Reisen mit Jugendtourist Ab nach Sibirien!

Urlaub hatte er sich anders vorgestellt, doch als Siegfried Wittenburg in der Schlange vor dem DDR-Reisebüro endlich an die Reihe kam, war die kleine Auswahl auf ein einziges Angebot zusammengeschrumpft: Sibirien. Den skurrilen Besuch im Mutterland des Kommunismus dokumentierte er mit der Kamera.

Siegfried Wittenburg

Von


Obwohl sich die Reisefreiheit der Bürger in engen Grenzen hielt, leistete sich die DDR in größeren Städten ein eigenes Reisebüro. Jugendtourist, eine Einrichtung der Jugendorganisation FDJ, organisierte spezielle Touren für junge Leute unter 27 Jahren: zu vergünstigten Preisen, mit Abstrichen im Komfort und natürlich im Rahmen der geltenden Reisebeschränkungen. Die Vergabe der Plätze erfolgte an einem Samstag im Oktober für das jeweilige Folgejahr. 1978 hatte auch ich mich in die lange Schlange vor dem Jugendtourist-Büro in Rostock eingereiht.

Die Auswahl war nicht besonders groß; Reisen zu den Gold- und Sonnenstränden am Schwarzen Meer in Bulgarien waren innerhalb kürzester Zeit ausgebucht. Die jungen Leute nahmen, was sie bekommen konnten. Albena? Primorsko? Egal! Nach zwei Stunden war nur noch eine Reise nach Sibirien übrig: Eine Gruppenreise ins "Mutterland des Kommunismus", zum "großen Bruder" Sowjetunion. Dorthin, wo es immer kalt war. Mein Urlaubsziel!?

Die Haltung dazu musste ich mir erst "erarbeiten". Zumal: Der Preis war nicht gerade verlockend. 1048 Mark der DDR pro Person waren viel Geld. Immerhin aber ging es Tausende Kilometer nach Osten bis zum Baikal - inklusive Vollpension, sechs Flugstrecken und diversen Besichtigungstouren. Meine Freundin stimmte schließlich zu und wir wurden gemeinsam neugierig. Bei einer solchen Reise, sagten wir uns, würde man mit Sicherheit um einige Erfahrungen reicher.

Erstes Opfer

Schneefall erwartete uns bereits bei der Landung in Moskau-Scheremetjewo. Ein mitreisender Afrikaner zog sich sein dünnes Nylonjäckchen über. Wir packten Mantel, Schal und Mütze aus. Stundenlange Einreisekontrolle. Die Frage, ob wir Waffen mitführen, irritierte uns.

Im Hotel das erste Problem: Paare, die nicht miteinander verheiratet waren, erhielten getrennte Zimmer; wir wurden gleichgeschlechtlich untergebracht. Zwar ließ sich die Zimmervergabe untereinander regeln, doch die Sittenwache auf der Etage war streng.

Die nächste neue Erkenntnis brachte die Einkehr in ein nahe gelegenes Restaurant: Die Sowjetunion mit ihren vielen Völkern war bunter und "internationaler", als man es sich in der DDR vorgestellte. Die Stimmung war gut, die Gastfreundschaft sprichwörtlich, Wodka wurde in großen Gläsern serviert. Sto (100) Gramm. "Nastrowje!". "Druschba!". Die Zeche zahlten Artisten eines armenischen Wanderzirkus - und zwar mit Rubelmünzen, die sie mir aus der Nase zogen.

Am nächsten Morgen das erste Opfer: Ein Mitglied der Reisegruppe fand sich ohne Jacke, ohne Schuhe, ohne Portemonnaie und ohne Papiere wieder. Wir führten eine Sammlung für ihn durch und sein nächster Weg führte direkt in die Botschaft der DDR.

