Rock am Ring Wer zum Henker ist dieser Bono?

Jedes Jahr ist Christof Graf bei "Rock am Ring", seit 1985 fotografierte er dort legendäre Musikgeschichte. Er hat miterlebt, wie sich das Festival verändert hat - und trägt mit Fassung, dass die Kids die großen Namen von früher nicht mehr kennen.

Christof Graf

Von Christof Graf


Ich war gerade zwölf Jahre alt, da nahm mich meine Schwester mit auf mein erstes Rockkonzert: Deep Purple spielten 1975 in der Saarbrücker Saarlandhalle. Ein Jahr später sah ich die Rolling Stones in Stuttgart, 1978 begeisterte mich Bob Dylan in Nürnberg. Es war das größte Massenspektakel, das die Bundesrepublik bis dahin gesehen hatte.

Von da an war ich angefixt. Auch Ende Mai 1985, als ein neues Festival mit klangvollen Namen warb: U2, Joe Cocker, Marillion, Reo Speedwagon und viele andere würden zum "Rock am Ring" in die Eifel kommen. Da musste ich einfach hin!

"Der kleine Klugscheißer!"

Drei Jahrzehnte später lebt das ursprünglich als einmalige Veranstaltung geplante "Rock am Ring" immer noch. Längst ist es zum traditionsreichsten deutschen Festival der Populären Musik aufgestiegen, ein Mythos der Musikgeschichte. Auch im Jubiläumsjahr wird das Festival wieder ausverkauft sein, trotz des Streits um Namensrechte, trotz der Suche nach einem neuen Standort. Und ich, ein Überlebender aus der analogen Welt, werde wieder hinpilgern, wie all die Jahre zuvor. "Rock am Ring" ist für mich längst zum Soundtrack meines Lebens geworden.

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, spürte ich im vergangenen Jahr, ganz banal in der Dixi-Klo-Schlange. Ein Teenager fragte mich, wie alt ich sei und meinte nur, ich erinnere ihn an seinen Vater, während ich mich daran erinnerte, was bei den Festivals der Vergangenheit alles so passiert war. Der Teenager hatte zu der Zeit noch gar nicht gelebt, dachte ich. Er schwärmte von Metallica... und ich meinte nur: "Die habe ich hier schon 1999 gesehen!" Er würde auch gerne mal die Toten Hosen am Ring sehen, sagte der Teenager weiter. Da meinte ich, die hätte ich hier auch schon siebenmal gesehen - 1997 zum ersten Mal.

Die Dixi-Klo-Schlange wurde im Verlaufe des Gespräches kürzer und der scheinbar handysüchtige und ständig im Netz surfende Nerd mit Iron-Maiden-T-Shirt war kurz beeindruckt.

Dann aber berichtigte er mich: "Google meint, die Hosen seien schon 1996 hier gewesen, hätten aber nur sechs Mal hier gespielt: 1996, 2000, 2004, 2005, 2008, 2012." Ich dachte nur, der kleine Klugscheißer hat schon - wenn auch nur ein wenig - Recht, erwiderte aber: "Dafür hatten die Hosen 2004 zwei Auftritte. Einmal als Headliner, damals am Sonntagabend und eine Nacht zuvor draußen auf dem Parkplatz am Haupteingang vor knapp 5000 Zuschauern bei einem Spontan-Gig... und ich war da dabei." Das beeindruckte den Internet-Nerd wiederum.

Also ließ er mich Dinosaurier aus der analogen Welt vor sich aufs Dixi-Klo. Zum Glück sah er nicht meinen orangefarbenen VW-Bus von 1974 draußen auf dem Parkplatz, mit dem ich seit 1985 immer wieder mal anreise.

Ähnlich entwickelte sich ein Gespräch am Döner-Stand, als mich ein weiterer Vertreter der Generation Y fragte, wen ich hier denn schon alles live erlebt hätte.

Ich erzählte ihm von Bono Vox, der 1985 über die Boxengassen balancierte und damit 100.000 Zuschauern Angst vor einem Absturz machte. Der junge Festival-Gänger kannte Bono gar nicht. Dann erzählte ich ihm von Leonard Cohen, der 1993 einen wahrhaft unglücklichen Auftritt hatte. Überall wurde er auf seiner Welttournee gefeiert, nur am Ring warf jemand Tomaten auf ihn und die Leute pfiffen ihn ungerechtfertigterweise aus und schrien "Aufhören". Die kannten Leonard Cohen damals auch nicht. Mein Döner-Kumpel auch nicht.

