AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/1983

Reportage über Transplantation "Das Spenderherz darf nicht sterben"

Das ist kein Handgemenge, das ist Teamwork: SPIEGEL-Autor Hans Halter beobachtete in München eine Herzverpflanzung, bei der jede Minute zählt - eine preisgekrönte Reportage aus dem Jahr 1983, wiederentdeckt zum 70. SPIEGEL-Geburtstag.

Herztransplantation (Archiv)
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Herztransplantation (Archiv)


Diese Reportage erschien im SPIEGEL, Ausgabe 50/1983, und wurde 1983 mit dem zweiten Preis im Egon-Erwin-Kisch-Wettbewerb ausgezeichnet.

Das neue Herz ist klein und eiseskalt, das alte groß und lebenswarm. Doch das alte Herz wäre bald stehengeblieben. Nun liegt es in der Abwurfschale, dunkel, schlaff und verbraucht. Das Eisherz tritt an seine Stelle, ein hohler Muskel, hell, straff, jugendfrisch.

Das kalte Herz wird rasch erwärmt. Erst durch die Hände der Chirurgen, dann von dem Blut des kranken Mannes, der nicht sterben soll. Sein eigenes Herz, nun entbehrlich, wird langsam kühl; ein Helfer trägt es zur Sektion.

München, Klinikum Großhadern, im November 1983. Die Herzchirurgen operieren im dritten Stock, auch die Stimmung ist gehoben. Es ist ihre achte Herztransplantation in diesem Jahr, die 15. insgesamt. "Große Taten", sagt Bruno Reichart, 40, leichthin, "brauchen keine lange Vorbereitung." Kleine Pause, dann der Nachsatz: "Jedenfalls nicht zehn Jahre."

Beim Operieren wird überall geplaudert, und immer gibt der Chef den Ton an. In München ist es ein moderater Small talk, gut bayrisch mit einigen amerikanischen Versatzstücken. Alle Mann am OP-Tisch waren schon mal in Stanford, Kalifornien. Von dort, aus dem Mekka der Herzchirurgen, haben sie das Know-how der Herztransplantation mitgebracht und den drive. Nun sind sie, zählt man die Häupter der Überlebenden, einfach Spitze, Weltspitze. So was macht locker, easy going.

Reichart und seinem Gegenüber, dem Privatdozenten Bernhard Kemkes, auch 40, ist ein Kunststück gelungen, das die Amerikaner ihren deutschen Kollegen schon gar nicht mehr zugetraut haben: Erfolg. Er wird möglich durch die seltene Kombination eher sportiver Fähigkeiten.

Damit Herztransplantationen gelingen, immer wieder gelingen, sollte man sprinten können wie ein gut trainierter Sportler, Stehvermögen haben wie ein Sparringspartner, organisieren können wie der Flugplaner einer Airline und, first things first, ein tapferer Doktor sein. Nicht zu skrupulös (sonst wäre man besser Internist geworden), aber eben auch kein Hasardeur. Ganz generell, sagt Reichart, werde das Handwerk des Chirurgen gewaltig überschätzt. "Es ist simpler, als man denkt", einerseits.

Drei Männer warten auf ein Spenderherz

Andererseits: Der fingerflinke Umgang mit Nadel und Faden, Schere und Skalpell allein, das Handwerk im Wortsinn, reicht nicht aus. Sonst gäbe es mehr Herzverpflanzer. Reichart: "Die Probleme mit der Spenderauswahl und die Arbeit hinterher werden unterschätzt." Der Erfolg hat eben viele Väter, die Schwestern nicht zu vergessen - und die allermeisten wird der Patient niemals zu Gesicht bekommen.

Im Operationssaal, einem blaugrün gekachelten, fensterlosen, klimatisierten Raum, sind elf Nothelfer bei der Arbeit. Vier Ärzte operieren, zwei narkotisieren. Jedem Team geht eine Krankenschwester zur Hand, keimfrei, "steril". Ein "Kardiotechniker" bedient die Herz-Lungen-Maschine. Damit die Verbindung zur gewöhnlichen Welt draußen nicht abreißt, gebieten alle gemeinsam über eine "unsterile" Schwester und den "OP-Pfleger". In Österreich ruft man ihn "Saaldiener", in München hat er einen Namen.

