Revolutionär Zapata Der Che vor dem Che

Revoluzzer mit Sombrero-Hut: Vor 90 Jahren ermordeten Militärs den mexikanischen Revolutionär Emiliano Zapata. Lange vor Che Guevara wurde er die Pop-Ikone der Linken - und noch in den neunziger Jahren Kommandant einer neuen revolutionären Bewegung.

Corbis

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Und ausgerechnet er fiel auf einen perfiden Verrat herein: Emiliano Zapata, legendärer mexikanischer Rebellenführer, notorisch misstrauisch, fast paranoid. Doch am 10. April 1919 unterlief ihm doch ein Fehler - alles wegen Munition, 12.000 Magazine à 20 Schuss, und einem General der Regierung, der sich Zapatas Bewegung anschließen wollte.

Konnte Zapata ihm trauen? Nach tagelangem Zögern entschloss sich der Revoluzzer, den vermeintlichen Überläufer zu treffen. Doch als Zapata sich näherte, hoben die Soldaten plötzlich ihre Gewehre. "Sie feuerten zwei Salven ab und unser großer, unvergesslicher General Zapata fiel, um nicht wieder aufzustehen", berichtete ein Überlebender entsetzt. "Die Überraschung war fürchterlich. Bald war jeder Widerstand nutzlos."

Zapatas elender Tod durch Verräterhand vor 90 Jahren machte den einfachen Viehzüchter, der während der Wirren der Mexikanischen Revolution zum Helden der von Großgrundbesitzern geknechteten Landbevölkerung aufstieg, endgültig zum Mythos. Wie Che Guevara, die andere linke Revolutionärsikone, wird Zapata bis heute weit über seine Heimat hinaus als moderner Robin Hood verehrt - sein klassisches Konterfei mit gekreuzten Munitionsgurten, großem Sombrero und riesigem Schnauzer wurde zur Marke, prangt auf T-Shirts, Bannern, Aufklebern. Und noch in den neunziger Jahren nannten sich Rebellen in Mexiko nach dem großen Vorbild "Zapatisten".

Unbestechlich, unauffindbar, unbesiegbar

Doch erst einmal war Zapatas Ende ein Sieg für seine verhassten politischen Feinde in Mexico City. Zehn Jahre lang hatte Zapata in seiner Heimat, dem Bundesstaat Morelos, einen erfolgreichen Guerillakrieg geführt. In den Wirren der Revolution hatte Mexiko zwischen 1910 und 1919 etliche Putschisten kommen und sterben sehen, allein sechs Präsidenten verschliss das Land in dieser Zeit. Nur im Süden blieb eine Konstante: Emiliano Zapata, von dem es hieß, er sei unbestechlich, unauffindbar, unbesiegbar.

Dann kriegten sie ihn doch, aber einen Gefallen taten sich Zapatas Mörder damit langfristig nicht. Die Beweisfotos von dem Ermordeten, mit denen die Militärs die Leiche triumphierend präsentierten, erhoben Zapata erst recht zum Märtyrer. Dabei stand seine Sache zum Zeitpunkt seiner Ermordung schlecht. Über Jahre abgekämpft und zermürbt, ausgedünnt durch Überläufer und Niederlagen, hatte Zapatas Bewegung ihre einstige Kampfkraft verloren. Im Oktober 1918 hatte eine Epidemie Hunderte Revolutionäre hingerafft. "Spanische Grippe führt Werk der Befriedung in Morelos fort", titelte eine Zeitung zynisch. Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn auch Zapata selbst irgendwo im mexikanischen Urwald lautlos an der Grippe gestorben wäre?

So aber kursierten schon bald nach Zapatas gewaltsamen Ende Volkslieder, die den "hinterlistigen" Verrat beklagten und "den guten Emiliano" priesen, "der die Armen liebte, ihnen die Freiheit schenken wollte". Der Mann mit dem Sombrero und dem Riesenschnauzer wurde zur ersten großen Legende der Linken, ein Che vor dem Che: "Es ist besser auf den Füßen zu sterben, als auf den Knien zu leben", feuerten sich etwa im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939 Republiktreue im Kampf gegen Francos faschistische Putschisten an - der berühmte Schlachtruf stammte von Zapata.

Modernisierung mit der Brechstange

Was war das für ein Mann, der nach seinem Tod von Bauern und Indios wie ein Messias verehrt wurde? Zapata war "nicht unter dem Druck der Armut in den Kampf gezogen", wie er einmal selbst sagte. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, früh erwarb er sich den Ruf als einer der besten Pferdezureiter Mexikos. Das bescherte ihm Ruhm, Aufträge - und genügend Respekt, um sich in der konservativen Gesellschaft Mexikos einige Extravaganzen leisten zu können: ständige Seitensprünge, außereheliche Kinder, ein dandyhaftes Äußeres.

