Reichstag Lettern für das Vaterland

Reichstag: Lettern für das Vaterland Fotos
Armin D. Steuer

"DEM DEUTSCHEN VOLKE" - hinter der Inschrift am Berliner Reichstag verbirgt sich eine tragische Familiengeschichte. Die jüdischen Bronzegießer Albert und Siegfried Loevy fertigten den Schriftzug 1916 für den Kaiser, im "Dritten Reich" wurden ihre Familien unbarmherzig verfolgt - im Namen "des deutschen Volkes"

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"Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt" fleht der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter auf einer Kundgebung im September 1948, als die Sowjets Berlin blockieren - der Kalte Krieg hat begonnen. Reuter steht vor der unbrauchbar gewordenen Ruine des Reichstags. Die Inschrift dagegen hat den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden, nur zwei Buchstaben fehlen. Die neue Widmung am deutschen Parlamentsgebäude lautet: "DEM .EUTSCHEN .OLKE".

Welche tragische Geschichte sich hinter der Reichstagsinschrift verbirgt, wusste Ernst Reuter ebenso wenig wie folgende Politikergenerationen. Immer wieder wurden bedeutungsschwere Reden unter der bronzenen Widmung gehalten. Die Familiengeschichte der Bronzegießer Loevy blieb dahinter jahrzehntelang verschüttet: Im "Dritten Reich" wurden sie verfolgt und ermordet, Nachkriegsdeutschland interessierte sich nicht für sie.

Die Inschrift ist ein Kind des Krieges: Erst 1916, mitten im Ersten Weltkrieg und 22 Jahre nach Fertigstellung des Reichstages, wird sie angebracht. Auf Geheiß des Kaisers muss sie aus "erbeuteten Feindeskanonen" gegossen werden. Der Architekt Peter Behrens entwirft die Schrift als Synthese von germanischer Fraktur- und römischer Antiqua-Schrift, um beide Wurzeln des deutschen Wesens zu verdeutlichen: Das Germanische und das Römische.

Kaisers Hoflieferanten

Im Herbst 1916 verarbeiten die Bronzegießer Siegfried und Albert Loevy die erbeuteten Geschütze zu Behrens' Schriftzug und bringen sie zu Weihnachten am Reichstagsportal an. Die Gebrüder Loevy, königliche Hoflieferanten seit 1910, sind Juden. Nur wer nach Auschwitz geboren wurde, kann sich spontan - und naiv - wundern, dass Juden diesen Auftrag erhielten. Vor Auschwitz war das normal.

Obwohl: Während die Gebrüder Loevy an der Inschrift arbeiten, kündigt der deutsche Kaiser mit viel Getöse eine so genannte Judenzählung in der Armee an. Ein im deutschen Volke weit verbreitetes Gerücht unterstellt, die Juden in Uniform würden sich vor dem Frontdienst drücken. Siegfried Loevy, einer der Bronzegießer, weiß es zu diesem Zeitpunkt schon besser: Ein Jahr zuvor ist sein Sohn Peter "gefallen", fürs deutsche Vaterland im belgischen Flandern.

Peter Loevy war nur Unteroffizier geworden, eben weil sein Name ihn als Juden verriet, obwohl er getauft war. Vater Siegfried - mit einer Christin verheiratet - überredet darauf seinen anderen, schon erwachsenen Sohn Erich, sich von einem befreundeten Lehrer adoptieren zu lassen, um das Stigma loszuwerden. Erich Loevy heißt ab Sommer 1918 Erich Gloeden.

"Drei Stadien der Assimilation"

"Mischehe, Taufe, Namensänderung", schreibt der erfolgreiche Architekt Erich Gloeden 24 Jahre später, im Herbst 1942, "alle drei nur denkbaren Stadien der Assimilation haben - rein äußerlich betrachtet erfolgreich - meinen Lebensweg geformt. Und weil ich diesen Weg weiter gegangen bin als alle diese offiziellen Wortführer des assimilierten Judentums, darum konnte ich das Ende früher sehen und die Sackgasse erkennen, in die hinein er führt."

Diese Sackgasse, die Erich Gloeden und seine Eltern, Onkel und Tanten, Kusinen und Vettern in den zwanziger Jahren beschreiten, hat noch die Fassade des großbürgerlichen Wohlstandes. Ihre Vorfahren, der Gelbgießermeister Samuel Abraham Loevy und seine Frau Rebecca, waren 1855 von Pommern nach Berlin gekommen. Der erste Betrieb lag im Scheunenviertel, in der nächsten Generation zog die Familie schon nach Moabit - nun, in der dritten Generation, wohnt man in Wilmersdorf und Westend.

Die Bronzegießerei "S. A. Loevy" ist zu diesem Zeitpunkt die älteste und bedeutendste Berlins. Alle führenden Architekten der Bauhaus-Bewegung - Gropius, Mies van der Rohe, Wagenfeld - lassen ihre Bronzearbeiten bei den Gebrüder Loevy anfertigen. "Die Loevys", sagt der Architekturhistoriker Professor Tilmann Buddensieg, "waren der Inbegriff dessen, was der Deutsche Werkbund und später das Bauhaus wollten: künstlerische Entwürfe von handwerklicher Qualität, aber in industrieller Produktion. Und nur gute Sachen, kein Mist und keine Billigware." Trotzdem sind die Loevys heute vergessen - "eine deutsche Katastrophe", so Buddensieg.

