Revolutionäre Filmplakate Kampf dem Schwarzwaldmädel!

Dralle Blondinen, harte Kerle und viele Explosionen: Übler Kitsch beherrschte die Kinowerbung in den fünfziger Jahren - dann revolutionierten ein paar junge Grafiker die Kunst des Filmplakats. Reißerisches war ihnen fremd, dramatisch waren ihre Motive allemal. einestages zeigt die Schönsten.

FilmKunstGrafik/Isolde Monson-Baumgart

Grell, schrill und schrecklich kitschig prangten sie in den fünfziger Jahren an jedem deutschen Kino, ob in der Provinz oder den Metropolen: Filmplakate, die eher an die Aufreißeroptik der Sex-Schuppen an der Hamburger Reeperbahn erinnerte oder an die schwüle Heimatästhetik der NS-Zeit.

Dann trat Walter Kirchner auf den Plan. Im niedersächsischen Universitätsstädtchen Göttingen gründete der Jura-Student 1953 den Filmverleih "Neue Filmkunst". Kirchner brachte als erster Filme von Regisseuren wie Ingmar Bergmann oder Louis Buñuel nach Deutschland - uns er hatte sich auf die Fahnen geschrieben, seine Filme nicht mehr mit dem Standardmit ungewöhnlichen, grafisch gestalteten Plakaten zu bewerben.

Schon zehn Jahre später waren die Werke, die der Revolutionär von der Leine in Auftrag gegeben hatte, museumsreif - die Neue Sammlung, das Museum für angewandte Kunst in München, zeigte 1965 Filmplakate der Neuen Filmkunst in einer eigenen Ausstellung. "In wenigen Gebieten der Gebrauchsgrafik ist die Diskrepanz zwischen hoher Qualität und minderwertigem Machwerk so groß und so offensichtlich wie im Bereich des Filmplakats", hieß es damals im Katalog zur Ausstellung. "Litfaßsäulen und Plakatwände werden von marktschreierisch lauten, in Bild und Wort Superlativ an Superlativ reihenden Plakaten beherrscht, deren reißerische Banalität kaum noch zu unterbieten ist."

Der Autor wird beim Schreiben an Filme wie "Lawrence von Arabien" gedacht haben, für den ein säbelschwingender Araber und ein explodierender Zug im Schein eines gigantischen Vollmondes um Zuschauer warben. Die Neue Filmkunst wollte etwas anderes, nämlich "grafisch hervorragende Plakate, auf denen intelligent und sensibel, leise und eindringlich der Charakter, das Fluidum eines Films interpretiert ist". Anstatt "mit primitivsten Mitteln die Amüsierbegierde" anzustacheln, sollten die Poster "Interesse und Phantasie für ein künstlerisches Ereignis wachgerufen" werden. "Es sind zwei Welten", so der Katalogautor, "nicht nur des Plakats, sondern auch des Films."

Wettbewerb um die schönsten Grafiken

Tatsächlich gab es in der Filmwerbung Mitte der sechziger Jahre nicht nur die Trennung zwischen kommerziellem und künstlerischem Film. Auch in der Kinowerbung standen sich zwei sehr gegensätzliche Ansätze gegenüber. Aber während die bunten Kitschplakate des Mainstream-Kinos in Veröffentlichungen und Ausstellungen regelmäßig gefeiert werden, ist es um die grafische Gegenbewegung jener Zeit inzwischen still geworden - obwohl die Jahre zwischen 1953 und 1974 eine Ära anspruchsvoller Filmplakate in Deutschland waren, die es so weder zuvor und seither auch nicht wieder gab.

Auf der Suche nach einem kreativen Grafiker trat die Neue Filmkunst an Hans Leistikow heran, Professor an der Staatlichen Werkakademie im nahegelegenen Kassel. Statt den Auftrag allerdings selber anzunehmen, formulierte Leistikow daraus einen Wettbewerb für Studenten: Ein Plakat für den französischen Film "Das Leben beginnt morgen" sollte gestaltet werden. Der Sieger des Wettbewerbs, Hans Hillmann, erhielt am Ende den Gesamtauftrag für alle Drucksachen der Neuen Filmkunst

Es war die Geburtstunde einer neuen Epoche. Hillmann wurde in den folgenden Jahren zur Lichtgestalt der deutschen Filmgrafik, seine Plakate wurden zu Signalen. Die ersten Entwürfe fertigte Hillmann im Linolschnitt an und ließ sie dann im Siebdruckverfahren herstellen. Mit Fortschreiten der Technik griff er aber bald auch auf Fotos für die Gestaltung der Aufträge der Neuen Flmkunst zurück. Außerdem belebte Hillmann das Genre, indem er Plakataufträge an befreundete Grafiker wie Isolde Monson-Baumgart oder Wolfgang Schmidt weiterreichte. Schmidt war es zum Beispiel, der mit der Idee, Plakatmotive direkt von der Leinwand abzufotografieren, eine völlig neue Bildsprache erfand.

