Motorsport-Legende Sie nannten ihn "Raketen-Müller"

Motorsport-Legende: Sie nannten ihn "Raketen-Müller" Fotos
Egon Müller

"Der tosende Applaus war das Geilste!" In den siebziger und achtziger Jahren machte Motorrad-Profi Egon Müller das Bahnrennen in Deutschland populär. Sein krasser Fahrstil bescherte ihm 33 Rekorde, etliche zertrümmerte Knochen und eine Zweitkarriere - als Schlagersänger. Von

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Der Weltmeister sieht traurig aus. Wie er da gedankenverloren in seiner blau-weißen Rennfahrermontur auf dem etwas speckigen Ledersofa sitzt, den Kopf leicht gesenkt. In den siebziger Jahren hatten die Deutschen ihn "Raketen-Müller" getauft, niemand fuhr damals rasanter und riskanter als Egon Müller, Motorradlegende, Frauenheld und immer für eine Schlagzeile gut.

Jetzt sitzt er in seiner mit Pokalen, Urkunden und Modellhubschraubern vollgestopften Wohnung, einem weiß getünchten Einfamilienhaus im ausgestorbenen Dörfchen Rodenbek bei Kiel, und stiert ins Leere. "Mensch Egon, du hast auch schon besser ausgesehen", ruft ihm ein kleiner, drahtiger Mann in Cargohose zu und gibt Egon einen Klaps auf den Rücken. Egon schweigt. "Und deine Augenbrauen erst! Viel zu lang, die muss ich dir unbedingt mal schneiden", scherzt der Mann.

Der Witzbold, der so respektlos mit Egon Müller scherzt, ist der Rennfahrer Egon Müller. Und neben ihm sitzt, in der Original-Weltmeisterkluft von 1983, eine täuschend echte Kopie des Egon Müller von 1983, modelliert aus einem Kunststoffgemisch.

"Kurz vor der Querschnittslähmung"

Seit fünf Jahren wohnen der echte Müller und der geklonte 1983er-Müller nun einträchtig zusammen, ein älterer Herr mit tiefen Lachfalten und ergrautem Haar und sein blondes Double aus der längst vergangenen Zeit des Weltruhms. Ein großes Kieler Kaufhaus hatte die Modellpuppe vor zehn Jahren mit viel Aufwand herstellen lassen, der echte Müller wurde dafür akribisch vermessen, selbst von seinen Fingern nahm man damals Gipsabdrücke. Danach baumelte die Puppe jahrelang von der Decke des Kaufhauses, erst als sich das Geschäft modernisierte, musste die Werbeplastik weichen - und fand Asyl auf der Ledercouch.

Das ist durchaus bezeichnend. Denn die Sportart, die Egon Müller einst in Deutschland populär machte, hat heute nur noch eine überschaubare Fan-Gemeinde: Bahnrennen mit Motorrädern ohne Bremsen. Die Fahrer verstehen sich eher als Akrobaten und Balancekünstler, es ist ein Teufelsritt auf Gras- oder Sandpisten, bei dem die Piloten mit bis zu 150 Km/h in die Kurve gehen. Als Königsdisziplin gilt die Kurzstrecke, Speedway genannt, bei der die Bahn höchstens 425 Meter misst. Müller ist bis heute der einzige deutsche Speedway-Weltmeister.

30 Jahre liegt dieser erstaunliche Erfolg nun zurück, doch das größere Wunder ist vielleicht, dass dieser Mann am 26. November noch seinen 65. Geburtstag feiern kann. Ein Interview mit Egon Müller ist immer auch ein Gespräch über zertrümmerte Knochen und verstorbene Kollegen. 63-mal hat sich Müller in seiner Karriere Brüche zugezogen - Rippen, Hände, Fußgelenke. Seine Schlüsselbeine knickten wie Streichhölzer, so oft, dass er heute noch genau das leise knisternde Geräusch beschreiben kann, wenn die Knochensplitter unter seiner Haut schabten. Einmal waren sogar seine Knie nach einem Unfall kurzfristig taub. Der erste Lendenwirbel war durch. "Das war kurz vor der Querschnittslähmung", sagt Müller. Wenig später fuhr er das nächste Rennen.

Ein Interview mit Egon Müller ist aber auch ein Gespräch mit einem Arbeitswütigen, "Saupreuß" haben ihn seine Gegner aus Bayern immer beschimpft. Das Rennfahren hat ihm nie gereicht, er brauchte stets mindestens drei Nebenjobs: Mal versuchte er sich als eine Art Dieter Bohlen des Motorsport und posierte auf den Plattencovern mit nackter Brust und offener Lederjacke neben leicht bekleideten Models. Im Discosound der Achtziger besang er sich selber, "Speedway Man" und "The Devil Wins" waren seine erfolgreichsten Stücke, bei Radio Schleswig Holstein war er wochenlang Nummer eins. Dann wieder arbeitete er als PR-Berater für eine Ölfirma oder belieferte Talkshows wie "Arabella" mit Themenvorschlägen: "Männer können sich auch mal aufs Klo setzen" kam von ihm oder "Energie durch einen jungen Partner" - schließlich war er lange mit einer 19 Jahren jüngeren Frau zusammen.