Bruno Reichart (Foto von 1990)
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Bruno Reichart (Foto von 1990)

Es ist später Abend, und alle haben schon ein Tagwerk hinter sich. Teils streng nach Dienstplan, teils glorios improvisiert. Die Unruhe hat ein Telephonanruf aus Nimwegen eingeläutet. Er ging morgens um 10.25 Uhr ein und galt dem Oberarzt Kemkes: Das Hospital der niederländischen Universitätsstadt teilte mit, daß dort ein potentieller Herzspender verstorben sei, Blutgruppe A, männlich, 16 Jahre alt.

In München warten zu dieser Stunde drei Männer auf ein Spenderherz. Sie sind zwischen 30 und Ende 40, verheiratet, gut motiviert ("das ist sehr wichtig!") - und dem Sterben ganz nah. Ihr Herz ist ante finem, vor dem Ende. Zerstört von chronischer Entzündung, gegen die es kein Heilmittel gab, oder degeneriert, weil die Durchblutung schlecht und schlechter wurde. Sie sitzen in ihren Klinikbetten, abgestützt durch viele Kissen. Im Liegen bekommen sie keine Luft mehr. Zwei haben die Blutgruppe Null, einer hat A.

Der Mann mit der Blutgruppe A, ein 35jähriger Niederbayer, ist erst seit zwei Tagen "endgültig akzeptiert"; die anderen beiden sind es schon seit Wochen. Doch für sie fand sich bisher kein Spender. Hat "A" Glück? Und kann man es "Glück" nennen?

Mal muß a Ruh' sein

Alle drei haben eine intensive Diagnostik hinter sich. Man hat ihnen Katheter ins Herz geschoben, sie geröntgt, ihren Stoffwechsel analysiert, sie wirklich von Kopf bis Fuß untersucht. Wer an akuten oder chronischen Infektionen leidet, und sei es an einem Fußpilz, wer zuckerkrank ist oder mit zusätzlichen ernsten Organerkrankungen beschwert, auch wer über 50 Jahre alt ist, kommt als Herzempfänger nicht in Frage.

Patient A kommt in Frage. Er gehört zu jener Sorte Männer, die Bayern zum Mythos machen: robust, vom Herzen mal abgesehen; seelisch belastbar, doch nicht gemütsarm; bodenständig, optimistisch, den Kindern zugetan. Pack' ma's? Freili, pack' ma's. Mal muß a Ruh' sein.

Oberarzt Kemkes hat dem Patienten vor Tagen schon 20 Milliliter Blut abgezapft und daraus zehn Milliliter Serum gewonnen, ein halbes Schnapsglas voll. Diese Winzigkeit ist dann nochmal in zwei Dutzend Portionen aufgeteilt und mit Luftpost und Eilboten verschickt worden. Empfänger waren die großen Kliniken in Deutschland, Österreich, Belgien und Holland. So kam ein Tropfen von A''s Blut nach Nimwegen. "Das ist unser Trick", sagt Reichart, "wir verschicken das Blut vorher."

Nur so klappt die "long distance"-Transplantation, der Transport eines Spenderherzens über Länder- und Sprachgrenzen hinweg.

Die fremde Klinik darf, so der Münchner Organisationsplan, bis zu 950 Kilometer von München entfernt liegen, nur muß es in ihrer Nähe eine Jet-Landebahn geben und in ihren Mauern ein Labor zur Gewebetypisierung. Dort fällt die Entscheidung: Vertragen sich Spenderorgan und Empfänger? Oder löst A's Serum die weißen Blutkörperchen des Spenders auf?

