Reporterin Martha Gellhorn Öffentliche Kriege und private Schlachten

Reporterin Martha Gellhorn: Öffentliche Kriege und private Schlachten Fotos

Vom Glamour Girl zur First Lady der Kriegsreportage: Leidenschaftlich und mutig berichtete Martha Gellhorn über fünf Jahrzehnte lang von allen Kriegsschauplätzen der Welt. Nicht minder engagiert trug sie private Schlachten aus - mit ihrem Ehemann Ernest Hemingway. Von

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Als sie alt und weise geworden war, da erschien sie wie eine kampferprobte Löwin, eine Einzelgängerin mit einer Stimme, die weltweit respektiert wurde. Beim Five-o'clock-tea in ihrem London Appartement klang sie, als habe sie ein Päckchen Chesterfield geraucht und dann mit Bourbon nachgegossen: rauchig, schnurrend, knurrend. Ihr Leben lang sah sich die Kriegsreporterin und Autorin Martha Ellis Gellhorn als Anwältin der kleinen Leute, deren Probleme durch die Reichen und Mächtigen verursacht worden waren.

Für die Öffentlichkeit war sie jedoch nur Ernest Hemingways Ehefrau Nr. 3, mit dem sie von 1940 bis 1945 verheiratet war.

Als Journalistin wollte sie nicht objektiv sein, sondern die offiziellen Wortfassaden widerlegen, die von den "bad guys" aufgerichtet werden. Grundsätzlich glaubte sie nichts, was Regierungen an Stellungnahmen verlauten ließen. In mehr als einem Dutzend Kriegen hat sie im Dreck der Schützengräben mehr Geschützdonner gehört und mehr Blut gesehen als mancher General. Doch ernsthaft verletzt wurde sie zum Glück nie.

Martha Gellhorn empfand sich als Privilegierte. "Ich war glücklich und wurde dafür bezahlt, meine Zeit mit großartigen Leuten zu verbringen", sagte sie. Die einfachen Soldaten spürten ihre Sympathie und revanchierten sich für ihre Art, mit der sie ihnen das Beste zutraute, mit Einsichten, die die hohen Tiere ("big brass") ihr nie hätten bieten können.

Allein unter Männern

Der Autor Ward Just hat einmal beschrieben, wie Martha Gellhorn 1966 im Vietnam-Krieg einen Presseauftrag für "The Guardian" übernommen hatte. Nachdem sie mehrere Tage lang Kabelberichte über die Lage der Zivilbevölkerung in die Redaktion nach Manchester übermittelt hatte, beschloss sie, eine amerikanische Division zu besuchen, dessen Kommandeur sie aus den Tagen der Invasion der Alliierten kannte. Sie wollte ihn überraschen und hoffte auf ein paar Storys.

Sie kletterte aus dem Hubschrauber, trug Khakihosen, eine leichte Bluse und ein Maskottchen um den Hals. Der General wartete gerade mit seinem Stab im Kasino-Zelt. Beim Anblick der attraktiven Kriegsreporterin fiel dem Truppenoffizier buchstäblich das Kinn herunter.

Während der Mahlzeit war Martha Gellhorn unzufrieden mit den Auskünften der Offiziere, die sich bemühten, trotz des Befehls zur Geheimhaltung ihre Mitteilungen nicht allzu dürftig erscheinen zu lassen. Beim Dessert schlugen in der Nähe plötzlich Granaten ein. Alle griffen zu ihren Helmen, nur Martha Gellhorn nicht. Sie blickte auf die Männer "wie ein Trapezkünstler auf die Clowns unter ihm" und murmelte: "In Frankreich und Belgien wart ihr noch nicht so schreckhaft."

"Du schreibst, was du siehst"

Ihr erster Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg 1937 war eine Sensation. Es war nicht üblich, dass Reporterinnen aus Kriegen berichteten. Schon bald erwarb sie sich mit ihren Depeschen den Respekt ihrer Kollegen und der Leser. Denn ihre Perspektive war neu. "Du gehst in ein Hospital voller verwundeter Kinder", erklärte sie Reporterkollegen, "Du sagst nicht: In diesem Krankenhaus gibt es 37 verwundete Kinder und möglicherweise sind es 38 auf der Seite des Gegners. Du schreibst, was du siehst."

