Japanisches Restaurant in Suhl Sushi made in DDR

Japanisches Restaurant in Suhl: Sushi made in DDR Fotos
Archiv Harry Krieg

Zwei Jahre Warten auf einen Tisch, eine Monatsmiete für ein Menü - und doch immer ausgebucht: Rolf Anschütz' "Waffenschmied" war das einzige japanische Restaurant der DDR. Bei einestages erinnert sich sein Sohn an Teilzeit-Geishas, rituelles Nacktbaden - und Promi-Gäste aus dem Westen.

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einestages: Ihr Vater führte 20 Jahre lang, von 1966 bis 1986, den "Waffenschmied". Bis 1981 war es das einzige japanische Restaurant in der DDR. Wie war es möglich, in einem Land mit Plan- und Mangelwirtschaft professionell ein solches Lokal zu betreiben?

Anschütz: Wer so was machte, musste eigentlich verrückt sein. Mein Vater war sehr ehrgeizig, ein Vollblutgastronom. Das Wichtigste waren ihm zufriedene Gäste. Dafür tat er alles.

einestages: Wie kam man in der DDR denn an Zutaten für japanische Gerichte?

Anschütz: Zum einen gab es für Interhotels wie den "Waffenschmied" staatliche Sonderkontingente an Fleisch. Geflügel gab es sowieso und Fisch auch. Und was die Japaner an frischem Gemüse verwenden, das hatten wir ebenfalls. Ab 1980 wurden dann original japanische Waren per Container aus Düsseldorf geliefert, später kamen sie per Schiff direkt aus Japan und dann mit dem Zug nach Suhl. Nur am Anfang musste improvisiert werden.

einestages: Wie?

Anschütz: Statt Sojasauce wurde Worcester-Sauce verwendet, und Bino-Würze, eine Art DDR-Maggi. Milchreis wurde zum Sushi-Reis und Karpfen so eingefärbt, dass er wie Lachs aussah. Die allerersten Kimonos für die Bedienungen wurden aus Kittelschürzen mit Blumenmuster genäht. Dann lieh mein Vater Kimonos vom Theater Meiningen, aus der Produktion "Madame Butterfly". Er ruhte nicht eher, bis er Stoffe mit Kirschblütenmuster fand. Aus denen wurden dann vom Personal des "Waffenschmied" Kimonos geschneidert.

einestages: Ihr Vater ließ es sich 10.000 Mark kosten, ein japanisches Kochbuch ins Deutsche übersetzen zu lassen. Woher kam diese kompromisslose Leidenschaft für die japanische Küche?

Anschütz: Japaner haben etwas Gradliniges. Es wird so gekocht, dass der Eigengeschmack jedes Produkts zu erkennen ist. Diese Klarheit, Konsequenz und Liebe zum Detail gefielen meinem Vater. Mein Vater war kein Rouladenkoch. Als er sich mit der japanischen Küche und Mentalität auseinandergesetzt hat, hat er sich in Menschen und Küche verliebt. Der bekam feuchte Augen, wenn er nur einen Japaner sah und wäre am liebsten in seinem Kimono ins Bett gegangen.

einestages: Wie lief denn so ein traditionell japanisches Essen im "Waffenschmied" ab?

Anschütz: So ein Abend dauerte vier bis fünf Stunden. Es gab drei Menüs zur Auswahl. Der Abend verlief dann wie ein Theaterstück zum Mitspielen: Die Gäste wurden unterhalten, in die japanischen Essgewohnheiten und Gebräuche eingeführt. Es gab "Gastmahlleiter", ausgebildete Köche oder Kellner, die kochen konnten und zugleich wie Entertainer durch die Abende führten. Sie erklärten den Gästen etwa, wie man mit Stäbchen isst oder warum man sich ein heißes Tuch auf die Stirn legt.

einestages: Was kostete ein Menü?

Anschütz: Es gab drei Preisklassen: 99,50, 117, 50 und 136,50 Ostmark.

einestages: Weit mehr als die durchschnittliche Monatsmiete in der DDR. Wer kam zum Essen in den "Waffenschmied"?

Anschütz: Von der Putzfrau bis zum Professor war alles dabei. Nur ihren offiziellen Rang konnte man ihnen bei uns nicht ansehen.

einestages: Wie das?

