Deep-Purple-Legende Ritchie Blackmore "Ich habe mich immer aufs Trinken konzentriert!"

Seine Gitarrenriffs schrieben Rockgeschichte. Im Interview erzählt Ritchie Blackmore über seinen Hang zum Mittelalter und wie ein Schlossgespenst seine Plattenaufnahmen störte.

Redferns/ Getty Images

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Zur Person
    Ritchie Blackmore, am 14. April 1945 als Richard Hugh Blackmore im englischen Weston-super-Mare geboren, war Gründungsmitglied der Hardrockband Deep Purple. Später spielte der Gitarrist in der Band Rainbow und gründete 1997 die Folk-Rockgruppe Blackmore's Night.

einestages: Herr Blackmore, Sie sind ein großer Deutschlandfan. Wann kamen Sie zum ersten Mal hierher?

Blackmore: Ich war bereits 1563 erstmals in Deutschland.

einestages: Wie bitte?

Blackmore: Ja, in meinem früheren Leben! Da war ich als Spielmann unterwegs. Ich zog von Ort zu Ort und versuchte, mich mit Musizieren irgendwie über Wasser zu halten. Ich führte ein einfaches Leben, aber ich war zufrieden.

einestages: Das Leben war damals aber alles andere als komfortabel.

Blackmore: Das machte mir nichts aus. Die Musik war dafür viel besser. Ich liebe Renaissance-Musik, den Klang von Schalmei und Dudelsack. Alles war einfacher. Es gab kein Radio, keine lästigen PR-Manager. Man konnte spielen, was man wollte. Aber mit dem Feudalsystem und den ständigen Kriegen hatte ich meine Probleme. Mit meiner Band Blackmore's Night holen wir jetzt dieses Mittelalterfeeling zurück - aber ohne Kriege, abgeschlagene Köpfe, Pest und Cholera.

einestages: Anders gefragt: Wann kamen Sie in diesem Leben zum ersten Mal nach Deutschland?

Blackmore: Ich reiste als junger Musiker, mit 17, 18 Jahren, nach Hamburg, um dort einige Gigs zu spielen. Ich verliebte mich in ein Mädchen namens Margit und heiratete sie. Mir gefällt einfach die deutsche Mentalität: hart arbeiten und hart feiern! Kohlrouladen sind bis heute mein Lieblingsgericht.

einestages: Stimmt es, dass Sie in Hamburg damals auch mit einer Stripperin liiert waren?

Blackmore: Das war gegen Ende der Sechzigerjahre. Sie hieß Bärbel und wurde meine zweite Ehefrau. Ich habe ihr viel zu verdanken. Als es bei mir nicht so gut lief, hat sie für meinen Unterhalt gesorgt. Das war kurz vor der Gründung von Deep Purple.

einestages: Es heißt, Sie wären ein Schlagerfan?

Blackmore: Oh, ja! Ich erinnere mich gern an Drafi Deutscher, Roy Black oder Rex Gildo. Die Leute denken, ich verarsche sie, wenn ich das erzähle. Schlager ist die deutsche Soul-Musik!

einestages: Essen, Frauen, Schlager, fehlt nur noch Fußball.

Blackmore: Ich verfolge regelmäßig Spiele der Bundesliga. Wenn ich an Franz Beckenbauer denke, wie der damals mit dem Außenrist seine Pässe schlug, das hatte was. Er war für mich auf dem Platz wie ein Musiker, der einen eigenen Rhythmus hat. Ich habe ihn leider nie persönlich getroffen, aber jemand schenkte mir sein signiertes Originaltrikot von 1972. Es hängt eingerahmt bei mir zu Hause.

einestages: Mit mittlerweile 71 Jahren stehen Sie aktuell mit Ihrer Hardrockband Rainbow auf der Bühne. Respekt, in Ihrem Alter.

Blackmore: Ich habe einfach Lust, noch einmal zu rocken, bevor es meine Arthritis nicht mehr zulässt. Kürzlich musste ich mich einer OP am linken Ringfinger unterziehen. Wäre die schiefgelaufen, hätte ich nie wieder Gitarre spielen können.

einestages: Millionen kennen Ihr legendäres Gitarrenriff zu "Smoke on the Water". Macht der Song nach mehr als vier Jahrzehnten noch Spaß?

Blackmore: Er kann wirklich langweilig sein, vor allem, wenn man ihn Abend für Abend spielen muss. Daher spiele ich "Smoke on the Water" auch nicht mehr oft.

einestages: Haben Sie je mit Drogen experimentiert?

Blackmore: Nein, ich habe mich immer aufs Trinken konzentriert. Drogen machen mir Angst, weil man schnell die Kontrolle über sich verliert.

einestages: Wie es heißt, haben Sie einen Hang zum Übersinnlichen. Genau wie Ihr Freund Jimmy Page von Led Zeppelin.

Blackmore: Ich habe mich allerdings nie wie er mit Okkultismus beschäftigt, sondern lediglich Séancen abgehalten. Spiritistische Sitzungen.

einestages: Was passiert dabei?

Blackmore: Man kommuniziert mit Geistern und Wesen aus der Vergangenheit, wenn man die Gabe dazu hat. Faszinierend. Ich habe da schon sehr interessante Gespräche geführt. Man kann sich aber nicht hinsetzen und sagen, ich möchte jetzt mit Jimi Hendrix sprechen.

einestages: Bei den Aufnahmen zum Album "Long Live Rock'n'Roll" Ihrer Band Rainbow soll es unerklärliche Vorfälle gegeben haben.