Nach dem Vietnamkrieg beschwerte Martha Gellhorn sich, dass vieles anders wurde. "Wenn man jetzt kommt und einen Soldaten fragt: 'Hey, Kid, wie sieht's aus?' - dann kommt gleich ein Aufpasser und der Soldat sagt überhaupt nichts mehr! Kriegsreporter werden nun mit Banalitäten gefüttert, in diesen lächerlichen 'Informationsgesprächen' in den Festsälen irgendwelcher Hotels, weit ab vom Schuss."

Martha Gellhorn war auch eine anerkannte Autorin von Romanen und Kurzgeschichten. Nicht öffentliche Kriege, sondern private Schlachten waren dann ihre Themen. Ihre Bücher strotzten vor Lebenserfahrung, die sie während ihrer Reisen sammelte. Mit ihren Büchern schrieb sie sich Frust und Mutlosigkeit von der Seele. Und - kein Wunder - oft geht es um Paarbeziehungen. Wie sie entstehen, wie sie eine Zeit lang gelingen und dann im Eiskeller gestorbener Zuneigung verkümmern ("Paare").

Immer gab es auch kritische Stimmen, die Martha Gellhorn für sentimental und belehrend hielten. Andere wiederum hielten ihren Journalismus für zu literarisch und ihre Prosa für zu sehr am Journalismus orientiert. Doch die meisten Rezensenten meinen, dass Martha Gellhorn erst mit ihren Romanen und Kurzgeschichten zu großer Form aufgelaufen sei.

Seit 2007 wird ihre erzählerische Kunst auch für den deutschsprachigen Raum von einem Schweizer Verlag wiederentdeckt, der bisher drei Bände ihrer Novellen vorgelegt und weitere angekündigt hat.

Gute Ausbildung

Martha Gellhorn wird am 8. November 1908 in St. Louis, Missouri geboren. Ihr Vater ist Gynäkologe und ihre Mutter eine bekannte Sozialreformerin, die ihre Tochter schon früh zu Protestversammlungen mitnimmt.

Als Marthas Vater entdeckt, dass die Nonnen Anatomie nach einem Lehrbuch unterrichten, aus dem die Bilder entfernt worden waren, schult er seine Tochter aus der Klosterschule in eine fortschrittliche Koedukationsschule um. Dann besucht Martha das College. Aber ihre Leistungen in Englisch sind nicht gut. Deshalb wechselt sie zum Hauptfach Französisch, was ihr später bei ihrer Tätigkeit als Auslandskorrespondentin in Europa zugute kommen wird.

Nachdem sie 1927 das College verlassen hat, fängt sie bei der Zeitung "The New Republic" an und wechselt schon bald zu einer Lokalzeitung in Albany. Zurückgekehrt von einem vierjährigen Europaaufenthalt berichtet sie über das Programm des New Deal und die sozialen Verwüstungen, die die Wirtschaftskrise unter der amerikanischen Bevölkerung anrichtet.

1936 trifft sie während eines Urlaubs in Begleitung ihrer Mutter und ihres Bruders in einer Bar in Key West, Florida Ernest Hemingway. Bei einigen Drinks werden sie Freunde.

Unterwegs mit Hemingway

Mit einem Rucksack und 50 Dollar in der Tasche bricht sie 1937 für das Magazin "Colliers" zu den Fronten des Spanischen Bürgerkriegs auf. In Madrid trifft sie Hemingway wieder. Sie heiraten 1940 und Martha wird Hemingways dritte Ehefrau.

Von nun werden sie zusammen reisen und arbeiten und die dazwischen liegenden Ruhepausen auf der Finca Vigia, einer Villa mit Meerblick vor den Toren Havannas, verbringen.

Auf einem Trip durch China 1941, den sie zusammen mit Hemingway unternimmt, bezeichnet sie ihn nur als "unwilligen Begleiter", der statt seinen Pflichten als Berichterstatter nachzukommen, "mit einem Trupp von Männern fast den ganzen Tag oder die ganze Nacht lang zusammen saß."