Besuch bei Lenin

Die übrige Reisegruppe fuhr zum Lenin-Mausoleum. Das Erinnerungsfoto an der Kreml-Mauer vermittelt den Eindruck einer ewigen Warteschlange vor der historischen Führungspersönlichkeit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. So fotografiert, wurden sogar private Aufnahmen zu Propaganda, denn tatsächlich war das Mausoleum täglich nur zwei Stunden geöffnet und einfach jede Reisegruppe, die sich in Moskau aufhielt, wurde unter strenger Bewachung hindurchgeschleust. Das Fotografieren der wie Wachs aussehenden Mumie selbst hingegen war verboten.

Unsere Weiterreise nach Nowosibirsk hinterließ eine vage Vorstellung von der Dimension der Sowjetunion, die immerhin ein Sechstel der Erde einnahm. Zwei Stunden Busfahrt zum damaligen Binnenflughafen Domodedowo, vier Stunden Wartezeit im Flughafengebäude, vier Stunden Flug und vier Stunden Zeitunterschied bei der Ankunft.

In der Halle lagerten die Fluggäste zwischen Gänsen, Tomaten und Granatäpfeln. Ein in Felle gekleideter Jäger hatte sich mit seiner Doppelflinte auf seinen Tierhäuten ausgebreitet. Ein Bild wie aus den Rocky Mountains. Nur schade, auch hier war das Fotografieren verboten.

An der Bar kam ich mit einem Georgier ins Gespräch, dessen Erscheinung mich an Stalin erinnerte. "Ich komme aus Grusia, 15. Unionsrepublik, ponimaju? 15. Unionsrepublik!" "Ich komme aus der DDR, 16. Unionsrepublik", gab ich zurück. Der Georgier brach in dröhnendes Gelächter aus, umarmte mich, bis mir fast die Luft wegblieb und gab anschließend drei grusinische Cognac aus. Sto Gramm. "Nasdrowje!" "Druschba!"

ZZ-Top und Schampanskoje

Die Nacht nach dem Flug ohne Schlaf begann mit einer Besichtigung von Nowosibirsk, eine Stadt mit 1,3 Millionen Einwohnern. Die bezaubernde Reiseleiterin der sowjetischen Partneragentur "Intourist" stellte sich als Larissa vor. Der Reisebus hielt vor der modernen Schwimmhalle, vor der orthodoxen Kirche und vor einem traditionellen Wohngebiet in schmucker sibirischer Holzbauweise. Im Hintergrund entstanden die ersten Neubaublöcke. "Eines Tages", erklärte Larissa, "werden die Kirche und die Holzhäuser verschwunden sein."

Für meine Freundin und mich ein Grund, die traditionelle Wohngegend am Nachmittag gleich noch einmal aufzusuchen. Wir lernten Olga kennen, die uns in ihr wohlig warmes Holzhaus einlud und uns mit Tee und Gebäck bewirtete. Die Einrichtung war schick und modern, Radio, Fernseher und ein riesiger Kachelofen im Zimmer. "Im Winter sind es hier manchmal minus 40 Grad. Der eiskalte Wind weht über das Tal hinweg, in dem sich die Wohnhäuser befinden. Bei den Menschen, die in den Wohnblöcken dort oben wohnen, ist es noch viel kälter." "Möchtest du dort oben wohnen?" "Nein." "Und wenn hier die Bagger kommen?" Olga zuckte mit den Schultern.

Es war Samstag. In einem Kulturhaus war Tanz. Disco. Der Discjockey spielte internationale Hits von Abba bis ZZ-Top. Die Musikanlage kam von Sony. Die jungen Leute trugen schicke Jeans von Levi's und Wrangler. Die Tische bogen sich von den Speisen und vom "Schampanskoje". Die Stimmung war toll. "Die Menschen in Sibirien verdienen oft doppelt so viel wie anderswo in der Sowjetunion. Es werden ständig Arbeitskräfte gebraucht", erzählte Larissa. Für eine originale Jeans blätterten die jungen Leute oft mehrere Monatslöhne hin. Auf dem Schwarzmarkt. Mir blieb schleierhaft, woher die Jeans kamen.

