US-Geheimtruppe "Ritchie Boys" Amerikas deutsche Waffe gegen Hitler

SS-Kommandos, deutsche Panzer - mitten in Maryland: In einem skurrilen Trainingscamp bildete die US-Army während des Zweiten Weltkriegs Emigranten aus, die vor den Nazis aus Europa geflohen waren. In der amerikanischen Streitmacht wartete eine Spezialmission auf sie - das Verhören und Demoralisieren ihrer Landsleute.

WDR

Irgendwann reichte es dem amerikanischen Verhörspezialisten. Weil sich der gefangene Wehrmachtssoldat hartnäckig weigerte auszusagen, war es nun Zeit für eine Drohung. Wo er doch nur "Bullshit" geredet habe, werde er den Deutschen jetzt an "Offizier Krukow" übergeben - den Verbindungsmann der Roten Armee im Zelt nebenan. Krukow empfing den Gefangenen in gebrochenem Deutsch: "Warum du sagen das? Du lügen hier!"

Wenig später knickte der Wehrmachtssoldat ein und redete. Zu groß war seine Angst, aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft an die Sowjets ausgeliefert zu werden. Das Zusammenspiel zwischen dem US-Offizier und Krukow hatte perfekt funktioniert, nicht zum ersten Mal. Immer wieder hatten die beiden auf diese Weise Deutsche zum Reden gebracht und so wertvolle Informationen für die alliierten Truppen gesammelt.

Was niemand von den Verhörten ahnte: All das war nur ein Trick. Denn was sich in den Zelten abspielte, war eigentlich das gekonnte Schauspiel zweier Deutscher: Fred Howard, geboren als Fred Ehrlicher in Schlesien, gab den US-Offizier. Günther "Guy" Stern, 1937 in die USA emigriert, flößte den Verhörten als "Krukow" Angst ein. Sie waren Jahre zuvor vor der Verfolgung durch die Nazis aus ihrer Heimat geflohen und hatten dann bei der US-Army angeheuert.

Dort wurden Stern und Howard Teil einer Elitetruppe, die sich selbst Ritchie Boys nannte und in einem geheimen Trainingscamp in Maryland ausgebildet wurde. Die Einheit, in deren Reihen auch zahlreiche prominente Literaten, Künstler und Intellektuelle wie Hans Habe, Klaus Mann oder Stefan Heym standen, war an allen entscheidenden Kämpfen des Zweiten Weltkriegs beteiligt - doch über ihre Geschichte, die vor 70 Jahren begann, ist bis heute überraschend wenig bekannt.

Ab Juni 1942 hatte die US-Army Deutsche und Österreicher – unter ihnen viele Juden, die vor den Nazis geflohen waren – in das Military Intelligence Training Center, genannt Camp Ritchie, ein Ausbildungslager für Propaganda und psychologische Kriegsführung, gebracht. Insgesamt, so schätzen die Autoren Christian Bauer und Rebekka Göpfert in ihrem Buch "Die Ritchie Boys. Deutsche Emigranten beim US-Geheimdienst", wurden in den Bergen Marylands etwa 20.000 Rekruten ausgebildet. Ihre Mission: Das Verhören und Demoralisieren ihrer Landsleute.

Zunächst galten die Emigranten als feindliche Ausländer

Wie die übrigen Kriegsparteien zuvor, hatten auch die USA schnell die besondere Motivation erkannt, die verfolgte, geflohene und entwurzelte Landsleute des Gegners mitbrachten. Gerade unter den deutschen Juden hatten viele die Schrecken der NS-Rassepolitik am eigenen Leibe erfahren. Zugleich versprach sich der Großteil der Neuankömmlinge von ihrem Dienst für "Uncle Sam" eine Eintrittskarte in die amerikanische Gesellschaft, die sie zunächst überhaupt nicht mit offenen Armen empfangen hatte. Die Auswanderer galten zunächst als "Enemy Aliens" – "feindliche Ausländer", unter denen nicht selten deutsche Spione vermutet wurden. Die Ausbildung an schweren Waffen oder in US-Eliteeinheiten blieb ihnen daher anfangs verwehrt.

Davon war in Camp Ritchie nichts mehr zu spüren. In seiner Autobiografie beschrieb Hans Habe seine ersten Eindrücke von dem versteckten Ausbildungszentrum so: "Eine Kompanie uniformierter SS marschierte an mir vorbei. Ein deutscher Militärwagen, wie ich ihn aus Dieuze kannte, ratterte vorüber." Um die Männer möglichst realitätsnah für ihren investigativen Auftrag zu präparieren, hatte der Nachrichtendienst der US-Army das Camp in ein martialisches Freilichttheater verwandelt: Amerikas Kriegsschauplätze, eingedampft auf 240 Hektar Trainingsfläche – inklusive verkleideter Statisten. "Auf dem Feld zu unserer Rechten exerzierte eine japanische Kompanie", schrieb Habe weiter, "während sich im Hintergrund die Konturen eines deutschen Panzers abhoben."

