Rock'n'Roll-Verschwörung Der Tag, als Paul McCartney starb

Rock'n'Roll-Verschwörung: Der Tag, als Paul McCartney starb Fotos

Paul ist tot! Diese Nachricht schockte 1969 Beatles-Fans. Der DJ eines US-Radiosenders hatte Beweise dafür gesammelt, dass die Welt bereits seit 1966 von einem Double geleimt werde. Die These hat bis heute glühende Anhänger, die immer neue Indizien präsentieren - SPIEGEL ONLINE zeigt die besten. Von Benjamin Maack

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Der Wahnsinn begann mit einem gespenstischen Anruf in einer abendlichen Radioshow. Am 12. Oktober 1969 meldete sich ein Hörer namens Tom in der Sendung von Russ Gibb, einem Moderator des Detroiter Lokalsenders WKNR. "Ich wollte mit dir darüber sprechen, dass Paul McCartney tot ist", sagte Tom mit unsicherer Stimme. Der Radiomoderator verdrehte die Augen. Dann zählte er dem jungen Musikverschwörer alle Rockstars auf, die in den letzten Jahren zwischenzeitlich als tot galten: Bob Dylan starb bei einem Motorradunfall, Mick Jagger an einer Überdosis Heroin, und Eric Clapton wurde von einem Stromschlag aus seiner elektrischen Gitarre gegrillt. Sogar Pauls Kollege Ringo Starr sollte schon bei einem Autounfall auf einer Australien-Tour umgekommen sein. Das hier sei anders, ereiferte sich Tom, "es gibt Hinweise auf McCartneys Tod auf den Alben." Er bat den DJ "Revolution Number Nine", John Lennons abgedrehte Klangcollage auf dem "White Album" rückwärts abzuspielen - "dann hörst du die geheime Botschaft."

Gibb zog das weiße Album aus dem Regal, legte das Vinyl auf den Plattenteller und setzte die Nadel auf die Stelle, an der sich die Worte "Number nine" in einem monotonen Singsang wiederholen. Mit ruhiger Hand drehte er die Platte gegen die Spielrichtung. In diesem Moment begann eine Hysterie, die sich in den nächsten sechs Wochen wie ein Lauffeuer zuerst in Amerika und dann über den gesamten Globus ausbreiten sollte. Es war die Geburtsstunde des "Paul is Dead"-Hoax, der wahnwitzigsten Verschwörungstheorie der Rockgeschichte.

Der erfahrene DJ traute seinen Ohren kaum. So etwas hatte er noch nie erlebt. Im Rückwärtsgang wurde aus der Wiederholung der Worte "Number nine" etwas ganz anderes. Klar und deutlich hörte er, wie die Stimme auf einmal die Worte "Turn me on, dead man" sagte. Nur Minuten später, Gibb hatte sich noch nicht von seinem Erstaunen erholt, stand plötzlich ein aufgeregter Junge in der Tür des Tonstudios. In seinen Händen hielt er das Beatles-Album "Magical Mystery Tour". Der Teenager wohnte ein paar Straßen weiter und war den ganzen Weg gerannt. "Ich habe auch einen Hinweis, dass Paul tot ist", keuchte er, "spiel 'Strawberry Fields Forever'. Am Ende des Songs sagt Lennon: 'I buried Paul.'"

Eine neue Stufe des Irrsinns

Russ Gibb erkannte sofort das Potential dieser wahnwitzigen Geschichte und widmete ihr nicht nur den Rest seiner Sendezeit, sondern brachte am nächsten Abend eine zweistündige Sondersendung zum Thema, für die er auf Fotos, Plattencovern und in Songs noch mehr angebliche Beweise für Pauls Tod sammelte. Doch nicht nur er ließ sich von der Goldgräberstimmung anstecken. Hunderte Studenten-WGs im Empfangsbereich von WKNR begannen - befeuert von ihrer Begeisterung für die Fab Four und nicht selten auch von bewusstseinserweiternden Drogen - ihre Beatles-Platten Zentimeter für Zentimeter, Zeile für Zeile und Rille für Rille nach dem ultimativen Todesbeweis abzusuchen. Über College-Zeitschriften und Lokalsender verbreitete sich die Nachricht von Pauls Tod. Aus der Spielerei des Musik-Nerds Gibb wurde eine echte Wissenschaft und eine Nachricht, die Menschen ernst nahmen. Innerhalb weniger Tage trugen Beatles-Fans über 150 todsichere Hinweise für das Verscheiden ihres Idols zusammen - und immer mehr amerikanische Jugendliche glaubten wirklich, dass Paul McCartney tot war.