Noch ist Zeit für eine Partie Tennis

Um 11.10 Uhr, eine halbe Stunde nach dem ersten Anruf aus Holland, beginnt in Nimwegen das entscheidende "Cross match", die Kreuzprobe. Fällt sie positiv aus, wird A kein neues Herz bekommen, heute nicht, vielleicht niemals. Dreieinhalb Stunden dauert die Ungewißheit. So lange wird der Tropfen bebrütet und mikroskopiert.

Derweil verhalten sich die Münchner Herzchirurgen so, als sei der Spender schon gefunden. Deshalb geht Professor Reichart in aller Ruhe Tennisspielen, und Oberarzt Kemkes macht sich in großer Eile ans Telephonieren. Denn Reichart wird, wenn's klappt, am Nachmittag wie Münchhausen nach Nimwegen katapultiert werden und, schneller noch, zurück - in einer Kühlbox das neue Herz. Erst nach dem Parforceritt kann transplantiert werden.

Ein junges, gesundes Herz, dem toten Spender entnommen, kann gekühlt und blutleer ("ischämisch") vier Stunden überleben, länger nicht. Das nennt man die "kalte Ischämiezeit". Jede Minute, die von ihr abgeknapst wird, wirklich jede, erspart spätere Komplikationen.

Die Stafette geht gegen die Uhr, sie wird organisiert wie eine Rallye. Arrangiert wird sie von Kemkes, dem "long distance"-Planer. Nirgendwo sollen Reichart und seine beiden Helfer auch nur sekundenlang warten müssen. Kemkes Ehrgeiz ist eine grüne Welle über insgesamt 1200 Kilometer, streckenweise illuminiert von zuckendem Blaulicht.

Erst baut er telephonisch die holländische Partie zusammen. Nimwegen hat keine Jet-Piste und das Universitätshospital, in dichtem Wohngebiet gelegen, keinen Landeplatz für Helikopter. Himmelherrgottsakra, das fängt ja gut an.

Bienenkorbstimmung in der Herzklinik

Mit Hilfe seiner kleinen Handbibliothek, sortiert wie in einem Airport-Tower, ortet Kemkes den nächstgelegenen Flughafen. Er heißt Deelen, liegt 45 Kilometer entfernt und gehört der Königlich Niederländischen Armee. Vom diensthabenden Offizier beschafft sich der Bayer eine Landeerlaubnis und gleich noch einen Militärhubschrauber dazu. Für die letzten paar hundert Meter zum Krankenhaus wird ein Taxi bereitstehen und Polizei zu seinem Schutz.

Den deutschen Teil der Reise vertraut Kemkes nicht Amtspersonen, sondern Privatleuten an. Bundeswehr und Rotes Kreuz sind ihm nicht mobil genug. Mal dürfen sie nicht starten, weil's neblig ist; mal wollen sie nicht landen, weil''s gerade dunkel wird.

Für den Sprung von München-Riem nach Deelen und zurück chartert der Doktor deshalb einen "Learjet" der Firma MTM, die Flugstunde zu 2500 Mark. "Das ist preiswert", Kemkes kennt sich aus. Außerdem sorgen seine Sympathisanten im Kontrollturm von Riem für "Vorrang unter allen Umständen". Linienflugzeuge müssen dann eben ein paar Kreise ziehen.

Behälter zum Transport von Organen (Archiv)
DPA

Behälter zum Transport von Organen (Archiv)

Um 15.45 Uhr wird der Pakt besiegelt. Nimwegen meldet - die Ärzte reden wie beim Poker - "full house": Alle Gewebemerkmale von Spender und Empfänger passen zusammen. Es kann losgehen. Reichart und Kemkes trinken zwischen Tür und Angel noch schnell einen Kaffee, dann sagen sie beim Patienten A Bescheid.

In der Herz-Klinik verbreitet sich Bienenkorbstimmung. Sie hat nur 50 Betten, und jeder kennt jeden. Heute nacht also, es ist soweit. Mit den beiden anderen Kandidaten, den "Nullern", spricht der Stationsarzt. Jeder hat die gleiche Chance. Stimmt - eine Woche später, pünktlich zur Feier "25 Jahre bayrische Herzchirurgie", wird einem von ihnen gleichfalls ein neues Herz implantiert.