Die Inszenierung aus Panzerattrappen und Beuteuniformen sollte die zweifelsfreie Zuordnung künftiger Gegner ermöglichen. Wie lautete ihr Dienstgrad? Ihre Truppengattung? Welches Gerät haben sie aufgefahren? Vor allem aber wurden die Ritchie Boys darauf trainiert, gefangengenommenen Soldaten ihre Geheimnisse zu entlocken. In simulierten Verhören erlernten sie Fragetechniken und Psychotricks - und dass sich nützliche Informationen oft in Soldbüchern und Feldpostbriefen feindlicher Soldaten fanden. Konfiszierte Exemplare, aber auch deutsche Zeitungen gehörten zum täglichen Unterrichtsmaterial.

Krieg mit Worten

Um die gewonnenen Erkenntnisse weiterleiten zu können, stand auch Morsen und Stenografhie auf dem Ausbildungsplan der Ritchie Boys, die sogar den Umgang mit Brieftauben übten. Die US-Strategen rüsteten ihre angehenden Verhörexperten für jedes erdenkliche Szenario auf Europas Schlachtfeldern. Natürlich auch für den Fall, dass sich ein Gefangener lediglich in einer fremden Sprache verständigen könnte. Zu diesem Zweck engagierte das US-Militär Indianer, die während der Verhörtrainings ausschließlich in ihrer Stammessprache antworten durften.

Das skurrile Camp in den Blue Ridge Mountains hatte mit den Trainingslagern anderer US-Einheiten wenig gemein. Statt aus der Gulaschkanone wurden die Ritchie Boys durch einen ehemaligen Chefkoch des New Yorker Nobelhotels Waldorf Astoria verpflegt; statt strammer Kasernenhofatmosphäre herrschte intellektuelle Plauderstimmung. Der in Leipzig geborene Victor Brombert verriet: "Es gab eine Menge Leute in einer bestimmten Altersgruppe, die sich außergewöhnlich gut ausdrücken konnten und viel Zeit mit Gesprächen verbrachten." Und viele kannten sich noch aus Europa, wie Klaus Mann, Sohn des Literaturnobelpreisträgers, seiner Mutter im April 1943 schrieb: "Es wimmelt von alten Freunden aus Berlin, Wien, Paris, Budapest; man kommt sich vor wie in einem Club oder Stammcafé."

Profitiert haben die US-Truppen von den Informationen der wortgewandten Spezialisten während jeder ihrer europäischen Operationen: Ritchie Boys landeten in Nordafrika, nahmen am Sprung nach Sizilien teil und stürmten schließlich auch aus den Landungsbooten an die Strände der Normandie. Eine festgelegte Strategie für ihre Einsätze existierte dabei nicht, wie Autor und Journalist Bauer anhand zahlreicher Interviews mit Veteranen nachgewiesen hat. Die Ritchie Boys folgten lediglich einer Prämisse: Sie führten den Krieg vor allem mit Worten, per Flugblatt oder Lautsprecherwagen.

Mit einer Mikrofonansage wurden dabei deutsche Soldaten zur Aufgabe oder zum Überlaufen aufgefordert. Ein Himmelfahrtskommando – mussten die Fahrzeuge doch angesichts der schwachen 25-Watt-Verstärker in die direkte Nähe der feindlichen Stellungen bugsiert werden, wie Ritchie Boy Si Lewen berichtete: "Die Deutschen mussten nur dahin schießen, wo der Ton herkam – schon erwischten sie das ganze Team."

Täuschen und Tricksen

Aber auch ohne die tönende Zielscheibe blieb der Einsatz heikel. Die Aussicht, als jüdischer Emigrant in US-Uniform in deutsche Kriegsgefangenschaft zu geraten, war für die Ritchie Boys beängstigend. Wurden sie als Juden identifiziert, machten die Deutschen in der Regel kurzen Prozess. Nicht wenige entschieden deshalb, statt des "H" für "Hebräisch" in ihre Erkennungsmarken ein "P" wie "Protestant" einstanzen zu lassen. Wie Sterns Krukow-Anekdote zeigt, machten sich die Emigranten in US-Diensten auch ihrerseits die tief verwurzelte Angst der Wehrmachtssoldaten zu Nutze.

