Reporterlegende Terzani Die Bilder des Reisenden

Reporterlegende Terzani: Die Bilder des Reisenden Fotos
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Abenteurer, Philosoph, Kriegsreporter: Für den SPIEGEL berichtete Tiziano Terzani 30 Jahre aus Asien. Jetzt erscheint ein Bildband über das Leben des legendären Journalisten. einestages zeigt exklusiv eine Auswahl der besten Bilder und sprach mit seinem Sohn Folco über die Faszination Asiens und das Vermächtnis des berühmten Vaters. Von

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Am Ende war er allein. Hoch oben im Himalaja lebte Tiziano Terzani zurückgezogen, abgenabelt von der Welt, über die er sein Leben lang geschrieben hatte. Asien, das war die Welt des Reporters Terzani gewesen, sein halbes Leben lang - China, Vietnam, Kambodscha - doch nachdem er erfuhr, dass er krebskrank war, verschwand Terzani in die Einsamkeit der Berge und dachte über seine eigene Vergänglichkeit nach. Aus dem Journalisten, Kriegsreporter und Abenteurer wurde ein Philosoph.

Tiziano Terzani, in Florenz geboren, war 1971 nach Asien gegangen, von wo aus er in den folgenden 30 Jahren auch für den SPIEGEL schrieb. Er berichtete aus Kambodscha nach dem Sturz des Diktators Pol Pot und vom Sieg des Vietcong im Vietnamkrieg. Anfang der achtziger Jahre war Terzani einer der ersten Journalisten, die in China leben und arbeiten durften. Seine Reportagen über die Folgen der Kulturrevolution Maos für das einfache Volk wurden legendär. Doch berühmt wurde Terzani durch sein Buch "Das Ende ist mein Anfang". Darin spricht er mit seinem Sohn Folco über sein Leben und den nahenden Krebstod. Das Buch wurde ein weltweiter Bestseller, es ist immer noch das meistverkaufte Hardcover des SPIEGEL.

Folco Terzani hat nun den Bildband "Meine asiatische Reise" herausgegeben, der das Leben seines Vaters erzählt - aber auch sein eigenes. Denn Tiziano Terzani, der 2004 starb, hatte seine Kinder mit nach Asien genommen, um mit ihnen mitten unter den Menschen zu leben, über die er schrieb. Folco Terzani ist Drehbuchautor und Dokumentarfilmer, er drehte einen Film über Mutter Theresa in Kalkutta und lebte jahrelang unter indischen Schamanen, um deren magische Welt für einen Film einzufangen. einestages sprach mit Folco Terzani über das Leben des Kriegsreporters, die Faszination Asiens, Handgranaten in chinesischen Schulen - und ob sich Geschichte wiederholt.

einestages: Herr Terzani, Sie haben einen Bildband über das Leben Ihres Vaters Tiziano herausgebracht - sechs Jahre nach dessen Tod. Ist es sein Buch oder Ihres?

Folco Terzani: Es war immer der Wunsch meines Vaters, einen Bildband zu veröffentlichen. Aber er wusste nicht wie, es gab einfach zu viel Material. Er hat dann kurz vor seinem Tod zu mir gesagt: 'Mach du das, wenn du Lust hast.' Ich wusste, welche Bilder er mochte, diese Bilder habe ich ausgewählt. Insofern ist es das Buch geworden, das er immer machen wollte. Und mein Experiment.

einestages: Wie meinen Sie das?

Terzani: Ich mag Filme. Weil Bildbände dazu neigen, sehr statisch zu sein, habe ich diesen Bildband wie einen Film aufgebaut. Mit meinem Vater als Hauptdarsteller. Alles fängt mit einer Explosion an, den Bildern des Krieges in Vietnam, danach folgt man der Hauptperson durch das Buch. Und durch sein Leben.

einestages: Ihr Vater hat Sie schon als Kleinkind mit nach Asien genommen. Der Bildband ist auch ein Buch über das Leben als Kind eines Kriegsreporters.