Blackmore: Stimmt, das war 1977. Wir hatten das Studio im Chateau d'Herouville bei Paris angemietet, ein altes, verwittertes Schloss. Aber alles lief irgendwie schief, nichts schien zu klappen. Also machte ich eine Séance, bei der ganz deutlich der Name "Baal" zu vernehmen war. Das war der Geist, der für das ganze Chaos verantwortlich war. Es war im Schloss so unheimlich, dass wir nur bei Tageslicht zu Bett gingen.

einestages: Sie sind in Heston in der Nähe von London aufgewachsen. Haben Sie gute Erinnerungen an Ihre Jugend?

Blackmore: Teils, teils. Meine Familie war okay, aber die Schule habe ich gehasst. Ich hatte Angst davor, so zu werden wie meine spießigen, verbohrten Lehrer. Ich wollte mir nichts vorschreiben lassen und auch nicht benotet werden für meine Leistungen. Deshalb bin ich ja beim Rock'n'Roll gelandet. Weil er Freiheit bedeutet.

einestages: Träumten Sie davon, Rockstar zu werden?

Blackmore: Eher Rockmusiker. Berühmt wollte ich nie sein. Ich hörte gern Elvis, Gene Vincent, Buddy Holly. Und als ich Tommy Steele, das britische Teen-Idol, im Fernsehen sah, wusste ich, dass ich auch Gitarre spielen und auf einer Bühne rumhüpfen will.

einestages: Also schenkte Ihnen Ihr Vater die erste Gitarre.

Blackmore: Da war ich elf. Mein Vater verlangte von mir, dass ich das Instrument richtig erlerne. Also radelte ich auch bei Wind und Wetter gut zehn Kilometer zum Gitarrenunterricht.

einestages: In Ihrer direkten Nachbarschaft wuchsen zur gleichen Zeit Jimmy Page, Eric Clapton und Jeff Beck auf.

Blackmore: Verrückt, oder!? Ich lernte Jimmy Page kennen, als er in der Band The Crusaders spielte. Er wirkte schon in jungen Jahren sehr selbstbewusst und souverän auf der Bühne.

einestages: Im Gegensatz zu Ihnen?

Blackmore: Klar. Ich war ein Einzelgänger, schüchtern und introvertiert. Erst als ich mit 16, 17 bei The Savages, der Band des Sängers Screaming Lord Sutch, einstieg, änderte sich das allmählich. Wir mussten damals lächerliche Fellkostüme tragen und sahen aus wie Höhlenmenschen. Ich war schmächtig und überall guckten bei mir die Knochen raus. Sutch forderte von mir, dass ich mich auf der Bühne mehr bewegen und eine Show abziehen solle. Als ich das machte, sind die Fans ausgeflippt. Da habe ich gemerkt, dass man auf der Bühne etwas bieten muss.

einestages: Ausgeflippt ging es auch bei Deep Purple zu. Sprechen wir über Ihre Hassliebe zu Sänger Ian Gillan...

Blackmore: Es gab zwischen uns dauernd Meinungsverschiedenheiten. Ja, wir hassten und wir liebten uns.

einestages: Ein Höhepunkt war Ihre spektakuläre "Spaghetti-Aktion" vor einem Konzert.

Blackmore: Wie könnte ich das vergessen. Es passierte irgendwann 1993 auf Tournee in Cleveland. Ich bat meinen Roadie, mir etwas zu essen zu holen. Er lief also ins Catering und machte mir einen Teller Spaghetti zurecht. Gillan fragte ihn, für wen das sei. Er sagte: für Ritchie. Da nahm Gillan eine Flasche Tomatenketchup und entleerte sie komplett auf meinen Teller...

einestages: ...den der Roadie dann zu Ihnen brachte.

Blackmore: Genau. Ich war sofort auf 180. Ich stürmte zu Ian und drückte ihm die Spaghetti samt Ketchup mitten ins Gesicht.

einestages: Wie hat Gillan reagiert?

Blackmore: Er blieb ganz ruhig und wischte sich alles aus den Augen. Ich war schon auf einen Kampf gefasst. Aber Ian, von der Statur her der Stärkere, blieb gelassen. Ich habe mich bei ihm entschuldigt und gesagt, dass er gewonnen habe, weil er Gewalt vermied! Wir mussten beide lachen - und sind raus auf die Bühne.

einestages: Schmerzt es, dass Sie kürzlich bei der Aufnahme von Deep Purple in die Rock'n'Roll Hall of Fame nicht dabei waren?

Blackmore: Überhaupt nicht! Hall of Fame - das ist doch Unfug! Rock'n'Roll sollte in meinen Augen alles sein, aber kein elitärer Club.

    Ritchie Blackmore spielt 2016 mit seiner Band Rainbow zwei Konzerte in Deutschland:

    17.06.16 St. Goarshausen - Loreley

    18.06.16 Bietigheim - Bissingen - Festplatz am Viadukt

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Karl Ludwig, 14.04.2016
1. Für mich
ist und bleibt Richie Blackmore der Größte.
Dana Kühn, 14.04.2016
2. Allein..
für den letzten Satz meinen großen Respekt.
Volker Schenck, 14.04.2016
3.
Der letzte Satz ist ja wohl ein Zitat für die Ewigkeit.
Joachim Kappert, 14.04.2016
4. Richie the Difficult
danke, dass es dich gibt !
Mark Bazaniak, 14.04.2016
5. Das wurde aber auch Zeit!
Endlich ein Artikel über einen der Besten! Noch heute weiß ich nicht zu sagen, wer elegantere, einfallsreichere Solis gespielt hat, von den Kompositionen ganz zu schweigen. Bis heute ein Genuss ihm zuzuhören. Ein echter Musiker!
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