Am Sonntagmorgen darauf folgten wir einer Einladung ins Konservatorium. "Hier studieren junge Leute aus den östlichen Unionsrepubliken." Die Musikstudenten gaben Stücke von Mozart und Schubert und strahlten vor Glück. Ein Tenor aus Ulan-Ude schmetterte "Sah ein Knab' ein Röslein steh'n". Dann ermunterten uns die Studenten, doch auch ein deutsches Volkslied zu singen. Die Mitglieder der Reisegruppe blickten beschämt nach unten, bis die Reiseleiterin eine Entschuldigung fand.

Eingeladen beim kommunistischen Nachwuchs

Unsere nächste Station war Irkutsk an der Angara. Die Stadt, 8200 Kilometer von Berlin entfernt, war Dreh- und Angelpunkt des China-Handels mit Russland, Verbannungsort für die "Politischen" im Zarenreich und wie Nowosibirsk Station der Transsibirischen Eisenbahn. Selbst im Winter wurde hier auf den Straßen gehandelt. Viele Händler nutzten den Abakus, den traditionellen Kugelrechner für die Preisermittlung. In der DDR gab es zu dieser Zeit bereits elektronische Taschenrechner. Ein Kellner rechnete die Zeche mit einem Abakus, der immerhin so aussah wie ein elektronischer Taschenrechner. "Sowjetisches Computermodell", witzelte jemand und wollte es kaufen. "Njet", lautete die knappe Antwort.

Am Abend waren wir bei Komsomolzen eingeladen, dem Nachwuchs der Kommunistischen Partei, eine Organisation ähnlich wie die FDJ. Der Tisch war gedeckt, die jungen Leute hatten sich schickgemacht - und doch verlief der Abend ganz anders als erwartet. Besucher aus dem "Westen" waren im fernen Sibirien offenbar etwas Besonderes, selbst wenn sie aus der DDR kamen.

Zur Auflockerung veranstalteten die Gastgeber Gesellschaftsspiele, wir tanzten und begannen, uns intensiv zu unterhalten. Es gab sogar in dieser Runde Wodka. "Nasdrowje." "Druschba." Der Toast auf die Gesundheit und auf die Freundschaft war durchaus ernst gemeint. Wir hatten Gemeinsamkeiten entdeckt: Viele Jugendliche in der Sowjetunion und in der DDR waren zu der Zeit Komsomolzen oder FDJler, weil es eben so war. Es wurde ein schöner Abend.

Noch tiefer im Osten

Bis zum Baikal waren es nur noch 70 Kilometer. Bergauf musste der Bus geschoben werden, denn nach Neuschnee in der Nacht war die Schneedecke festgefahren und die Reifen waren wohl nicht die besten. Ein Bad im Baikal, der damals Trinkwasserqualität hatte, bildete den Endpunkt der Reise. Weiter ging es nicht: Das noch östlichere Wladiwostok war eine gesperrte Stadt, Standort der sowjetischen Pazifikflotte.

Ihren Stolz, eines der größten Wasserkraftwerke der Welt in Bratsk an der Angara, mussten die Sowjets uns aber noch zeigen: Von Irkutsk flogen wir mit dem "Lufttraktor" AN 24 weiter nach Norden. Bei der Ankunft Ende Oktober waren es minus 14 Grad, aber sonnig und die Kälte war nur wenig zu spüren. Bratsk war das Symbol für Lenins Formel "Kommunismus = Sowjetmacht + Elektrifizierung". Insofern hinterließ die Reise durchaus einen positiven Eindruck: Fast schien es, als lebte man dort besser als in der DDR. Der Bratsker Gulag allerdings mit bis zu 44.000 Gefangenen, die an einer gigantischen Eisenbahnverbindung, der Baikal-Amur-Magistrale bauten, fand keine Erwähnung. Davon erfuhr ich erst später.

Außer einen positiven Eindruck zu vermitteln, hatten Jugendtourist-Reisen noch eine andere Aufgabe: Sie sollten die Jugendlichen der sozialistischen Länder einander näher bringen.