Fliehen oder untertauchen

Der Bronzegießer Albert Loevy ist, im Gegensatz zu seinem Bruder Siegfried, den Weg der Assimilation nicht so weit gegangen: er hatte eine Jüdin geheiratet, Franziska Moses, und die Kinder traditionell im Glauben erzogen. Als Albert Loevy 1925 stirbt, wird er auf dem Jüdischen Friedhof in einem Familiengrab beerdigt. Bis heute ist auf dem Grabstein nur sein Name zu lesen. Von seiner Frau und den Kindern keine Spur.

In Archiven und in Aktenkellern deutscher Behörden lassen sich jedoch Dokumente finden, die in dürren Worten das Schicksal der Familie erzählen. Zum Beispiel das der Tochter Hanna, deren Mann Chordirigent an der Synagoge in der Prinzregentenstraße war. Nach dem Novemberpogrom 1938 wird er ins KZ Sachsenhausen verschleppt - erst nach fünf Wochen kommt er frei, weil seine Frau endlich das Ausreisevisum für Großbritannien erhalten hat. Ausreisen im April 1939, das heißt: alles zurücklassen, nicht nur Geld und Möbel, sondern auch die Hoffnung.

Oder der Sohn Ernst, der die Bronzegießerei von Vater Albert und Onkel Siegfried Ende der zwanziger Jahre übernommen hatte. Die Firma "S. A. Loevy" wird Juli 1939 vom Arisierer Hans Bötzelen "übernommen" - nachdem die Loevys noch die Bronzearbeiten für Hitlers Neue Reichskanzlei geliefert hatten. Diplomingenieur Ernst Loevy wird Zwangsarbeiter, Hilfsschweißer in einem Abbruchunternehmen. Im Herbst 1942 wird seine Mutter Franziska - die Witwe des Bronzegießers Albert Loevy - nach Theresienstadt deportiert. Ernst Loevy geht mit seiner Frau in die Illegalität. "Illegal" sind sie, weil sie sich weigern, den Judenstern zu tragen - sie haben keine Wohnung mehr und erhalten keine Essensmarken.

Ein Zionist in Nazi-Uniform

So überlebt Ernst Loevy neun Monate in Berlin - bis er, im September 1943, vom Hausmeister seiner letzten Wohnung, SA-Mann Richard Schmidt, erkannt und festgenommen wird. Es folgen: vier Wochen Folter bei der Gestapo am Alexanderplatz und drei Monate Pflege im Jüdischen Krankenhaus. Endlich "transportfähig", wird Ernst Loevy am 22. Februar 1944 nach Auschwitz deportiert. An der Rampe wird ihm sofort der Weg in die Gaskammer gewiesen.

Der Reichstag im Sommer 1944: Die Inschrift der Gebrüder Loevy ist noch vollständig, aber der Bau ist nur noch Festung, auf jedem Turm ein Flak-Geschütz. Am 20. Juli, als schon längst alles verloren ist, probiert eine Handvoll Wehrmachtsoffiziere den Aufstand gegen Hitler. Das Attentat und der Putschversuch scheitern. Zu dieser Zeit lebt Erich Gloeden, der Sohn des Bronzegießers Siegfried Loevy, noch immer unbehelligt in Berlin, dank seiner Namensänderung - als "perfekter Assimilant", wie er selbst spottet. Seit dem Tod seines Vaters 1936 hatte er eine Wandlung vollzogen, zurück zum jüdischen Glauben, ja sogar zum Zionismus. Trotzdem war er nach Kriegsbeginn 1939 als Architekt zur Organisation Todt eingezogen worden: Ein Zionist in Nazi-Uniform.

Erich Gloeden führt ein gefährliches Doppelleben, weil er in den Kriegsjahren vielen - nicht nur jüdischen - Verfolgten hilft. So auch im August 1944: Er nimmt einen fremden Mann bei sich auf, den ihm ein Dresdner Freund empfohlen hatte. Gloedens Gast stellt sich bald als einer jener Wehrmachtsoffiziere heraus, die Hitler stürzen wollten: General der Artillerie Fritz Lindemann, auf dessen Festnahme eine halbe Million Reichsmark Kopfgeld ausgeschrieben ist.

Von Denunzianten enttarnt

Die Gestapo braucht vier Wochen Zeit und die Hilfe von Denunzianten, dann stürmt sie Erich Gloedens Wohnung, verhaftet ihn, seine Frau und seine Schwiegermutter und den General Lindemann, der wenig später an seinen Schussverletzungen stirbt. Erich Gloeden und seine Frau Lilo werden bei der Überprüfung ihrer Personalien von der Gestapo als so genannte Halb-Juden "enttarnt".

Darauf werden die beiden im November 1944 vom NS-"Volksgerichtshof" unter dem Vorsitz von Roland Freisler zum Tode verurteilt. Drei Tage später werden Erich Gloeden, Lilo Gloeden und Lilos Mutter in Berlin-Plötzensee mit dem Fallbeil geköpft - im Zwei-Minuten-Takt. Über ihrem Todesurteil steht in großen Buchstaben:

"IM NAMEN DES DEUTSCHEN VOLKES"

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