Rock in der DDR Paradies der Plattenschieber

Rock in der DDR: Paradies der Plattenschieber Fotos

West-Rock war für die SED-Bonzen "Dreck", viele Songs standen in der DDR auf dem Index. Aber ostdeutsche Musikfans tricksten die Geschmacksdiktatur mit viel Kreativität aus - und dealten sogar in geheimen Schmuggelringen mit der heißen Ware Musik. Von

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Seiner Mutter würde Frank Rotzsch ewig dankbar sein. Denn sie dealte für ihn. Jahrelang. Versorgte ihn mit dem wertvollen Stoff, den er selbst nicht bekommen konnte. Während er schwitzte, ob alles gut gehen würde, schleuste sie die heiße Ware über die innerdeutsche Grenze, vorbei an den misstrauischen Blicken der DDR-Zöllner, und brachte ihrem Sohn das, was er so dringend brauchte: Westmusik. Vom Klassenfeind. Platten, die es in der DDR nicht gab.

Als Rentnerin konnte Rotzschs Mutter einfacher in die Bundesrepublik reisen. Jedes Mal gab ihr Sohn ihr eine lange Wunschliste mit. Stets kehrte sie mit fast einem Dutzend Platten zurück, die sie mit Charme, Mut und Glück über die Grenze brachte. Die Platten waren nicht für Rotzsch allein: Denn er hatte viele Auftraggeber, die richtig heiß auf Westmusik waren. Ihnen verkaufte er nun die Platten weiter. Mit Gleichgesinnten baute er zudem im Verborgenen halblegale Strukturen auf: "Das war ein regelrechter Plattenring."

Verteufelt, verpönt, verboten: Schon Mitte der Fünfziger hatte die DDR-Spitze Westmusik als angebliche "Waffe der Nato-Politik" ausgemacht. Rock 'n' Roll, so glaubte Verteidigungsminister Willi Stoph, solle nur von der Atomaufrüstung der Imperialisten ablenken. Westlicher Rockmusik trauten die Parteikader prinzipiell alles zu - und verfuhren nach gängigem Muster: Repression. So waren sämtliche Scheiben der Rolling Stones verboten - und auch die Musik vieler Westbands, die nicht offiziell auf dem Index stand, war in der DDR kaum erhältlich. Die rigide Kulturpolitik machte sie jedoch nur noch begehrter - und trieb die Preise in astronomische Höhen.

Die Monatsmiete für ein Album

Um die Jugend zu beruhigen, gab es zwar sogar manch revolutionäre Beatmusik-Platte als Nachpressung des DDR-Labels Amiga völlig legal zu erwerben, darunter auch eine LP der Beatles. Sie kostete 16 Ostmark und 10 Pfennig - der Einheitspreis für alle Pop- und Schlagerplatten in der DDR. Wer jedoch die Alben im Original besitzen wollte oder gar Musik spielen wollte, die der Staat als VE ("verbotene Einfuhr") klassifiziert hatte, musste oft das Zehnfache investieren. Der Schwarzmarkt blühte.

"Das war wie mit diesem Musikhändler im Kinofilm 'Sonnenallee'", erzählt Markus Rindt. "Viele haben auf dem Schwarzmarkt ohne Zögern horrende Summen hingeblättert." Rindt, der in der DDR Musik studierte und heute bei den Dresdener Sinfonikern als Hornist spielt, hat sich selbst einige Platten für jeweils 150 Ostmark gekauft: Ein Album kostete damit das mehr als das Doppelte seiner Monatsmiete, verschlang fast das ganze staatliche Stipendium von monatlich 200 Mark.

Das Juwel in seiner Sammlung: Michael Jacksons Album "Thriller". "Da stand ich total drauf." Kurzfristig war "Thriller" für 16 Ostmark sogar in der DDR zu kaufen. "In ganz Dresden führte die Platte aber nur ein einziger Laden. Und da standen die Leute schon 400 Meter Schlange." Rindt hatte Pech. Als er dran kam, war alles ausverkauft.

