Ton Steine Scherben Der Soundtrack zur Revolte

Das Musikerkollektiv Ton Steine Scherben stand für den linken Zeitgeist der Siebzigerjahre: Die Gruppe um Sänger Rio Reiser wurde zur einflussreichsten deutschen Rockband. Und für die Anarchoszene zu Verrätern.

ullstein bild/Klaus Mehner

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An dem Haus in Berlin-Kreuzberg, am Ufer des Landwehrkanals, hängt heute eine Gedenktafel: "Hier lebte und arbeitete von 1971 bis 1975 der Sänger, Textdichter und Komponist Rio Reiser, 9.1.1950 bis 20.8.1996, mit der Band Ton Steine Scherben."

Als "die Scherben", wie sie genannt wurden, in den frühen Siebzigerjahren in dem Gründerzeitbau am Tempelhofer Ufer 32 lebten, waren sie so etwas wie die Hausband der Anarchos und Spontis in Berlin. Sie sangen: "Reißen wir die Mauern ein, die uns trennen. Kommt zusammen, Leute, lernt euch kennen. Du bist nicht besser als der neben dir. Keiner hat das Recht, Menschen zu regier'n." Im Refrain: "In jeder Stadt und in jedem Land, heißt die Parole von unserem Kampf, heißt die Parole von unserem Kampf: Keine Macht für Niemand!"

Der Scherben-Sänger Rio Reiser, mit bürgerlichem Namen Ralph Möbius, war ein schmächtiger Junge mit langen braunen Haaren und schaffte, was bis dahin unmöglich schien: Er sang zu anglo-amerikanischem Rock deutsche Texte - und es klang nicht peinlich, sondern ganz natürlich, so authentisch, wie gute Rockmusik klingen muss. Ein leichter Berliner Akzent half; vor allem waren die Texte in einer Sprache gehalten, die junge Arbeiter verstanden und selbst sprachen: "Nee, ich will nicht werden, was mein Alter ist". "Allein machen sie dich ein". "Macht kaputt, was euch kaputt macht".

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Ton Steine Scherben: "Keine Macht für Niemand!"

Die Band entstand aus "Hoffmanns Comic Theater" und den "Roten Steinen". Diese Gruppen, gegründet von Rios älteren Brüdern Peter und Gert Möbius, spielten für und mit Lehrlingen Theater. Mit ihren Songs setzten die Scherben eine Parole musikalisch um, die deutsche Anarchos und Spontis von US-Feministinnen übernommen hatten: "Das Persönliche ist politisch".

Die Lieder waren politisch, gingen aber vom Individuum aus, von subjektiven Erfahrungen der Unterdrückung und Frustration, ebenso vom Wunsch nach Gemeinschaft und Freiheit. Die Scherben-Songs waren der Soundtrack zur Revolte der frühen Siebzigerjahre: lange Haare, Drogen, Hausbesetzungen, Demos.

"Die Scherben haben Kreuzberg erfunden"

Schon in Rodgau, südlich von Frankfurt, hatte Rio Reiser bei den Beat Kings mit einem Franzosen zusammengespielt. Der bekam den Namen R.P.S. Lanrue und wurde sein engster musikalischer Weggefährte. Lanrue folgte Rio nach Berlin und hatte anfangs keine eigene Wohnung, er pennte im "Café Kaputt". Bald wollten die Scherben auch zusammen wohnen, nicht nur zusammen Musik machen.

Kreuzberg war damals der Hinterhof West-Berlins. Jörg Schlotterer hatte bis Frühjahr 1970 im Zentrum des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) gewohnt und zog in eine große Wohnung am Tempelhofer Ufer, um eine Kommune zu gründen. Holger Meins zog ein, verschwand aber bald in den Untergrund zur RAF. Andere potenzielle Mitbewohner versanken im Drogensumpf. An der Wand stand groß in Rosa: "Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um".

Scherben-Musiker Lanrue besuchte Schlotterer und fragte, halb im Spaß: "Wann können wir denn hier einziehen?" Schlotterer fand das keine schlechte Idee, bald hatten die Scherben die Wohnung in Beschlag genommen. Sie nannten ihr Domizil "T-Ufer".