Terzani: Als wir die Bilder durchgegangen sind, hat meine Schwester zu mir gesagt: 'Ich kann nicht glauben, dass wir dieses Leben gelebt haben.' Heute fragen wir uns, ob wir die Kinder am Wochenende ans Meer mitnehmen oder ob es womöglich nicht gut für sie sein könnte. Zu viel Stress, zu viel Reisen. Wir machen uns zu viele Sorgen, dabei sollten uns die Bilder unserer eigenen Vergangenheit dazu anspornen, härter gegenüber uns selbst zu sein. Mein Vater hat die ganze Familie einfach geschnappt, eingepackt und für 30 Jahre nach Asien mitgenommen. Und das war im Rückblick sicher nicht schlimm für uns.

einestages: Damals haben Sie das offenbar noch anders gesehen. Als Ihr Vater Sie während seiner Korrespondentenzeit in China auf eine chinesische Schule in Peking schickte, sollen Sie nicht begeistert gewesen sein.

Terzani: Es war die schlimmste Zeit für meine Schwester und mich. Die Familie ins Ausland mitzunehmen, in einem schönen Haus zu leben und die Kinder auf eine internationale Schule zu schicken, ist die eine Sache. Meinem Vater bedeutete die Zeit in China aber so viel, dass auch seine Kinder verstehen sollten, wie das Land funktioniert. Der Kommunismus. Die Sprache. Er zwang uns, in diese chinesische Schule zu gehen, obwohl wir schrien und uns gewehrt haben. Und was lernten wir? Militärische Disziplin, marschieren. Und wir warfen mit Handgranaten-Attrappen anstatt mit Bällen.

einestages: Sie sollten China lieben wie Ihr Vater, aber das Gegenteil passierte?

Terzani: Ich bekam als Elfjähriger die Innenansicht eines Polizeistaats. Es gab schon in der Schule ein System der Spionage, Mitschüler wurden angeschwärzt und dann öffentlich bloßgestellt. Natürlich hat mir das nicht gefallen. Ich hatte viele Freunde in Italien, die sich für ganz Europa am liebsten den Kommunismus wünschten. Ich sagte denen nur: 'Nein, nein! Es ist schrecklich, Ihr habt keine Ahnung.'

einestages: Ihr Vater war fasziniert von Mao, von der Idee der Revolution. So sehr, dass er Sie sogar nach dem Kommunistenherrscher nennen wollte.

Terzani: Nicht nur mein Vater wollte das, auch meine Mutter. Aber zum Glück durften sie mich nicht Mao nennen, ein amerikanischer Beamter hat mich gerettet. Ich bin ja in den USA geboren, die Behörden lehnten das ab. Damals herrschte der Geist der revolutionären Jahre, später wären meine Eltern nicht mehr auf die Idee gekommen.

einestages: Tiziano Terzani hat 30 Jahre lang für den SPIEGEL aus Asien berichtet. Er gilt als einer der prägenden Journalisten des 20. Jahrhunderts - obwohl er eigentlich gar nicht...

Terzani: ...wie ein Journalist wirkt? Ich weiß, was Sie meinen. Er war auch eher ein Abenteurer. Sie müssen seine Bibliothek sehen, sie ist voll mit den Abenteurern vergangener Jahrhunderte! Leute, die sich 40 Yaks liehen und damit über die Berge zogen. Diese Geschichten faszinierten ihn und trieben ihn an. Als er Ende der sechziger Jahre nach Asien ging, war die Welt aber nicht mehr so wie die der alten Abenteurer. Die Zeit war vorbei. Mein Vater versuchte dennoch, diesem Ideal so nah wie möglich zu kommen. Er war kein typischer Journalist, der für ein paar Monate in ein Land ging oder vielleicht für drei Jahre. Er ging dahin und kam nie wieder zurück.

einestages: Er nannte die Vietcong seine 'Helden' und feierte mit den Truppen der Nordvietnamesen, als diese Saigon eroberten. Woher kam diese fehlende Distanz?

Terzani: Als er jung war, war er arm. Das kotzte ihn an. Die Ungerechtigkeit, die er später sah, hatte er selbst erlebt. Er hat sich deshalb immer sehr mit den Underdogs identifiziert, mit den Armen. Die Vietcong waren dafür perfekt. Im Buch gibt es dieses für einen Journalisten eigentlich unvorstellbare Bild - mein Vater steht auf einem Panzer, die Faust gen Himmel, triumphierend. Er stand nie neutral daneben, er war mittendrin.

einestages: Was machte der Krieg aus dem Kriegsreporter Terzani?