Umschlagsplatz Budapest

Er gab nicht auf. Bei einem Besuch in Budapest kaufte er sich das Album für den zehnfachen Preis auf dem Schwarzmarkt. Die ungarische Metropole galt als Mekka für Musiksammler. Hier war vieles zu finden, was es in der DDR nicht gab: Darunter Nachpressungen des russischen Labels Meldodija, die Paul McCartney, Boney M., Abba oder Bon Jon Jovi vertrieben. Das Problem war, dass die DDR-Musiktouristen nur eine begrenzte Summe Ostmark in ungarische Forint umtauschen durften und so nicht massiv auf Einkaufstour gehen konnten. Es sei denn, sie schafften es, Westgeld ihrer Verwandten über die Grenze zu schmuggeln.

Frank Rotzsch dagegen wollte sich nicht mit Nachpressungen abgeben, deren Qualität oft mies war. "Wir waren Freaks, wollten die Originalplatte in der Hand halten, sie fühlen." In seiner Heimatstadt Dresden hatte er eine bessere Methode gefunden, um an das begehrte Kulturgut zu kommen. Seine Mutter, Westverwandte oder ein befreundeter dänischer Diplomat aus Berlin versorgten ihn mit den neusten Scheiben. Danach wanderten die Alben in den "Plattenring", wurden von Freund zu Freund weitergegeben. Auf dieselbe Weise stellten auch die anderen ihre neusten Erwerbungen zur Verfügung - eine verschworene Musiktauschbörse entstand.

"Schon Tage im Voraus wurden konkrete Abmachungen getroffen, wann wer wo die Platten abholt." In der Zwischenzeit liefen die begehrten Alben rauf und runter, jeder hatte nur einen begrenzten Zeitraum, in dem er die Musik mit dem eigenen Tonbandgerät kopieren konnte. Akribisch schrieben die Musikliebhaber jede verfügbare Information vom Original ab. Erst nachdem jeder mit der neuen Musik versorgt waren, wurde die Ware zum Endkunden gebracht. Der wusste, dass seine Platte schon durch viele Finger gegangen war - und zahlte dennoch 120 Ostmark. Das entsprach etwa dem Einkaufspreis im Westen. "Materiellen Gewinn wollten wir nicht machen", erklärt Rotzsch. "Der Profit war rein ideell: die Musik."

Die Stasi bespitzelte den Musikhändler

Im Lauf der Jahrzehnte legte er sich auf diese Weise eine beachtliche Sammlung zu. 800 Tonbänder besitzt der 57-Jährige, der in der DDR als Sänger und Schlagzeuger arbeitete und inzwischen DJ ist, noch immer - "in guter Stereoqualität". Zusätzlich besorgte er sich Platten, die er unbedingt selbst besitzen wollte. Schon vor der Wende hatte er alle Alben des Soulsängers Stevie Wonder, Etliches von Earth, Wind and Fire oder Jazz-Virtuosen wie Chick Corea, Jaco Pastorius oder Stanley Clarke. Für den Normalbürger war so etwas nicht erhältlich - zumal Walter Ulbricht 1965 Jazz als "Affenkultur des westlichen Imperialismus" bezeichnet hatte.

Selbst ein Doppelalbum des in Ungnade gefallenen Liedermachers Wolf Biermann, der 1976 aus der DDR ausgebürgert worden war, kopierten die Musikfans des Plattenrings. "Dabei war es total verboten, dieses Ding zu besitzen", sagt Rotzsch stolz. Ganz ungefährlich war sein Hobby nicht. In Leipzig ließ die Stasi 1965 einen Plattentauschring auffliegen. Der Besitz der Westmusik war zwar nicht verboten, wohl aber die Weitergabe und Vervielfältigung von "Kontrapropaganda" und "illegal eingeführten Tonträgern".

Vorsichtig verbargen die Musikhändler daher ihre Alben vor neugierigen Blicken, verließen nie das Haus, ohne die Alben sorgfältig in Tüten verpackt zu haben. "Ich habe genau aufgepasst, wem ich was erzählt habe", sagt Rotzsch. "Mir ist nie was passiert. Aber es war denkbar, dass man dafür in den Knast kommt." Verdächtig sei er als "lottriger Musiker in einem verfallenen Hinterhaus" sowieso gewesen. Nach der Wende erfuhr er, dass vier Nachbarn der Stasi über ihn berichtet hatten.

