Reporterlegende Peter von Zahn Stimme aus der neuen Welt

Endlose Landschaften, unbegrenzte Möglichkeiten und unübersehbare Probleme: Als Peter von Zahn in den fünfziger und sechziger Jahren für TV und Radio aus den USA berichtete, hatte er all das im Blick. Seinen Landsleuten brachte er Filme und Töne aus der neuen Welt - und prägte so das Bild der Amerikaner im Nachkriegsdeutschland.


Mai 1945, Kriegsende, Aufbruch zu neuen Ufern. Die britischen Alliierten hatten in Hamburg Quartier bezogen. Der junge sächsische Offizier Peter von Zahn war aus der Gefangenschaft in die Hansestadt gekommen, gemeinsam mit Frau und Kind. Er war gerade Anfang 30. In der Kaufmannsvilla der Rothenbaumchaussee, die den Reichssender Hamburg beherbergt hatte und jetzt Sitz von "Radio Hamburg" war, einem Sender der Alliierten, sprach der junge Mann vor. Er wollte Arbeit. Während des Krieges war der Journalist und studierte Zeitungswissenschaftler, Historiker und Rechtswissenschaftler Berichterstatter einer Propagandatruppe der Wehrmacht gewesen. Nun wollte er weitermachen, diesmal in Zivil. Über das Leben schreiben, nicht über den Tod.

Ein junger britischer Captain schlug ihm vor, aus einem großen Kriegsgefangenenlager in Holstein zu berichten. In seinen Erinnerungen schreibt Peter von Zahn, dies sei seine Stunde Eins gewesen. Bedenken erregte anfänglich seine eigentümliche Sprachmelodie. So wie er sprach damals keiner im Rundfunk. Vielleicht lag es weniger an der nicht überhörbaren sächsischen Färbung und der eigenwilligen Diktion des an den großen deutschen Autoren der kleinen Prosa - Kleist, Polgar, Radecki - geschulten von Zahn. Vielleicht war es die ungewohnte Tatsache, dass jemand seinen Hörern etwas mitteilen wollte - ganz ohne die in den zwölf Jahren zuvor so weit verbreitete und gewollt schneidige Sprechweise, die den deutschen Radiohörern in der Wochenschau um die Ohren gepeitscht worden war. Vielleicht mussten sich die Deutschen erst daran gewöhnen, dass man ihnen nichts mehr befahl.

Zu Peter von Zahns Glück hatten die Gebäude des Rundfunks an der Rothenbaumchaussee Nazizeit und Feuerstürme überstanden. Die Besatzungsoffiziere wussten um die Macht der Medien aus eigener britischer Erfahrung und taten das ihre, jungen, politisch wenig belasteten deutschen Journalisten die Wege zum Hörer zu ebnen. Mit sicherem Instinkt nutzte er die Gunst der Stunde und wurde erster Leiter der Abteilung "Talks and Features".

Im Rückblick sagte Peter von Zahn mit der ihm eigenen Ironie, dass er und seine Kollegen sich als gottgesalbte Instrumente des demokratischen Wiederaufbaus verstanden und es als ihr hehres Ziel ansahen, den Deutschen beizubringen, sich selbst zu verstehen. Dass Peter von Zahn sich nicht nur dem Selbstverständnis seiner Landsleute widmen sollte, sondern als journalistischer USA-Botschafter in die deutsche Mediengeschichte eingehen würde, das konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

Bilder aus dem Paradies

Nach sechs Jahren der Einübung ins Nachrichtenmetier wurde Peter von Zahn fester Rundfunkkorrespondent. "Radio Hamburg" war längst in den "Nordwestdeutschen Rundfunk" (NWDR) umgewandelt worden, und von Zahn berichtete in seiner legendären Radiosendereihe "Aus der neuen Welt" über das Wesen und die Befindlichkeiten der Amerikaner in den fünfziger Jahren. Vor Ort beobachtete er den Bußprediger Billy Graham, der, wie von Zahn fand, aussah wie der Erzengel Gabriel in Person, "nur auf lustig". Er bedauerte die Fische Amerikas, die es erbärmlich hätten sonntags, weil alle zum Angeln und Picknicken an den Flüssen säßen. In Oak Ridge führte man ihn durch die atomare Versuchsanlage des Manhattan-Projekts. In Kansas erlebte er, wie ganze Farmen im Staubsturm durch die Luft segelten. Texas beschrieb er seinen Hörern als das Paradies der Hunde, Journalisten und Bettler.