Anschütz: Weil alle einen Kimono trugen, Männer und Frauen. Vor dem Essen legten alle ihre Kleidung und ihren Schmuck ab und nahmen ein zeremonielles Begrüßungsbad im extra dafür gebauten Becken. Sie hatten keine Statussymbole mehr. Das war wohl das Geheimnis vom "Waffenschmied". Die Leute konnten sich geben, wie sie waren und wie sie sich fühlten. Wie sie Gott geschaffen hat, saßen sie im Gemeinschaftsbad und haben gesungen.

einestages: Vor dem Essen gab es ein kollektives Nacktbaden?

Anschütz: Das war etwas ganz Besonders. Das sogenannte Furu-Bad ist ein rituelles Reinigungsbad, das man in Japan vor einem Festmahl nimmt. Da wird der Körper vom Staub der Straße befreit und man lässt die Sorgen davonschwimmen. Man geht als Geschäftsmann hinein und steigt als gelöster Mensch raus.

einestages: Stiegen bei Ihnen auch Prominente ins Furu-Bad?

Anschütz: Nein. Von der DDR-Führung kamen zwar Leute wie das ZK-Mitglied Harry Tisch oder Heinz Hoffmann, der Verteidigungsminister. Und die Existenz des "Waffenschmied" sprach sich auch im Westen rum. Von dort kamen Stars wie Katja Ebstein, Peter Maffay oder Udo Lindenberg. Aber diese Gäste machten nur das Gastmahl mit. Eine Katja Ebstein hätte sich nicht mit wildfremden Ostdeutschen ins Bad gesetzt.

einestages: Wie lange musste man auf einen Tisch warten?

Anschütz: Manchmal bis zu zwei Jahre.

einestages: Gab es Möglichkeiten, schneller eine Reservierung zu bekommen?

Anschütz: Wir hatten ein Büro, in dem zwei Damen nur mit Reservierungen beschäftigt waren. Damals gab es noch keine Computer, die Bestellungen wurden in Bücher geschrieben. Zwei Jahre im Voraus den Überblick zu behalten, das war schon verrückt. Ich glaube nicht, dass jemand früher einen Tisch bekommen konnte. Mein Vater war in solchen Dingen eisern.

einestages: Wie haben die Gäste auf das japanische Essen reagiert?

Anschütz: Manche haben den scharfen Wasabi mit dem großem Löffel gegessen oder jemand hat eine der eingelegten Pflaumen genommen, die ganz furchtbar schmeckten und nur dazu verwendet wurden, um den Geschmack zu neutralisieren. Die spuckten die Pflaume dann mit entsprechender Mimik ins Taschentuch.

einestages: Die Bedienung wurde von Frauen in Geisha-Outfits übernommen. Wo wurden die rekrutiert?

Anschütz: Das waren Frauen, die fast alle anderen Berufen nachgingen und nach der Arbeit als Geishas arbeiteten. Es gab einen Stamm von 50 Damen, die Kimonos trugen, die farblich abgehoben waren von denen der Gäste.

einestages: Welche Aufgaben hatten sie?

Anschütz: Die haben die Bedienung gemacht. Wir haben sie liebevoll Geishas genannt, aber eigentlich waren sie Kellnerinnen und Servierdamen. Die haben das mit großer Begeisterung gemacht.

einestages: Was für Voraussetzungen mussten die thüringischen Frauen mitbringen?

Anschütz: Es ging nicht um Alter und Aussehen. Die Frauen mussten ein Lächeln auf den Lippen haben und die Gäste mussten merken, ihnen macht das Spaß. Darauf hat mein Vater sehr geachtet.

einestages: Hatte ihr Vater eigentlich nie Probleme mit der Staatsführung?

Anschütz: Sie meinen: Wer so etwas Außergewöhnliches erreicht hat, war normalerweise entweder in der Partei oder bei der Stasi. Mein Vater aber nicht. Irgendwann war das Lokal so berühmt, dass es von den Vorgesetzten meines Vaters von der staatlichen Handelsorganisation geduldet werden musste. Es lag sogar im Staatsinteresse, den "Waffenschmied" zu erhalten.

einestages: Warum?

Anschütz: Etwa weil der in der DDR akkreditierte japanische Botschafter einmal im Jahr im "Waffenschmied" aß. So eine Aufmerksamkeit im verschlafenen Suhl!

einestages: 1986 schlug dann doch das System zu. Ihr Vater hörte im "Waffenschmied" auf, obwohl das Restaurant hervorragend lief. Die staatliche Handelsorganisation HO forderte immer mehr Umsatz, Investitionen wurden aber verweigert und schließlich wurde ihm ein Chef vor die Nase gesetzt.