Braunkohle statt Beats

Denn der ganze Musiksektor stand unter der strammen Aufsicht staatlicher Aufpasser. Kritische Musiker erhielten Auftrittsverbote oder verloren ihre Lizenzen. Die erfolgreiche DDR-Rockband Renft musste sich 1975 wegen "Beleidigung der Arbeiterklasse" auflösen, Liedermacherin Bettina Wegner kassierte eine Haftstrafe auf Bewährung. Staatschef Walter Ulbricht persönlich legte die Saat für das Klima des musikalischen Kahlschlags, als er 1965 gegen die Beatmusik wetterte: "Ich bin der Meinung, Genossen, mit der Monotonie des yeah, yeah, yeah, und wie das alles heißt, sollte man doch Schluss machen. Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der aus dem Westen kommt, kopieren müssen?"

Aus Angst, die DDR-Jugend könne sich die US-Kultur zum Vorbild nehmen oder durch Rockmusik gar aufmüpfig werden, erließ das Kulturministerium danach eine "Anordnung über Tanz- und Unterhaltungspolitik". Sie fror eine Quote ein, nach der künftig auf Musikveranstaltungen höchstens 40 Prozent West-Titel gespielt werden durften. Mitunter mischten sich Spitzel mit Aufnahmegeräten unter die Partygäste, um die Einhaltung der Quote zu überprüfen - und Beweise für Vergehen zu sammeln.

Doch die DDR-Jugend probte nach Ulbrichts Brandrede den "Beat-Aufstand". In Leipzig demonstrierten am 31. Oktober 1965 mehr als tausend Jugendliche friedlich gegen die staatliche Musikpolitik. Mit Wasserwerfern, Hunden und Gummiknüppeln trieben Volkspolizisten die Menge auseinander und ließen 264 Teilnehmer festnehmen. 107 von ihnen wanderten gar ins Arbeitslager - statt um Beats sollten sie sich lieber um Braunkohle kümmern.

Ideologische Gratwanderung

Für Fans der Westmusik brach eine musikalische Eiszeit aus. DDR-Rockbands tarnten fortan ihre Beat-Nummern vorsichtig mit Fetzen aus Schlagern oder Jazz und sangen lieber auf Deutsch. Umso wichtiger wurden die Kontakte in den Westen - und Markus Rindt hatte "eine Riesenquelle", die ihn versorgte: Einer seiner Freunde war Bassist bei der Dresdener Philharmonie und trat oft in der Bundesrepublik auf. "Der hat sich dann Tütensuppen mitgenommen und sich so billig wie möglich ernährt, um alles Geld für Platten ausgeben zu können", erzählt der 42-Jährige.

Langfristig sah die DDR-Spitze aber ein, dass sie mit ihrer restriktiven Linie nicht erfolgreich sein konnte - und versuchte in einem ideologischen Spagat, ab und an Druck aus dem Kessel zu nehmen. In der Radiosendung wie "Die musikalische Luftfracht" wurden kommentarlos Hits aus dem Westen gespielt - ideal zum Mitschneiden für diejenigen, die kein West-Radio empfangen konnten. Genehme DDR-Rockbands wurden in den achtziger Jahren gezielt gefördert und sogar Stars aus dem Westen zu Auftritten eingeladen: Bob Dylan, Joe Cocker, Bruce Springsteen.

Für Markus Rindt begann mit dem Mauerfall die ersehnte Freiheit. Er konnte in Köln Musik so studieren, wie er es sich immer erträumt hatte. Er hörte plötzlich Lieder, von denen er in der DDR nie etwas erfahren hätte. Und doch: "In der DDR war das so eine Jäger-und-Sammler-Geschichte", sagt er. "Man hat sich wahnsinnig gefreut, wenn man ein besonderes Album ergattert hat. Diese Wertschätzung für Musik ist heute verloren gegangen."

