Rindermast in der DDR Fleischproduktion mit Beigeschmack

Rindermast in der DDR: Fleischproduktion mit Beigeschmack Fotos
Das Bundesarchiv/Benno Bartocha

Rinderfutter war in der DDR mitunter Mangelware, Schweinegülle nicht. So kam in den siebziger Jahren eine LPG in Thüringen auf die Idee, die tierischen Ausscheidungen an ihre Bullen zu verfüttern. Der Tierarzt Ernst Woll begleitete die Versuche - und erinnert sich an die unangnehmen Nebeneffekte des Güllefutters. Von

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In der DDR gab es ein Wort, dass immer und überall zur Anwendung kam, wo es nur möglich war: Produktion. Die Steigerung der Produktion als erklärtes Ziel durfte in keiner Publikation fehlen. So korrigierte ein eifriger linientreuer Lektor eine meiner geplanten Fachveröffentlichungen und verlangte, statt "geborene Kälber" solle ich "produzierte Kälber" schreiben. In der Rinderproduktion spielte in der DDR neben der Milchproduktion die Fleischproduktion und dabei wiederum die Bullenmastproduktion eine große Rolle. Wir hatten uns so an diesen Jargon gewöhnt, dass wir vielfach gar nicht mehr nach besseren Formulierungen suchten, und produzierten überall fleißig mit.

Da bestimmte Produktionsplanziele sich nur mit ausreichender Futterproduktion erreichen ließen, galt es auch auf diesem Gebiet, Produktionsreserven zu erschließen. In einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) in Thüringen kam man dazu auf den Gedanken, Schweinegülle zu trocknen und das Produkt an Mastbullen zu verfüttern. In Schweinemastanlagen mit 10.000 und mehr Stallplätzen fielen täglich unvorstellbare Mengen an tierischen Ausscheidungen an, die auch als Kot-Harn-Gemisch bezeichnet wurden. In den Mastbetrieben wurde in der Regel kein Stroh als Einstreu verwendet, sondern die Tiere standen auf sogenannten Vollspaltenböden, durch deren Zwischenräume die Gülle abfließen konnte.

Mit der Produktion von Futter aus Gülle erwartete man Vorteile in doppelter Hinsicht: Die anfallenden Massen von Gülle konnten einfach mit dem Tankwagen abtransportiert und gleichzeitig auf nutzbringende Art verwendet werden. Der Kot der Schweine enthält aufgrund der Fütterung und ihres speziellen Verdauungsvorgangs große Mengen unverdauter Stoffe. Diese Substanzen sind für Rinder, die Pflanzenfresser sind und einen in mehrere Abteilungen geteilten Magen haben, noch verwertbar.

Erfreulicherweise hörte man auf die Fachleute und ließ zunächst die technischen Möglichkeiten und Einsatzbedingungen überprüfen. Außerdem wurden die Schadstoffgefahren, tierernährungsphysiologischen Probleme und der Einfluss auf die Fleischqualität der mit diesen Stoffen gefütterten Mastrinder untersucht. Kühe wurden nicht in das Fütterungsexperiment einbezogen, da man nicht sicher war, ob eventuell Beschaffenheit und Geschmack der Milch beeinflusst werden könnten.

Es stank zum Himmel

Man begann in den siebziger Jahren mit einem Kleinversuch: Zunächst wurde in einer mechanischen Presse das ungebundene Wasser aus der Gülle entfernt und die Masse anschließend mit einem thermischen Trennverfahren getrocknet. Mit hohem Ergieaufwand - der Strom war in der DDR billig - entstand so eine Trockenmasse, die nur noch andeutungsweise nach Gülle roch. Die Rinder mussten damals häufig Silage fressen, die nach unserem menschlichen Empfinden ebenfalls einen unangenehmen Geruch hatte. Offensichtlich verträgt diese Tierart auf diesem Gebiet recht viel und verschmähte deshalb auch das "Güllefutter" nicht.

