Reliquien einer Ikone Mensch Marilyn

Sexbombe, Platinblondine und für immer ein Geheimnis: Marilyn Monroe. Der rätselhafteste Star der Filmgeschichte ist offenbar auch Jahrzehnte nach seinem Tod für Enthüllungen gut. Immer wieder bringen neue Dokumente erstaunliche Details ans Licht - manche davon fast zu schlüpfrig, um wahr zu sein.

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

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Am 5. August 1962 notierte der Gerichtsmediziner Thomas Noguchi: "Der nicht konservierte Körper ist der einer 36 Jahre alten, wohlentwickelten, wohlgenährten weißen Frau. Körpergewicht 53 Kilo, Körpergröße 1,66 Meter. Die Kopfhaut mit blond gebleichtem Haar bedeckt. Die Augen blau."

Die nüchternen Worte beschreiben eine Frau, die schon zu Lebzeiten eine Legende gewesen war. Der größte Filmstar seiner Zeit. Freizügige Fotos verschafften ihr den Ruf einer platinblonden Venus. Sie lag in den Betten der Berühmten, Mächtigen und Genialen, war verheiratet mit dem Baseballstar Joe DiMaggio und dem Schriftsteller Arthur Miller, hatte unzählige Affären. Mit Sinatra, Marlon Brando, Tony Curtis, mit Yves Montand und vielleicht sogar John F. Kennedy und seinem Bruder Bobby. Für ihren unnachahmlichen Witz als "Dumb Blonde" in Filmen wie "Das verflixte siebte Jahr", "Blondinen bevorzugt" oder "Manche mögen's heiß" war sie von Kritikern zum weiblichen Charlie Chaplin gekrönt worden. Ein unerhörtes Kompliment!

Nun lag Marilyn Monroe, gerade mal 36 Jahre alt, auf Tisch 1 in der Pathologie von Los Angeles, am großen Zeh ein Schild mit ihrem Namen und der Nummer 18828. In der Nacht war sie von ihrer Haushälterin nackt und leblos mit dem Gesicht nach unten in ihrem Bett aufgefunden worden. Auf dem Nachtschrank neben sich lag ein leeres Fläschchen Nembutal-Tabletten, ein starkes Schlafmittel.

Zerwühlte Laken in den Gemächern der Göttin

Seltsam karg sah das Schlafzimmer auf den Fotos aus, die später durch die Presse geisterten. Leere Wände, ein zerwühltes Bett, ein paar Sachen, achtlos auf den Boden geworfen - Bücher, Schachteln, Wäsche. Eine leere Kork-Pinwand lehnte an der Wand. Der Raum wirkte nicht, wie das Gemach einer Göttin, sondern wie der letzte Rückzugsort einer tief Verzweifelten.

Und so ging der Kult erst richtig los. Die Filmlegende Monroe wurde zum Mythos Marilyn. Alle fragten nach dem Warum. Jene, die an einen Suizid glaubten ebenso wie alle, die sich auf ein Mordkomplott versteiften. Um die Fragen, was Marilyn aus ihrem Leben gerissen hatte, wurde ein Tempel aus Theorien, Fakten und Fundstücken erbaut. In ihm wird jede beiläufige Bemerkung, jeder Fetzen ihres Privatlebens zu einer wichtigen Reliquie. Medikamentenrezepte, Notizen und Kinderfotos, auf denen die kleine Norma Jeane Baker (wie Marilyn vor ihrer Apotheose zum Weltstar hieß) einen traurigen Zug um ihrem Mundwinkel trägt.

Solche frühen Schnappschüsse finden sich auch in dem neuen Bildband "Marilyn Monroe - Fotografien einer Legende". Neu sind sie nicht. Doch auch diese Bilder stoßen bis heute immer wieder Gedanken über Marilyn Monroes Wesen an. Schließlich war sie als Waise teils im Heim, teils in Pflegefamilien aufgewachsen. "Meine Mutter war psychisch krank", erzählte sie 1960 in einem Interview, "meine Großeltern mütterlicherseits sind beide im Wahnsinn gestorben." Doch selbst so grundlegende Eckpfeiler ihres Lebens gehen in dem Grundrauschen aus immer wieder neuen Informationen und Theorien über die Filmikone unter.

Bis heute sind mehr als 300 Biografien und Bildbände über sie erschienen, ein halbes dutzend Filme und noch mehr Dokumentationen wurden gedreht, Theaterstücke inszeniert, Bilder gemalt und Lieder geschrieben. Weltstars wie Madonna, Nicole Kidman, Charlize Theron, Gwen Stefanie, Scarlett Johansson und Lindsay Lohan kopieren ihren Look noch heute und erheischen doch nur einen schwachen Abglanz von Marilyns Magie und Tiefe. All diese blassen Kopien tragen nur dazu bei, dass das Original umso herrlicher strahlt. Sie sind Trüffelschweine im Tempel Marilyn. Und dabei nicht die einzigen, die gewühlt haben und fündig geworden sind.

