Legendärer Kriminalfall Wie starb der "Bankier Gottes"?

Legendärer Kriminalfall: Wie starb der "Bankier Gottes"? Fotos
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In den Taschen hatte er einen falschen Pass und Backsteine: 1982 wurde Roberto Calvi erhängt an einer Brücke aufgefunden. Seitdem ranken sich Gerüchte um den Tod des Finanzhais. Inzwischen ist klar: Calvi wickelte schmutzige Geschäfte für Vatikan und Mafia ab - und er starb, weil er zu viel wusste. Von Johanna Lutteroth

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Überstürzt verließ der Mann mit dem markanten Schnauzbart am 11. Juni 1982 seine Heimat Italien, im Gepäck einen gefälschten Pass auf den Namen Gian Roberto Calvini und eine Aktentasche voller Dokumente. Erst fuhr er mit einem Motorboot nach Jugoslawien und von dort weiter nach Österreich. Schließlich bestieg er ein Privatjet nach London, wo er am 15. Juni gemeinsam mit seinem Bodyguard Silvano Vittor in einer schäbigen Absteige unterkam.

Der Gast, der an diesem Sommertag vor dreißig Jahren im Apartmenthotel Chelsea Cloisters eincheckte, war eigentlich nur die nobelsten Hotels gewohnt. Als Direktor der italienischen Banco Ambrosiano galt er als mächtigster Privatbankier der Welt, aber Roberto Calvi, wie er in Wirklichkeit hieß, war tief gefallen. Drei Tage später, am Morgen des 18. Juni, fand der Postbeamte Anthony Huntley Calvis Leiche. Der Bankier hing, aufgeknüpft an einem orangefarbenen Seil, an der Londoner Blackfriars-Brücke. Das kalte, schmutzige Themsewasser stand ihm bis zum Bauch, in den Taschen fand man Ziegelsteine, den gefälschten Pass und Bargeld in unterschiedlichsten Währungen im Wert von mehreren tausend Dollar.

"Selbstmord" lautete das Ergebnis der Autopsie der britischen Pathologen, "wir stellen einen Erstickungstod beim Erhängen fest". Wenige Monate später bestätigten die Mailänder Kollegen das Ergebnis. Doch daran wollte weder die Familie noch die italienische Öffentlichkeit glauben. "Das kann uns nicht überzeugen. Ein Mensch wie Roberto Calvi überquert nicht drei Grenzen mit einem falschen Ausweis, um sich unter einer Themse-Brücke aufzuhängen, noch dazu unter extrem widrigen Umständen. Deswegen also sagen wir: Mord", schrieb die römische Tageszeitung "La Repubblica".

Mord oder Selbstmord? Jahrelang sollte diese Frage Gerichte, Staatsanwaltschaft und Polizei beschäftigten. So lautlos, wie es sich die Strippenzieher hinter den Kulissen vorgestellt hatten, ließ sich der Fall Calvi nicht zu den Akten legen. Im Gegenteil: Er sollte als dunkelstes Kapitel der italienischen Kriminalgeschichte in die Annalen eingehen.

"La Repubblica" spielte mit ihrem Hinweis auf die "widrigen Umstände" auf den Bankenskandal an, der zeitgleich hochgekocht war. Calvi hatte die traditionsreiche Banco Ambrosiano, die er seit 1971 leitete, in die Pleite geritten. Ein Schuldenloch von 1,3 Milliarden Dollar klaffte in den Bilanzen, die Barreserven beliefen sich zum Zeitpunkt seiner Flucht auf Null. Das einstige Vorzeigeinstitut mit untadeligem Leumund konnte seine laufenden Kosten nicht mehr decken und musste Zahlungsunfähigkeit anmelden. Am 17. Juni 1982, einen Tag vor Calvis Tod, begann die vom Verwaltungsrat eingeleitete Zwangsliquidierung.

