"Rocket Girls" der Nasa Frauen, die Männer zum Mond schossen

"Aussehen wie ein Mädchen, denken wie ein Kerl, arbeiten wie ein Hund" - die "Rocket Girls" der Nasa berechneten den Weg der Astronauten ins All. Einer der Mathe-Cracks war die Afroamerikanerin Katherine Johnson.

NASA/ JPL-Caltech

Von


1953 tragen die Computer noch Röcke, die das Knie bedecken. Darüber züchtige Blusen, akkurat gescheitelte Haare, kaum Schminke. Zurückhaltend lächeln die 28 Mitarbeiterinnen des US-Raketenforschungszentrums JPL in Pasadena (Kalifornien) in die Kamera. Man nennt sie tatsächlich "Computresses", weibliche Computer.

Männer sind auf der Schwarz-Weiß-Aufnahme nicht zu sehen. Kein Wunder: Sie übernehmen ja die großen, die wichtigen Aufgaben. Sie konstruieren Raketen, leiten Missionen ins All, zwängen sich in Raumfähren. Und heimsen den Ruhm ein.

Neil Armstrong, Buzz Aldrin, John Glenn: Jedes Kind kennt die Namen der großen US-amerikanischen Nasa-Pioniere. Doch was ist mit Macie Roberts, Sue Finley, Margaret Hamilton und all den anderen weiblichen Mathe-Cracks, die in den Hinterzimmern der Aeronautikzentren rechneten?

Es waren die "Rocket Girls", die in der Ära vor IBM, Apple und Co. die für die Luft- und Raumfahrt so unabdingbaren, komplizierten und zeitaufwendigen Berechnungen leisteten: oftmals allein mit Stift, Zettel und einfachen Rechenmaschinen. Jahrzehntelang dachte in den USA kaum einer an sie - jetzt reden gerade alle über die weiblichen Rechen-Asse.

"Ich zählte alles, was man nur zählen konnte"

Gleich zwei große Studien sind frisch erschienen: "Rise of the Rocket Girls" von Nathalie Holt und "Hidden Figures" von Margot Lee Shetterly. Und Anfang 2017 soll ein Hollywoodfilm mit Starbesetzung (Kirsten Dunst, Kevin Costner, Taraji P. Henson) in die Kinos kommen. Wie bei Shetterly geht es um "colored computers", die es in der Nasa-Männerdomäne doppelt schwer hatten. Weil sie weiblich und auch noch schwarz waren.


Trailer: Kinofilm "Hidden Figures"

Ein Ausnahmetalent unter den "Raketenmädchen": Katherine Johnson, schon als Kleinkind stark mathematisch veranlagt. "Ich zählte die Schritte vom Haus bis zur Straße und bis zur Kirche. Ich zählte die Teller, Messer und Gabeln, die ich abwusch. Ich zählte einfach alles, was man nur zählen konnte. Selbst die Sterne am Himmel versuchte ich zu zählen", sagte die heute 98-Jährige in Interviews.

Das Mädchen wurde 1918 in West Virginia als jüngstes von vier Kindern geboren. Lesen, schreiben, rechnen konnte Katherine bereits vor der Schule und wurde kurz vor ihrem sechsten Geburtstag direkt in die zweite Klasse geschickt. In ihrem Heimatort war Schwarzen der High-School-Besuch verboten, also zog die Familie um, 200 Kilometer weiter gab es eine weiterführende Schule für Schwarze.

Männer brillieren, Frauen arbeiten zu

Katherine war so begabt, dass sie mit 15 an die Uni durfte - und mit 18 Jahren ihren Einser-Bachelor in der Tasche hatte. Anfang der Fünfzigerjahre wurde Katherine zunächst Lehrerin, damals einer der wenigen Berufe für Mathematikerinnen. Was sie dann aber deutlich mehr reizte: Die Naca, Vorgänger der Nasa, suchte Verstärkung für den "Computer"-Pool.

Bereits seit 1935 hatte die US-Luftfahrtbehörde auf Frauen gesetzt. Sie übernahmen etwa die Berechnungen für Windkanal-Tests, plotteten Messdaten, werteten Zahlenreihen aus: eine mühsame, aber unentbehrliche "Fußvolk"-Arbeit, wie Lee Shetterly schreibt. Als im Zweiten Weltkrieg die Männer eingezogen wurden, füllten Tausende Frauen die Lücken in der boomenden Branche und blieben auch nach 1945.