Am meisten schätzten seine Anhänger aber Zapatas Beharrlichkeit, ja Dickköpfigkeit - gleichzeitig seine größte Schwäche. Kompromisse ging er selten ein, Taktieren war ihm fremd. Politiker hielt er für "einen Haufen Bastarde." In einer anderen Zeit wäre er wahrscheinlich der erfolgreiche Lebemann geblieben, doch Anfang des 20. Jahrhunderts spitzten sich die sozialen Konflikte in seiner Heimat drastisch zu: Der diktatorisch regierende Präsident Porfirio Díaz wollte Mexiko im Schnelldurchgang modernisieren - und setzte dabei besonders auf die Großgrundbesitzer.

Die besaßen in Morelos riesige Zuckerrohrplantagen und gierten nach mehr. Immer skrupelloser nahmen die Großgrundbesitzer den Dörfern Gemeindeland, das Kleinbauern und Indios seit Jahrhunderten beackert hatten. Selbst wenn die Bauern den Besitz urkundlich nachweisen konnten - die Gerichte entschieden zugunsten der mächtigen Familien, Wahlbetrug verhinderte eine wirksame Opposition. 1910 gehörten 17 Familien ein Viertel des Landes. Autonome Bauern waren zu besitzlosen und abhängigen Tagelöhnern geworden, die für genau jene Plantagenbesitzer schuften mussten, die ihnen zuvor das Land genommen hatten.

Mexico City fällt kampflos

"Land und Freiheit", wurde daher zum Schlachtruf der aufständischen Bauern von Morelos, die 1911 Zapata zum Chef der "Revolutionären Bewegung des Südens" wählten. Mancher Gegner sah schon damals in ihm "eine soziale Gefahr" und einen "Spartakus". Zapata besiegte Regierungstruppen, eroberte Städte, brannte Zuckerrohrfelder ab, wenn die Plantagenbesitzer keine Schutzsteuer zahlten. Den Blutdurst seiner Rebellen versuchte er - nicht immer erfolgreich - zu kanalisieren: "Je besser wir uns aufführen, desto mehr Anhänger und Hilfe werden wir aus dem Volk erhalten." Politisch forderte er eine radikale Agrarreform, die eine Teilenteignung der Großgrundbesitzer vorsah - deren Todfeindschaft er sich spätestens damit zuzog.

Gleichzeitig flammten überall in Mexiko unterschiedliche Machtkämpfe auf: zwischen Zentralisten und Föderalisten, Großgrundbesitzern und Arbeitern, Liberalen und Konservativen. Regierungen stürzten in Serie, Militärs und Oppositionelle gingen taktische Bündnisse ein, wechselten die Seiten, Mexiko versank im Chaos. Der Widerstand zerfaserte in unzählige Untergruppen, eine dauerhafte Koalition kam nie zustande.

Die größte Chance, die Revolutionäre zu einen, verspielte ausgerechnet Zapata. Im Dezember 1914 nahmen seine Truppen kampflos Mexico City ein; Zapata schloss ein Bündnis mit Francisco "Pancho" Villa, dem wichtigsten Rebellenführer des Nordens. Damals entstand jenes legendäre Foto, das bis heute Teil des Mythos ist: Es zeigt "Pancho" Villa selbstzufrieden auf dem Präsidentensessel, daneben ein muffeliger Zapata. Er habe nicht dafür gekämpft, um auf dem Präsidentenstuhl Platz zu nehmen, soll er zu Villa gesagt haben. "Ich habe dafür gekämpft, dass den Bauern das Land zurückgegeben wird. Politik interessiert mich nicht." Später schlug er Villa vor, den Sessel lieber zu verbrennen, "um mit den Ambitionen Schluss zu machen."

Beriet der greise Zapata Che Guevera?

So verließ Zapata die Hauptstadt, die er für einen "Ort der Intrigen" hielt, wieder - und das Bündnis mit Villa zerbrach. Anstatt mühsam politische Kompromisse auszuloten, begann Zapata damit, in Morelos Plantagenbesitzer zu enteignen und Land neu zu verteilen. Doch dieser Erfolg währte nur kurz: Bald rückten wieder Regierungstruppen in Morelos ein, um den "Attila des Südens" endgültig zu vernichten. Einmal mehr versuchten sie Zapatas Rückhalt in der Bevölkerung zu brechen, indem sie Dörfer plünderten, Bauern massenhaft deportierten oder wahllos hinrichteten. Und wieder antwortete Zapata mit wütenden Gegenattacken, jagte Züge in die Luft, tötete dabei Hunderte - auch Zivilisten.