Draußen auf dem Flur gesellen sich zwei Studenten zu Bruno Reichart, cand. med. Hermann Reichenspurner und cand. med. Wolfgang Ertel, beide 24. Wer würde vermuten, daß diese Studiosi in Wahrheit schon Profis sind? Von Anfang an dabei, durch eine über Nachtdienste finanzierte Famulatur in Stanford geweiht, immer erreichbar, nur die Herzchirurgie im Kopf - und das alles für Gotteslohn. Reichart, Ertel, Reichenspurner bilden das Münchner "Explantationsteam", das nach Holland reist.

Theoretisch ist es nicht nötig, daß der Arzt, der das Spenderorgan einpflanzt, es vorher auch selbst herausoperiert. Doch beim Herzen hat sich das sehr bewährt: "Ich muß es vorher sehen und fühlen", sagt Reichart, "dann weiß ich, ob es wirklich gesund ist und ob es paßt."

Nun zählt jede Minute

Professor Werner Klinner, 60, dem Direktor der Herzchirurgischen Klinik und Reicharts Chef ("Ich halte den Jungen den Rücken frei"), ist 1969, bei der ersten deutschen Herztransplantation, ein Mißgeschick passiert, das ihm zur Warnung diente: Das Spenderherz war durch den Unfall verletzt und versagte deshalb beim Empfänger. Beim zweiten Transplantationsversuch blieb eine angeborene Mißbildung des Muskels unentdeckt. Auch dieser Empfänger starb bald. Klinner: "Wir waren damals noch nicht so wählerisch mit den Spenderherzen."

Reichart ist es. "Letztlich", sagt er, "kommt nach unseren Erfahrungen nur ein Drittel aller Angebote für eine Explantation in Frage." Mal ist das Cross match positiv, mal differieren Größe und Gewicht von Spender und Empfänger allzusehr. Der Münchner Operateur würde, das hat er sich fest vorgenommen, auch einen teuren "long distance"-Flug als Fehlinvestition abbuchen, wenn das Spenderherz bei der Inspektion irgendeinen Makel erkennen ließe.

Damit diese Vorsicht sich nicht gegen den Empfänger kehrt - Alptraum: Der Mann liegt mit eröffnetem Brustkorb im OP, sein Herz ist entfernt, doch plötzlich gibt es gar kein Spenderherz -, sind Spender- und Empfänger-"Procedures" genau aufeinander abgestimmt.

16.55 Uhr: Das Münchner Explantationsteam startet in Großhadern, mit Blaulicht und Feuerwehr.

18.52 Uhr: Die drei erreichen die OP-Vorräume in Nimwegen, stellen sich den Kollegen vor, ziehen holländische OP-Kleidung an und verstauen ihr Zivilzeug in einen Plastiksack. Drinnen, im OP, liegt der hirntote Spender. Er ist abgedeckt und wird künstlich beatmet. Sein Brustkorb ist weit offen, das Herz zu sehen. Ein holländisches Ärzteteam bereitet sich auf die Explantation der Nieren vor.

19.03 Uhr: Professor Reichart beginnt mit der "makroskopischen" Untersuchung des Herzens. Es ist ein gesundes Organ, kräftig genug für den 35jährigen, schwergewichtigen Empfänger. Jetzt erst wird es endgültig akzeptiert. Wolfgang Ertel telephoniert mit Oberarzt Kemkes in München. Dort fährt man A in den OP. Er ist bei Bewußtsein, sein Atem geht schwer.

19.16 Uhr: Reichart, assistiert von Reichenspurner (einem Wuschelkopf, der nur mit Mühe die widerborstigen Haare unter die Haube bekommt), hat den Herzbeutel geöffnet und die großen Gefäße so weit wie möglich voneinander separiert. Die Hauptschlagader wird mit einem Bändchen umschlungen und um 19.25 Uhr durchtrennt.