Das Pikante daran: Ein Großteil des Geldes war in Briefkastenfirmen auf den Bahamas und in Panama verschwunden. Empfänger unbekannt. Dass Calvi im großen Stil dubiose Devisengeschäfte tätigte, war bekannt. 1981 wurde er dafür bereits verurteilt. Die Revision des Verfahrens stand noch aus. Mit der Pleite offenbarte sich aber erst das ganze Ausmaß der illegalen Geschäfte - und der erlauchte Kundenkreis des Bankers Calvi: Die Vatikan-Bank IOR (Istituto per le Opere di Religione), die Mafia sowie Drogenbarone aus Mittel- und Südamerika.

Schlüsselfigur im schillernden Beziehungsgeflecht

Über Jahre hatte Calvi Devisengeschäfte für den Vatikan abgewickelt und gleichzeitig Geld für die sizilianische Cosa Nostra und südamerikanische Bosse gewaschen. Er war die Schlüsselfigur in einem schillernden Beziehungsgeflecht aus Mafiosi, Priestern und Politikern. Unter seiner Führung wurde die Banco Ambrosiano zu einer gigantischen Geldwaschanlage mit Briefkastenfirmen auf den Bahamas, Panama, in Vaduz, Zürich und Luxemburg. Tagtäglich wurden Millionen in dem verwirrenden Konstrukt aus Hunderten Scheinbanken hin und her geschoben. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Vatikan-Bank. Denn das damals sehr strenge Devisen-Ausfuhrgesetz schränkte Calvis Handlungsspielraum stark ein. Nur einer in Rom konnte ohne große Auflagen Geld ins Ausland überweisen: das Geldinstitut des Vatikan.

Ihr Chef, Erzbischof Paul Casimir Marcinkus, war Calvis engster Geschäftspartner, was ihm irgendwann den Spitznamen "Der Bankier Gottes" eintrug. Im Doppelpack betrieben die beiden mehrere illegale und politisch hoch brisante Geldgeschäfte. Das wohl heikelste Unterfangen war die Unterstützung der Solidarnosz-Bewegung in Polen, deren Aufbegehren Anfang der Achtziger das Ende des Eisernen Vorhangs einleitete. Über Briefkastenfirmen auf den Bahamas und in Panama schob Johannes Paul II., ebenfalls Pole, seinen Landsleuten insgesamt schätzungsweise 80 Millionen Dollar zu. Ein politischer Affront, der, wäre der Geldtransfer öffentlich geworden, die Welt an den Rand des dritten Weltkriegs hätte bringen können, wie Calvi befürchtete.

Irgendwann verlor der Bankier den Überblick, verspekulierte sich und verspielte laut italienischer Staatsanwaltschaft Unsummen an Mafia-Geldern – zum Ärger seiner zwielichtigen Klienten, bei denen er deshalb in Ungnade fiel. Es war nicht die Angst vor der italienischen Polizei, die ihn am 11. Juni zur Flucht veranlasste, sondern die vor der Rache der Mafia - und dem langen Arm des Vatikans. Mehrfach hatte Calvi in den Monaten zuvor bei Marcinkus angeklopft und gebeten, er möge die Löcher in den Bilanzen stopfen, die bei den Briefkastenfirmen entstanden waren, die Marcinkus für seine politischen Geldtransfers nutzte. Doch dieser lehnte brüsk ab.

Calvi geriet daraufhin in Panik und warf mit wilden Drohungen um sich. Er werde die illegalen Geldgeschäfte der Vatikan-Bank offen legen, wenn Marcinkus nicht zahle. Angeblich schrieb er sogar am 5. Juni einen Brief direkt an Johannes Paul II., der dieselbe Drohung freundlicher verpackt enthielt. Doch Marcinkus ließ sich nicht beirren. Seine Schatullen blieben geschlossen.