Terzani: Der Krieg hat ihn geprägt, er hat viele Tote gesehen, in Kambodscha, Vietnam, überall. Vom Irakkrieg wollte er nicht mehr berichten, 'ich bin nicht interessiert', sagte er. Er hat Krieg als stete Wiederholung von immer Dagewesenem gesehen, er wurde sehr zynisch in dieser Hinsicht. Im Alter wendete er sich dann gegen jeden Krieg, er wurde Pazifist. Das war sein letzter großer Wandel. Jeder Krieg, jede Revolution sei sinnlos gewesen, sagte er. Alle hätten am Ende die Ziele verfehlt, für die sie geführt worden waren.

einestages: Während Ihr Vater in den siebziger Jahren aus Vietnam oder aus Kambodscha berichtete, saß seine Familie in Singapur. Wie veränderte der Krieg die Familie des Reporters?

Terzani: Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter Furcht empfand. Er liebte meine Mutter, weil sie stark war und ihn alle diese Sachen tun ließ, die er tun wollte, musste. Es war sogar meine Mutter, die ihn in das letzte Flugzeug Richtung Vietnam setzte, kurz bevor die Vietcong siegten. "Du musst da hin", sagte sie, "du wirst es sonst ewig bereuen." Er hätte sterben können. Ich habe bange Momente erlebt, etwa als er in China verschwand. Er war nach Peking geflogen und gelandet, aber er meldete sich nicht. Wir wussten nicht, wo er war. Die Behörden hatten meinen Vater in ein Umerziehungslager gesteckt und wiesen ihn später aus. Aber ihn konnte nichts aufhalten. Wenn man ihn zu Hause festhielt, bekam er schlechte Stimmung. In Japan wurde er sogar depressiv.

einestages: Warum? Japan galt Ende der achtziger Jahre als fortschrittlichste Nation der Welt...

Terzani: ...aber es gab dort keine Abenteuer! Mein Vater hatte eine schreckliche Zeit. Er sagte: 'Ich bin Journalist, aber ich sitze jeden Tag im Büro und lese die Tageszeitungen. Das will ich nicht, ich will raus zu den Leuten.' Sein ganzes Leben hatte mein Vater sich in Weiß gekleidet, in Japan trug er zum ersten Mal komplett Schwarz. Er gibt in seiner Fotosammlung auch keine schönen Bilder aus Japan. Man sieht Kabel und Gebäude und Brücken und dazwischen verlorene Menschen, so empfand er das. Und im Prinzip hat er ja Recht behalten: Japan schien damals weit vorn zu sein, technologisch. Aber das System ging auf Kosten der Menschen. Tiziano fühlte sich traurig, weil er fürchtete, dass sich die ganze Welt so entwickeln würde wie Japan - die Dominanz der Effizienz, der stete Kampf gegen den anderen. Die Leere des Lebens. Heute ist Japan eine deprimierte Nation.

einestages: Sie zeichnen das Bild eines Mannes, der süchtig nach Abenteuern war. Stimmt es, dass ihn diese Abenteuerlust beinahe das Leben gekostet hätte?

Terzani: Das stimmt. Die Roten Khmer hatten ihn in Kambodscha festgenommen, weil sie glaubten, er sei ein amerikanischer Spion. Sie richteten eine Waffe auf ihn, wollten ihn hinrichten. Aber plötzlich fing mein Vater an, Chinesisch zu sprechen und erklärte, dass er Italiener sei. Die Khmer ließen ihn gehen. Viele andere Journalisten hatten sie getötet, sie waren gnadenlos. Dieses Erlebnis hat ihn traumatisiert. Irgendwann mit elf Jahren hatte ich ein Spielzeuggewehr und richtete es auf meinen Vater. Er hat mich daraufhin wie wahnsinnig durch den Garten gejagt. Er war wie von Sinnen. Später hat er sich dafür entschuldigt.

einestages: 1996 erfuhr Ihr Vater, dass er Krebs hat, 1997 zog er sich in den Himalaja zurück. Er kappte alle Verbindungen zur Welt, auch zu seiner Familie. Wie oft haben Sie ihn in dieser Zeit noch gesehen?