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Von jetzt an geht es um jede Minute. Die beiden Studenten legen das Herz still - mit zwei Litern einer vier Grad kalten Lösung, aus München mitgebracht. Je rascher und vollständiger die Unterkühlung gelingt, desto besser. Im Tierversuch ist jeder Handgriff dutzendfach geübt worden.

19.33 Uhr: Reichart durchtrennt die große Lungenarterie.

19.35 Uhr: Reichart nimmt das Spenderherz aus dem Brustkorb. Der leere Herzbeutel bleibt zurück.

19.36 Uhr: Vorsichtig wird der hohle Muskel in sterile Kochsalzlösung gelegt. Auch sie ist vier Grad kalt. Zur gleichen Minute beginnen die Anästhesisten in München mit der Narkose.

Die Narkose eines Mannes, dessen Herz gewaltig vergrößert ist und zugleich so schwach wie das eines kleinen Kindes, erfordert Umsicht und Erfahrung, aber sie kann nicht tödlich enden. Mors in tabula, Tod auf dem Tisch, das ist Vergangenheit, seit die Herz-Lungen-Maschine die beiden Organe für Stunden ersetzen kann.

Ein dreifacher Plastikbeutel hält besser

Seit 25 Jahren wird in München mit dem Apparat hantiert. Zu Klinners frühen Zeiten war er ein Monstrum, nun ist er ein schickes Produkt des Apparatebaus. Angefüllt mit 7 Litern verdünntem Spenderblut, außerhalb des Körpers mit Sauerstoff gesättigt, versorgt er A mit dem Notwendigen, ersetzt Lunge, Herz und Kreislauf. Um dem Apparat die Arbeit zu erleichtern, wird der Patient unterkühlt, auf 29 Grad. Das senkt seinen Sauerstoffbedarf.

In Nimwegen steigert sich inzwischen das Tempo der Aktionen.

19.38 Uhr: Das gekühlte Herz wird verpackt, sicherheitshalber mehrfach. Ein Plastikbeutel könnte reißen, dreifach hält besser.

19.39 Uhr: Mit Schwung verschwindet das Herz in der Kühlbox. Eisschnee deckt es von allen Seiten zu.

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Zum Umziehen bleibt keine Zeit. Die drei Explanteure streifen nur ihre Jacken über. Der Professor schultert, wie Rumpelstilzchen, den Plastiksack mit der Kleidung. Die beiden Studenten greifen zur Herzkiste.

Es wird gesprintet, um 19.57 Uhr ist, nach kurzer Autofahrt, der Helikopter erreicht.

Sekundenschnell verschwindet die Kühlbox im Gepäckraum des Hubschraubers. Der Learjet wartet schon. Um 20.15 Uhr ist er in der Luft. Noch ist es nicht vollbracht, doch ist nicht der Anfang die Hälfte des Ganzen? Reichart entspannt.

Ärzte haben Gründe für Zurückhaltung

In München hält Kemkes derweil vom OP aus Kontakt mit dem Tower in Riem. Er fragt nicht: "Wann ungefähr wird das Flugzeug aus Deelen landen?" sondern nach der "estimated arrival time". Antwort: "21.10 Uhr".

Genau vierzig Minuten vorher, um 20.30 Uhr, wird der (mit einer bakterienhemmenden Folie abgeklebte) Brustkorb geöffnet. Um 21.15 Uhr ist das neue Herz seinem Empfänger schon ganz nah, im Helikopter über München. Reichenspurner hält die Kühlbox umklammert. Ein letzter Sprint, drei Treppen hoch, Reichart vorweg. Fahrstühle gehen viel zu langsam, sagt er, und er muß sich ja auch noch gründlich waschen. Um 21.25 Uhr übergibt Reichenspurner dem Dr. Kemkes das Spenderherz. Es steht seit zwei Stunden still. Erst seit zwei Stunden. Die Münchner Strategie scheint wieder mal Erfolg zu bringen.

