Retro-Rennräder Ungebremstes Glück

Retro-Rennräder: Ungebremstes Glück Fotos
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Ultraleichte Carbonrahmen und 20 Gänge: So treten die Rennrad-Gladiatoren ab morgen wieder bei der Tour de France an. Auf der Straße erleben derweil 30 Jahre alte Stahlrahmen-Renner ein furioses Comeback - am liebsten ohne Gangschaltung und Bremse. Von

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Jetzt geht sie wieder los, die Quälerei: An diesem Wochenende beginnt die Tour de France. Auf ultraleichten Carbon-Rennmaschinen mit 20 Gängen, die aussehen wie Zweiräder für einen Weltraumausflug, werden Männer mit verkniffenem Gesichtsausdruck im Wiegetritt steile Bergstraßen der ersten Kategorie hochknechten. Der Anblick wird keine Freude sein.

Jedenfalls nicht für echte Rennradfans. Und nicht wegen der leidenden Fahrer. Nein, vor allem wegen der 10.000 Euro teuren, im Windkanal designten Rennmaschinen, diesen übertechnisierten Gefährten. Viele von ihnen wirken so modern, so Hightech - und sind doch sowas von gestrig wie die gesamte, im Dopingsumpf versackte Tour.

Der Rennradfan von heute meidet atmungsaktive Leggings und Pulsmessgeräte unterm Hemd, und er schindet sich auch nicht. Er fährt lieber in Jeans und T-Shirt auf wunderschönen, klassischen Rennrädern mit schlanken Stahlrahmen, wie sie in den siebziger und achtziger Jahren gebaut wurden - Rennräder wie sie die wunderbare Jennifer Beals eins in "Flashdance" fuhr.

Rund um Retro-Rennräder mit ihren klassischen Schlappohrlenkern ist inzwischen eine eigene Kultur entstanden, die die Titanseligkeit der Tour-Radler völlig kalt lässt. "Das Faszinierende an alten Rennrädern ist das Handwerk, die Liebe zum Detail, mit der damals die Rahmen in Handarbeit zusammengesetzt wurden", schwärmt Gary Graham. Der 41-Jährige ist einer der beiden Besitzer von Keirin Berlin, einem Fahrradladen, der sich auf Klassikrenner spezialisiert hat. Als der Engländer vor 20 Jahren von London nach Berlin zog, verdiente er seinen Lebensunterhalt als Fahrradkurier. Dann beschlossen er und sein Kompagnon Mortimer aus ihrer Liebe zu den Stahlrennern ein Geschäft zu machen. Heute gehören Fahrradboten ebenso zu ihren Stammkunden wie Rennradsammler aus ganz Deutschland.

Retro-Renner als Kunstwerke

In ihrem kleinen Laden in Kreuzberg reihen sich die Retro-Räder und Klassikerrahmen aneinander, ein Teil schöner als das andere. Darauf prangen Namen wie "Raleigh" oder "Colnago", "Gazelle" oder "Pinarello" - Radmarken, bei denen jedem Kenner das Herz aufgeht. Manche der Schmuckstücke sind auf Podesten ausgestellt wie Kunstwerke. So betrachtet man sie Detail für Detail, wie Skulpturen in einer Galerie.

Und plötzlich versteht man Grahams Begeisterung für das Handwerk der früheren Radhersteller. Auf einmal hat man nicht mehr nur ein simples Fahrrad vor sich, sondern eine perfekt aufeinander abgestimmte Einheit von ineinandergreifenden Einzelteilen: einen Rahmen mit handgefeilten Muffen, filigrane Felgen, Naben, Umwerfer und Pedale - sogar die Bremsgriffe sind mit ihren eingeprägten Logos und dem sanften Schwung des Hebels richtige, kleine Schätze.

Ein Name, eingeprägt in das glänzende Metall, begegnet einem beim Betrachten der Komponenten, immer wieder: Campagnolo. Der italienische Hersteller von Rennradteilen ist eine Legende. Tullio Campagnolo, der die Firma vor 75 Jahren gründete, war selbst Rennradfahrer, doch die entscheidenden Impulse für den Sport gab er als Erfinder. Es war bei einem Rennen am 11. November 1927, als Campagnolo der Kragen platzte. Rennräder hatten zu dieser Zeit nur zwei Gänge. Um von einem in den anderen zu wechseln, mussten die Fahrer das Hinterrad ausbauen, umdrehen und wieder einbauen. Doch an diesem Tag war das so gut wie unmöglich. Mit eiskalten Fingern versuchte Campagnolo im Schneetreiben an einem Dolomiten-Pass die Flügelschrauben am Hinterrad loszudrehen - es dauerte eine kleine Ewigkeit. Kostbare Zeit in einem Rennen.