In der Umgebung der Trocknungsgeräte, in denen das Ersatzfutter produziert wurde, stank es allerdings ganz furchtbar. Da die in der Pilotanlage hergestellten Mengen nicht ausreichten, um die geplante größere Zahl Mastbullen zu versorgen, wurde im nächsten Schritt eine industrielle Futtertrocknungsanlage eingesetzt. Solche modernen Anlagen waren in den sechziger und siebziger Jahren in der DDR in mehreren ländlichen Bezirken errichtet worden. An Gülle mangelte es nicht. Sie wurde in Tankwagen in den Trocknungsbetrieb gebracht. Die Trocknung klappte, aber was war mit der Abluft? Sie musste hoch genug in die Luft geblasen werden, um die Geruchsbelästigung in der Umgebung in Grenzen zu halten.

Bei der Untersuchung dieser Probleme erlebten wir zunächst Schlimmes. Bei den ersten "Produktionsversuchen" prüften wir in einem Umkreis von 15 Kilometern um die Trocknungsanlage, ob es nach Gülle stank. Wir trafen Leute auf der Straße, die sagten: "Irgendwo in der Nähe muss doch eine chemische Fabrik entstanden sein, es riecht ja fürchterlich nach verbranntem Eiweiß. Man könnte auch denken, es käme von einem Krematorium." Bei bestimmten Wetterlagen wurde die "Duftwolke" hin und wieder sogar in noch weitere Entfernungen getragen. Kurzum: Trotz einiger technischer Veränderungen in der Trocknungsanlage wusste die Bevölkerung in der Umgebung, wann wieder Gülle getrocknet wurde.

Ich war während dieser Zeit Abteilungsleiter für veterinärmedizinische Bauhygiene am Institut für Veterinärwesen des Bezirks Erfurt und begleitete dieses Experiment als Berater. Da ich 1972 meine Arbeitsstelle wechselte, konnte ich nicht mehr verfolgen, ob die Probleme der Geruchsbelästigung bei der Gülletrocknung noch zufriedenstellend gelöst wurden. Ich vermute: nein.

Kein Unterschied in der Fleischqualität

Doch das Thema begleitete mich auch an meinem neuen Arbeitsplatz weiter. In dem Schlachthof, in dem ich nun als Cheftierarzt arbeitete, wurden auch Mastbullen geschlachtet, die mit Güllefeststoffen oder auch Geflügeltiefstreu, also einem Gemisch aus Gülle und Stroh, das in Hühnerställen anfällt, gefüttert worden waren. Es waren ab Mitte der siebziger Jahre jährlich mehr als tausend Tiere. Die Güllefeststoffproduktion lief zu dieser Zeit auf Hochtouren. Die Futterationen der Mastrinder bestanden allerdings nur zu maximal 18 Prozent aus Güllefeststoff. Ein Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb und das zuständige Bezirksinstitut für Veterinärwesen prüften die gesundheitliche Unbedenklichkeit und Qualität des Fleisches der Mastrinder, die diesen Futterzusatz erhielten. Ergebnisse durften aber nicht veröffentlicht werden; zumindest wurde mir nichts von diesbezüglichen Publikationen bekannt.

Berichten kann ich jedoch über Resultate, an deren Ermittlung ich selbst mitwirkte. Das Fleisch der in die Versuche einbezogenen Schlachtrinder wurde auf diverse Parameter untersucht: pH-Wert, Fleischfarbe, Dripverlust (der Auskunft über die Wasserbindefähigkeit des Fleisches gibt), chemisch-analytische Werte, Keimgehalt, Geschmack und Geruch. Einige Kochproben zeigten geringe Abweichungen im Fett- und Fleischgeruch. Dabei konnte aber kein signifikanter Zusammenhang mit der Verfütterung von Güllefeststoffen nachgewiesen werden. Insgesamt wich die Fleischqualität der Versuchstiere, die mit diesem Zusatz gefüttert worden waren, nicht von den bekannten Normwerten ab.

Mehrere Fachleute in der DDR lehnten den übertriebenen Einsatz dieser Ersatzfutterstoffe ab, aber ihre Meinung wurde teilweise ignoriert und hatte oft keinen Einfluss auf Entscheidungen. Die meisten von ihnen vertraten die Meinung, dass der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen stehe. Es wurde meistens nicht gründlich bis zu Ende gerechnet, und letztlich fehlte immer der Nachweis einer tatsächlichen Produktionssteigerung. Nach neuesten Erkenntnissen ist die Verfütterung von Güllefeststoffen gesundheitlich bedenklich. Mit dem Ende der DDR wurde meines Wissens nach auch damit aufgehört.

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