Schon damals war Peter von Zahn der Meinung, dass die Einwohner der Neuen Welt - angesichts der nächsten tausend Jahre Menschheitsgeschichte und ihrer Rolle darin - von einer großen Unruhe befallen seien. Im Hinblick auf das amerikanische Fernsehen und Präsident Eisenhowers eifriger Nutzung desselben sagte er: "Das Fernsehen wird der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts fürwahr ein anderes Gesicht geben." Im Rückblick wirken beide Einschätzungen von Zahns äußerst weitsichtig. Er beschrieb Amerika als ein Land wie das Leben selbst, in dem man genau das finde, was zu finden man sich Mühe gebe. Heute sind Zeitzeugen der Meinung, Peter von Zahn habe mit "Aus der neuen Welt" das Amerikabild der Deutschen entscheidend geprägt. In Erinnerung geblieben sind ihnen seine bildhaft-humorvolle Sprache und seine eigenwillige Diktion.

Der große Zuspruch der Radiosendung legte es nahe, den Deutschen Amerika auch über den Fernsehschirm nahezubringen. Seit dem Herbst 1955 konnten die Besitzer eines Fernsehapparates in der Bundesrepublik einmal im Monat Zahns Sendereihe "Bilder aus der Neuen Welt" sehen. Kaum ein Bundesbürger war jemals im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gewesen, und so erlagen die Menschen in den zertrümmerten Städten dem Zauber einer Welt, die ihnen erscheinen musste wie das Paradies.

Peter von Zahn verstand das Medium Fernsehen als eine neue Möglichkeit, Bilder mit Originaltönen, Musik und Wort auf eine Art zu verbinden, wie es im Kino nie zuvor geschehen war. Der Schwierigkeit, den Alltag eines fremden Landes so darzustellen, dass es nicht langweilig wurde, war sich Peter von Zahn bewusst - und er meisterte sie.

Viel Spaß, wenig Geld

Was in den Kindheitstagen der Fernsehdokumentation kaum einer seiner deutschen Kollegen wagte, machte Peter von Zahn seinen amerikanischen Kollegen selbstbewusst nach: Er erschien selbst vor der Kamera, sprach seine Einleitungen, immer ernsthaft, nie ohne leise Ironie und Humor, langsam und unmissverständlich. Viele Journalisten haben später versucht, seinen Stil zu kopieren.

Peter von Zahn reiste mit seinem Team kreuz und quer, von Alaska nach Puerto Rico, von Hawaii bis Manhattan, um ein vielgestaltiges Porträt Nordamerikas zu zeichnen. Ging es in der ersten Folge noch um die Schilderung des Alltags seiner Familie in Virginia, widmete er sich später den Weiten der amerikanischen Landschaften und der Tiefe der Rassen- und Klassenprobleme, die sich in ihr auftaten. In den 50 Sendungen mit einer Länge zwischen 21 und 55 Minuten Länge weckte Peter von Zahn Verständnis bei seinen Landsleuten für die Vielschichtigkeit der amerikanischen Gesellschaft. Aber er verschwieg auch nicht ihre Schattenseiten.

1960 gründet Peter von Zahn in Washington das erste private Auslandsreporternetz der Bundesrepublik. Er holte sich begabte Kollegen aus Deutschland zu Hilfe und produzierte in den Folgejahren für das ZDF Sendereihen wie "Weltenbummler", "Die Reporter der Windrose berichten", "Wie die Welt regiert wird", "Die Stunde der Entdecker", "Musik der Neuen Welt", "Verlorene Paradiese". Geschnitten wurde das Filmmaterial damals direkt vor Ort, dann wurden die Kommentare geschrieben und gemeinsam mit den Filmrollen per Flugzeug nach Deutschland gebracht. Das Material sollte frisch sein, so frisch es eben ging im analogen Zeitalter.

Auf die Frage eines amerikanischen Finanzprüfers, warum er nach drei Jahren trotz ausbleibender Profite nicht alle Mitarbeiter gefeuert und die Firma geschlossen habe, antwortete von Zahn: "It was so much fun." Seine Unermüdlichkeit als Autor, Regisseur und Produzent für Radio und Fernsehen bewahrte er sich auch nach seiner Rückkehr nach Europa. Bis zu seinem Tod im Jahr 2001 wurde er für seine atemberaubende Produktivität und die Qualität seiner Arbeit mit zahlreichen Preisen geehrt.



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