"Die Scherben haben Kreuzberg erfunden", sagt ihr Gitarrist Lanrue heute. Das ist übertrieben, aber nicht aus der Luft gegriffen. Die Band steht zumindest für ein Kreuzberger Lebensgefühl der Siebzigerjahre. Lanrue erinnert sich an die fünf Zimmer der Wohnung. Rio hatte ein Hochbett, er selbst ein Zimmer, natürlich gab es ein großes Matratzenlager.

Ständig die Polizei im Haus

Ständig kamen Trebegänger und Heimkinder, die abgehauen oder woanders rausgeflogen waren. "Die Kurzen", wie die Scherben sie nannten, stellten alles Mögliche an, klauten, brachten ständig die Polizei ins Haus. Später kamen Frauen dazu: Antje Krüger aus der Kommune 1, Britta Neander, Anne Reiche, die Malerin Christine Schily, Frau des Rechtsanwalts Otto Schily.

"Es war ein einziges Kommen und Gehen", sagt Lanrue. "Die Adresse stand auf unseren Platten; es kursierte in der Szene, dass man bei uns pennen könnte, und irgendwann stand eine ganze Schulklasse aus Düsseldorf vor der Türe. Du hattest keine Privatsphäre."

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Im Papier "Musik ist eine Waffe" formulierten die Scherben im Sommer 1972 ihren politischen Anspruch: "Wir wollen die Feinde des Volkes nennen. 'Macht kaputt, was euch kaputt macht - zerstört das System, das euch zerstört'." Als ihr Publikum sahen die Musiker "Leute unserer Generation: Lehrlinge, Rocker, Jungarbeiter, 'Kriminelle', Leute in und aus Heimen". Um ihre Situation gehe es in den Songs.

"Ein Lied hat Schlagkraft, wenn es viele Leute singen können. Unsere Lieder sind einfach, damit viele sie mitsingen können. Wir brauchen keine Ästhetik; unsere Ästhetik ist die politische Effektivität. Unser Publikum ist der Maßstab und nicht irgendwelche ausgeflippten Dichter. Von unserem Publikum haben wir gelernt, Lieder zu machen, nur von ihnen können wir in Zukunft lernen, Lieder für das Volk zu schreiben."

Stress mit der linken Szene

Lanrue beschreibt den Druck, der ständig auf den Scherben lastete. "Alle Leute wollten uns politisch oder anderweitig vereinnahmen. Wir absolvierten strapaziöse Tourneen, aber hatten kein eigenes Auto. Einmal hatten wir einen VW-Bus von Dieter Kunzelmann geliehen, aber der wurde von den Bullen gesucht und sein Bus natürlich auch. Also standen wir mit unseren Sachen neben dem beschlagnahmten Bulli auf der Straße."

Die Scherben hatten regelmäßig Kontakt mit der Staatsgewalt. Anne Reiche, die mit Rio befreundet war, hatte Verbindungen zur terroristischen Gruppe Bewegung 2. Juni. Bommi Baumann war regelmäßig im Rauch-Haus. Lanrue: "Uns haben die Bullen nachts mit entsicherter MP aus dem Bett geholt." Rio erzählte, dass er irgendwann seinen Personalausweis gleich neben sein Bett gelegt habe. Falls sie wieder kommen.

Im Dezember 1971 sorgte Scherben-Manager Nikel Pallat für Schlagzeilen, als er bei einer WDR-Talkshow mit dem Beil auf einen Tisch einhackte - was er damit begründete, dass das Fernsehen ein Unterdrückungsinstrument sei: "Und deswegen mache ich jetzt diesen Tisch mal kaputt, ja" (hier im Video).

Die Scherben traten radikal auf und hatten es dennoch mit ihren linken Fans schwer. Die Anarcho-Genossen kritisierten sie als Kapitalisten mit Starallüren, die sich angeblich auf Kosten der Bewegung eine goldene Nase verdienten - obwohl das Gegenteil der Fall war. Und wenn die Scherben keine Lust hatten, schon wieder nach einem ihrer Konzerte ein Jugendzentrum mitzubesetzen, galten sie als korrumpiert.