Orgasmusprobleme und Sex mit Joan Crawford

Auch heute noch werden regelmäßig neue Funde gemacht. Und jeder wird gefeiert wie die archäologische Entdeckung des Jahrtausends - das Bindeglied zwischen Mensch und Marilyn. Sei es ein privater Pornofilm, in dem sie mit einem nicht erkennbaren Mann Fellatio praktiziert. Oder die Abschrift einer Tonbandaufnahme, die Monroe wenige Tage vor ihrem Tod für ihren Psychiater anfertigte und diesem zukommen ließ. Letztere ist ein Dokument wie Marilyn selbst - eigentlich zu schön und schlüpfrig, um wahr zu sein.

"Ich liege auf meinem Bett und trage nur einen Büstenhalter", soll Marilyn da ins Mikrofon gehaucht haben. Dann hagelt es pikanteste Geständnisse. Über Sexfrust: "Lieber Doktor, bevor ich ihre Patientin wurde, hatte ich nie einen Orgasmus. [...] Ich würde einen überwältigenden Sieg davontragen, wenn die Academy einen Oscar für das Vortäuschen von Orgasmen vergäbe." Über einen lesbischen One-Night-Stand mit der Schauspielerin Joan Crawford: "Wir gingen nach einer Cocktailparty zu ihr nach Hause. Wir stürzten ins Schlafzimmer, fielen übereinander her. Crawford hatte einen gigantischen Orgasmus und kreischte wie eine Verrückte. Das nächste Mal, als ich sie sah, wollte sie wieder. Ich erklärte ihr, dass es mir mit Frauen nicht viel Spaß macht. Da wurde sie gehässig." Und über ihre Beziehung zu Robert Kennedy: "Es gibt keinen Platz für Bobby in meinem Leben. Ich habe nicht den Mut, ihm wehzutun. Jemand anders soll ihm erklären, dass es aus ist."

Die Dokumente wurden 2005 von John W. Miner der Öffentlichkeit präsentiert. Miner war 1962 Chef der medizinrechtlichen Abteilung der Staatsanwaltschaft. Die Bänder sollen ihm damals von Monroes Therapeuten Ralph Greenson vorgespielt worden sein, da dieser nicht an einen Selbstmord glaubte. Miner notierte eifrig mit, musste aber Greenson versprechen, dass er niemals jemandem davon erzählen würde, da dieser seine Schweigepflicht nicht brechen wolle. Nach dem Tod des Psychiaters ließ sich der mittlerweile über 80-jährige Staatsanwalt in Rente durch Greensons Witwe von dieser Schweigepflicht entbinden. Er glaubt, auf den Bändern eine lebenslustige, junge Frau voller Pläne gehört zu haben. Sie wolle noch etwas Geld mit anspruchloseren Filmen scheffeln und sich dann daran machen, alle Shakespeare-Stücke zu verfilmen, soll sie gesagt haben - als Produzentin und Hauptdarstellerin. Beginnen sollte das Projekt mit "Romeo und Julia". Sie wollte die Julia spielen.

Miner schließt daraus, das Monroe umgebracht wurde. Beweisen kann er das freilich nicht. Denn die Bänder sind unauffindbar, was seinen Abschriften in etwa den Status eines Splitters vom Kreuz Jesu Christi verleiht - wer's glauben will, wird damit selig.

96, 58, 91

Würde Marilyn Monroe heute noch leben, wäre sie über 80 Jahre alt. Womöglich würde sie sich langsam auf den Abschied von der Welt vorbereiten. Dabei würde sich die in die Jahre gekommene Ikone wohl vor allem überlegen, welche der Geheimnisse, die sie Zeit ihres Lebens gehütet hat, sie lüften möchte. Denn die plötzlich Verstorbene hinterließ einen Krimi von einem Leben - und eine ganze Armee von Menschen, die verzweifelt versuchen, die losen Fäden zu einem schlüssigen Ganzen zu verknüpfen. Sie alle vernachlässigen dabei, dass eine Religion nicht auf Fakten fußt, sondern auf unerschütterlichem Glauben.

Marilyn selbst würde der Aufregung um ihre Person wohl mit ihrem unvergleichlichen "Dumb Blonde"-Humor begegnen. Schließlich hatte sie schon zu Lebzeiten Pläne für ihren Nachruhm gefasst. Ein paar Jahre vor ihrem Tod fiel bei einem Flug über der Wüste von Arizona für einen Moment der Motor aus. Als sich die Maschine sich bedrohlich zur Seite neigte, steckte sie einem Reporter, der neben ihr saß, den Wunschtext für ihren Grabstein - und schrumpfte den Mythos Marilyn auf die Maße der platinblonden Sexbombe: "Hier liegt Marilyn Monroe - 96, 58, 91".

Zum Weiterlesen:

Nick Yapp: "Marilyn Monroe - Fotografien einer Legende". Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2009, 151 Seiten. Das Buch erhalten Sie bei Amazon.



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