luxusfliegern umrüsten. Dafür wurden jeweils 130 Sitzplätze herausgerissen, um Platz für einen VIP-Bereich mit Schlafzimmer, Badezimmer, Dusche und Konferenzsaal zu schaffen. Allerdings fraß der Umbau so viel Geld, dass die "Kurt Schumacher" nicht veredelt werden konnte und dauerhaft zum Ersatzflieger und Truppentransporter degradiert wurde. Hämisch hielten das manche Konservative für das passende Schicksal der einzigen Maschine, die nach einem Sozialdemokraten benannt war. Die "Schumacher" verströmte, wie ein Journalist schrieb, weiterhin "ostblocktypischen Desinfektionsgeruch".

Dennoch wirken auch die "Konrad Adenauer" und "Theodor Heuss" im Vergleich zur legendären Air Force One des US-Präsidenten wie armselige Maschinchen einer Billig-Airline. In der 15 Quadratmeter großen Suite funkelt Plastik, nicht Feingold. Die zwei Schlafnischen können nur mit einem Vorhang getrennt werden. Das Bad mit einem ovalen Waschbecken aus blauem Kunstmarmor verströmt den Charme eines Zweisternehotels. Als eine "spießige Mesalliance zwischen Möchtegernluxus und Oggersheimer Behaglichkeit" beschrieb der SPIEGEL 1993 die Inneneinrichtung.

Im Sinkflug nach Wien

Die US-Präsidentenmaschine dagegen verfügt über einen riesigen Konferenzsaal, mehrere Schlafzimmer, sechs Baderäume und Toiletten sowie einen Not-OP. Anders als die deutschen Flieger kann die Air Force One in der Luft betankt werden und verfügt über ein Raketenabwehrsystem - ein trutziges Weißes Haus über den Wolken. In bescheidenerem Maße ist aber auch Deutschland per satellitengestütztem Telefon aus der Luft regierbar - und die künftige Generation der Staatsflieger wird eine größere Reichweite haben und ebenfalls mit einem Anti-Raketen-Schutz ausgerüstet sein.

Während die Air Force One durch Hollywood aber längst ein Mythos ist, gerät das deutsche Pendant immer wieder zur Lachnummer: Wirtschaftsminister Werner Müller musste im Jahr 2000 eine Kroatienreise wegen eines ausgefallenen Regierungsjets absagen. "Mir stinkt es gewaltig", schimpfte der Politiker, der sonst eher ein Mann der leisen Töne war. Gerhard Schröder strich 1999 einen lange geplanten Schweiz-Besuch, weil das Bremssystem des Fahrwerks defekt war - ein Ersatzflieger wäre zu spät gekommen. Die Absage löste gar diplomatische Turbulenzen aus, weil es in den Schweizer Medien zunächst hieß, der Kanzler habe aus Termindruck abgesagt - und die Schweiz bewusst brüskiert.

Auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) buchte mitsamt Delegation aus Polen auf einen Linienflug um, weil der staatliche Jet wieder mal defekt war. Eine Luftwaffen-Challenger mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier an Bord musste 2006 Wien im Sinkflug ansteuern, weil eine Warnlampe im Cockpit einen drohenden Druckabfall signalisierte. Selbst Staatsoberhaupt Horst Köhler wurde mehrmals Opfer von Flugausfällen. Einen Termin konnte er 2005 nur einhalten, weil ihm der italienische Staatspräsident Carlo Ciampi mitleidig seine eigene Regierungsmaschine zur Verfügung stellte.

Wo ist eigentlich Scharping?

Zwar betonte die Luftwaffe stets, solche Zwischenfälle seien Ausnahmen und die VIP-Maschinen absolut sicher. Doch der Unmut nahm zu. Der ehemalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer, der regelmäßig im Tross der Bundesregierung war, fand es schlicht "unzumutbar", mit den "alten Honecker-Maschinen" eine Wirtschaftsmacht wie Deutschland zu repräsentieren. Einmal musste sich der Manager verärgert umsetzen, nachdem er von einem Schwall Kondenswasser aus der Klimaanlage durchnässt worden war.

Was Pierer nicht verstand: Demonstrative Bescheidenheit war anfangs durchaus Teil der Politik, um vielen Europäern nach der Wiedervereinigung die Angst vor einem mächtigen Deutschland zu nehmen. Das goldene Telefon am Bett der Kanzlermaschine wurde daher auch flugs wieder abmontiert - zu protzig. Bundespräsident Johannes Rau ließ 2003 zudem alle Maschinen umlackieren: Der Schriftzug "Luftwaffe" erschien ihm zu martialisch - er ersetzte ihn durch "Bundesrepublik Deutschland".

