Repression in der DDR "Die Wende in mir"

Hilflos musste Joe Bergmann miterleben, wie ihr Mann nach einem Fluchtversuch aus der DDR als Zwangsarbeiter in Bitterfeld gebrochen wurde und die Stasi ihr Leben ruinierte. Lange litt sie daran - bis sie 30 Jahre später den Mut fand, sich der Vergangenheit zu stellen. Und nach Bitterfeld zog.

Das Bundesarchiv/Thomas Lehmann

Es war ein kalter Tag im Januar 1979, als ich vor den Scherben meines Glückes stand und Tränen über mein Gesicht liefen. Von einem Tag auf den anderen war ich allein mit zwei kleinen Kindern in unserer Berliner Wohnung. Ich war 23, Mutter und Ehefrau eines politischen Häftlings in der DDR. Ich musste die Stadt verlassen - das Strafgericht Pankow hatte mich aus Berlin verwiesen. Die Fluchtgefahr sei hier, in Grenznähe, zu groß, nachdem mein Mann bei dem Versuch erwischt worden war, in der Tschechoslowakei die Grenze zu überqueren.

Mit seiner Verhaftung in jenem Januar hatte alles begonnen. Als Ehefrau eines Dissidenten stand ich fortan unter ständiger Beobachtung der Stasi, während mein Mann zunächst in Berlin in Untersuchungshaft saß. Noch bevor seine Odyssee durch etliche Untersuchungshaftanstalten der DDR begann, erlebte ich in Berlin bereits ein Spießrutenlaufen.

Das Praktikum, das ich damals in einer staatlichen Sendeanstalt machte, wurde von einem Tag auf den anderen gekündigt. Ich wurde wöchentlich zur Abteilung Innere Angelegenheiten ins Rathaus bestellt - „zur Klärung eines Sachverhaltes.“ Dabei legten die Staatsdiener mir stets nahe, mich scheiden zu lassen. Wenn nicht, würde gegen mich ebenso wie gegen meinen Mann Berlinverbot verhängt.

Sie boten mir einen kostenlosen Rechtsanwalt und einen umgehenden Scheidungstermin an. Als ich darauf jedoch nicht einging, begann die Stasi, in der Kinderkrippe und im Kindergarten herumzuschnüffeln, wie mir eine Erzieherin eines Tages zuflüsterte. Jeder Schritt, den ich vor die Haustür setzte, wurde verfolgt.

Berlinverbot

Einige Wochen später wurde unsere Wohnung aufgebrochen und durchwühlt. Die Nachbarn schickten mir die Jugendhilfe ins Haus. Angeblich habe mein kleiner Sohn die ganze Nacht geschrien. Die Damen vom Jugendamt schauten mir in die Töpfe, kontrollierten die Schränke und befragten auch die Kindergärtnerinnen zu mir. Unser Strom wurde abgeschaltet, obwohl die Rechnung bezahlt war. Das Geld sei nicht angekommen, sagte die Dame bei der Energieversorgung - die Schwester jener Nachbarin, die mich beim Jugendamt angezeigt hatte. Mir war klar, dass all das Schikanen der Stasi waren.

Ich musste darum genauestens auf meine Kinder achten, damit man sie mir nicht wegnahm. Das bedeutete, dass ich sie stets pünktlich auf die Minute abholte und sie danach keine Sekunde aus den Augen ließ. Und dass ich bei ihnen politische Überzeugungsarbeit für das SED-Regime leistete, obwohl ich selbst ganz anderer Meinung war und auch mein Mann keinesfalls wollte, dass unsere Kinder so linientreu erzogen wurden.

Vier Monate lang ließ ich jede Woche stundenlange Verhöre über mich ergehen, bis es eines Tages dann im Briefkasten lag - das Berlinverbot der Abteilung Innere Angelegenheiten. Ich begriff, dass nun die Reise für mich beginnen würde - in die Provinz, weit weg von Freunden und Familie. Aber es kam noch schlimmer: Ich durfte meine Kinder nicht mitnehmen. Gepackt von Angst, dass man sie ins Heim stecken oder zur Adoption freigeben würde, versteckte ich meine Kinder bei meiner Schwiegermutter. Drei Tage später bekam ich eine Fahrkarte ohne Rückfahrt, einen PM 12 - einen vorläufigen Personalausweis für politisch nicht tragbare Bürger - und verschwand alleine in die Provinz.

Doch schon einen Tag später fuhr ich bei Nacht und Nebel fuhr ich heimlich zurück nach Berlin, um meine Kinder nachzuholen. Meine Tochter rief winkend durch das Zugfenster: "Tschüs Berlin“. Mein Sohn schlief auf meinem Schoß, umhüllt von meiner Jacke. Dann waren wir wieder vereint - auf dem platten Land in der Nähe von Leipzig. Während mein Mann mittlerweile in Bitterfeld im Gefängnis saß.