Rennradkult auf Youtube:

Ein Fahrradkurier in New York: "Ich fühle mich wie Superman"

"Skidden" und "Trackstand": Tricks auf dem Fixed-Gear-Bike


Ungebremstes Glück

Diesen Reinfall ließ der findige Radsportler nicht auf sich sitzen. Nur Monate später hatte er den Schnellspanner erfunden; seither lässt sich das Hinterrad durch einfaches Umlegen eines Hebels lösen. Doch Campagnolo wollte Gangwechsel noch leichter machen - und erfand 1930 die erste Kettenschaltung. Bis heute funktioniert diese Erfindung noch im Wesentlichen, wie Campagnolo sie damals ersann.

Wenn der 1983 verstorbene Rennradpionier wüsste, was die Hobby-Rennfahrer der jüngsten Generation mit ihren neuen alten Mühlen anstellen, würde er sich wohl im Grab umdrehen. Die nämlich verzichten immer öfter auf seine bahnbrechende Innovation: Wen heute das Rennradfieber packt, der fährt wieder ganz ohne Gangschaltung. "Singlespeed" nennt das der Experte, also eingängig. Nichts mehr mit schalten am Berg, bei Singlespeed wird immer mit derselben Übersetzung geradelt.

Manche treiben es mit der Askese sogar noch extremer: die "Fixed gear"-Fahrer. Bei dieser, vom Bahnradfahren inspirierten Variante wird außer auf die Gangschaltung auch noch auf den Freilauf verzichtet; im Zentrum des Hinterrades dreht sich dann nur eine starre Nabe. So laufen die Pedale immer mit, wenn sich das Hinterrad dreht - und wenn Fixed-Fahrer bremsen wollen, müssen sie sich mit der Kraft ihrer Beine gegen die Laufrichtung der Pedale stemmen. Das klappt nicht immer, weshalb viele von ihnen eine Notbremse an Bord haben: eine einsame kleine Handbremse, die auf das Vorderrad wirkt.

Weitrutsch-Wettbewerb für Rennradler

Auch der Trend zum Fixed-Fahren ging von Fahrradkurieren aus. Von dort hat es sich schnell verbreitet, denn es bietet einige Vorteile, wie Gary Graham findet: "Die Räder sind wenig attraktiv für Fahrraddiebe", erklärt er, "außerdem ist die Technik sehr übersichtlich." Es gibt schließlich keine Schaltkomponenten, keine Züge und Schalthebel, die gepflegt und geölt werden müssen. "Man muss nur manchmal die Kette fetten - das war's."

Aber warum sollte man sich ohne zwei ordentliche Bremsen und Freilauf in den Verkehr wagen? Ist das nicht wahnsinnig? "Es klingt schon fast wie ein Klischee", meint Graham, "aber man ist wirklich eins mit dem Fahrrad." Eine Menschmaschine, die sich bewegt, wenn das Fahrrad sich bewegt und die ständig durch Treten oder Dagegenhalten die Geschwindigkeit reguliert.

Ähnlich wie beim Skateboarden hat sich um diese spezielle Art des Radfahrens schnell eine Subszene gebildet, die mit den Rädern erstaunliche Tricks vollbringt. Auf Fahrradkurier-Meisterschaften haben Fixed-Fahrer mittlerweile ihre eigenen Disziplinen wie den "Track-Stand", wobei die Fahrer mit ihren Rädern auf der Stelle balancieren müssen, ohne den Boden zu berühren. Oder das "Skidden", bei dem man mit blockiertem Hinterrad über den Asphalt schliddert. Wenn man sein Gewicht nach vorne auf den Lenker verlagert, kann man erstaunliche Distanzen schaffen: Der Rekord im Weitskidden liegt derzeit bei rund 180 Metern.

"Fixed fahren ist wie Schachspielen"

Die Polizei ist den Fixed-Fahrern natürlich ständig auf den Fersen. Für sie ist ein Fahrrad ohne Bremse eine Gefahr für den Verkehr. Wer mit einem solchen Rad erwischt wird, muss mit bis zu 50 Euro Strafe und einem Punkt in Flensburg rechnen. Ein Fixed-Fahrer in einem Internet-Forum schätzt, die Gefahr, die von diesen Rädern ausgeht, allerdings ganz anders ein: "Man fährt viel vorsichtiger als mit einem Rad mit Bremsen. Es ist ein bisschen wie Schachspielen. Man überlegt sich seinen nächsten Zug immer eine Straßenecke im Voraus."

