Reporter ohne Grenzen "Ich sang, um nicht verrückt zu werden"

Kampf für Pressefreiheit: Vor 25 Jahren wurde die Organisation Reporter ohne Grenzen gegründet. Einer ihrer ersten Fälle war der eines vietnamesischen Journalisten. Im einestages-Interview erzählt Doan Viet Hoat vom kommunistischen Terror, dem Alltag in der Isolierungszelle - und wie er das Regime dennoch austrickste.

Reporter ohne Grenzen

Vor 25 Jahren, am 8. August 1985, rief eine Gruppe französischer Journalisten um Robert Ménard die Organisation Reporters Sans Frontières ins Leben - damals wurden die Gründungspapiere bei der Präfektur in Paris eingereicht. Einer der ersten prominenten Fälle, für die sich die Organisation mit Öffentlichkeitsarbeit, Plakaten und Protestaktionen einsetzte, war der südvietnamesische Uni-Professor und Journalist Doan Viet Hoat. Der kämpfte für eine Liberalisierung seines Landes - und fiel damit bei der kommunistischen Regierung in Ungnade.

einestages: Herr Hoat, Sie haben in Ihrem Leben insgesamt fast 20 Jahre als politischer Häftling in Vietnam im Gefängnis gesessen. Wann sind Sie das erste Mal mit der Staatsmacht in Konflikt geraten?

Hoat: 1976, nachdem die Kommunisten in Südvietnam die Macht übernommen hatten, bekam ich Probleme. Sie erlaubten mir nicht mehr, an der Uni zu lehren und sie haben alles überwacht, was ich damals getan habe.

einestages: Warum war der Staat Ihnen gegenüber so misstrauisch?

Hoat: Ich war damals Vizerektor an der privaten Van Hanh Universität in Saigon, der ersten buddhistischen Uni in Vietnam. Seit 1966 hatte ich dort gearbeitet und später meinen Doktor in den USA gemacht. Danach kehrte ich zurück und unterrichtete. Deshalb war einer der Vorwände, mit denen sie mich 1976 ins Gefängnis sperrten, dass ich ein "kultureller CIA-Agent" sei, der versuchen würde, die Uni zu "amerikanisieren".

einestages: Wie reagierten die Menschen in Südvietnam generell auf das Ende ihrer Republik und die Machtübernahme der Kommunisten?

Hoat: Anfangs waren viele sogar sehr glücklich. Der Krieg war endlich vorbei, das Land vereinigt. Sie leisteten keinen Widerstand und begrüßten den Frieden. Doch dann verschlimmerte sich die Lage schnell.

einestages: Inwiefern?

Hoat: Die neue Regierung schloss Universitäten und Privatschulen, es gab nur noch staatliche Schulen. Polizisten gingen in die Häuser und beschlagnahmten alles, was sie "schlechte kulturelle Produkte" nannten - Videos, Musik, Romane. Wenn sie englische oder französische Bücher fanden, haben sie die Bücher vor dem Haus verbrannt. Zudem war es nicht erlaubt, viel Bargeld zu besitzen. Viele Menschen haben Geld verbrannt, um keine Probleme zu bekommen. Ehemalige Mitglieder der Regierung von Südvietnam wurden in sogenannte Erziehungslager gebracht, oft für zehn, zwanzig Jahre. Der Norden verwandelte den Süden in einen Sklavenstaat.

einestages: Sie selbst wurden ohne Gerichtsverhandlung 1976 zu zwölf Jahren verurteilt. Was war Ihre Reaktion auf das harte Urteil?

Hoat: Ich war niedergeschlagen und wütend. Ich habe nach den Beweisen für meine angebliche Zusammenarbeit mit den USA gefragt. Sie hatten keine. Das Einzige, was sie hatten, war ein Dokument der amerikanischen Asia Foundation, die unsere Uni mit zwei Programmen unterstützt hat: Der Ausbildung von Professoren und dem Aufbau der Bücherei.

einestages: Sie haben damals aber auch als politischer Journalist gearbeitet und den Staat kritisiert.

Hoat: Ja, aber das wussten sie nicht. Wir haben einen Rundbrief verfasst und verteilt, aber nur unter Freunden. Es ging darum, einen Weg zu finden, die neue Politik zu stoppen, weil wir glaubten, dass sie Südvietnam zerstören würde.

einestages: Wie waren die Bedingungen im Gefängnis?