Unfall in der Chemiefabrik

Mein erstes Problem in der Provinz war die Arbeit. Ich musste mir einen Job in der Produktion suchen. Dort arbeitete ich im Akkord an Fräsmaschinen aus Kriegszeiten, Zwölf-Stunden-Schichten in der Nacht, oft bei eisiger Kälte. Aber die körperliche Anstrengung war nicht mein Hauptproblem. Die Brigade meines Betriebs und die Betriebsgewerkschaftsleitung setzten mich gemeinsam mit der Abteilung Innere Angelegenheiten unter Druck, mich von meinem Mann zu trennen, indem mein Lohn einbehalten wurde. Ich lehnte dennoch ab. Und geriet noch stärker ins Visier der Stasi: Unsere Vermieterin lauschte an meiner Tür und spionierte mir nach. Auch in meinem Betrieb erschienen nun des Öfteren Herren in Zivil und fragten, ob ich noch in Kontakt zu meinem Mann stünde.

Wenige Wochen nach unserem Umzug erhielt ich den ersten Brief meines Mannes aus dem Gefängnis - mit einer Besuchserlaubnis. Gleich am Samstag darauf fuhr ich nach Bitterfeld, eine Stadt, von der ich nur wusste, dass es dort eine Chemiefabrik gab. Ich betrat den Bahnhof, und sofort brachte mich der Dunst der Fabrik zum Husten. Es stank nach Urin und Krankheit. Ich fragte mich zur Parkstraße durch und wurde mitleidig belächelt. Alle hier wussten, dass dort die Strafvollzugsanstalt war. Wo hunderte politische Häftlinge Zwangsarbeit in der Chemieindustrie verrichten mussten. Und wo gequält und gefoltert wurde.

Das wusste ich damals noch nicht. Aber ich sollte es bald lernen: Im Mai 1979 verätzte sich mein Mann bei der Arbeit den Fuß mit Säure, doch man ließ ihn zehn Stunden unter entsetzlichen Schmerzen weiterschuften. Zum Schluss blieb nur noch die Möglichkeit einer Hautverpflanzung. Er bekam Ausschlag im Gesicht, an Händen und Füßen. Und ich litt mit ihm: Ich bekam Alpträume, wurde ruhelos. Bis ich es nicht mehr hinnehmen konnte.

Der Vater durfte seine Kinder nicht sehen

Ich schrieb dem Gefängnisleiter und schickte gleichzeitig einen Kassationsantrag zum Obersten Gericht der DDR. Wochen später erhielt ich eine Einladung in die Strafvollzugsanstalt Bitterfeld. Ich wurde in einen abgedunkelten Raum an einen langen Tisch gesetzt, wo drei Beamte, der Gefängnisleiter und ein Protokollant Platz nahmen. Ich bat um ärztliche Hilfe für meinen Mann, um seine Verlegung in ein anderes Arbeitslager. Ich sprach von Menschenrechtsverletzungen. Sie schauten mich an, als würden sie dieses Wort gar nicht kennen. Ich drohte, mich an die Medien zu wenden. Der Anstaltsleiter entgegnete nur, es lohne sich nicht, mich für einen solchen „Taugenichts“ hier so aufzubäumen.

Ich bekam Angst, dass ich meinen Mann nach diesem Einspruchsversuch nie mehr wiedersehen würde. Als ich einige Wochen später eine Besuchserlaubnis bekam, war ich zunächst etwas beruhigt. Als ich nach Bitterfeld fuhr und ihn wiedersah, sah er immer noch sehr schlecht aus. Seine Haut war ganz grau geworden. Als er erzählte, dass er nun in einer Ziegelei in Holzweißig arbeite, wurde meine letzte Hoffnung zerschmettert: Auch mein Kassationsantrag war abgelehnt worden.

Meine Kinder durften ihren Vater im Gefängnis nicht besuchen. Bei einem Besuch flüsterte er mir flehend zu: „Die Kinder!“. Noch am gleichen Tag - trotz glühender Junihitze - setzte ich mich an die Kreuzung, wo die Busse mit den Gefangenen aus Holzweißig kamen. Ich saß vom frühen Morgen bis zum Nachmittag dort, meine Kinder neben mir auf der Wiese. Endlich kam der Bus, und mein Mann konnte seine Kinder kurz durch einen schmalen Schlitz sehen. Grußlos fuhr er vorbei. Hätte er uns gewunken, wäre er bestraft worden. Und auch wir durften nicht winken.