Auch Gary Graham steht dem Fixed-Trend eher gelassen gegenüber: "Die vielen schlecht gepflegten, vermeintlich verkehrssicheren Räder, die auf der Straße unterwegs sind, stellen sicherlich eine größere Gefahr dar." Trotzdem überredet er viele seiner Kunden, die ein solches Fahrrad einfach nur wegen der reduzierten Optik haben möchten, zu der Singlespeed-Variante mit Freilauf und Bremsen.

Doch ob nun Fixed, Singlespeed oder mit Gangschaltung - eines ist sicher: Auch diesen Sommer werden wieder weniger Leute vor dem Fernseher sitzen und sich die Rennradprofis auf ihren hochgezüchteten Carbonkrücken bei der Tour de France ansehen. Stattdessen werden viele neue Fahrradfans lieber auf ihr 30 Jahre altes Team Raleigh mit den wundervollen Hochflansch-Naben von Campagnolo steigen und selbst eine kleine Tour machen.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
Georg Koch, 05.07.2008
Was meißtens vergessen wird bei Berichten über "Single Speed" ist die Tatsache, dass die Fahrer/innen an Steigungen zu Fuß gehen und ihr geliebtes Rad schieben. Es wird immer der Eindruck erweckt sie würden ohne Schaltung jeden Berg hoch fahren. Dem ist nicht so!
2.
heiko hermsdorf, 05.07.2008
Jaja, früher war alles besser und heute ist alle Mist. Und die ewig Gestrigen haben die einzige Wahrheit auf ihrer Seite. Das ist sie wieder, die leider viel zu oft zu beobachtende Unfähigkeit Dinge trennscharf darzustellen. Da wird eine mehr als halbdurchdachte Diskussion entfacht, nur um den eigenen Lebensentwurf zu legitimieren. Oder um das eigene Geschäft zu promoten? Herr Maack zeichnet sich mit seinem Beitrag entweder als sehr einseitiger Betrachter oder als sehr guter Lobbyist in wahrscheinlich eigener Sache aus. Was wir hier lesen können, erinnert schon sehr stark an die, heute zum Glück abgeflauten, Diskussionen im Mountainbikebereich Anfang der 1990'er Jahre. Auch da gab es eine Zeitenwende, Fullsuspension und Alu hießen die Reizwörter damals. Auch da gab es Sternendeuter, die gern unter Zuhilfenahme verquerer Logikketten versucht haben, ihre eigene Meinung und Ansicht unter dem Volk zu verteilen. Zum Glück ist es Ihnen nicht gelungen. Dass ich nun, auf den Seiten eines seriösen Nachrichtenmagazins, wieder solch grenzwertige Meinungshülsen lesen muss, erstaunt mich und lässt mich daran zweifeln ob hier nicht eine journalistische Plattform für versteckte Werbung missbraucht wird. An sich wäre dies ja noch nicht so schlimm, wenn Herr Maack wenigstens differenzieren könnte. Aber hier werden Menschen kategorisiert und abgestempelt. Herr Maack spricht von dem Rennradfan, der heutzutage mit Jeans und Baumwollshirt auf einem 30 Jahre alten Renner unterwegs ist. Und dieser, und nur dieser, ist für Herrn Maack, der einzige und wahre Rennradfan überhaupt. Alle anderen, die Legginsträger auf den Carbonkrücken, sind antiquierte und überholte, bis unters Dach vollgedopte Nichtwisser. Herr Maack erhebt hier eine Gruppe über eine andere und diskriminiert alle zu nicht wahren Rennradfans, die nicht auf alten Rädern unterwegs sind. Ein Rennradfan ist, wie der Name schon sagt, ein Fan von der Hardware des Radfahrens. Das allein macht ihn aber noch nicht zum Radfahrer. Daher ist es unerklärlich wie man diesen Rennradfan nun mit den vielen tausenden Rennradfahrern / Radfahrern vergleichen kann. Beide haben in ihrer Kernausrichtung erst einmal nichts miteinander zu schaffen. Der eine sammelt und bewundert die Schönheit alter Rahmen (die zweifelsohne gegeben ist), der andere begreift ein Fahrrad als Werkzeug um seinem Hobby nachzugehen. Das dieser nicht mit einem 13-Kilo schweren Renner unterwegs sein will, wenn er auch ein 8-Kilo Rad haben kann, erschließt sich natürlich nur demjenigen, der schon mal die Unterschiede