Rastlos ist Müller bis heute geblieben. Er moderiert auf Eurosport, berät und beliefert Top-Fahrer wie den Deutschen Martin Smolinski mit selbst getesteten Motoren, und jetzt auch noch das Interview. Der 64-Jährige ist kein Typ, der lange auf dem Sofa sitzen bleiben kann, das sowieso mit Dutzenden Modellfliegern zugestellt ist. Er springt auf, erzählt weiter, verschwindet in einer Ecke des Wohnzimmers, setzt dem Double-Egon eine Sonnenbrille auf, und als ihm das Gespräch zu langweilig wird, greift er ohne Vorwarnung zur Gitarre und singt drauf los: "Ja, ich habe heute Besuch von einem jungen Mann / Der ist blond und sieht gut aus / Und fragt mir Löcher in den Bauch, tralala."

Ein positiv Verrückter, der immer sagt, was er denkt, so haben ihn seine Fans stets gesehen. Ein Maulheld und Angeber, so empfanden ihn seine Kritiker. Ohne zu zucken, kann er auch über sich selber sagen, er sei "ein begnadeter Fahrer" gewesen.

33 Rekorde, 2784 Pokale

Damit hat er allerdings auch nicht unrecht. Neben dem Speedway-Titel errang Müller noch drei Weltmeisterschaften auf der Langbahn, er ist achtfacher Europameister und 17-facher Deutscher Meister. Zwischenzeitlich hielt er 33 Bahnrekorde und drei Geschwindigkeitsweltrekorde, in einem Nebenraum seiner Werkstatt, in der er bis heute Motoren tunt, stapeln sich Hunderte Pokale, angeblich sind es genau 2784.

Wer den tiefen Stolz verstehen will, der Müller gerne über seine Erfolge reden lässt, muss mit ihm über seine Vergangenheit sprechen. Denn das Motorrad war für ihn nicht nur eine Leidenschaft, sondern die wohl einzige Chance, aus einer Jugend auszubrechen, die er als "beschissen" bezeichnet.

Er ist der Jüngste von zwölf Geschwistern einer Artistenfamilie. Die Mutter war ständig krank, das Geld knapp, der Sohn musste zeitweise ins Kinderheim. Als Egon elf war, schenkte ihm der Vater ein altes Motorrad, das er für fünf Mark auf dem Schrottplatz erworben hatte - nicht ahnend, dass er damit das Leben seines Sohnes eine Richtung geben würde.

Ein Vermögen, vergessen auf dem Autodach

Jetzt ging es Schlag auf Schlag: Der erste Stunt mit dem Motorrad über das Dach einer Gartenlaube, der erste Sturz, die erste Gehirnerschütterung. Mit 15 Jahren meldete er sich mit dem Führerschein eines älteren Freundes bei einem Geländerennen an und kam als Zweiter gleich auf das Siegertreppchen. 1970 dann sein Debüt bei einem Sandbahn-Wettkampf. Müller wurde wieder Zweiter und war fortan angefixt: "Der tosende Applaus war das Geilste. Das wollte ich immer wieder hören."

Er hörte es immer wieder, in den siebziger Jahren lockten Sandbahnrennen noch Zehntausende Fans in die Stadien. Wer oft fuhr und talentiert war, konnte gutes Geld verdienen. Und Egon Müller nutzte seine rasant wachsende Popularität geschickt aus. Keiner verhandelte härter als er, klagten Veranstalter. In der Presse kursierten Geschichten über seine angeblich überzogenen Gagen. Zwischen 5000 und 10.000 Mark nahm Müller pro Start, die höchste Gage betrug 24.000 Mark in Kopenhagen, doch die ließ er, so erzählt er, nach dem Tanken in der Geldbörse auf dem Autodach liegen.

Wie ein Besessener reiste der Rennfahrer von Turnier zu Turnier. Manchmal fuhr er viermal die Woche, ob nun in Deutschland, Australien oder England. "Vom Mechaniker zum Millionär" titelte die "Bild" einmal, auch wenn das natürlich überzogen war, denn die Maschinen waren teuer und ständig zu Schrott gefahren.

Tragischer Motorradunfall des Sohnes

Zudem war der Preis für den Verdienst ziemlich hoch. Seine Ehe litt, weil er oft bis tief in die Nacht an seinen Motoren tüftelte. Müller vertraute keinem Mechaniker, überprüfte jeden Kurbelwellenzapfen selber. Mit penetranter Akribie, um sein Rad leichter zu machen. Selbst in winzige Sechs-Millimeter-Schrauben bohrte er deshalb noch Löcher von drei Millimetern. Er schnitt sogar die Noppen des Vorderreifens ab und sparte damit exakt 320 Gramm - da die Fahrer auf den Rennen immer im Kreis fuhren, benötigten sie theoretisch nur auf einer Seite des Reifens Profil. Und, natürlich, Woche für Woche riskierte er sein Leben.