Hoat: Ich kam ins Zentralgefängnis in Saigon und musste in einem Raum mit mehr als 30 Gefangenen leben. Wir hatten keinen Ausgang und konnten nur einmal im Jahr Kontakt zu unserer Familie haben, für 20 Minuten. Wenn wir etwas taten, was den Wärtern nicht gefiel, wurden wir zur Disziplinierung in eine Einzelzelle gesteckt, das war ein enger, dunkler Raum. Es gab nur eine Tasse Wasser und eine Schale Reis am Tag. Man musste dort mindestens 15 Tage bleiben. Das war sehr, sehr hart.

einestages: Hatten Sie eine Strategie, die lange Haftzeit zu verkraften, ohne daran zu zerbrechen?

Hoat: Wir haben versucht, den Alltag möglichst normal zu gestalten. Wir haben uns bemüht, den Raum sauber zu halten, haben ein- bis zweimal am Tag gemeinsam die Moskitos getötet. Das Gefängnis war sehr dreckig. Es gab in unserem Raum nur ein Loch, in dem wir unsere Notdurft verrichten konnten – mit nur ganz wenig Wasser.

einestages: 1988 wurden Sie frei gelassen. Wie verlief Ihre Rückkehr ins normale Leben?

Hoat: Ich habe versucht zu erfahren, was in der Zwischenzeit passiert war. Freunde aus den USA brachten mir Zeitungen wie "Le Monde" oder die "Times". Eine ganze Menge hatte sich politisch verändert, besonders in Ost-Europa und im Verhältnis zwischen den USA und der Sowjetunion. Dann fiel die Berliner Mauer. Das alles hat meine Freunde und mich sehr angeregt.

einestages: Warum?

Hoat: Wir haben geglaubt, dass der Zeitpunkt nun sehr günstig sei, um Wandel, Demokratie und Menschenrechte auch in Vietnam einzufordern. Wir wollten eine Liberalisierung - sozial, kulturell, politisch. Deshalb haben wir uns entschlossen, einen Newsletter zu machen, den wir Freedom Forum nannten. Ich wurde der Herausgeber.

einestages: Aber gerade Sie mussten nun doch sehr vorsichtig sein.

Hoat: Anfangs haben wir tatsächlich nicht die Möglichkeiten gehabt, die Artikel zu drucken. Deshalb haben wir sie gesprochen und auf Kassette aufgenommen. Jeder Haushalt besaß damals so einen kleinen Rekorder, es war einfach, die Kassetten zu verbreiten, niemand schöpfte Verdacht. Manche Kassetten wurden sogar von Geschäftsleuten ins Ausland geschmuggelt und die Artikel dort in Magazinen abgedruckt.

einestages: Später hat das Freedom Forum die Artikel auch gedruckt. Worum ging es inhaltlich?

Hoat: Der Newsletter bestand aus drei Teilen: Der erste Teil war ein politischer Kommentar, den ich selber schrieb. Der zweite Teil beschäftigte sich mit sozialen und kulturellen Problemen in Vietnam. Im dritten Teil druckten wir übersetzte Artikel aus internationalen Zeitschriften wie "Times" oder "Newsweek". Diese Zeitschriften waren in Vietnam verboten, es gab sie nur sehr eingeschränkt. Wir hatten aber einen Freund, der Zugang zu ihnen besaß.

einestages: Wie kam Ihnen der Staat auf die Schliche?

Hoat: Es fing damit an, dass in den USA ein Text von uns abgedruckt wurde. Ich vermute, die Geheimpolizei meldete das nach Saigon und dort fragte man sich: Wer macht so etwas? Zu unserer Sicherheit hatten wir uns in drei unabhängige Teams aufgespalten, deren Leiter allein ich kannte: Es gab ein Team, das schrieb, eines, das die Artikel druckte und eines, das sie verteilte. Schließlich schnappten sie den Leiter des Verteiler-Teams und nahmen daraufhin mich fest.

einestages: Was haben Sie gemacht?

Hoat: Ich wollte nicht, dass meine Freunde ins Gefängnis kommen. Deshalb habe ich erst wochenlang alles geleugnet, um Zeit zu gewinnen. Ich wusste, dass gerade ein guter Freund von mir in die USA ausreisen würde. Er hatte nichts mit dem Freedom Forum zu tun. Schließlich gab ich zu, dass ich der Herausgeber war, aber nur ein, zwei Artikel verfasst hätte. Dann behauptete ich, dass der Einzige, der die Namen aller Schreiber kennen würde, mein Freund war - und der hatte gerade Vietnam verlassen.

einestages: Das Urteil von 1990 gegen Sie fiel noch härter als das erste von 1976 – diesmal bekamen Sie 20 Jahre. Warum?