Terzani: Sehr selten. Er hatte kein Telefon, keine Elektrizität, nur einen Computer, der von Sonnenkollektoren betrieben wurde. Er hatte sich von der Welt abgekapselt. Wenn ich ihn dann doch mal sehen musste, flog ich nach Indien, nahm einen Zug, dann einen Bus, dann ein Auto und lief die letzten Kilometer zu Fuß hoch in den Wald. Dann saßen wir da beide, isoliert, und hatten wirklich gute Gespräche. Bessere als zuvor. Er wollte nachdenken und sich auf seinen Tod vorbereiten. Es gab auch keinen besseren Ort dafür. Man fühlt sich dort oben so als sei man eh schon außerhalb der Welt.

einestages: Sie selbst pendeln zwischen Europa, Amerika und Asien und verbringen viel Zeit in Indien. Haben Sie Ihre Familie auch eingepackt und mitgenommen?

Terzani: Ich habe meinen Sohn mitgenommen, als er zwei Jahre alt war. Er war natürlich begeistert, weil es dort in Indien so viele Affen gab. Aber man kann seine Leidenschaft nicht einfach auf andere übertragen. Mein Vater hat das getan, wir haben daraus gelernt. Im Moment diskutieren wir wieder in der Familie, wir verhandeln. Es geht um einen Kompromiss. Ich brauche dieses Leben, ich kann nicht zu lange in einer westlichen Stadt bleiben. Jeder Tag ist programmiert. Es ist so ...

einestages: ... langweilig?

Terzani: Ja, auf Dauer. Vergangenes Jahr habe ich das letzte Mal versucht, meine Familie nach Indien zu bringen. Knapp zwei Monate waren wir dort. Aber wieder gab es zu viele Affen, die die Küche verwüsteten, meine Frau war total aufgelöst. Ich musste die Affen mit einem dicken Stock immer wieder verscheuchen. 'Ich kann das nicht mehr', sagte meine Frau. Ich verstehe es ja auch, mit Kindern macht man sich mehr Sorgen. Sie könnten sich verletzen, Krankheiten bekommen. Aber auf der anderen Seite: Ist das Computerspiel wirklich die Alternative? Klar, du hast 3000 Leben in einem Videospiel und kannst dich nicht ins Bein schneiden. Aber ist es auch besser, nur weil es sicherer ist? Wir müssen als Familie eine Balance finden, denn was China und Vietnam für meinen Vater waren, ist Indien für mich.

einestages: Vielleicht war er einfach kompromissloser als Sie?

Terzani: Er war ganz sicher härter. Ich bin jetzt 41 und so ein Feigling. Das nervt mich. Ich brauche lange, um mal in die Puschen zu kommen. Er machte das von Anfang an, weil er arm war. Er musste. Alles war ein Kampf und am Ende tat mein Vater immer das, was er wollte. Wenn man ihm sagte, er könne seine Familie nicht mit nach China nehmen, dann nahm er sie mit und schickte seine Kinder auch noch in eine chinesische Schule. Ich hingegen frage mich, wann ich endlich erwachsen werde.

Das Interview führte Christian Gödecke.

Zum Weiterlesen:

Tiziano Terzani: "Meine asiatische Reise - Fotografien und Texte, aus einer Welt, die es nicht mehr gibt". Deutsche Verlags-Anstalt, 2010, 303 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

Am 7. Oktober hat in Deutschland der Film "Das Ende ist mein Anfang" Premiere. In der Rolle als Tiziano Terzani ist Bruno Ganz zu sehen.

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Joachim Weller 21.09.2010
Ich gebe Folco voellig Recht. Leben sollte ein Abenteuer sein. Bin selbst vor 22 Jahren nach Nepal ausgewandert und hab bisher keinen Tag bereut. Wir haben einfach ein Dorf gebaut hier. Folco...komm doch mal rueber zu uns :) Terzanis Spiegel-Buch "Fliegen ohne Fluegel" steht in unserer Bibliothek!
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