"Großes Gelächter"

Calvi indes ließ nicht locker. Er sammelte alle Dokumente, die den Vatikan belasten konnten, und hortete sie in einer Aktentasche. Er hielt sie für seine Lebensversicherung. Am Ende war sie sein Todesurteil. Kurz vor seiner Flucht sagte er seiner Tochter Anna: "Wenn ich auspacke, dann werden die Priester den Petersdom verkaufen." Und gegenüber seiner Frau bemerkte er: "Der Papst muss zurücktreten, wenn mir etwas passiert." Das wiederum brachte Marcinkus in eine prekäre Situation. Der einstigte Geschäftsfreund war zum echten Problem geworden. Calvi durfte auf keinen Fall plaudern.

Der Einzige, der Calvi vermeintlich treu zur Seite stand, war Flavio Carboni, ein sardischer Geschäftsmann mit besten Kontakten zur Mafia und in den Vatikan. Gemeinsam hatten die beiden seit 1981 versucht, die strauchelnde Banco Ambrosiana zu retten. Vergeblich, denn die schillernden Geschäftsfreunde aus der Halb- und Unterwelt hatten Calvi inzwischen ausnahmslos fallengelassen. Carboni überredete ihn wohl auch zur Flucht und organisierte Motorboote, Flugzeuge und Hotels. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg, wobei Carboni Calvis Aktentasche genau im Auge behielt.

Der überstürzte Aufbruch konnte aber nicht verhindern, was längst beschlossene Sache war, wie ein abtrünniger Mafioso 2001 aussagte: Das oberste Cosa-Nostra-Direktorium soll demnach bereits im Frühjahr festgelegt haben, dass Calvi sterben musste. Wie die Staatsanwaltschaft später ermittelte, war es Carboni, der Calvi nach London lockte, um ihn dort seinen Mördern zu übergeben und danach die Aktentasche zu entsorgen. Monatelang hatte der Sarde ein falsches Spiel mit Calvi gespielt.

Erdrosselt auf einem Müllplatz

Als überall die Zeitungen über den angeblichen Selbstmord des Top-Bankers berichteten, der sich aus Verzweiflung über die Bankenpleite erhängt haben sollte, gab es im Hauptquartiert der Cosa Nostra "ein großes Gelächter", wie sich der ehemalige Mafioso Antonio Giuffrè erinnert. Denn genau so hatte die Cosa Nostra den Mord auch aussehen lassen wollen. Oberflächlich betrachtet passte ja tatsächlich alles gut zusammen. Calvi erfuhr am 17. Juni von der Zwangsliquidierung der Banco Ambrosiano und griff verzweifelt zum Strick.

Weil Calvis Familie nicht an die Selbstmordthese glaubte, beauftragte sie die Detektei Kroll Associates, den Fall noch einmal zu untersuchen. Den ersten Etappensieg konnten die Calvis am 1. Dezember 1988 feiern, sechs Jahre nach dem Tod des Bankers. Ein Mailänder Zivilgericht erkannte damals als erste Institution die Mordthese an und verdonnert Calvis Lebensversicherung dazu, die Familie auszuzahlen. Schließlich rollten sowohl die britische als auch die italienische Polizei den Fall noch einmal auf. 1998 wurde der Leichnam exhumiert und mit moderneren Techniken ein zweites Mal von Pathologen untersucht.

Das Ergebnis: Calvi wurde auf einem Müllplatz erdrosselt und dann erst an der Brücke aufgehängt. Darauf ließen Blutergüsse im Hirn schließen, Spuren am Hals und viele andere Indizien. So hatte er keine Nylonfasern des Seils an den Händen, was unzweifelhaft der Fall gewesen wäre, wenn er sich die Schlinge selbst um den Hals gelegt hätte.

2005 begann schließlich der Mordprozess. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft wurde Calvi mit Hilfe Carbonis von der Mafia ermordet, weil er Geld veruntreut hatte. Auf der Anklagebank saßen Carboni, Calvis Bodyguard und der Mafia-Buchhalter Pippo Calo, von dem Carboni angeblich seine Befehle erhalten hatte. Staatsanwalt Tescaroli forderte für alle Männer lebenslänglich. Letztlich endete aber auch dieses Verfahren wie so viele gegen die Mafia: mit Freispruch aus Mangel an Beweisen.

