Schräger Fortpflanzungsvisionär Der Samenbanker

Ein IQ von 180! Buchautor schon als Kind! 1982 wurde Doron Blake geboren. Das "Superbaby" war der größte Erfolg von Robert Graham, einem Millionär mit einer irren Vision: Er wollte eine Genie-Samenbank aufbauen - und lockte dafür sogar Nobelpreisträger aufs Hotelzimmer.

Von Sarah Levy


Wie ein Raubtier schlich Robert Graham in seinem Hotelzimmer auf und ab. Seine Augen fixierten die Badezimmertür. "Robert, ich fühle mich wirklich unbehaglich so. Ich brauche ein bisschen Musik oder irgendwelche Hintergrundgeräusche", ertönte die Stimme eines Mannes hinter der geschlossenen Tür. Graham eilte zum Fernsehgerät und rief: "Sicher, lass dir Zeit. Ich kann den Fernseher einschalten."

Der Mann im Bad war James E. Bidlack, ein angesehener US-amerikanischer Biologe. Graham hatte ihn an diesem Abend zum Essen eingeladen, auf ihn eingeredet, ihn mit Komplimenten überhäuft - bis der Wissenschaftler endlich bereit war, ihm aufs Hotelzimmer zu folgen. "Es war ein bisschen wie ein Date", erinnert sich Bidlack 2006 in einer BBC-Dokumentation. Dann tat der Biologe, wozu er gekommen war: Auf der Toilette im Badezimmer sitzend leistete er seine Spende - ein Gläschen Sperma.

Denn Robert Klark Graham hatte eine bizarre Mission: 1979 gründete der Multimillionär das "Repository for Germinal Choice", eine Samenbank für Supersperma. Mit dem Erbgut hochintelligenter Männer wollte der ehemalige Optiker die Zeugung von scharfsinnigen und erfinderischen Kindern vorantreiben. Mit dieser "intelligenten Selektion", davon war Graham überzeugt, könne die Menschheit die Evolution selbst in die Hand nehmen: "Zehn hochintelligente Menschen", so sein Credo, "können mehr bewirken als 1000 Idioten." Graham veröffentlichte auch ein Buch mit seinen Thesen. In "The Future of Men" beschrieb er seine Überzeugung, dass die Vermehrung von Schwachköpfen und Inkompetenten unweigerlich zum "genetischen Niedergang" der Menschheit führe.

Ein eigener Staat für geniale Wissenschaftler

Robert Graham selbst war eher ein Durchschnittskind. Er wuchs in Harbor Springs im US-Bundesstaat Michigan auf. Der kleine Ort im Mittleren Westen war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Ferienparadies einer aufstrebenden Gesellschaft. Schon früh mischte sich Graham, Sohn eines Zahnarztes, gern unter die Reichen und Erfolgreichen, auch wenn er selbst nicht dazu gehörte. "Ich selbst bin nicht mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet, aber auch nicht mit größeren Mängeln", sagte er später von sich.

Dann machte die Erfindung eines bruchsicheren Brillenglases den gelernten Augenoptiker zum Millionär. Doch Graham wollte mehr als unternehmerischen Erfolg. Schon seit Jahrzehnten beschäftigte ihn die Idee, eine intelligentere Welt zu schaffen.

Seine erste größenwahnsinnige Vision war es, "Grahamland" zu gründen, einen eigenen Staat für geniale Wissenschaftler. Als der Kauf einer Insel für die Staatsgründung fehlschlug, beschloss er, zum Samensammler zu werden.

Bereits 1978 hatte er begonnen, Nobelpreisträger aus Wissenschaft und Technik mit Wohnsitz in Kalifornien mit schmeichelhaften Briefen zu bombardieren, in denen er ihr genetisches Erbe bejubelte. Doch fast alle Männer, die er kontaktierte, lehnten ab oder ignorierten seine Anfrage. 1980, nach zwei Jahren der Jagd, war Graham im Besitz der Spermien von lediglich drei Nobelpreisträgern.

Aufzucht einer Superrasse?

Dennoch hielt Graham seine Idee nach wie vor für so genial, dass er noch im selben Jahr an die Öffentlichkeit ging. Stolz inszenierte er sich vor den dampfenden Stickstofftanks in dem unterirdischen Labor auf seinem Grundstück im kalifornischen Escondido, wo er die kostbare Körperflüssigkeit aufbewahrte. Seine Spender aber wollten anonym bleiben. Einzige Ausnahme: William Shockley, 72 Jahre alt, der 1956 den Nobelpreis für die Erfindung des Transistors erhalten hatte. Seine offenkundige Unterstützung des Projekts verschaffte Graham endlich die erhoffte Glaubwürdigkeit - und ein großes Problem: Shockley war bekennender Rassist.