Ein Spenderherz wartet in Eis darauf, neu eingesetzt zu werden
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Ein Spenderherz wartet in Eis darauf, neu eingesetzt zu werden

"Long distances", erläutert Kemkes, "eröffnet einen Spenderpool, an den man sonst nicht rankommt." In Deutschland jedenfalls fehlt es an Spendern - nicht an Unfallopfern. Die meisten sterben in kleineren Krankenhäusern, und dort haben die Ärzte Gründe, sich mit der Organspende zurückzuhalten.

Der Doktor auf dem flachen Lande müßte, am Ende eines langen Kampfes, den er gerade verloren hat, noch einmal besonders aktiv werden - das große Transplantationszentrum in der Universitätsstadt anrufen, erst in toten Leitungen vergeblich warten und dann sich vielen Fragen stellen. Nach Alter, Größe, Vorgeschichte - das geht ja noch -, nach Blutgruppe, Cross match, Medikation - hat er was falsch gemacht? -, schließlich nach dem Einverständnis der Angehörigen: Er muß den Eltern sagen, daß der Sohn gestorben ist, nicht zu retten war. Und er muß, im nächsten Satz, davon sprechen, daß die inneren Organe gesund sind und weiterleben könnten, wenn sie gespendet werden für einen Unbekannten in der großen Stadt.

Immer nach dem gleichen ausgetüftelten Plan

Damit nicht genug der Unannehmlichkeiten. Eine Beatmungsmaschine bliebe für Stunden blockiert, der Operationssaal müßte vorbereitet werden, Personal wäre zu verpflichten - und das alles für einen Patienten, den man nicht kennt und von dem man nichts weiß. Und für ärztliche Kollegen, die man auch nicht kennt, von denen man aber weiß, daß sie atemberaubend tüchtig sind, akademische Lehrer, gestern in Stanford, morgen Ordinarius.

Wie also wird sich Dr. Biedermann, irgendwo hinter den sieben Bergen, entscheiden? Professor Klinner: "Kleine Krankenhäuser gehen den Schwierigkeiten aus dem Wege."

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Deshalb kommunizieren Reichart und sein Team per Jet mit ihresgleichen, den Uni-Ärzten in Hannover, Graz, Wien oder Berlin. Von dort haben sie Spenderherzen abgeholt, immer nach dem gleichen ausgetüftelten Plan. Bei Bedarf nehmen Ertel und Reichenspurner das chirurgische Werkzeug mit auf die Reise - Druckluftsäge, Hammer, Meißel, dazu das Eis und die Kühlflüssigkeit.

Verstellen die martialische Ausrüstung und das hohe Tempo der Aktionen den Blick auf die ethisch-moralischen Aspekte der Organentnahme? Wolfgang Ertel: "Der Körper ist tot, vollkommen tot. Es funktionieren nur noch eine Pumpe, das Herz, und zwei Filtriergeräte, die Nieren." Hermann Reichenspurner: "Natürlich haben wir Mitleid mit dem Spender. Es ist, als ob man einem Pathologen bei der Sektion assistiert. Der Tote auf dem Tisch tut einem immer leid."

Es scheitert nicht am Geld

Dem Professor Bruno Reichart, seit 15 Jahren Chirurg, geht es nicht anders.

Das ist der Grund, weshalb er die Ferntransplantationen schätzt: "Der Spender ist abgedeckt. Ich sehe nur das Herz." Bei einer "Haustransplantation" liegen Spender und Empfänger in benachbarten Operationssälen. Die Ärzte kennen beide Menschen als Lebende. "Keine angenehme Situation. Leicht gespenstisch. Man muß es ganz kühl betrachten", meint Reichart, nämlich so: "Das Spenderherz darf nicht sterben."

Ein Herz wird aus der Kühflüssigkeit genommen, um es dem Empfänger einzusetzen (Archiv)
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Ein Herz wird aus der Kühflüssigkeit genommen, um es dem Empfänger einzusetzen (Archiv)

Demnächst will das Münchner Team seine Transplantationsaktivitäten nochmals ausweiten. Geplant ist die "en bloc"-Übertragung von Herz und Lunge. "Dafür gibt es mehr Kandidaten als für ein Herz allein", sagt Reichart, und deshalb hat er es ja auch schon mal gewagt, Anfang dieses Jahres. Doch der Patient, ein 27jähriger Rettungssanitäter, starb nach wenigen Tagen. Leber und Nieren versagten, nicht Herz und Lunge.

