Revolution Schreibmaschine Tipp-Ex-Technologie und Löschtaste

Revolution Schreibmaschine: Tipp-Ex-Technologie und Löschtaste Fotos
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Übersetzen war Anfang der Sechzigerjahre noch schwere körperliche Arbeit: Ernst Pelzing brauchte viel Kraft, um seine Texte in die Triumph-Schreibmaschine zu hämmern. Dann erlöste ihn eine technische Revolution - nur den harten Anschlag konnte er sich nicht so schnell abgewöhnen. Von

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Ich erinnere mich noch genau an meine gute alte Büro-Standard-Schreibmaschine mit Normalwagen und an die Breitwagen-Ausführung, beide Marke Triumph, in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Sie waren mir bei der Arbeit als Übersetzer unentbehrliche Hilfen. Neben dem professionellen Zehnfingertippen war, wie schon der Name mechanische Schreibmaschine besagt, eine nicht unerhebliche mechanische Kraft beim Anschlag erforderlich. Bei längeren Texten ein ermüdender Einsatz! Tippfehler erforderten eine Erstkorrektur mit Tipp-Ex-Technologie, danach eine zweite Verschönerung durch Kopieren der Seite. Das war der Stand der Technik.

Ein Traum von Schreibmaschine

Dann erlebte ich meine erste schreibtechnische Revolution: die elektrische Kugelkopfschreibmaschine. Im Büro bekamen wir eine IBM, eine weitere IBM beschaffte ich mir für zu Hause. Sie hatte wechselbare Kugelköpfe mit unterschiedlichen Schriftarten und -größen und ein Korrekturband! Die Laufweite mit 10, 12 und 15 Zeichen pro Inch ließ sich auf der Maschine ebenfalls anpassen. Das Verhaken der Typenhebel und damit eine wesentliche Fehlerquelle beim Schreiben war Vergangenheit. Ein Traum von Schreibmaschine!

Doch die Sache hatte für mich als Benutzer einen Haken: Die Tasten mussten mit viel weniger Kraft angeschlagen werden. Ich ruinierte im Nu mit Einsatz des von der mechanischen Maschine gewohnten Kraftaufwandes die Tasten meiner IBM und stieg vorübergehend wieder auf die Triumph um. Erst beim zweiten Anlauf bewältigte ich die Umstellung auf die neue Schreibtechnik.

Ein Quantensprung

Danach ging es technologisch rasant bergauf: Die elektronische Kugelkopfschreibmaschine kam auf den Markt. Sie war mit LCD-Textdisplay und -speicher und selbstverständlich mit Korrekturband versehen - der erste Schritt in Richtung des modernen Desktop-Publishing. Ein Quantensprung in Sachen Schreibtechnik! Noch heute steht eine dieser Ausführungen unter meinem Schreibtisch, sozusagen als historisches Relikt. Sie ist voll funktionsfähig.

In den Achtzigerjahren kamen dann weitere rechnergestützte Schreiblösungen auf den Markt: Typenrad-, Matrix-, Nadel- und Tintenstrahldrucker. Allen gemein war ihre hohe Schreibqualität. Fast zeitgleich gab es den Thermodrucker, der mit thermosensitivem Spezialpapier und hoher Druckgeschwindigkeit arbeitete - sozusagen eine Zwischenphase zum heutigen Laserdrucker, der sich durch seine echte Kopiequalität und hohe Geschwindigkeit beim Ausdruck auszeichnet. Die Kinderkrankheiten der ersten Generationen wurden schnell beseitigt.

Doch die Hardware-Technologie-Lösungen der Post-Schreibmaschinenära hatten ihre Tücken. Nun ging es nicht mehr nur um das einfache Tippen. Die Drucker-Hardware war lediglich Teil eines Gesamtsystems, dem eine Rechner- bzw. PC-Software mit weiteren Hardware-Komponenten vorgeschaltet war. Ihre Funktionen mussten zusammengeführt werden.

Mit der Technik Schritt halten

Die Technik war für den Benutzer - auf Neudeutsch "User" - erheblich komplexer und komplizierter geworden. Schon zur Installation des Systems brauchte ich einen Informatik-Fachmann. Ich fragte einen Bekannten, der ebenfalls als Übersetzer tätig war und so die fachspezifischen Probleme von beiden Seiten im Griff hatte. Dann musste ich Bedienungsanleitungen studieren und wenigstens die wichtigsten Funktionen erlernen, um mit diesem neuen Ganzen über den Drucker überhaupt etwas aufs Papier bringen zu können. Computerfirmen boten praktische Einführungskurse an. Für alle diejenigen, die eine drucktechnisch einwandfreie Arbeit zu Papier bringen wollten, ein absolutes Muss.

Ein halbes Jahrhundert fortlaufender Entwicklung liegt zwischen der mechanischen Schreibmaschine und dem heutigen Stand der Hardware-Technologie. Ich habe in meinem Berufsleben die gesamte Entwicklung durchlebt und weiß die heutigen Möglichkeiten in diesem Bereich zu würdigen. Sich von der technologischen Entwicklung abzukoppeln, hieße in meinem Beruf auch schlicht und einfach, nicht mithalten zu können.