Die meisten Texte verfasste Rio. Als er persönlichere Songs schrieb, in denen das Wort "Kampf" fehlte, galt die Band bei sturen Anhängern als Verräter. Der Wunsch nach Gleichheit vertrug sich nicht mit der Bewunderung für Rockstars, zu denen die Scherben und Rio geworden waren.

Nach knapp vier Jahren Freiheit und Abenteuer, Sex and Drugs and Rock'n'Roll hatten die Scherben genug vom Großstadtleben. 1975 zogen sie aus dem T-Ufer aus und kauften für 53.000 Mark einen reetgedeckten Bauernhof im nordfriesischen Fresenhagen. Dort auf dem Land produzierten sie Platten, deren Lieder persönlicher waren als die Kreuzberger Agit-Prop-Songs.

"Nicht an die Rente gedacht, sondern an etwas geglaubt"

Die fünf Alben der Scherben, acht LPs, machten sie nicht zur bekanntesten deutschen Rockband, aber zur einflussreichsten. Generationen deutscher Musiker ließen sich von Rio und seiner Band beeinflussen, spielten Cover von Scherben-Klassikern ein.

Claudia Roth, spätere Grünen-Politikerin, organisierte als Managerin in den Achtzigerjahren wieder große Tourneen. Doch als die Scherben sich 1985 auflösten, hatten sie rund 200.000 Mark Schulden. Rio - der Bob Dylan Deutschlands, wenn es einen solchen gibt - machte als "König von Deutschland" eine Solo-Karriere.

Der Mann mit der einzigartigen Stimme trank zu viel und starb im August 1996 in Fresenhagen. Rio Reiser ist auf dem St.-Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg begraben.

Gitarrist Lanrue sagt heute: "Es war eine Super-Zeit, als wir am Tempelhofer Ufer lebten. Dort ist die Platte 'Keine Macht für Niemand' entstanden. Wir haben nicht an die Rente gedacht, sondern an etwas geglaubt. Wir haben das gelebt, was wir gesungen und gespielt haben."

Der Text ist ein leicht überarbeiteter Auszug aus dem Buch "Berlin - Stadt der Revolte" von Michael Sontheimer und Peter Wensierski, das im März erschienen ist.

insgesamt 15 Beiträge
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Robert Squatter, 24.04.2018
1. Der Dylan Deutschlands
ist Niedecken. Rio ist der König.
Christoph Stapperfenne, 24.04.2018
2. einflussreichste Deutsche Band?
Geht es auch nen bisschen bescheidener? Da scheint aber jmd. ein verblendeter Fan zu sein.
Werner Mayer, 24.04.2018
3.
"...sondern spielte auch elektrische Gitarre, hier eine Fender Stratocaster..." Nur das es keine Stratocaster ist und anstatt Fender Ibanez drauf steht.
Frank Meister, 24.04.2018
4. Schade dass nicht auf aktuelles eingegangen wird
Die Scherben gehen nach wie vor erfolgreich als "Ton, Steine Scherben und Gymmick" auf Tour. Das Nürnberger Multitalent Tobias Hacker (aka Gymmick), seines Zeichens Liedermacher, Zeichner und Schauspieler hat den Gesang übernommen. Mit "Radio für Millionen" hat die Band auch ein aktuelles Album veröffentlicht.
martin ackermann, 24.04.2018
5. Stress mit der linken Szene?
Der Szene-Begriff als solcher hat schon mindestens seit den Goldenen Zwanzigern was mit "Linken" zu tun, wenn auch nicht im politischen Verständnis. Deren Kriminalisierung damals sehen wir heute nun gewiss politisch relevant. Die Trennung gerade dieser Truppe von einer "linken Szene" ist bei deren Verbundenheit mit Szenen in beiderlei Verständnis jedoch schwierig. Wer also wen mit dem Szenebegriff "linken" will, also Stress machte in dessen drittem Sinne, ist indessen wohl kaum noch nachzuvollziehen wenn man denn nicht dazu gehört trotzdem man den Texten zugehört hat.
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