Gerichte mit Geschichte Die Entzauberung der Mampf-Mythen

Gerichte mit Geschichte: Die Entzauberung der Mampf-Mythen Fotos
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Wie veränderte Pearl Harbor die Geschichte der Glückskekse? Wer aß den ersten Dürum Döner? Und warum speist man in Nobelhotels so gerne Sellerie? Um Rezepte ranken sich oft wilde Legenden: einestages erzählt die Geschichte berühmter Gerichte - und deckt kulinarischen Unsinn auf. Von

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Drei Milliarden Glückskekse werden jedes Jahr gebacken, mit weisen Sprüchen gefüllt, verpackt und in Chinarestaurants von Berlin bis Buenos Aires zum Nachtisch serviert. Sie helfen in Deutschland bei Neujahrsvorsätzen, schmecken in Indien nach Butteraroma und in Brasilien sagen sie angeblich die Lottozahlen vorher. In einem Land kennt jedoch kaum jemand die traditionellen Plätzchen: in China. Dort verteilt man nach dem Essen höchstens Papierservietten in Umschlägen.

Der Glückskeks, wie wir ihn heute kennen, wurde nämlich in Japan erfunden. Die japanische Historikerin Yasuko Nakamachi fand heraus, dass man dort bereits 1878 mit einer Art Waffeleisen hohle Kekse herstellte und mit Spruchbändern füllte. Diese boten Verkäufer in der Nähe der sogenannten Shinto-Schreine an, den traditionellen religiösen Stätten im ganzen Land.

Bald fand der Keks seinen Weg über den Pazifik: Um die Jahrhundertwende eröffnete der japanische Einwanderer Makoto Hagiwara in San Francisco ein Teehaus. Weil der Laden gut lief, überlegte er sich eine Spezialität für seine Gäste: mit Sprüchen gefüllte Glücksbringer aus Keksteig. Hagiwara kam mit dem Backen gar nicht hinterher. Die Leute liebten die süßen Stückchen. Asiatische Bäckereien begannen mit der Keksproduktion in ganz Kalifornien.

Wie Pearl Harbor den Glückskeks chinesisch machte

Doch dann kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm der Tag des Angriffs der japanischen Armee auf die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor. Das Ereignis veränderte Amerika - und die Geschichte der Glückskekse. Am 19. Februar 1942 unterzeichnete Präsident Roosevelt die "Executive Order 9066", die den Weg für die Ernennung bestimmter Gebiete zu Militärzonen freimachte. Über hunderttausend Japaner und japanischstämmige Amerikaner wurden daraufhin vertrieben und eingesperrt. Japanische Bäckereien mussten schließen, die Glückskeksproduktion übernahmen nun Chinesen. Die eifrigen Geschäftsleute trieben die Kommerzialisierung des Gebäcks schnell voran. Ende der fünfziger Jahre brachten sie es auf 250 Millionen Stück im Jahr. Viele reklamieren deshalb die Erfindung für sich: "Der Glückskeks ist ein Stück amerikanisch-chinesische Kultur", sagte Derreck Wong, Sprecher einer der größten Glückskeksfabriken der Welt, 2008 einer Reporterin der "New York Times."

Um den wahren Ursprung zu beweisen forschte Historikerin Nakamachi sechs Jahre lang, wälzte unzählige Rezept- und Geschichtsbücher, reiste nach Kalifornien - bis ihr alte Bilder mit Glückskeksen in die Hände fielen, die das wirkliche Ursprungsland bewiesen. Aber warum verwenden Wissenschaftler so viel Zeit und Aufwand auf die Erforschung von Essen?

Soziologen und Kulturwissenschaftler sehen in Gebäck, Gerichten und Getränken historisch wertvolle Quellen, in denen sich allerlei Informationen über ihre Entstehungszeit ablesen lassen. "Man beugt sich über den Kartentisch, um mehr über Napoleons Scheitern zu erfahren", sagt Lothar Kolmer von der Universität Salzburg. "Dabei sollte man sich lieber mal seinen Esstisch vornehmen." Kolmer ist Professor für mittelalterliche Geschichte und Gründer des Zentrums für Gastrosophie in Salzburg. Seit fünf Jahren erforscht er mit einem interdisziplinären Team lange verschollene Rezepte, referiert über die Kulturgeschichte der Ernährung und betrachtet die Entstehung von Gerichten auf wissenschaftlicher Ebene.

einestages hat sich in der Rezeptforschung umgesehen und ist auf eine ganze Reihe skurriler Entstehungsgeschichten gestoßen. Klicken Sie sich durch die Fotogalerie und erfahren Sie, wer berühmte Gerichte wirklich erfunden hat.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Andreas Lütteken 13.02.2013
Also die Currywurst kommt natürlich aus dem Ruhrgebiet. Da können die Hamburger noch so zetern und die Berliner mit dem Patent wedeln :-)
2.
Mathias Völlinger 13.02.2013
Maultaschen kommen aus China ("Wan-Tans") oder Tibet ("Momos"). Übrigens genauso wie Dampfnudeln ("Dim-San") und Nudeln ("Mie"). Man soll doch nicht glauben, dass die stolzen Chinesen, besonders was ihre Küche betrifft, Zubereitungsarten aus Europa, dem Kontinent der Langnasen und weißen Teufeln importiert haben. Importierte Gerichte benennen sie auch ungefähr nach ihren Originalnamen. Ni Hao ;-)
3.
C. Wood 13.02.2013
Auch wenn die Currywurst in Berlin erfunden worden sollte - die dortige schmeckt scheiße.
4.
Reinhard Kupke 13.02.2013
Natürlich existiert die Bismarck-Eiche als längliche Torte mit dreieckigem Querschnitt noch. In der DDR wurde sie scherzhafterweise gern Pieck-Pappel genannt. Pieck war der erste Ministerpräsident der DDR.
5.
Jürgen Reinwarth 14.02.2013
>Auch wenn die Currywurst in Berlin erfunden worden sollte - die dortige schmeckt scheiße. Abgesehen vom Deutsch: Über Geschmack lässt sich trefflich streiten (und ich bin kein Currywurst-Fan) und Fäkalsprache hat hier wohl nichts zu suchen! Ich fand diesen Artikel über "Rezeptforschung" hochinteressant (gibt's da auch einen Doktor-Grad?) und würde mich über weitere sehr freuen.
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