Durch den US-Physiker geriet die Samenbank in Verruf. Graham wurde der nationalsozialistischen Rassenlehre beschuldigt, seine Gegner beschimpften ihn als Dr. Frankenstein und Verfechter einer weißen Vorherrschaft. "Es geht uns nicht um eine Super-Rasse", verteidigte er sich, "nur um einige kreative, intelligente Menschen mehr, die sonst nicht geboren würden."

Die öffentlichen Anschuldigungen machten es für Graham noch schwerer, hochkarätige Spender zu finden. Zudem erwies sich das Sperma der älteren Wissenschaftler als nicht besonders fruchtbar. Tatsächlich ging aus Grahams Nobelpreisträger-Samen nie ein Baby hervor. Anfragen von Frauen, die sich ein Superbaby aus Grahams Gefrierschränken wünschten, erhielt er jedoch zuhauf. Zu den für Graham geeigneten Empfängerinnen zählten Ärztinnen, Krankenschwestern, Psychologinnen - ehrgeizige Frauen, die große Pläne für ihren Elite-Nachwuchs hegten.

Sperma per FedEx

Graham musste umdenken. Er wendete sich erstmals auch an erfolgreiche Geschäftsmänner, Universitätsprofessoren, Olympioniken und Künstler. Nicht alle von ihnen waren überdurchschnittlich intelligent, einige sahen lediglich gut aus, waren besonders sportlich oder musikalisch. Über die Auswahl der Frauen ist wenig mehr bekannt, als dass sie einen Fragebogen ausfüllen mussten. Der Autor David Ploetz interviewte für sein Buch "The Genius Factory" mehrere Empfängerinnen und vermutet, dass sich am Ende die hartnäckigsten Damen durchsetzten. Diese erhielten per FedEx einen kleinen Kanister mit einem Röhrchen Sperma in Flüssigstickstoff und eine Anleitung.

1982 war es endlich soweit - zwei von Grahams "Superbabys" wurden geboren. Einer von ihnen wird das Aushängeschild für Grahams Vision. Sein Name war Doron, griechisch für "Geschenk" oder "Gabe". Und Doron Blake war tatsächlich ein Wunderkind: Im Alter von zwei Jahren konnte er den Computer seiner Mutter bedienen, im Kindergarten zitierte er Shakespeare, mit fünf Jahren schlug er seine Gegner im Schach. Mit zehn verfasste er ein Kinderbuch. Ein Test bescheinigte Doron einen IQ von 180. Graham hatte den vermeintlichen Beweis, dass seine "intelligente Selektion" funktionierte.

Mit der Unterstützung von Dorons Mutter, einer Psychologin mit einem Faible für Esoterik, inszenierte sich Graham mit seinem Vorzeigekind, schenkte ihm Chemiebaukästen und Bücher, führte ihn mit dem weißen Cadillac zum Essen aus und drängte den Jungen, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen. Unterdessen verschickte Graham eifrig weiteren Samen. Mehr "Superbabys", wie die Presse sie nannte, wuchsen heran. Als Graham jedoch 1992 - zehn Jahre nach Dorons Geburt - begann, die Familien zu kontaktieren und nach dem Entwicklungsstand der Kinder zu fragen, erlebte er eine herbe Enttäuschung: Kaum eine Familie meldete sich bei ihm. Ob die Eltern ihre Kinder davor bewahren wollten, in Magazinen abgebildet und von der Presse bedrängt zu werden, oder ob die Zöglinge vielleicht doch nicht so intelligent waren wie erwartet? Graham sollte es nie erfahren.

Auch sein Vorzeigekind Doron Blake wandte sich bald von Graham ab. Nach einer Kindheit, in der er als "Sperma-Wunderkind" beleidigt und von Graham und seiner Mutter ins mediale Rampenlicht gezerrt worden war, entschloss sich Blake als Teenager, das Gegenteil von Grahams Wunschkind zu werden. Er wählte Naturwissenschaften ab, studierte Vergleichende Religionswissenschaften, interessierte sich für Philosophie, Psychologie und Musik. In der Öffentlichkeit verdammte er Graham und dessen Projekt.

Graham ließ sich davon nicht beirren. So wurden mehr als 200 Babys mit den Spermien aus seiner Genie-Samenbank gezeugt - bis sein Projekt Graham zum Verhängnis wurde. Als er im Februar 1997 für eine Wissenschaftskonferenz nach Seattle fuhr, um dort Spender zu akquirieren, rutschte er in seiner Hotelbadewanne aus, verlor das Bewusstsein und ertrank. Nur zwei Jahre später schloss die Genie-Samenbank. Grahams tiefgefrorene Schätze wurden bis auf den letzten Tropfen vernichtet.

Zum Weiterlesen:

David Plotz: "The Genius Factory. The Curious History of the Nobel Prize Sperm Bank". Random House, New York 2005, 262 Seiten.