Trotz aller Zurückhaltung rankten sich auch um die deutschen Regierungsflieger Gerüchte - allerdings recht banale: Vermaß "Bild"-Kolumnist Mainhardt Graf von Nayhauß wirklich heimlich Helmut Kohls angeblich überdimensionierte Klobrille in der Suite? Oder war das Ganze, wie der Reporter später beteuerte, nur eine Erfindung neidischer Kollegen, die ihn beim Kanzler diskreditieren wollten? Und durfte man an Bord der Regierungsmaschinen nur dann rauchen, wenn Altkanzler Schröder seine Zigarre paffte?

Wie auch immer: Als 2007 auch das Verteidigungsministerium in einem internen Papier "eine Zunahme von technischen Beanstandungen" einräumte, war der Weg zur Modernisierung der Luftflotte frei. Manche Pannen werden allerdings auch mit bester Technik kaum zu vermeiden sein: Auf dem Weg zum EU-Gipfel in Portugal wurde im Jahr 2000 Verteidigungsminister Rudolf Scharping am Flughafen Köln vergessen. Erst auf dem Weg nach Berlin - die Flugbereitschaft wollte dort Außenminister Fischer abholen und wähnte auch Scharping in Berlin - bemerkte ein Delegationsmitglied des Verteidigungsministers das Malheur.

Einmal mehr drehte eine deutsche Regierungsmaschine um. Ausnahmsweise nicht wegen technischer Mängel.

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Frank Vollbrecht, 31.03.2010
1.
Meines Erachtens sind die Hinweise in diesem Artikel bezueglich des frueheren Transportes von DDR-Regierungsmitgliedern in den 3 Airbus-Maschinen der ehemaligen DDR-Interflug nicht korrekt. Fuer den Transport der DDR-Regierung war das Transportfliegergeschwader TG 44 stationiert in Neuhardenberg (frueher Marxwalde) verantwortlich. Dieses TG verfuegte auch ueber den enstprechenden an diversen Maschinen wie IL 62 aber auch TU 154. Diese Maschinen des TG 44 waren ebenfalls in den Interflug-Bemalung eingesetzt, so dass von Laien diese Maschinen nicht ohne weiteres ausgemacht werden konnten. Die in diesem Artikeln erwaehnten Maschinen von Typ Airbus gehoerten zu keiner Zeit der Reigierungsstaffel an und haben somit auch nicht offiziel Partei- oder regierungsmitglieder auf Auslandsreisen transportiert. Der Bestand des TG-44 betrueg am 30.09.1990: 3x TU 134, 2x TU-154M, 3x IL 62M sowie 6 Mi-8s. Die von Ihnen diesbezueglichen Aussagen sind meines Erachtens nicht den Tatsachen entsprechend (leider wie so oft bei derartigen DDR-Artikeln).
Jens Ziegenbalg, 04.04.2010
2.
Lieber Herr Gunkel, wie wäre es denn mal mit journalistischer Sorgfaltspflicht und Recherche? Nein Herr Honecker ist mit den drei Airbussen nicht geflogen. Die gehörten der Interflug und wurden auf deren Langstrecken eingesetzt. Vielleicht flog er mit einem Airbus nach Chile, wer weiß. Aber als Staatschef war er mit einer sowjetischen IL62 unterwegs.
Steffen Rau, 31.03.2010
3.
Apropos Rumpelflieger ;) : Was wurde denn eigentlich aus den L-410 aus DDR- Beständen, welche die Bundesregierung damals übernahm?
Holger Tillmann, 31.03.2010
4.
Ich verstehe die Bezüge zu "Honeckers Staatsmaschinen" nicht. Die Airbusse wurden für den Liniendienst der Interflug angeschafft, waren zivil bestuhlt und wurden entsprechend eingesetzt. Honecker spielt als Passagier keine, höchstens beim Erwerb der Flugzeuge. So auch Franz Josef Strauß, so dass diese Einzelheiten eigentlich zum erweiterten bundesdeutschen Allgemeinwissen gerechnet werden sollten. Der Transport der DDR-VIPs erfolgte durch das Transportfliegergeschwader 44 mit russischen Maschinen, insbes. Tupolew 134A und 154 M sowie Ilyushin IL-62 vom Flugplatz Neuhardenberg, der im Kalten Krieg aus Geheimhaltungsgründen auch die Namen Wriezen und Marxwalde führte. Mit freundlichen Grüßen Holger Tillmann
Gunnar Fischer, 01.04.2010
5.
Rumpelflieger - schöne Bezeichnung für seinerzeit nagelneue Airbus-Flugzeuge westeuropäischer Produktion, die sich INTERFLUG in den letzten DDR-Jahren noch leistete. Sie gehörten m.W. auch nie zu Honeckers Dienstflugzeugstaffel, jedenfalls ist er bei seinem Besuch 1987 in Bonn mit einer Iljuschin 62 M geflogen. Wenn diese zum Zeitpunkt der Wende ja gerade zwei oder drei Jahre alten Airbus-Maschinen später laufend technische Probleme zeigten, war entweder die Wartung durch die Flugbereitschaft oder die Qualität der Maschinen bei Auslieferung schlecht. Liebe SPIEGEL-Redakteure: genauer recherchieren!
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