Fünf Fahrer hat Müller während seiner Karriere sterben sehen, und als ein enger Freund tödlich verunglückte, begann er kurzfristig, an seiner Sportart zu zweifeln. Und das war noch lange vor der Katastrophe am 28. Juli 1985, als sein 17-jähriger Sohn Dirk, auch schon ein erfolgreicher Nachwuchsfahrer, bei einem Sandbahn-Rennen stürzte. Der Vater musste von der Tribüne aus zusehen, wie ein Verfolger seinem Sohn ungebremst über den Kopf fuhr.

Wortkarg wird der sonst so gesprächige Mann, wenn er heute davon erzählt. Hat er sich schuldig gefühlt, weil er seinem Sohn die Risikofreude vorgelebt hat? Nein, Dirk sei selbst darauf gekommen, Fußball habe ihn irgendwann nicht mehr interessiert. "Bald müllern zwei für Deutschland", hatte "Bild" noch kurz vor dem Unfall geschrieben und über eine gemeinsame Karriere von Vater und Sohn in der Speedway-Nationalmannschaft spekuliert.

Plötzlich war der rechte Mittelfinger ab

Neun Tage lang lag Dirk Müller im Koma, er hatte Gehirnquetschungen erlitten und musste das Schreiben und Lesen neu erlernen. Nur ein neu entwickelter Carbon-Helm rettete ihm vermutlich das Leben. Er trug ihn am Unglückstag zum ersten Mal.

Pures Glück also. Und doch machte Egon Müller weiter. Selbst im hohen Rennsportalter, mitunter belächelt von der jüngeren Konkurrenz. Erst 1997, mit 49 Jahren und über einem Vierteljahrhundert als Profi, war Schluss, auch wenn Müller im Jahr zuvor noch neun internationale Rennen gewonnen hatte.

Damit endeten aber nicht seine ernsthaften Verletzungen. Er verschrieb sich mit gewohntem Ehrgeiz einem neuen Hobby, dem Modellfliegen, und plötzlich war sein rechter Mittelfinger ab. Ein sauberer Schnitt, direkt oberhalb des Gelenks. Das Rotorblatt eines Modellhubschraubers hatte sich gelöst und war zu einem fliegenden Messer geworden. Dass der Finger anwuchs und heute wieder beweglich ist, verdanke er seinem "eisernem Fleiß und Training". Wieder einmal.

Selbst dem geklonten Egon aus dem Kaufhaus erging es nicht besser. Vor drei Jahren fiel er bei einem Harley Davidson-Treffen von der Bühne; Müller hatte dort moderiert. Der Puppe musste nach dem Unfall ein neues Gesicht modelliert werden. Der Eingriff gelang nur halbwegs. "Seitdem sieht Egon irgendwie ein wenig verbittert aus", sagt Egon über Egon, die Kopie. Und lacht. Auf ihn trifft das zweifelslos nicht zu.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
Helmut Unger 25.11.2013
Ach ja.. der Egon. Waren noch nette Zeiten im Cafe Tango. Wenn da nicht diese blonde Dame gewesen wäre die "Eeegon" immer dann rausholte wenn es gemütlich wurde..
2.
Reinhard Kropp 25.11.2013
Das ist mal ein geiler Artikel, schade, nur noch Erinnerungen.
3.
Peter Grolig 25.11.2013
Das war sicher eine schöne Zeit, als "Raketen-Müller" seine Hoch-Zeit hatte. Es war wie im Sommer. Als sich der Grashüpfer in der Sonne sonnte, musizierte und tanzte. Als der Winter dann kam, starb er dann des Hungers und der Kälte wegen. So scheint mir das bei Raketen-Müller auch zu sein. In der ("Sommers-")Zeit hat er keine Rente einbezahlt, drum ist er jetzt noch so "aktiv". Es klingt aber schon besser, wenn geschrieben steht, dass er so ein unruhiger, umtriebiger Mensch ist.
4.
Jörg Thorsten 25.11.2013
Hach, da werden echte Kindheitserinnerungen wach... ich war als Kind in den 80ern mit meinem alten Herren auf diversen Sandbahnrennen, oft in Diedenbergen z.B. . Egon war immer dabei! Wenn ich das hier lese habe ich direkt wieder den Geruch der Maschinen in der Nase und den roten Dreck zwischen den Zähnen... Wenn mal die Klappstühle nicht ausreichten saß ich immer auf unserer knallig-orangen Plastik-Kühlbox mit braunem Deckel, die habe ich immer noch im Keller! Zusammen mit etlichen Wimpeln und einigen "Bahnsport Aktuell" Ausgaben, unzähligen Polaroids und Andenken ;-) Krasse Zeit damals, die handsignierte Maxi von "Win The Race" höre ich immer noch ab und an! Danke für die schöne Zeit Egon!
5.
Erwin Löbel 26.11.2013
Ja es war eine tolle Zeit mit Egon und seinen Kontrahenten. Die Duelle mit Peter Collins und Mikel Lee (Mike The Bike) bleiben unvergessen. Auch der ewige Zweite, Willy Duden mit seinem Fan "Tannen-Werner oder Tannen-Jupp hat eine maßgebliche Rolle gespielt. Gegen eines dieser Rennen ist ein F1 GP wie Sandburgenbauen.
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