Rennlegende Jim Clark Er kam, siegte und starb

Etwas Dreck am Pistenrand und eine kleine Schneise im Wald: Das war alles, was von Jim Clark blieb. Der wohl talentierteste Rennfahrer aller Zeiten kam 1968 am Hockenheimring ums Leben. Sein Tod war der Beginn einer tragischen Unglücksserie im Motorsport.

Rainer Schlegelmilch/Schlegelmilch Photography

Von Jürgen Pander


"Wir dachten alle das Gleiche: Wenn es selbst Jimmy erwischen kann, welche Chance haben dann wir anderen, lebend davon zu kommen?" Der neuseeländische Rennfahrer Chris Amon sprach kurz nach dem Tod von Jim Clark aus, was alle Motorsportler seiner Zeit bewegte. Amon war an jenem lausig kalten und regnerischen Sonntag, dem 7. April 1968, in Hockenheim von Platz sechs ins Rennen um die Deutschland-Trophy gestartet, einen Lauf zur Formel-2-Europameisterschaft. Hinter Amons Ferrari war der Lotus von Jim Clark postiert. Schon da war klar, dass es an diesem Wochenende nicht richtig lief.

"Das Auto hat kaum Grip, erwartet nicht zuviel von mir" - das waren die letzten Worte vor dem Start, die Jim Clark zu seinem Mechaniker Dave Simms sagte. Schon beim Qualifying wurde Clarks Lotus durch Zündaussetzer und seifige Firestone-Reifen gebremst. Es war über Nacht nicht besser geworden, schon gar nicht das Wetter. Simms musste wegen des Frostes die Zündanlage des Rennwagens mit kochendem Wasser aufpäppeln, während Clark noch im Hotel Luxhof in Speyer frühstückte, ehe er zum Hockenheimring aufbrach.

Ein unschlagbares Gespann

Eigentlich wollte er das Rennen gar nicht fahren. Er tat dies nur aus Loyalität zum Lotus-Teamchef Colin Chapman. Viel lieber wäre Clark an diesem Sonntag beim Sportwagenrennen in Brands Hatch gestartet, wo er ursprünglich auch gemeldet war. Doch Chapman zuliebe hatte er umdisponiert. Der Lotus-Boss hatte Clark 1960 in die Formel 1 gebracht - seitdem waren die beiden ein nahezu unschlagbares Gespann in der Königsklasse des Motorsports.

Der ruhige, scheue und zurückhaltende Bauernsohn aus dem schottischen Kilmany Fife, geboren am 4. März 1936, und der ebenso geniale wie launische Konstrukteur und Prediger des Leichtbaus waren wie geschaffen füreinander. Clark konnte mit wenigen Worten ausdrücken, wie sich das Rennauto verhielt. Chapman konnte durch diese knappen Angaben noch mehr Speed aus dem Wagen herausholen. Lotus fuhr in diesen Jahren in einer eigenen Dimension.

Am 5. Juni 1960 gab Jim Clark sein Formel-1-Debüt beim Großen Preis der Niederlande in Zandvoort, ein Jahr später siegte er zum ersten Mal in der Königsklasse des Motorsports im belgischen Spa-Fancorchamps. 1962 wurde er Vize-Weltmeister hinter Graham Hill, 1963 zum ersten Mal Weltmeister. 1965 wiederholte er diesen Erfolg (nachdem er 1964 wiederum Zweiter geworden war). Ebenfalls 1965 siegte er als erster Rennfahrer aus Europa beim 500-Meilen-Rennen in Indianapolis. Clark fuhr intuitiv, gefühlvoll, schnell, geschmeidig und vor allem materialschonend. In einer Zeit, in der ein Formel-1-Rennauto weit anfälliger war als heute, war vor allem diese Eigenschaft eine Garantie für gute Ergebnisse.

Im Olymp der Champions

72 Formel-1-Rennen absolvierte Clark in seiner Karriere - 25 Mal schoss er als erster über die Ziellinie. Damals war das ein neuer Rekord. Auch wenn die Zahl angesichts der 91 Siege von Michael Schumacher (in 205 Grand-Prix-Rennen) nicht mehr so überwältigend wirkt: Aufgrund der deutlich geringeren Zahl von Rennen pro Saison, der weitaus größeren Ausfallquote und seiner Schnelligkeit in den unterschiedlichsten Klassen gehört Jim Clark auch aus heutiger Sicht in den Olymp der Formel-1-Champions.

Auch das erste Rennen der Saison 1968 hatte Clark souverän gewonnen. Dann kam der verhängnisvolle Sonntag in Hockenheim. In der vierten Runde der Asphaltjagd raste Clark in seinem rot-weiß-goldenen Lotus an achter Stelle liegend durch das Motodrom - danach tauchte er nicht wieder auf. Auf einem eher ungefährlichen Abschnitt des Kurses, wo die Autos mit etwa 250 km/h entlang preschten, kam der Lotus von der Strecke ab und schoss in die Bäume. Niemand sah den Unfall. Als die ersten Sanitäter zu den Trümmern kamen, war Clark bereits tot.