Ich erzählte ihm dann vom Stromausfall 1997 bei Chris Rea und davon, dass ich einmal Gene Simmons von Kiss in seiner Fledermaus-Montur Backstage vor seinem Auftritt ein Groupie vernaschen sah. Er kannte Chris Rea und Gene Simmons ebenfalls nicht. Also hörte ich auf, in der Vergangenheit zu schwelgen und von unvergesslichen Momenten mit R.E.M. oder Marilyn Manson zu träumen. Ich begann, wieder an der Gegenwart teilzunehmen.

Mittlerweile sind es nicht mehr die klassischen Mega-Super-Acts wie Joe Cocker und U2, die beim ersten Festival auftraten, oder Musik-Legenden wie Elton John (1992), Bob Dylan (1998) und Depeche Mode (2006), die die Bedeutung vom "Rock am Ring" ausmachen. Längst ist es nicht mehr die Inszenierung der ohnehin langsam verblassenden Rockgeschichte und ihrer alternden Protagonisten, sondern einfach nur das musikalische "Jetzt", "Hier" und das "Sofort". Hippes Wir-Gefühl in der Masse, schnelles Tweeten auf Social-Media-Plattformen und Gehetze zwischen den Bühnen sind angesagt.

Der Musiker wird zum Nebenprodukt

Die meisten Acts werden heute im Internet gestreamt. Jeder im Publikum versucht sich durch Gestik, Mimik oder Kostüm für die Live-Kameras attraktiv zu machen. Das Publikum inszeniert sich selbst und der Künstler, egal wer es ist, bietet dafür den Soundtrack. "Rock am Ring" macht den Künstler zum Nebenprodukt und stellt trotz Trommelwirbel, Bassrhythmen und Feuerwerk das Lebensgefühl der Besucher in den Mittelpunkt.

Die These des US-Medienkritikers Neil Postman, dass sich die Gesellschaft einmal zu Tode amüsieren wird, nimmt auf dem Eventgelände minütlich Gestalt an. Die einen setzen Panda-Masken auf oder verkleiden sich als Eisbär oder Pinguin, die anderen tragen Riesenhüte, um ihre Individualität in der Masse auszudrücken. Bühnen, auf denen schnelllebige Künstler-Acts die Welle ihres oft ebenso schnelllebigen Erfolgs genießen, bestimmen heute den Festivalverlauf.

Der Generationswechsel setzte ein, als ab den Nullerjahren die Vokuhilas nicht mehr kamen - dafür aber ihre Kinder und Enkel. Das Festival-Gefühl der Achtziger- und Neunzigerjahre, als man noch brav und pünktlich anreiste, sich vor der Bühne mit einem Becher Bier und einer Bratwurst postierte und das Programm stundenplanmäßig und kopfwippend absolvierte, ist vorbei. Seit dem Millennium taucht man auf dem Nürburgring ein, unter - und irgendwann wieder auf.

Zum ersten "Rock am Ring" kam "nur" eine zusammengewürfelte Gruppe angesagter Stars, die die Massen bewegte und das Etikett "Rock" nicht wirklich verdiente. Es war mehr "Pop". Heute ist das Festival für mich eine Art modernes Märchen auf Zeit, in das man multimedial und mit allen Sinnen eintaucht, um berauscht von Musik und guter Stimmung zurück in die Realität zu surfen. So zumindest war es 2014.

1985 kostete ein Ticket keine 50 Mark, 30 Jahre später sind es knapp 200 Euro. Und auch wenn das "Rock am Ring" in diesem Jahr erstmals nicht mehr am Nürburgring, sondern auf einem etwa 36 Kilometer entfernt liegenden Flughafengelände stattfinden wird, werden die Menschen dafür zahlen. Jeder Mythos hat eben seinen Preis.

