Reise in die CSSR Brühwürfel vom Klassenfeind

Reise in die CSSR: Brühwürfel vom Klassenfeind Fotos
Ernst Pelzing

An den Grenzen wurde streng kontrolliert, vor Geschäften standen die Menschen Schlange. Nach der Niederschlagung des "Prager Frühlings" fuhr Ernst Pelzing 1970 in die sozialistische Tschechoslowakei und war verblüfft über die Wirkung westlicher Werbung.

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Nie werde ich dieses beklemmende Bild vergessen: Tschechoslowakische Grenzer mit angelegten Maschinenpistolen schoben mobile Spiegel unter Eisenbahnwaggons, um zu kontrollieren, ob sich darunter Menschen versteckt hielten. In Sichtweite befand sich der Straßengrenzposten Rozvadov, nahe der bayerischen Ortschaft Schirnding. Die abschreckende Szene beobachtete ich 1970, als ich mit dem Pkw über diesen Grenzübergang aus der Tschechoslowakei in die Bundesrepublik zurückfuhr.

Zwei Jahre vorher hatten Truppen des Warschauer Pakts den von Kommunistenchef Alexander Dubcek eingeleiteten "Prager Frühling" niedergeschlagen. Als sich in den folgenden Jahren die Beziehungen zu Moskau "normalisierten", wurden Reformanhänger unerbittlich verfolgt. Ich ahnte aber, dass das Land noch ganz andere Facetten haben musste. 1972 unternahm ich mit meinem Bruder Karl wieder eine Autoreise durch die CSSR, um mir selbst einen Eindruck zu verschaffen.

Devisen-Touristen auf Schnäppchenjagd

In der Vorzeigemetropole Prag war die Metrobaustelle am zentral gelegenen Wenzelsplatz inzwischen verschwunden. In Tusex-Läden, in denen mit begehrten Devisen bezahlt wurde, gingen vor allem Touristen auf Schnäppchenjagd. Vor den Geschäften, die nur auf die Zahlung in Landeswährung eingestellt waren, bildeten sich dagegen lange Warteschlangen. Wie wir bald feststellten, förderte der planwirtschaftliche Mangel den Einfallsreichtum der Bevölkerung.

Wir wollten uns das Nationalmuseum ansehen, das zusammen mit der Reiterstatue des "Heiligen Wenzel", die östliche Begrenzung des Wenzelsplatzes darstellt. Dort herrschte reger Andrang. Ein Mann von unscheinbarer Statur, einer dieser Prager Zeitgenossen, die offensichtlich Kontakt zu westlichen Touristen suchten, schwänzelte auffällig um uns herum. Schließlich sprach er uns auf Deutsch an, nachdem er wohl Sprachfetzen unserer Unterhaltung mitbekommen hatte.

Es dauerte nicht lange, bis der Mann zur Sache kam. Denn er hatte recht klare Vorstellungen von bisher unerreichbaren Objekten seiner Begierde, in diesem Fall Maggi-Brühwürfeln. Wir waren einfach baff. Dass jemand so zielgerichtet versuchte, über Westler an dieses im Grunde völlig unspektakuläre Produkt zu kommen, hatten wir noch nie erlebt. Der Mann musste mit den Brühwürfeln besonders gute Erfahrungen gemacht haben.

Grenzüberschreitende Küchenhilfe

Doch wie sollte die Übergabe praktisch funktionieren? Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Für den Mann war dies aber offensichtlich kein Problem. "Ich gebe Ihnen meine Adresse, dann können Sie mir die Würfel schicken", schlug er vor. Mein Bruder ging schließlich darauf ein. Uns gefiel der Gedanke, mit einem würzigen Basisprodukt grenzüberschreitend die sozialistischen Kochkünste aufpeppen zu können. Die Brühwürfel kosteten schließlich kein Vermögen. Wir tauschten also unsere Anschriften aus, der Maggi-Liebhaber bedankte sich. Was danach passieren würde, konnten wir uns da noch nicht vorstellen.

Nach unserer Rückkehr aus der Tschechoslowakei erfüllte mein Bruder zunächst den kulinarischen Wunsch unseres Prager Interessenten. Der Empfänger überschüttete uns daraufhin mit sich ständig steigernden Forderungen nach weiteren westlichen Erzeugnissen. Seine Briefe waren von einer so unerwarteten Penetranz, dass wir schließlich nach etwa zwei Monaten unserem sozialistischen Maggi-Freund jegliche weitere kapitalistische Küchenhilfe verweigerten.

Das kuriose Maggi-Brühwürfel-Abenteuer 1972 endete damit sang- und klanglos. Wir waren jedoch um einige ungewöhnliche Erfahrungen reicher. Der grenzüberschreitende Umgang mit einem Prager Bürger erschien uns auf einmal wie ein Stückchen Normalität im ansonsten weit von uns entfernten sozialistischen Alltag.

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