Und beinahe wäre das sogar gelungen. Ich versuchte, mit Olga in Nowosibirsk in Kontakt zu bleiben, schrieb ihr einen Brief und schickte die Fotos, die ich gemacht hatte. Der Brief kam nicht zurück, aber auch keine Antwort. In Anbetracht der herzlichen Gastfreundschaft konnte ich mir nicht vorstellen, dass Olga nicht reagiert hätte. Eine Erklärung fand ich erst viel später: Individuelle Kontakte waren nicht gewünscht und wurden unterbunden.

Vielleicht aber sieht heute jemand diese Bilder und kann sich erinnern? Ich würde mich freuen.



insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jens Koch, 04.04.2011
1.
Super Bilder. Klasse Reisebericht. Ja, so war sie, die Freundschaft der DDR zu den Völkern der Sowjetunion. Da wunderte man sich noch.
Thorsten Müller, 04.04.2011
2.
Danke für den interessanten Beitrag. Ich wundere mich nur immer wieder darüber, dass sich das Klischee hartnäckig hält, Russen würden beim Anstoßen "nastrowje" sagen. Das ist aber noch nicht einmal Russisch. "Na sdorowje" kommt dem Ausdruck am nächsten, ich bekomme das immer als Antwort, wenn ich einen russischen Gastgeber für seine leckeres Essen lobe. Trinksprüche habe ich in Russland sicher schon hunderte gehört, man trinkt meistens "auf" irgendwas ("sa ..."). Bisher hat zumindest mir gegenüber noch niemand sein Glas gehoben und "nastrowje" oder "na sdorowje" gesagt.
Renate Hentschel, 04.04.2011
3.
Dass private (individuelle) Kontakte nicht erwünscht waren, stimmt meiner Erfahrung nach nicht. Ich hatte während meiner Schulzeit mindestens sechs sowjetische Brieffreunde von Krasnojarsk bis Moskau. Auch Päckchen gingen hin und her.
hajo Obuchoff, 05.04.2011
4.
>Danke für den interessanten Beitrag. Ich wundere mich nur immer wieder darüber, dass sich das Klischee hartnäckig hält, Russen würden beim Anstoßen "nastrowje" sagen. Das ist aber noch nicht einmal Russisch. "Na sdorowje" kommt dem Ausdruck am nächsten, ich bekomme das immer als Antwort, wenn ich einen russischen Gastgeber für seine leckeres Essen lobe. Trinksprüche habe ich in Russland sicher schon hunderte gehört, man trinkt meistens "auf" irgendwas ("sa ..."). Bisher hat zumindest mir gegenüber noch niemand sein Glas gehoben und "nastrowje" oder "na sdorowje" gesagt. Da haben Sie wohl noch nicht oft mit einem Russen angestoßen. Na Sdorowje wird durchaus gesagt im Sinne von Prosit. Das können Sie übrigens auch im Wörterbuch nachprüfen, dass dies durchaus so gebraucht wird, z.B. Im Deutsch-Russischen Wörterbuch in zwei Teilen von A.A. Leping und I.P. Strachowaja Moskau 1962, Staatlicher Verlag für Fremde und Nationale Sprachen. Aber natürlich ist Nastrowje tasächlich nicht russisch. Wird einfach immer wieder falsch abgeschrieben. Vielleicht hat das mal ein Journalist, der kein Russisch konnte, bei etwas fortgeschrittener Trunkenheit so verstanden. Auch Russen nuscheln manchmal, wenn die Zunge mal schwer wird.
Norbert Schott, 05.04.2011
5.
"Nasdrowje" ist Polnisch! Auf Russisch wäre "Sa sdorowje" als Trinkspruch korrekt. "Na sdorowje" gibt es zwar - wird aber in komplett anderen Zusammenhängen verwendet (wie Thorsten Müller korrekt schreibt)! Bitte, bitte korrigieren - wir Deutschen wollen doch auch nicht mit Holländern verwechselt werden. Bei Interesse kann ich die Bilder in diversen Novosibirsker Foren posten, die Chancen, jemanden zu finden, wären sehr hoch! (Antwort in diesem Fall bitte an novosibirsk@betriebsdirektor.de.) Viele Grüße aus Novosibirsk!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.