Hoat: Erst haben sie mir nur Propaganda gegen die Regierung vorgeworfen, doch dann verschärften sie die Anklage: Sie beschuldigten mich, ich habe die Regierung stürzen wollen. Das ist nicht wahr. Wir haben uns immer nur für mehr Freiheit, Demokratie und ein Mehrparteiensystem eingesetzt und gesagt: Wenn sich die UdSSR wandelt, warum nicht auch Vietnam?

einestages: Wie haben Sie die Zeit überstanden?

Hoat: Ich kam in ein Arbeitslager und entschloss mich, meine politische Aktivität fortzuführen. Ich habe mit anderen politischen Häftlingen gesprochen, ihnen vom Wandel in Ost-Europa berichtet und sie motiviert. Und mir ist es immer wieder gelungen, Briefe aus dem Lager zu schmuggeln, die ins Ausland gelangten. Wir wussten, dass dann Organisationen wie Human Right Watch, Amnesty International und Reporter ohne Grenzen intervenieren würden. Das hat mich motiviert. Mir war klar, dass sie mich irgendwann freilassen müssen.

einestages: Wie hat der Staat darauf reagiert, dass Sie weiterhin politische Texte verfassten?

Hoat: Ich wurde mehrmals in andere Lager verlegt. Als sie merkten, dass ich immer weitermachen würde, haben sie mich weit in den Norden gebracht, hundert Kilometer von Hanoi entfernt. Trotzdem gelang es, einen Brief in die USA zu schmuggeln. Ich beklagte die Verletzung der Menschenrechte, die schlechte medizinische Versorgung, die Prügel durch die Wärter, die harte Arbeit. Wegen dieses Briefes wurde ich komplett isoliert. Ich kam in ein anderes Lager in einer entlegenen, gebirgigen Gegend nicht weit von der Grenze zu Laos. Dort musste ich in eine Einzelzelle. Die Wärter bestraften jeden Gefangenen, der sich meiner Zelle auch nur näherte.

einestages: Wurden Sie misshandelt?

Hoat: Ich wurde manchmal geschlagen. Die psychische Folter war aber viel schlimmer als die physische. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich nicht einen Weg gefunden hätte, mit der Situation der Isolierung klarzukommen. Ich habe jeden Tag laut gesungen und mit mir selber geredet. Die Wärter glaubten, ich sei verrückt geworden. Ich wäre verrückt geworden, wenn ich es nicht gemacht hätte.

einestages: Sie kamen 1998 frei, auch weil internationale Organisationen Druck ausübten. Seitdem leben Sie in den USA. Was hat sich seitdem in Vietnam verändert?

Hoat: Die kommunistische Partei kann die Gesellschaft nicht länger so abschotten. Es gibt viel mehr Freiheiten, Geschäfte zu machen oder ins Ausland zu gehen. In anderen Bereichen, besonders in der Politik und Kultur, hat sich der Staat aber noch nicht geöffnet. Es gibt Versuche, das Internet zu kontrollieren. Und es gibt immer noch politische Gefangene, auch wenn die Regierung sie nie so nennt.

einestages: Möchten Sie in Ihre Heimat zurückkehren?

Hoat: Das ist mir nicht erlaubt. Ich kam nur unter der Bedingung frei, Vietnam zu verlassen. Deshalb wollte ich erst nicht gehen, aber meine Frau hat mich überzeugt. Ich würde gerne zurückkehren, um vor Ort meinem Land zu helfen.

Das Gespräch führte Christoph Gunkel



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Joe Bergmann, 18.08.2010
1.
Doan Viet Hoat erzählt vom kommunistischen Terror und von seinem mutigen Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen in Vietnam. Ich denke wieder an die DDR und an die Mißhandlungen von politischen Häftlingen zu Zeiten des Kalten Krieges. Einst hieß es in der DDR:" Der Kommunismus ist die höchste Stufe des Sozialismus, in der es keine Klassen mehr gibt. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". Sozialismus und Kommunismus ist jedoch die höchste Stufe von Unterdrückung und Entmündigung. Dieser Bericht hat mich tiefst berührt.
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