Die US-Luftfahrtindustrie, zu Kriegsende größter Industriezweig der Welt, brauchte kluge Köpfe. Indes war die Rollenteilung zementiert: Die Männer brillierten als Ingenieure, Techniker, in der Forschung - die deutlich schlechter bezahlten weiblichen "Computer" arbeiteten ihnen zu. Und hatten dabei auch noch dekorativ zu sein.

"Verbietet mir ein Gesetz, dabei zu sein?"

"Du musst aussehen wie ein Mädchen, dich benehmen wie eine Lady, denken wie ein Kerl und arbeiten wie ein Hund": So formulierte es die Mathematikerin Macie Roberts, seit 1942 Chefin des rein weiblichen "Computer"-Pools am JPL in Pasadena. Katherine Johnson erfüllte all diese Kriterien. 1953 bekam sie einen Job am Langley-Forschungslabor in Hampton (Virginia).


Nasa-Kurzbiografie von Katherine Johnson

Wegen des virulenten Rassismus im Süden der USA musste sie als Schwarze im Büro der "colored computers" sitzen, durfte weder dieselbe Toilette noch dieselben Kantinentische benutzen wie ihre weißen Kolleginnen. Doch Johnson weigerte sich, die weit entfernten Schwarzen-Klos aufzusuchen. Und ihr reichte es bei Weitem nicht, nur zu rechnen und den Mund zu halten.

"Meine Kolleginnen machten, was man ihnen sagte, sie stellten keine Fragen. Ich hakte nach, wollte mehr wissen", sagte sie 2013 in einem Nasa-Interview. Schon nach zwei Wochen wurde die hochintelligente junge Frau an die Abteilung für Flugforschung ausgeliehen. Als sie erfuhr, dass Frauen nie an den Meetings der Ingenieure teilnahmen, fragte Johnson: "Gibt es ein Gesetz, das mir verbietet, dabei zu sein?"

John Glenns "Mädchen"

Genervt gaben die Männer nach, akzeptierten, dass die dreifache Mutter mit an Bord war - und exzellente Arbeit leistete. Johnson verfasste grundlegende Abhandlungen zum Thema Weltraumfahrt. 1961 berechnete sie die Flugbahn für Mercury-Astronaut Alan Shepard, den ersten Amerikaner im All.

Mittlerweile übernahmen mehr und mehr elektronische Geräte die Rechenarbeit. Trotzdem war zu Beginn des Computer-Zeitalters das Misstrauen groß: Die ersten Maschinen waren rar und teuer, zudem überhitzten sie schnell. "Computresses" wurden laut Autorin Holt weiter gebraucht, um die Rechner zu programmieren - und deren Arbeit zu verifizieren.

"Get the girl to check the numbers", soll Mercury-Kommandant John Glenn im Februar 1962 ausgerufen haben: "Holt das Mädchen, um die Zahlen zu kontrollieren". Er meinte Katherine Johnson. Das "Mädchen" überprüfte die Berechnungen des IBM-7090-Computers und gab grünes Licht. Erst dann ging Glenn in die Luft - und umkreiste als erster Amerikaner dreimal die Erde.

Später wirkte Johnson an der Berechnung der Umlaufbahn für die Apollo-11-Raumfahrtmission mit. Dass Neil Armstrong am 21. Juli 1969 um 02.56.20 Uhr als erster Mensch den Fuß auf die Mondoberfläche setzte, ist auch das Verdienst schlauer, lange kaum beachteter Frauen wie Katherine Johnson, die erst 1986 ihren Job bei der Nasa quittierte.

Von Obama geehrt, zur Lego-Figur gekürt

"Katherine war eine Vorkämpferin, die Grenzen von Rasse und Geschlecht gesprengt und jungen Menschen gezeigt hat, dass jeder in Mathematik und den Naturwissenschaften brillieren und nach den Sternen greifen kann", sagte US-Präsident Obama, als er Johnson am 24. November 2015 mit der Presidential Medal of Freedom ehrte, einer der beiden höchsten zivilen Auszeichnungen der USA.