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Bodo Kälberer, 27.08.2012
1.
Wer sich Kinder und Ihre Eltern betrachtet kann den Gedanken hinter Grahams Ansatz durchaus nachvollziehen. Aber ein intelligentes Elternteil macht eben noch kein intelligentes Kind. Und auch kein nettes oder glückliches. Ein Grundproblem sehe ich auch darin, dass es nur da einsetzbar ist, wo kein normaler Vater zur Fortpflanzung verfügbar ist. Oder welcher zeugungsfähige Mann will, dass seine Frau ein Kind von einem anderen Mann bekommt, weil er selbst zu dumm oder zu häßlich ist?
T a Rashid, 27.08.2012
2.
Wieso muss ich Alpha Menschen (Raumschiff Orion) oder gar Uebermenschen denken!
Felix Reinlich, 27.08.2012
3.
Ist das überhaupt nachgewiesen, dass die Kinder wirklich aufgrund der genetischen Veranlagung so schlau geworden sind? Ist es nicht vielmehr das Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung das hier greift? Wenn ich ein Kind von Beginn an per se wie ein hochbegabtes Genie behandle und entsprechend fordere und fördere, dann entwickelt es sich von sich aus ganz anders als ein Kind, dessen Eltern es für ganz normal halten und nicht besonders fordern und fördern.
Erwin Nüßler, 27.08.2012
4.
Diese Idee ist alt. Roald Dahl hatte die schon vor Jahren. Sein Roman "Onkel Oskar und der Sudan Käfer" beschreibt ziemlich witzig wie er sich die Umsetzung vorgestellt hat.
Ernst Woll, 30.08.2012
5.
Es freut mich, dass Sie zu diesem Thema recherchierten und Fakten darstellten. Gleichzeitig bin ich erschüttert auf welche absurden Gedanken Menschen kommen, besonders, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse bekannt werden. Bei allen willkürlichen Eingriffen in bisher natürliche Vorgänge können doch plötzlich unvorhergesehene Entwicklungen provoziert werden, die Gefahren für die Natur und Menschheit mit sich bringen. Die Evolution und die Fortpflanzung der Lebewesen, in deren Geheimnisse man gerade in den letzten Jahrzehnten immer tiefer eindrang, können nach meiner Auffassung nicht durch ?Menschenzüchtung? -und als solche betrachte ich das beschriebene Experiment - manipuliert werden. Auch rassistisches Gedankengut ist dabei nicht von der Hand zu weisen. Für mich ist und bleibt die Vielfalt beeindruckend, die die Natur auf allen Gebieten hervorbringt; dazu gehört auch, dass kein Mensch absolut einem anderen gleicht. ?Wenn es durch diese beschriebene Auswahlmethode (nur noch Menschen mit hohem IQ pflanzen sich fort) vielleicht in unendlich langer Zeit auf der Welt gelingen würde die ?Dummen? zu beseitigen, dann wüssten die Intelligenten gar nicht mehr, dass sie klug sind.? Erfreulicherweise scheiterten bisher dies Experimente, aber wer weiß ob es nicht Leute gibt, die das ?Unsinnige? fortsetzen. Die Natur scheint sich jedoch immer wieder erfolgreich wehren zu können. Im Übrigen sind sich auch die Philosophen bei der exakten Definition des Begriffes ?Intelligenz? gar nicht einig; auch die Aussagekraft des IQ ist dabei umstritten. Meine Großmutter, eine einfache Frau, sagte vor über 70 Jahren: ?Es gibt auf der Welt keine dummen Menschen, denn jeder besitzt auf irgendeinem Gebiet einzigartige Fähigkeiten, die aber nur zur Geltung kommen, wenn sie in der jeweiligen Zeit und am bestimmten Ort gebraucht werden oder zur Anwendung kommen können.? Sie untermauerte dieses mit zahlreichen Beispielen von denen mir eines in besonderer Erinnerung blieb: ?Einen Kutscher in unserer Nachbarschaft bezeichneten die Leute immer als ein wenig ? geistig beschränkt?; andererseits nahmen sie gern seine Dienste in den Wettervorhersagen in Anspruch. Für die Zeit von 3 ? 4 Tagen stimmten seine Prognosen mit 90 ? 100%iger Sicherheit und niemand wusste, woher er dieses Wissen nahm. Ich lernte in meiner Schulzeit in den 1930/40er Jahren die mendelschen Regeln der Vererbung kennen und hörte damals, dass die Eigenschaften des Menschen zu 60% vererbt seien und 40% durch Umwelteinflüsse entstehen. Dieses Verhältnis wurde seither immer hin und her geschoben, ohne dass ein Wissenschaftler bisher das richtige beweisen konnte. Von einem bin ich überzeugt, dass allein ?intelligente Väter? nicht unbedingt ?gescheite Kinder? haben müssen. Sonst hätte doch auch Goethes Sohn August mindestens ebenso superintelligent wie sein Vater werden müssen - oder? Also: Es gibt auf diesem Gebiet viel Ungereimtheiten und Forschungsbedarf, um zu verlässlichen aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen. Versuche mit Menschen sind dabei aber nicht der richtige Weg.
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