Eine neue Stufe des Irrsinns wurde erklommen, als Fans meinten, einzig anhand von eifriger Album-Exegese auch den Zeitpunkt und die Art des Todes und feststellen zu können.

An einem Mittwoch um fünf Uhr morgens...

("Wednesday morning at 5 o'clock as the day begins" aus "She's Leaving Home")

...übersah Paul eine rote Ampel...

("He didn't notice that the lights had changed" aus "A Day In The Life")

...und bretterte in einen Laternenpfahl.

(Sowohl auf "Revolution 9" als auch in "A Day In The Life" kann man das Geräusch eines Autounfalls hören.)

Die Nachricht seines Todes wurde zurückgehalten.

("Wednesday morning papers didn't come" aus "Lady Madonna")

Tage später fand die Beerdigung statt.

(Dafür wurde das Cover des Albums "Abbey Road" herangezogen. Auf dem ist John Lennon ganz in Weiß gekleidet wie ein Geistlicher, Ringo Starr trägt einen schwarzen Anzug, wie es sich für einen Leichenbestatter ziemt, George Harrison wurde in seinem legeren Jeans-Outfit als Totengräber identifiziert, und Paul McCartney überquert die Straße im Anzug und als einziger ohne Schuhe und Strümpfe - barfuß, wie man einen Toten beerdigen würde.)

Doch wie konnte McCartney auf einem Albumcover auftauchen, das seinen eigenen Tod beweisen sollte? Die Antwort ist so einfach wie irre: Paul wurde nach seinem Ableben durch einen Doppelgänger ersetzt. Schließlich war er seinerzeit der beliebteste Beatle. Für die Plattenfirma gab es angeblich keine Zweifel - ein Ersatz musste her. Der Rest der Band ließ sich für die Karriere auf diesen faustischen Pakt ein - und hielt bereits drei Jahre dicht. Denn der verheerende Autounfall soll Paul laut den Verschwörungstheoretikern bereits 1966 dahingerafft haben. Hat der Doppelgänger also bereits seit der "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" als Bassist, Sänger und wichtiger Songschreiber der Band fungiert? Wäre das wirklich möglich gewesen?

Paul bleibt totenstill

Die erstaunliche Antwort lautet: Es war nicht völlig ausgeschlossen - schließlich hatten die Beatles 1969 bereits seit drei Jahren keine Konzerte mehr gespielt. Offiziell hieß es, man wolle sich mehr auf die Arbeit im Studio konzentrieren. Und Paul hatte seit immerhin einem Jahr kein Interview gegeben - offiziell, weil er sich ganz seiner Frau Linda und ihren zwei Kindern widmen wollte.

In der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober geriet das Gerücht dann endgültig außer Kontrolle. Nachdem die Geschichte bisher nur in den Shows kleiner Radiostationen und in College-Zeitungen diskutiert wurde, sprach in diesen Stunden der WABC-Radio-DJ Roby Yonge in seiner Sendung über die Verschwörungstheorie - und wurde von Millionen gehört. WABC war seinerzeit der größte Radiosender in den USA. News, die dort über den Äther geschickt wurden, waren am nächsten Tag Thema. Und so schickten wenige Stunden später alle großen Presseagenturen einen Crashkurs in Sachen Paul-is-Dead-Verschwörung raus. Über hundert Zeitungen berichteten über das Phänomen. Von diesem Moment an gingen stündlich rund 3000 Anrufe besorgter Fans bei der Beatles-Firma Apple ein. Sie alle wollten wissen, ob Paul noch lebt. Die völlig überforderten Apple-Angestellten versuchten, die Massen zu beruhigen. Die Musikzeitschrift "Rolling Stone" titelte "Paul is not dead". Nur einer weigerte sich strikt, etwas zu dem Thema zu sagen: McCartney selbst.

Also schickten Magazine, Zeitungen und Radiosender aus der ganzen Welt ihre Reporter nach Großbritannien - und auf die Jagd nach Paul. Ironischerweise spürten ausgerechnet die Journalisten des Magazins "Life" den totgeglaubten Beatle in seinem Landhaus in Schottland auf. Nachdem der Beatle die Gruppe zuerst von seinem Grundstück verjagt hatte, entschied er sich doch, ihnen ein kurzes Interview zu geben. "Das Leben ist zu kurz", wandte er sich an die Verschwörungstheoretiker, "sie sollten sich mehr um sich selbst kümmern, anstatt zu grübeln, ob ich tot bin oder nicht."