Derzeit wartet in München ein Schwerkranker auf diese doppelte Chance. Wann (und ob) sie kommen wird, ist ungewiß. Lungen kann man nicht "ferntransplantieren". Der Spender muß nebenan sterben.

Herzchirurgie ist international

Zehn, vielleicht zwölf Herzen will die bayrische Crew von nun an jährlich verpflanzen. Am Geld scheitert nichts mehr. Das Klinikum Großhadern erhält vom Kostenträger pro Operation pauschal 100.000 Mark, das reicht. Es kann aber sein, daß dem Krankenhaus demnächst der Herzchirurg Reichart verlorengeht.

Christiaan Barnard, der am 3. Dezember 1967 als erster ein Herz übertrug, sucht einen Nachfolger für das "Groote Schuur"-Hospital in Südafrika und hat den tüchtigen Deutschen ermuntert, sich zu bewerben. Herzchirurgie ist international.

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Klaus Brinkbäumer (Hrsg.):
70 Jahre DER SPIEGEL 1947 - 2017

Deutsche Verlags-Anstalt; 480 Seiten; 34,99.

21.30 Uhr: Reichart, Kemkes und ihre Assistenten stehen am OP-Tisch. Das kranke Herz wird entfernt. Es ist riesig und 650 Gramm schwer, das neue wiegt nur 350 Gramm. Die Herz-Lungen-Maschine hält A am Leben. Sein Brustkorb ist weit offen, der Herzbeutel leer.

21.35 Uhr: Das neue Herz wird "präpariert", zurechtgeschnitten für die Transplantation. Das geht nach strengen Regeln vor sich, die Norman Shumway, Chef in Stanford, vor beinahe 20 Jahren aufgestellt hat. Ihm gilt, unter Spezialisten, die Verehrung (nicht dem Shumway-Schüler Barnard).

21.40 Uhr: Das neue Herz wird eingepaßt. Es ist noch immer kühl. Die Herzhöhle ist groß, zu groß, doch man kann sie straffen. Von außen umschließt die elastische Lunge den jungen Muskel.

Die ersten Kurven des neuen Lebens

21.54 Uhr: Die Einnaht beginnt an der Wand des linken Vorhofs. Dort ist der Muskel millimeterdünn. Ein Blick auf den Monitor zeigt den Ärzten die wichtigsten Daten. Körpertemperatur: 29,6 Grad Celsius, Herztemperatur 24,3 Grad Celsius; drei Nulllinien für EKG und Herzdruckwerte.

22.10 Uhr: Die alte OP-Regel, daß ein Assistent Haken und Schnauze zu halten hat, gilt in München nicht mehr. Was wie ein Handgemenge aussieht, ist Teamwork.

22.20 Uhr: Die Hauptschlagader wird beschnitten und vernäht.

Ein neues Herz wird während einer Transplantation eingesetzt
AP

Ein neues Herz wird während einer Transplantation eingesetzt

22.29 Uhr: Von ganz allein beginnt das Spenderherz zu schlagen, 184 Minuten nach seiner Entnahme in Holland. Auf dem Monitor erscheinen die ersten Kurven des neuen Lebens.

So soll es sein. Das neue Herz braucht nicht mal einen Stromstoß, um wieder in Gang zu kommen. Es hat die lange Reise und die große Kälte gut überstanden, 16 Jahre jung, wie es ist.

Am nächsten Tag um 0.40 Uhr ist die Operation zu Ende, das Brustbein mit Stahldraht vernäht, die Haut geschlossen. A kommt auf die Intensivstation. Ein Arzt und eine Schwester wachen an seinem Bett. Gegen Morgen schlägt er die Augen auf.

Pack' ma's? Freili.



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