Paradiesische Verhältnisse

Die Plakate, die in diesen Jahren für die Filmkunstmeisterwerke des kleinen Göttinger Verleihs entstanden, wurden damals weltweit mit Preisen ausgezeichnet und in Ausstellungen gefeiert. Das Geheimnis des Erfolgs war einfach: Der Auftraggeber ließ den Künstlern freie Hand. Bis zum Abgabetermin hatten sie oft Wochen oder Monate Zeit - paradiesische Arbeitsverhältnisse für die Gestalter, und mit entsprechenden Ergebnissen. Hillmann und seine Kollegen brachten die deutsche Plakatkultur so auf ein Niveau, das zuletzt in den zwanziger Jahren erreicht worden war.

1959 griff ein weiterer Filmverleih die ehrgeizige Idee der Neuen Filmkunst auf: Der Duisburger Kinobetreiber Hanns Eckelkamp bekam als Mitarbeiter des Verleihs Sonder-Film die Chance, den Western "12 Uhr mittags" erneut in die Kinos zu bringen. Er setzte sich dafür ein, dass der Film nicht nur in die Action-Kinos kam. Für Ankündigung der Streifens in den Filmkunsttheater ließ er von dem Gestalterehepaar Fritz Fischer und Dorothea Fischer-Nosbisch eigens ein neues Plakat gestalten - und tatsächlich spielte der Film in den anspruchsvollen Häusern nun deutlich mehr ein als zuvor. Hanns Eckelkamp erkannte das Potential der Wiederaufführungen und gründete 1960 den Atlas Filmverleih.

Atlas ging sogar noch einen Schritt weiter als zuvor die Neue Filmkunst: Eckelkamp gab bei den Grafikern nicht mehr nur die Plakatgestaltung in Auftrag, sondern verpflichtete sie für sämtliche Werbemittel eines Filmes - vom Poster bis zum Vorspann. Dafür engagierte er vor allem Grafiker der Designergruppe novum, einem 1958 durch die Initiative der Fischer-Nosbischs entstandenen Zusammenschluss der besten deutschen Gebrauchsgrafiker jener Zeit, darunter Hans Hillmann, Hans Michel und Günther Kieser, Karl Oskar Blase und Wolfgang Schmidt.

Das größte Filmplakat aller Zeiten

Auch von der Atlas erhielt jeder Grafiker nahezu vollständige Freiheit bei der Gestaltung. Anders als die Neue Filmkunst richtete sich der Duisburger Verleih mit seinem Filmangebot aber nicht nur an Cineasten, sondern auch an die breitere Masse - und war darum bei seinen Werbemaßnahmen auch mit einem üppigen Budget ausgestattet. Oft leistete sich mehrere unterschiedliche Motive und zur deutschen Erstaufführung von "Die sieben Samurai" sogar das mit etwa drei mal zwei Metern größte deutsche Filmplakat aller Zeiten. So, wie ihre Filme eine ganze Generation von Zuschauern prägten, wurden auch die Plakate der Neuen Filmkunst und von Atlas Film zu Markenzeichen eines Gegenentwurfes zum Jahrmarktkino.

Auch der wirtschaftliche Erfolg stellte sich zunächst ein, Atlas Film startete 1964 mit Ingmar Bergmans "Das Schweigen" gar den erfolgreichsten Film des Jahrzehnts. Doch der Erfolg der ersten Jahre machte übermütig. Eckelkamps Atlas übernahm sich Ende der sechziger Jahre mit der Finanzierung eigener Produktionen und Walter Kirchners Idee, die Filme in einer eigenen Kinokette im gesamten Bundesgebiet zu zeigen, führte Mitte der siebziger Jahre zum Aus für die Neuen Filmkunst. Mit neugegründeten Firmen konnten die beiden Filmverleiher zwar später neue Erfolge feiern - die revolutionäre Filmgrafik jedoch war vorbei.

Jens Müller hat zusammen mit Karen Weiland einen Bildband zum Thema verfasst. Er ist erschienen unter dem Titel "FilmKunstGrafik - Ein Buch zur neuen deutschen Filmgrafik der 60er Jahre" zur gleichnamigen Ausstellung des Deutschen Filminstituts.



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