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1.
herbert scholz 07.02.2010
Es gab mehr als eine Beatles Schallplatte von Amiga. Ich besitze 3 verschiedene.
2.
Arne Müller 07.02.2010
Scön und gut, aber wie erklären Sie sich die existierende AMIGA-LP der Rolling Stones?
3.
Thorsten NYC 07.02.2010
Die Ostmusik-Quote wurde-wie so viele realitätsferne DDR-Regeln-übrigens regelmäßig ad absurdum geführt. Die Disko begann "offiziell" einfach schon am Nachmittag und der DJ spielte dann in einem leeren Saal ein paar Stunden lang nur die ungeliebte Ostmusik. Die Besucher kamen erst am Abend, wenn alle wussten, dass die "gute" Musik gespielt werden würde (und zwar komplett ohne Quotensongs).
4.
Kurt Neumann 07.02.2010
Kurt Neumann eigene Erfahrung von über 20 Jahren Diskothek, Platten waren schlecht zu bekommen, aber dank NDR2, HR3 oder RIAS2 konnten die wichtigen aktuellen Titel aufgenommen werden. Der Beitrag hat leider das Auf und Ab von 1963 bis 1989 zu wenig erfasst. Wir haben manchmal in 5 Stunden Diskoabend nur 1 bis 2 Osttitel gespielt und das freiwillig, wie City - Am Fenster oder Jugendliebe von Ute Freudenberg. Sonst haben wir mit dem Risiko der AWA Kontrolle gelebt.
5.
Ulf Rösch 07.02.2010
Wenn ich das richtig verstanden habe, wurde also 1965 ein Plattentauschring zerschlagen, weil er mit Michael Jacksons "Thriller" dealte... Ich glaube, dafür (bzw. für die benutzte Zeitmaschine) hätten sich auch westliche Dienste interessiert. ;-) Spaß beiseite: Wieder mal ein typischer "Eines Tages"-beitrag, in dem nichts wirklich falsch ist, aber fleißig zur Erzielung des gewünschten Effektes Zeiten und Fakten durcheinander gewirbelt werden. Man sehe sich nur mal die Jahreszahlen der zitierten Repressionsmaßnahmen (die ich in keinster Weise bestreiten will) und die Jahre, in denen die von den Protagonisten ausgeführten Plattenschmuggeleien stattfanden an. Ersteres ausschließlich 60er und 70er Jahre, letzteres 80er. Auch ich habe auf dem Gebiet einige Erfahrungen gesammelt und möchte aus meiner Sicht einige Korrekturen anbringen, wobei ich natürlich nur die von mir erlebten 80er Jahre beschreiben kann: Für Melodia-Platten ist -zumindest zu dieser Zeit- niemand nach Budapest gefahren. In Ungarn gab es Original-LPs zu kaufen, und das auch völlig legal (nicht auf dem Schwarzmarkt). Aber eben -wegen des Umtauschkurses- zu astronomischen Preisen, umgerechnet 60-70 Ostmark. Etwas billiger gab es die gefürchteten jugoslawischen Lizenzplatten, die allerdings eine lausige Qualität hatten. Außerdem gab es in Budapest in den 80ern einige tolle Konzerte zu erleben, ich hatte das Glück, 1987 Peter Gabriel und 1988 das "Human Rights Now"-Konzert mit Tracy Chapmann, Youssou N'Dour, Sting, Peter Gabriel und Bruce Springsteen zu erleben. Allerdings führte das, zusammen mit den gekauften LPs wegen des angesprochenen Maximal-Umtauschs Ostmar-Forint zu gehörigen finanziellen Engpässen. Melodia-LPs habe ich auch ein paar, bei Besuchen in Leningrad und Moskau gekauft. Bemerkenswert an diesen Platten ist, dass die Namen der Künstler und die Titel natürlich in kyrillischen Buchstaben geschrieben wurden, die Titel dabei noch ins Russische übersetzt. Zum Beispiel habe ich folgende Platten: ???? ??????: "??????????? ????" ?????? ??? ????????: "???????? ?? ??????" Da zeigte sich mal wieder, dass der ungeliebte Russisch-Unterricht manchmal doch ganz nützlich war...
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