Entlassen - als gebrochener Mann

Drei Jahre vergingen so. Am Ende dieser drei Jahre hatte ich das Lieben verlernt. Mein Leben bestand aus Hoffen und Warten, aus Angst und Verzweiflung, aus Arbeit im Akkord und dem Kampf ums Überleben. Als mein Mann im Dezember 1982 endlich aus dem Gefängnis kam, war er alt geworden. Er war ein gebrochener Mensch, der mich voller Demut um einen Kuss bat.

Doch das Leiden nahm kein Ende: Nach seiner Entlassung wurde mein Mann weiter ausspioniert und sanktioniert. 1989, nach der Wende, bat er mich schließlich, mit in den Westen zu gehen. Ich sagte: „Nein, es geht wegen der Kinder nicht, sie sind hier integriert.“ Meine Angst davor, dass man uns die Kinder wegnehmen könnte, saß tief. Und so stand ich mit ihnen plötzlich wieder allein da, während mein Mann im Westen das suchte, was er in der DDR nie hatte finden können: Freiheit.

Im Laufe meines Lebens entwickelte sich aus der Angst um meine Familie und vor staatlichen Repressalien eine Angststörung. Deshalb beschloss ich 2008, nach dreißig Jahren, das aufzuarbeiten, wozu ich bisher nicht in der Lage gewesen war, und mich dem Ursprung meines Leides zu stellen: Ich zog nach Bitterfeld. Wie in Trance lebte ich dort gegenüber der Chlorfabrik, in der mein Mann sich seine Verätzungen zugezogen hatte.

Rückkehr nach Bitterfeld

Der Anblick der alten Strafvollzugsanstalt lähmte meine Arme und Beine. Ich erkannte Menschen von damals wieder: Leute, die damals Diener des SED-Regimes gewesen waren, lebten jetzt in den schönen Villen gleich gegenüber der alten Anstalt. In ihren Vorgärten liefen Deutsche Schäferhunde umher und wachten über sie. Ich erkannte einstige Diener des Unrechtsstaates DDR, die immer noch die Gänge der Ämter entlang schritten und sich wie kleine Napoleons aufspielten. Ich sah sie noch immer diktieren und sanktionieren. Und sah, wie ihnen noch immer gehorcht wurde.

Einer von ihnen war mein Fallmanager vom Arbeitsamt. Er drohte mir lächelnd, ich müsse ihm alles sagen, was er von mir wissen wolle, ansonsten würde mein Geld gekürzt. Wenn ich ihn auf der Straße träfe, hätte ich ihn zu grüßen. Alle vier Wochen wurde ich zu ihm bestellt, obwohl er mir nie Arbeit anbieten konnte. Ja, ich wurde monatlich verhört, er zwang mich, ihm Vollmachten für meine Bank, für meinen Arzt zu unterschreiben und drohte mit Sanktionen. Ich habe mich schriftlich beschwert, aber mein Schreiben wurde ignoriert. Genau wie damals. Doch jetzt wehrte ich mich: Ich fragte ihn direkt, ob er bei der Stasi gewesen sei. Daraufhin führte mich der Sicherheitsdienst aus dem Amt.

Ich habe das Areal der alten Strafvollzugsanstalt besucht und mich von einem jahrzehntelangen Gefühlsstau befreit. Ich habe drei Winter in Bitterfeld erlebt, genau wie mein Ex-Mann. Ich habe die zerborstenen Fensterscheiben des Besucherraumes gestreichelt und die große, schwere Eingangstür. Und ich habe mir geschworen, dass solche Menschenrechtsverletzungen niemals mehr geschehen dürfen. Erst jetzt spüre ich die Wende in mir.

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Seite 1
Siegfried Wittenburg, 28.07.2010
1.
"Ich erkannte Menschen von damals wieder: Leute, die damals Diener des SED-Regimes gewesen waren, lebten jetzt in den schönen Villen gleich gegenüber der alten Anstalt."... "Einer von ihnen war mein Fallmanager vom Arbeitsamt. Er drohte mir lächelnd, ich müsse ihm alles sagen, was er von mir wissen wolle, ansonsten würde mein Geld gekürzt. Wenn ich ihn auf der Straße träfe, hätte ich ihn zu grüßen." Ja, das ist schwer zu ertragen. Die Aufarbeitung des Unrechts in der DDR und sein Fortbestands bis heute ist noch nicht beendet und es kostet viel Kraft, dieses zu tun. Verlieren wir diese nicht!
Fred Damerow, 08.06.2016
2. Strafvollzugsanstallt Bitterfeld
War selbst von 81-83 Insasse dieser Vollzugsanstallt, wollt immer da nochmal Hinfahren,aber wie man so liest,iss ja da wohl nix mehr.
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