Auch in der Gruppe der amerikanischen Journalisten, die das deutsche Bombardement auf London beobachteten, fehlt Martha Gellhorn nicht. Als die Alliierten das KZ Dachau befreien, berichtet sie: "Hinter dem barbarischen Stacheldraht und den elektrischen Zäunen saßen Menschen in der Sonne, die nur noch Skelette waren, und suchten sich gegenseitig nach Läusen ab. Sie haben kein Alter und kein Gesicht. Sie sehen alle gleich aus und wie nichts, das Sie je sehen werden, wenn Sie Glück haben."

Letzter Kriegseinsatz

Die Spannungen mit Hemingway nehmen zu, und 1945 verlässt Martha Gellhorn ihren Ehemann nach einem Streit im Londoner Dorchester Hotel, wo er sich gerade von einer Kopfverletzung erholt, die er sich bei einer nächtlichen Zechtour durch die verdunkelten Straßen zugezogen hat. Sie kann seine Eifersucht und ständigen Bevormundungen nicht mehr ertragen. Ein fairer Verlierer ist er nicht. "Gute Nacht, Marty", schreibt er ihr zum Abschied, "schlafe schön, meine geliebte Heuchlerin und anmaßende Hexe."

Nach dem Vietnam-Krieg, Nicaragua und dem Arabisch-Israelischen Konflikt bewältigt sie ihren letzten Kriegs-Einsatz mit 81 Jahren und berichtet über die US-Invasion in Panama. Als sie gefragt wird, ob man auch im Bosnien-Konflikt wieder mit ihr rechnen könne, entscheidet sie: "Zu alt, man muss flink sein im Krieg."

Ihre letzten 15 Jahre pendelt sie zwischen einer Hütte in Wales, ihrem Appartement in London und den Kriegen und Krisenregionen in aller Welt hin und her.

Aus dem einstigen Glamour Girl ist die First Lady der Kriegsreportage geworden, die weder ein Blatt vor den Mund nimmt, noch mit ihren treffsicheren Beobachtungen und pointierten Bemerkungen die Mächtigen schont. Dafür genießt sie einen Ruf als Vorbild für Generationen von jungen Korrespondentinnen im Kampf um gleiche Behandlung und einen gleichberechtigten Platz an den Fronten der Kriege.

"Ein wundervolles Leben"

Sie ist und bleibt eine Kettenraucherin, der Whisky schmeckte ihr noch immer. Eine Frau, die Freunde zu ihr geschickt haben, um ihr zu sagen, dass sie gesünder leben soll, wird mit der Bemerkung verscheucht: "Diese Unterhaltung ist so langweilig, dass ich fast in Ohnmacht falle."

Kurz vor ihrem Tod zieht sie Bilanz: "Ich war überaus privilegiert, Ich hatte ein wundervolles Leben. Vielleicht habe ich das alles nicht verdient, aber es war so!" Noch einmal lädt sie ihre Freunde ein. Sie versammeln sich in ihrem Salon am Cadogan Square mit Blick auf die Anlagen des Royal College of Art, den sie nicht mehr genießen kann.

Mit 89 sieht sie immer noch blendend aus, aber sie hat Schmerzen. Ihre Underwood Portable von 1950 steht ungenutzt in einer Ecke. Das Schreiben hat sie 1992 nach einer missglückten Augenoperation aufgegeben. Und dann erzählt sie noch einmal, wie sie mit Ernest Hemingway in Sun Valley auf Entenjagd war. Dann sei im Radio die Nachricht vom Einmarsch der Russen in Finnland gekommen. Aber Ernest wollte lieber weiter Enten schießen. Deshalb ist sie allein aufgebrochen.

Nachdem die Freunde sich verabschiedet haben, holt die Hoffnungslosigkeit sie ein. Am 15. Februar 1998 nimmt Martha Gellhorn eine Pille, nach der niemand mehr aufwacht. Die Bedingungen, die die Folgen ihres hohen Alters ihr aufzwingen, kann sie nicht akzeptieren.

Vierzehn Tage nach ihrem Tod steht ihre Familie an der Themse, um ihre Asche der Strömung zu überlassen. Auch ein Dutzend rote Rosen schwimmen mit dem Fluss hinunter. Sie stammen von einem der vielen Freunde, die still um sie trauern.

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