Die öffentliche Meinung hingegen fällte ihr eigenes Urteil: "Calvi sollte für immer der Mund geschlossen werden, weil er zu viel wusste", schrieb beispielsweise die "La Repubblica". Wie viel er wusste, ist bis heute nicht geklärt. Das belastende Material aus Calvis Aktentasche ist nie wieder aufgetaucht. Angeblich zog Carboni die Tasche aus dem Verkehr - und verkaufte den Inhalt Stück für Stück an den Vatikan.

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1.
Walter Potzel, 19.06.2012
Der Vatikan hängt da offenbar viel tiefer mit drin als man denkt. Und entscheidend sind doch die Dokumente in seiner Tasche, die seither "verschwunden" sind. Wegen Verschwinden-Lassens der Tasche wurde ja nicht nur Carboni verurteilt, sondern auch Bischof Hnilica. Wie in dem Artikel schon steht: Da geht es auch um die finanzielle Unterstützung der damaligen polnischen Opposition durch den Vatikan. Und da könnte auch der ebenfalls noch nicht geklärte Fall der entführten und wahrscheinlich ermordeten Jugendlichen Emanuela Orlandi ein Jahr später noch mit all dem zusammenhängen. Hier stehen weitere Details: http://www.theologe.de/theologe16.htm#Banco_Ambrosiano Mein Hoffnung ist ja, dass über die Vatileaks-Affäre noch weitere Dokumente auftauchen, die auch hier mehr Licht ins Dunkel bringen. Es gibt ja das bekannte Sprichwort: "Gottes Mühlen mahlen langsam." Das könnte in diesem Fall auch so mancher im Vatikan noch zu spüren bekommen.
2.
günter döbler, 19.06.2012
und wie es der Zufall wollte ist Calvis Sekretärin am gleichen Tag aus ihrem Bürofenster im 4. Stock der Banco Ambrosiano gefallen...
3.
Dietmar Fuernschlief, 20.06.2012
Eigentlich ist es nicht verwunderlich, dass der Vatikan so gut mit der Mafia und den Drogenbaronen kann. Irgendwie sind sie seelenverwandt. Der Vatikan betreibt seit Jahrhunderten Schutzgelderpressung im Stile der Mafia. Seine Kirche kassierte und kassiert von ihren gottesfuerchtigen und reuigen Schaefchen Schutzgelder, immer schon und immer wieder in Form von Spenden (Klingelbeutel), frueher auch in Form des Ablasses, heutzutage auch in Form der Kirchensteuer. Als Gegenleistung verspricht der Vatikan ewiges Leben im Himmelreich, zumindest aber Schutz vor den Qualen der Hoelle, die den Suendern als Strafe Gottes droht. Die Gelder fliessen ganz real; Gott, Himmel und Hoelle sind hingegen ganz irreal, fein ausgedacht und mit Macht tradiert. Der Vatikan verkauft "Opium fuer das Volk", wie das Karl Marx meiner (nichtmarxistischen) Meinung nach treffend formuliert hatte. Ich selbst brauche diese Droge nicht und auch andere Drogen nicht, um "high" zu werden. Mir genuegt schon die Einsicht in das Treiben des Syndikats von Vatikan, Mafia und Drogenbaronen, um high zu werden, high vor Wut. Um in der Sprache des Vatikan zu bleiben, sollte man von einem "Suendikat" sprechen. Ich will nicht ein Pauschalurteil faellen und moechte daher anmerken: Segen und Fluch liegen manchmal sehr nahe beeinander. Die in den bedrohlichen Zeiten des Ost-West-Konflikts geheimgehaltenen Geldfluesse des Vatikan unter dem polnischen Papst an die polnische Solidarność haben sich letztendlich als Segen erwiesen, haben sie doch wesentlich dazu beigetragen, dass die kommunistischen Diktaturen Europs in sich zusammengebrochen sind.
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