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1.
Ernst Pelzing 27.11.2008
Was haben Schreibtechniken und Emissionsreduzierungen vor dem Hintergrund der technologischen Entwicklung gemein? Fast zeitgleich zur schreibtechnischen Revolution von der traditionellen mechanischen Schreibmaschine über die verschiedenen Zwischenstufen zum modernen Desktop-Publishing ergaben sich auch in anderen Bereichen weitreichende Veränderungen, so z. B. im Ruhrgebiet-Traditionsbereich Kokereien. Ruhrgebiet stand für Schwerindustrie und somit für Kohle und Koks und die damit verbundenen Emissionen. Ein Umdenken in der Umweltpolitik machte die seinerzeitige "Dreckschleuder" über eine strengere Umweltschutzgesetzgebung emissionsfreundlicher. Inzwischen wird der Umweltschutz stark durch die EU-Gesetzgebung geregelt. Die verschiedenen Versionen der Technischen Anleitung zur Reinhaltung der Luft (TA-Luft) spiegeln die sich im Laufe der Zeit ergebenden Emissionsreduzierungen wider. Dafür stehen z. B. die emissionsarme Kokstrockenkühlung (KTK) im Gegensatz zur weniger umweltfreundlichen Naßkühlung (KNK) und die Reduzierung der beim Koksdrücken anfallenden Emissionen. Eine ähnliche Entwicklung in der Emissionsreduzierung nahmen die für Hochöfen geltenden Vorschriften. Heute stehen erneuerbare Energien im Vordergrund. Kioto und seine Folgen waren damals noch nicht vorherzusehen. Wie auch beim Einstieg in die neuen Schreibtechniken ergaben sich durch die Einführung der umweltfreundlicheren Technologien für den Übersetzer zwangsläufig neue Betätigungsfelder. Ein metapherhafter Vergleich mag das verdeutlichen. Der seinerzeitige, auf die mechanische Schreibmaschine einhämmernde Übersetzer mag aus heutiger Sicht ein Dinosaurier sein, allerdings mit historisch gewachsenen Kenntnissen in seinen jeweiligen Tätigkeitsfeldern. Dem heutigen Einsteiger fehlt jedoch der historisch gewachsene Boden und damit ein Großteil der Kenntnisse über die technologischen Vorläufer. Die Vergangenheit ist zur besseren Erfassung der Zukunft Voraussetzung. Ernst Pelzing
2.
Christine Türpitz 07.06.2009
Hihi! Die Tipp-Ex-Technologie versagte leider auch an einem weiteren mittlerweile prähistorischen Meilenstein der Schreibtechnologie, nämlich der Wachsmatritze. Und an selbiger gelegentlich auch die kleine, feine Olivetti lettera 22 meiner Mutter (bzw. ihre Handgelenke), sodaß sie als Übersetzerin für Patentschriften ihr ganz persönliches technisches Waterloo bei einer dreißigseitigen Übersetzung einer Patentschrift über Sch(w)eißtechnik erlebte ... Scheiß Technik!
3. Hand-Schreibkultur, ein Opfer des technischen Fortschritts
Ernst Pelzing 26.06.2014
Am Anfang war die Handschrift. In der Variante Schönschrift war sie ein wesentlicher Bestandteil der Schulfächer und wurde streng benotet. Heute, ca. ein halbes Jahrhundert nach dieser schulischen Erfahrung, führt Handschrift allgemein ein kümmerliches Restdasein, und zwar nicht nur wegen ihrer verschwindenden Bedeutung in der Schreibkultur zugunsten neuer Medien, sondern auch und gerade als Folge atrophierender Handmuskulatur. Die im Beitrag „Tipp-Ex-Technologie und Löschtaste“ beschriebene schreibtechnische Entwicklung endet praktisch mit dem für Übersetzer relevanten Einsatz von Schwarz-Weiß-Druckern. Das von diesen ausgeworfene ästhetisch anzusehende Produkt – im Vergleich zur vorherigen Tipp-Ex-Kultur – wird über eine Tastatur eingegeben, deren Betätigung kaum einer Kraftanstrengung bedarf, wie sie vor und ab dem Einsatz mechanischer Schreibmaschinen erforderlich war. Die folgende langjährige Nutzung der neueren Schreibkultur durch PC-Tastaturen hat offensichtlich ihren Preis. Zusammen mit der breiten Palette an taktil betätigten consumer electronics führt sie dank dieser physisch leichten Betätigung zur Verkümmerung der Handmuskulatur. Somit bewirkt diese über Jahrzehnte parallel zum technischen Fortschritt zunehmend geübte Praxis im Umkehrschluss zum seinerzeitigen Kraftaufwand bei Handschrift und Tippen auf mechanischen Schreibmaschinen zur Verkümmerung der Handmuskulatur. Schlussfolgerungen aus eigenen und Erfahrungen vor Ort. Der technische Fortschritt lässt grüßen.
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