Da es keinen Zeugen gab, schossen die Spekulationen über die Unfallursache ins Kraut. Aussetzer am Motor wurden genannt, ein schleichender Plattfuß am Hinterrad - sogar von Kindern, die die Strecke überquert und denen Clark im letzten Moment ausgewichen sein soll, war die Rede. Lotus-Mechaniker Simms hingegen war sich stets sicher: "Das rechte Hinterrad verlor Luft, daraufhin verlor Clark die Kontrolle über den Wagen."

Fahnen auf Halbmast

Bevor noch am selben Tag der zweite Lauf gestartet wurde, hatte sich die Kunde von Jim Clarks Tod verbreitet. In Hockenheim hielten die rund 50.000 Zuschauer während zweier Schweigeminuten inne, die Fahnen wurden auf Halbmast gesetzt. Auch in Brands Hatch verkündete der Streckensprecher den Tod des Rennidols, und die BBC unterbrach ihre laufende Sendung mit einer knappen Ansage aus dem Off: "Jim Clark's been killed at Hockenheim."

Nach der Tragödie kamen immer wieder Berichte auf, Clark habe just in dieser Zeit mit dem Gedanken gespielt, seine Formel-1-Karriere zu beenden und sich in Schottland auf einer Farm niederzulassen. Seine Freundin Sally Stokes berichtete später, er habe über Heiratspläne und von einem Ende der Rennfahrerei mit ihr gesprochen. Der Mann, der am Lenkrad scheinbar allmächtig, aber im Privatleben oft schüchtern und zurückgezogen war, rang offenbar mit einer Entscheidung. Freunde sagten später, die Zeit in Paris, wo Clark seit dem Frühjahr 1967 wohnte und von wo aus er zu allen europäischen Grand-Prix-Rennen mit seinem gelben Lotus Elan anreiste, habe ihn selbstbewusster, weltläufiger und auch eigenständiger gemacht. Doch Clarks Pläne, Hoffnungen und Wünsche fanden an jenem 7. April im frostigen Nieselwetter von Hockenheim ein plötzliches Ende.

Zugleich begann eine beinahe unheimliche Unglücksserie im Motorsport: Am 7. Mai verunglückte Mike Spence, der anstelle Clarks im Lotus-Cockpit Platz genommen hatte, beim Training in Indianapolis tödlich. Am 7. Juni starb Ludovico Scarfiotti in einem Porsche beim Rossfeld-Bergrennen. Am 7. Juli verbrannte Jo Schlesser in einem Honda beim Großen Preis von Frankreich in Rouen.

Todesopfer im Motorsport waren zu diesen Zeiten keine Seltenheit, dennoch hatte Jim Clarks Tod etwas verändert. Jackie Stewart, ein enger Freund Clarks, sagte einmal: "Der Tod von Jimmy war für den Motorsport das Äquivalent zur Atombombe."



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Ulrich Mächtle, 04.04.2008
1.
Was so ein Superlativ alles verkraften muss... Wie kann nach einer solchen Karriere mal eben Einer zum talentiertesten Aller gekürt werden. Erklären sie mir bitte den Zwang zum Größten, Schönsten, Schnellsten, Herr Pander. U.Mächtle, Berlin
Frank Nießen, 04.06.2008
2.
Der Mozart der Formel 1 Natürlich wird man nach eben einer solchen Karriere und erst recht nicht mal eben so als Talentiertester bezeichnet. Sicher kann man Fahrer und Epochen größtenteils nur schwer vergleichen, aber man darf durchaus dieser Meinung sein. Und keiner, der sich auch nur oberflächlich mit der Rennsporthistorie auseinandersetzt, würde das bestreiten. Clarks Erfolgsquote wird nur noch von Juan Manuel Fangio übertroffen. Er bewegte seine Fahrzeuge meist schneller, als andere das für möglich hielten, fuhr immer am Limit, machte nie Fehler und schlug die Konkurrenz mit allem, wo man ihn reinsetzte. Schlechte Tage kannte er nicht. Den Level, den die meisten anderen sich arbeitsreich erkämpfen mussten, schlug er scheinbar mühelos, und zwar mit reinem, natürlichen Talent. Er verblüffte die Experten mit Bestzeiten auf seiner ersten Fahrt in einem Einsitzer auf einer Strecke, die er noch nie gesehen hatte - ganz ohne die Ausbildung mit Kartlaufbahn usw., wie sie heute üblich ist. Wären Chapmans Wagen nicht häufig so unzuverlässig gewesen, wäre es auch nicht bei zwei Titeln geblieben - das steht fest. Das kann man aus den Tatsachen heraus so schreiben und hat nichts mit kultischer Heldenverehrung zu tun. @U.M.: Kritisieren und Miesmachen ist immer ganz einfach - vor allem ohne begründende Argumentation und ohne Gegenbeispiele. Und ein Zwangsverhalten kann ich beim Herrn Pander auch nicht diagnostizieren ;-) Schöne Grüße aus dem Nürburgring-Land
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