Anschütz: Es wurde daran gearbeitet, ihn für die Partei zu rekrutieren oder einen linientreuen Leiter in den Betrieb zu bringen. Als die politische Lage schwieriger wurde, wurden meinem Vater Genossen vor die Nase gesetzt. Er wusste, was das bedeutete.

einestages: Nämlich?

Anschütz: Er sollte sanft entsorgt werden. Aber er hatte seinen Stolz und ging schließlich nach Ost-Berlin. Ihm wurde versprochen, dass er dort ein japanisches Lokal betreiben dürfe. Das war aber nur eine Hinhaltetaktik.

einestages: Wie ging es mit dem "Waffenschmied" nach Mauerfall und Wende weiter?

Anschütz: Im November 1989 bin ich als Angestellter der HO wieder in den "Waffenschmied" zurückgekommen, drei Monate später wurde ich Gaststättenleiter, dann wurde die Gaststätte zur GmbH und privatisiert. Ich wollte das Gebäude kaufen, aber die Treuhand gab einem Westinvestor den Zuschlag.

einestages: Heute steht das Lokal leer. Schmerzt Sie das?

Anschütz: Überhaupt nicht. Ich trauere dem nicht nach, was nicht zu ändern ist.

einestages: Jetzt betreiben Sie in der Nähe von Suhl ein Geschäft mit thüringischer Handwerkskunst. Kommen manchmal Japaner bei Ihnen vorbei?

Anschütz: Kaum. Aber ich bin auch nicht so japanverrückt wie mein Vater.

Das Interview führte Barbara Bollwahn

Der Film "Sushi in Suhl" über Rolf Anschütz und sein Restaurant "Waffenschmied" ist seit dem 18. Oktober 2012 im Kino zu sehen.

Begleitend dazu ist seit 11. September 2012 im Foyer des Cineplex in Suhl eine Ausstellung mit dem Titel "Sushi in Suhl - Wie es damals war" zu sehen.

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1.
Axel Nerger 19.10.2012
"So schlecht war es in der DDR ja nicht" ... Eine Frage, die sich einem aufdrängt, die im Artikel nicht gestellt wird, aber die eigentlich alles über die DDR sagt: Ist Rolf Anschütz, der in Thüringen alle Tricks aufbot, um original japanisches Essen anzubieten, eigentlich ein einziges Mal nach Japan gereist? Nein? Warum denn bloß nicht?
2.
Jens Ziegenbalg 19.10.2012
Wieso wird immer wieder betont es sei das einzige japanische Restaurant in der Täterä gewesen, wenns doch nicht stimmt? Im Interhotel Merkur in Leipzig gabs das "Sakura" original japanisch, für Ostmark, auch für Ostdeutsche, nicht billig aber ohne 2 Jahre Voranmeldung.
3.
Lars Wenzel 19.10.2012
Schöne Geschichte, aber in Details definitiv nicht wahr. Es war vielleicht am Ort das einzige oder vielleicht sogar das erste japanische Restaurant. Aber auch in Berlin gab es das ?Jade? im damaligen Palasthotel und noch ein weiteres, privates, in Prenzlauer Berg. Die Antwort im Interview: Es gab keine Möglichkeit, sich auf der Warteliste nach vorne zu schummeln (sinngemäß) kann man mit einem anderen Interviewzitat kinderleicht widerlegen: Eine Katja Ebstein hätte sicher ihren Tisch nicht 2 Jahre im Voraus bestellt. Und viele andere mussten das ganz sicher auch nicht. Für einen Film ist die Geschichte sehr schön, aber bitte nicht das Ganze als historische Fakten umdichten, auf einem Geschichtsportal!
4.
Regina Horn 19.10.2012
Man konnte als linientreuer Bürger für eine sagenhafte Summe von mehreren tausend ostmark über "Jugendtourist" nach Japan reisen. Man mußte dazu vermutlich bloß die ganze Verwandschaft anpumpen - oder man war nicht mehr jugendlich. Katja Ebstein waren die Ostdeutschen zu popelig? Wenn das Ostfernsehen sie nicht ständig auf dem Schirm gehabt hätte, wäre sie garantiert schon viel eher in der Versenkung verschwunden. "Star" , na ja...
5.
Bernhard Krieter 19.10.2012
@Axel Nerger Wenn Sie den wesentlich informativeren Artikel in der FAZ http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/japanische-kueche-in-der-ddr-sukiyaki-in-suhl-11884028.html gelesen hätten, wüssten Sie, dass Hr. Amstütz sehr wohl nach Japan, obwohl sich die Apparatschiks von der HO querqestellt haben.
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