Zur Person
    Christof Graf, Prof. Dr., Jg. 1963 ist Professor für Marketing an der ASW Berufsakademie des Saarlandes, freier Journalist, Blogger und Buchautor mehrerer Bücher über Leonard Cohen, Bob Dylan und die Rolling Stones. 2015 erschien sein Bild-Text-Band "Rock am Ring 1985 -2015 - 30 Jahre sind nicht genug", Hannibal-Verlag. Graf pilgert seit 1985 zum Rock am Ring, und berichtet seit über 27 Jahren vom Ring.
Anzeige


insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Matthias Dietz, 21.05.2015
1. Halleluja!
"Der junge Festivalbesucher kannte Bono gar nicht." Na also, es geht doch! Immer wenn man glaubt, dass die Popkultur am Ende ist, kommt irgendwoher ein Hoffnungsschimmer. Wenn jetzt auch noch Campino und seine lustigen Musikanten fünfundzwanzig Jahre mindestens zu spät dem sofortigen kollektiven Vergessen beziehungsweise noch besser dem Garnichterstkennenlernen anheim fielen, wenn obendrein "junge Festivalbesucher" fürderhin nicht mehr von würdelosen Menschen meines Alters mit Frontberichten vollgequatscht würden, sondern sich aufs Musikhören konzentrieren könnten, dann wäre dies mir Anlass, vorsichtig optimistisch in die popmusikalische Zukunft zu schauen. Bittebitte lieber Gott, mach, dass ich niemals von einem unvergesslichen Moment mit Marylin Manson träume. Darüber hinaus hoffe ich, dass ich niemals unhöflich und dreist genug sein werde, auch noch hinzustarren und gar Jahre später damit herumzuprahlen, wenn ich versehentlich zwei Leute beim Vögeln störe, sondern zusehe, dass ich Land gewinne und die beiden in Ruhe lasse.
jueho47, 21.05.2015
2. Schöner Bericht
Ich war vor einiger zeit wirklich noch überrascht, als feststellte, dass bereits viele Leute unter 30 mit dem Namen Bruce Springsteen nichts mehr anfangen können. Was sind wir alt geworden?
julian s, 21.05.2015
3. rock's not dead
lieber Christof ! der rock ist nicht tot, oder verblasst. Er entwickelt sich! klar sind viele Meilensteine des guten rocks mittlerweile inaktiv, doch gibt es auch unglaublich geniale erben! Muse, Porcupine tree, Queens of the stoneage, usw. Nein rock verblasst nicht, er wird facettenreicher!
Andreas Thum, 21.05.2015
4.
Als Nürnberger war ich meist bei der Schwesterveranstaltung "Rock im Park". 2005, auf dem Höhepunkt der Indie-Rock-Welle, gab es ein grandioses Line-up: Mando Diao am frühen Vormittag, eine Super-Show von Green Day, REM im Nieselregen, Sonic Youth auf der Alterna Stage. Auch 2006 war viel Denkwürdiges dabei: Man fragte sich bange, ob Pete Doherty zum Auftritt erscheinen würde, bewarf Bushido mit Klopapier und wurde Zeuge, wie die Bloodhound-Gang sich gegenseitig anpisste. Dass ich Morrissey für Metallica habe sausen lassen - aus reiner Solidarität -, bereue ich allerdings heute noch. Das beste Line-up gab es in meinen Augen 2007. Was hätte ich darum gegeben, die Smashing Pumpkins, Die Ärzte, die White Stripes, die Arctic Monkeys, die Beatsteaks, und und und, live zu sehen. Das Abi kam dazwischen. Heute würde ich drauf scheißen und hingehen. Danach war ich nie wieder dort. Das Line-up wiederholte sich, wurde immer unattraktiver, die Preise schossen in die Höhe, und meist bekam man schon sehr früh keine Karten mehr. Der Zauber war vorbei.
Dennis Sommer, 21.05.2015
5. Unsinn!
Das sind höchstens einige Möchtegern die nicht wissen wer Bono ist. Die gehen dort auch jeden Morgen duschen und finden es auch gar nicht gut das sie keine Getränke mit aufs Gelände nehmen dürfen. Passiert halt mal - aber keine Sorgen die meisten Kids wissen schon noch 'wir man eine Atombombe entschärft' ;) (ich hoffe der der die akommentare liest hat den jetzt auch verstanden) Es grüßt ein 20 Jähriger
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.