Schätzungen gehen von insgesamt 150.000 Vernehmungen deutscher Kriegsgefangener durch das US-Militär während des Zweiten Weltkriegs aus. Auch wenn keine amtliche Bilanz über die direkten Auswirkungen dieser Verhöre vorliegt, leisteten die Ritchie Boys zweifellos einen wichtigen Beitrag für die Siegermacht USA – über den Krieg hinaus: Es waren auch Ritchie Boys, die während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse dolmetschten, in der US-Militärregierung wichtige Verbindungsstellen besetzten oder beim Aufbau einer demokratischen Presselandschaft in Westdeutschland halfen. Niedergeschlagen hat sich die Mission der deutschsprachigen GIs in der US-Filmindustrie und Literatur bislang merkwürdigerweise kaum.

Auf die Frage, warum er kurz nach seiner erfolgreichen Flucht als Soldat wieder in den Krieg nach Europa zurückgekehrt sei, antwortete der ehemalige Ritchie Boy Richard Schifter mit nachdenklichem Gesichtsausdruck, aber ohne Zögern: "Es war eine Art Anerkennung dafür, dass uns die USA das Leben gerettet hatten."

Zum Weiterlesen:

Die Ritchie Boys. Deutsche Emigranten beim US-Geheimdienst. Hoffmann und Campe, 2005, 223 Seiten.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Fred Widmer, 08.08.2012
1.
---Zitat--- Profitiert haben die US-Truppen von den Informationen der wortgewandten Spezialisten während jeder ihrer europäischen Operationen ---Zitatende--- Auch der jüdisch/deutsche Philosoph Günther Anders wurde angehalten, bei diesen Operationen mitzumachen. Seine Reaktion ist klassisch und eines Philosophen würdig: ---Zitat--- Nach mehreren Monaten stellte Anders seine Tätigkeit mit der Begründung ein, er sei nicht vor dem Faschismus geflohen, um nun amerikanische faschistische Broschüren für Deutschland herzustellen. ---Zitatende--- Quelle: Wikipedia
Werner Samjeske, 08.08.2012
2.
Mein Vater,Jahrgang 1915,sagte manchmal in bezug auf die 2. WK Zeit: Gott der Herr beschütze uns vor Sturm und Wind, und vor den Deuschen, die im Ausland sind. Ich glaube,er hatte Recht!
Reinhard Kupke, 08.08.2012
3.
>Mein Vater,Jahrgang 1915,sagte manchmal in bezug auf die 2. WK Zeit: Gott der Herr beschütze uns vor Sturm und Wind, und vor den Deuschen, die im Ausland sind. Ich glaube,er hatte Recht! Diese Deutschen im Ausland waren fast alles Menschen, die Deutschland einsperren oder ermorden wollte. Ihr Vater hätte eher sagen sollen: Gott behüte uns vor Leuten wie Hitler.
Rolf Radicke, 08.08.2012
4.
>Mein Vater,Jahrgang 1915,sagte manchmal in bezug auf die 2. WK Zeit: Gott der Herr beschütze uns vor Sturm und Wind, und vor den Deuschen, die im Ausland sind. Ich glaube,er hatte Recht! Sie glauben also, dass Ihr 1915 geborener Vater Recht hatte. Das Geburtsdatum laesst auch darauf schliessen, welchem Einfluss Ihr Vater ausgesetzt wann ausgesetzt war. Sie wissen vielleicht auch, dass die Nazis Soldaten aus dem Grenzgebiert am liebsten weit weg von Zu Hause einsetzten, denn Saarlaender durchschauten die Propaganda eher als Mecklenburger. Die Deutschen, die ihre Heimat verlassen mussten, hatten allen Grund gegen Nazideutschland aktiv zu werden. Wenn viele es trotzdem nicht gemacht haben, dann deshalb, weil sie bessere Menschen waren als die Nazis.
Michael Schnickers, 08.08.2012
5.
>Auch der jüdisch/deutsche Philosoph Günther Anders wurde angehalten, bei diesen Operationen mitzumachen. Seine Reaktion ist klassisch und eines Philosophen würdig: > > ---Zitat--- >Nach mehreren Monaten stellte Anders seine Tätigkeit mit der Begründung ein, er sei nicht vor dem Faschismus geflohen, um nun amerikanische faschistische Broschüren für Deutschland herzustellen. > ---Zitatende--- >Quelle: Wikipedia Faschisten hätten ihm nicht die Wahl gelassen, mitzumachen oder es zu lassen. Manche Philosophen bleiben halt besser bei ihren Büchern.
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