"Paul Is Live"

"Paul weilt noch immer unter uns", titelte "Life" in seiner Novemberausgabe und zeigte einen sehr lebendig aussehenden Paul McCartney mit seiner Frau Linda und ihren zwei Kindern auf dem Cover. Mit dieser Veröffentlichung verebbte die große Paul-Is-Dead-Welle. Die meisten Fans waren beruhigt, dass der Beatle noch lebte - doch nicht alle gaben sich damit zufrieden. Bis heute beschäftigen sich über 120 Seiten im Internet mit den verschiedenen Aspekten des Phänomens. Teils aus Jux, teils mit geradezu kriminalistischem Ernst. Wie zum Beispiel die Seite Turnmeondeadman.com, auf der Ausschnitte aller Songs zu hören sind, in denen sich Botschaften verstecken sollen. Oder eine italienische Seite namens "The king is naked" auf der in allen Einzelheiten bewiesen wird, warum Paul McCartney 1966 von einem Doppelgänger ersetzt worden sein muss.

Auch Russ Gibb, der Radiomoderator, der den Wahnsinn ins Rollen gebracht hatte, machte bald seinen Frieden mit der verrückten Theorie. Kurz vor Weihnachten erinnerte ihn jedoch ein riesiges Postpaket noch einmal an die turbulenten letzten Wochen. Der Absender war Capitol-Records, das Label, auf dem die Alben der Beatles veröffentlicht wurden. Der Karton enthielt alle Platten der vier Liverpooler - und einen Brief von Bhaskar Menon. Der Chef der Plattenfirma bedankte sich darin bei dem DJ des Detroiter Lokalradios - dafür, dass die Albenverkäufe der Fab Four dank des irren Gerüchts in galaktische Höhen geschnellt waren.

McCartney selbst hat eine Weile gebraucht, bis er seinen frühen Tod mit Humor nehmen konnte. 1993 brachte er ein Livealbum mit dem Titel "Paul Is Live" heraus.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Hans Richard Jonitz 14.10.2009
Ganz toll war auch diese Interpretation des Covers von Abbey Road: Ringo trägt schwarz, die Trauerfarbe der westlichen Welt. John trägt weiss, die Trauerfarbe in vielen asiatischen Ländern. George trägt die Trauerkleidung der Arbeiterklasse (Ha, ha, ha). Paul wird betrauert.
2.
Gerd Diederichs 18.12.2009
Nun ja, mittlerweile ist es 2009 und wenn Paul McCartney Billy Shears wäre, dann hätte dieser ja inzwishen eine Popmusik-Karriere hingelegt wie nicht viele andere. Ich denke, der Gewinner eines Lookalike-Wettbewerbs wäre wohl 1970 mit dem Ende der Beatles schleunigst und still von der Bildfläche verschwunden - so ähnlich, wie es Ringo getan hat, mehr oder weniger. Stattdessen hätte er den Ruhm der Beatles als Grundlage für eine handfeste eigene Karriere benutzt - hat er denn eigentlich auch das Vermögen von Paul geerbt und die Tantiemen die seit seinem Tod aus dem Werk geflossen wären? Nein, es macht in der Rückschau eigentlich keinen Sinn. Wie war es denn mit den Frauen? Jane Asher war doch vermutlich zum Zeitpunkt dieses angeblichen Unfalls schon nicht mehr aktuell. Seit wann gab es denn die Beziehung mit Linda Eastman - oder, anders gefragt, ist Stella McCartney denn die Tochter des Original-Paul oder des Doppelgängers? Heute hätte man ja vor DNA-Analytikern keine Ruhe mehr, aber das traut sich die Yellow Press wohl doch nicht - wohl, weil ein definitives Ende der Spekulationen nicht in ihrem Interesse wäre. Andereseits braucht man wohl keine Sorge zu haben, daß die Spekulanten sich von Fakten irritieren ließen.
3. grober Unfug
Peter Pan gestern, 14:01 Uhr
Ich will niemandem zu nahe treten, aber die "Paul is Dead" Legende ist für mich ganz, ganz schlimmer Unfug. Wie kann man soetwas einem anderen Menschen antun? Und darüber hinaus widerspricht sie jeder Logik. Warum sollte man sich erst die Mühe machen, den Tod von Paul McCartney zu verheimlichen und in durch einen Doppelgänger ersetzten, um sodann auf jeder LP und auf jedem Cover zig versteckte Hinweise zu geben? Wenn die Plattenfirma den vermeintlichen Tod von Paul hätte verheimlichen wollen, hätte sie sicherlich keine solche Hinweise zugelassen... Das ganze ist mehr als Absurd, unfassbar und wie gesagt, menschlich für mich auch völlig daneben.
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