Dann ging er in die tödliche Falle der Militärs - doch die Nachrichte von seinem Tod hielten nicht wenige trotz des Fotos vom Leichnam für eine Falschmeldung, für eine Finte. War er nicht viel zu gerissen, um in so eine plumpe Falle zu tappen? Fehlte ihm nicht in Wirklichkeit eine Fingerkuppe, hatte er nicht ein Muttermal auf der Wange? Warum fehlten diese Merkmale auf dem Bild des toten Zapata? Viele glaubten den Volksbarden, die sangen "dass el jefe nicht gestorben ist, dass Zapata zurückkehren wird". Manche sahen ihn auf seinem weißen Pferd eine karge Hochebene entlang reiten. Und noch Jahrzehnte später schworen einige Stein und Bein, Zapata habe noch als Greis Che Guevara beraten.

Mitte der neunziger Jahre wurde Zapata sogar Namensgeber einer neuen Guerilla-Bewegung im Bundesstaat Chiapas, die für die Rechte der Indios kämpfte. Ihr Anführer nannte sich schlicht "Subcomandante Marcos" - der eigentliche Chef, sollte das signalisieren, sei niemand anderer als Zapata selbst.



insgesamt 7 Beiträge
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Günther Herzig, 10.04.2009
1.
Über Emiliano Zapata gibt es einen beeindruckenden Schwarz-Weiß-Film der mit der Geschichte hätte erwähnt werden können. Die Hauptrolle spielt der damals noch recht junge Marlon Brando.
Ernst Pelzing, 12.04.2009
2.
"Der Che vor dem Che" von Chr. Gunkel hat sozusagen einen weiteren Vorläufer, einen literarischen, der die Zustände im vorrevolutionären Mexiko in Chiapas in seinem Caoba-Zyklus (auch Mahagoni-Zyklus) beschreibt, nämlich B. Traven, dessen 40. Todestag in das Jahr 2009 fällt. Ernst Pelzing
Iván M. Vera Jochem, 12.04.2009
3.
Finde leider den Artikel ziemlich oberflächig. Emiliano Zapatas Aufstand war schliessendlich einem sozialen-politischen Hintergrund zu verdanken. Das politische Projekt kommt zu kurz, die Neuverteilung des Landes in Morelos war ziemlich fortschritlich. Zu den Zapatisten heute, muss man sagen, das die nicht existenz eines einzigen "Lider" ideologisch bedingt ist. Die Struktur der Zapatisten ist dahin ausgerichtet in Räten und nicht an einzelne Personen aufzubauen. So hat Marcos den Rang eines Unterkomandanten, genauso wie seine indigenen Kamaraden, obzwar er ohne Zweifel der ideologische Kopf der bewegung ist. Grade weil heute in Lateinamerika die Idiologien aus einen bunten gemisch bestehen, finde ich es eben oberflächig einen Schnurrbart mehrmals zu erwähnen und wenig die soziale Realität oder die politische Ideologie. Trozdem ein Anfang ist gut. Vorschlag als nächster: Sandino. Saludos aus Südamerika!
Thömsen Frönsen, 12.04.2009
4.
Chef vor Che... schon die Überschrift macht klar, der Autor hat Zapata nicht verstanden. Obwohl er sogar auf dessen Zusammentreffen und späteres Zerwürfnis hinweist. Zapata war kein Chef, er diente dem Volk, die Hierarchien waren flach bis horizontal... Auch die Zapatisten haben keinen Chef, wollen keinen Chef, brauchen keinen Chef... YA BASTA!
Ernst Pelzing, 17.04.2009
5.
"Gründerväter" der südamerikanischen Ches Die Französische Revolution (1789-1799) entlässt ihre Kinder. Das Gedankengut Jean Jacques Rousseaus (28.06.1712, Genf - 02.07.1778, Ermenonville bei Paris) - einer der wichtigsten Wegbereiter der Französischen Revolution - schwappt auch nach Südamerika über. Sie hat starken Einfluss auf den Venezolaner Simón Bolívar, El Libertador, wie er von seinen Landsleuten auf Grund seines denkwürdigen Einsatzes gegen die spanischen Kolonialherren genannt wird, und seinen Landsmann Antonio José de Sucre (03.02.1795, Sucre/Venezuela - ermordet am 04.06.1830 in Berruecos/Kolumbien) sowie den Argentinier José de San Martín (25.02.1778, Yapeyú/Argentinien - 17.08.1850 Boulogne-sur-Mer/Frankreich). Simón Bolívar und Antonio José de Sucre kämpfen im Norden und José de San Martín im Süden Südamerikas gegen die spanischen Kolonialherren. Ihre Namen leben weiter, so z. B. in der Staatsbezeichnung Bolivien, der venezolanischen Währung Bolívar, der Bolivarischen Revolution oder Bolivarismus Hugo Chávez' und politisch ähnlicher Ausrichtungen wie z. B. der Evo Morales' in Bolivien und Rafael Correas in Ecuador. Ernst Pelzing
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