erfahren hat. Auch ist es nicht gesagt, dass der Maacksche Rennradfan am Wochenende nicht mit einer Carbonkrücke und Leggins unterwegs ist. Und diesen Hobbyrennradler nun wieder in die Nähe der Tour de Farce zu rücken, zeigt auch wieder die Unfähigkeit zur Differenzierung und die Unkenntnis der Beweggründe von Hobbyradlern. Der Bericht (oder vielleicht eher die Werbebotschaft für einen der im Text genannten Radläden?) vergleicht Äpfel mit Parkplätzen. Herr Maack ist nicht in der Lage eindeutig zu differenzieren, zwischen denen, die ein Rad an sich bewundern und denen, die es für einen weiteren Zweck benutzen. Insgesamt kann ich Herrn Maacks Beitrag nur als vollkommen unqualifiziert, von Unkenntnis und Unfähigkeit gespickten Versuch interpretieren, ein paar Bikeshops zu promoten, die versuchen ein Image zu generieren um Räder zu verkaufen, die mit dem eigentlichen Sinn eines Rades, der Fortbewegung, mit den heutigen Modellen nicht mehr mithalten können.
3.
bugme not, 05.07.2008
und wenn Fixed-Fahrer bremsen wollen, müssen sie sich mit der Kraft ihrer Beine gegen die Laufrichtung der Pedale stemmen. Das klappt nicht immer, weshalb viele von ihnen eine Notbremse an Bord haben: eine einsame kleine Handbremse, die auf das Vorderrad wirkt. Man sollte anmerken, dass es nicht eine Frage der Kraft ist, ob man mit dem Hinterrad bremsen kann. Das Hinterrad blockieren kann man immer. Aufgrund der Schwerpunktsverlagerung richtung Vorderrad ist die maximale Verzögerung durch Bremsen des Vorderrads deutlich höher.
4.
Eugen Menken, 06.07.2008
" Das dieser nicht mit einem 13-Kilo schweren Renner unterwegs sein will, wenn er auch ein 8-Kilo Rad haben kann, erschließt sich natürlich nur demjenigen, der schon mal die Unterschiede erfahren hat." Wer dem Autoren des Beitrages "Unkenntnis und Unfähigkeit" vorwirft, sollte beim Faktenwissen etwas sattelfester sein. Ich habe schon ein gutes Dutzend Klassiker restauriert, keines dieser Räder wog mehr als 10kg...
5.
Georg Koch, 06.07.2008
Den kritischen Beiträgen zu dem Artikel kann ich vollkommen zustimmen. Wer mit "Fixed Gear" ohne Bremse im öffentlichen Verkehr unterwegs ist, handelt nicht nur fahrlässig sondern grob fahrlässig und zwar mit Vorsatz. Dafür tritt keine Versicherung ein. Es handelt sich weder um Helden noch um besonders "coole" Typen, ein solches Verhalten ist idiotisch. Es wird, auch mit dem Bild des Unfalls auf der Radrennbahn, der Eindruck erweckt Bahnradfahrer seien Kamikaze-Typen, weil sie ohne Bremse fahren, dem ist nicht so. Das Fehlen der Bremse im Bahnradsport dient der Erhöhung der Sicherheit!! Im Bahnradsport wird im Windschatten im Zentimeterabstand gefahren. Jedes plötzliche Bremsmanöver würde zu Auffahrunfällen führen, weil der Abstand keine Reaktionszeit zulässt. Deshalb gibt es keine Bremse, sondern die Nabe hat keinen Freilauf, ist also starr. Durch sogenanntes Kontern (Gegenhalten)verringert der Fahrer seine Geschwindigkeit nicht plötzlich sondern gleichmäßig. Ausserdem weicht er aus und verringert die Geschwindigkeit indem er in der Steilwandkurve nach oben fährt. Dieser Artikel ist wirklich beschämend schlecht recherchiert. Das alte Rennräder ihren Reiz haben ist unbestritten. Sie haben sogar positive Fahreigenschaften die moderne Räder nicht haben. Jeder der ein Bianchi mit Columbus SL Stahlrohrsatz mal über Kopfsteinpflaster gefahren hat, weiß was ich meine. Den Gewichtsnachteil finde ich nicht so entscheidend, da halte ich es mit Eddy Merxx der sagte: "Ein Trainingsrad muss nicht leicht sein". Ein Satz, den sich jeder der ein Rad kauft sorgfältig durch den Kopf gehen lassen sollte. Wer keine Rennen fährt braucht keine 1000? extra drauflegen für einen Carbonrahmen.
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