Bald in Kinderzimmern? Johnson als Lego-Heldin
Women of NASA/ Maia Weinstock

Bald in Kinderzimmern? Johnson als Lego-Heldin

Freiheitsmedaille, Hollywoodfilm - und derzeit gibt es im Netz auch noch das Projekt, Katherine Johnson mit vier weitere Nasa-Pionierinnen als Lego-Figuren zu verewigen. Gut 10.000 Unterstützer, darunter die Nasa, hat Initiatorin Maia Weinstock bereits beisammen. Der Wissenschaftsjournalistin zufolge will Lego im Januar 2017 verkünden, ob das Set produziert wird.

Trotz des Wirbels fühlt sich die vierfache Urgroßmutter Johnson, die mittlerweile im Rollstuhl sitzt, weder als Heldin noch als Bürger- oder Frauenrechtlerin. "Dafür hatte ich gar keine Zeit", sagte Johnson anlässlich der Ehrung im Weißen Haus. Sie habe einfach nach der Prämisse ihres Vaters Joshua gelebt, der seinen vier Kindern einst einschärfte: "Ihr seid nicht besser als all die anderen hier in der Stadt - und niemand ist besser als ihr!"


Zum Weiterlesen:

Nathalia Holt: Rise of the Rocket Girls. The Women who Propelled Us, From Missiles to the Moon to Mars, Little, Brown and Company 2016.

Margot Lee Shatterly. Hidden Figures. The Untold Story of the African American Women who Helped Win the Space Race, William Collins 2016.

insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Peter Kuley, 10.10.2016
1. Manometer-Lochkartenbänder ?
Auf Bild 12: „Doris Baron, Mitarbeiterin am Langley Research Center, beim Nahkampf mit Manometer-Lochkartenbändern (undatierte Aufnahme).“ Für mich sind das ganz normale Lochstreifen. Ja, ja, sowas gab's in den Frühzeiten der IT, oder EDV wie man damals sagte.
helmut emporda, 10.10.2016
2. Grauenhaftees Zahlenschaufeln
Im Fahrzeugbau, in dem ich meine ersten 5 Berufsjahre als Ingenieur verbracht habe, gibt es das Problem der mehrfach unbestimmten Statik von Rahmenenkonstruktionen. Das wurde bis etwa 7-fach mittel Gausschen Algorithmus gelöst, bei dem eine Matrix zu invertieren ist. Wir haben dazu bis 6 Wochen lang auf mechanischen Rechenmaschinen gekurbelt und zwei 14-stellige Zahlen voneienander abgezogen. Das Ergebnis hatte 2 bis 3 Stellen und wurde weiter verwendet Ein Schreibfehler, eine falsche Taste und die Arbeit von Wochen war Schrott. Ab 1964 konnten wir das Problem auf einem Zuse-23 Computer der UNI Braunschweig lösen. Das war so primitiv, das kann sich heute niemand mehr vorstellen. Heute habe ich auf meinen PC eine Programm der Finiten Elemente, das rechnet nicht nur komplexe Stabstukturen durch, sondern optimiert sie auch durch Wahl der Profile und verschiedene Lasten. Das dauert nur wenige Minuten, wenn überhaupt Es war eine andere Welt
A H, 10.10.2016
3. Hut ab: Die sorgfältigeFleißarbeit
Wie der Artikel und auch Kommentar 2 belegen: Eine andere Zeit. Und eine Zeit, in der noch sorgfältig gerechnet werden musste und konnte. Selbst das triviale erstellen von Technischen Zeichnungen - welch' Zeitaufwand. Der erste Schuss musste sitzen, kein langes Ausprobieren unzähliger Varianten.
Wolfgang Klann, 11.10.2016
4. Fleißarbeit
in der Tat, und kaum oder gar nicht gewürdigt. Meinen Respekt nicht nur für Mrs. Johnson, sondern für alle Beteiligten. Und: vielen Dank für diesen Artikel!
Berni Kirkheim, 11.10.2016
5. Tendenziös und nichts weiter
meiner Großmutter wurde eingeredet, dass die Franzosen die Deutschen jahrhundertelang schlecht behandelt haben, und man es denen nunmal heimzahlen muss. Zum Glück hat diese kluge Frau das nicht gefressen, leider viele in ihrer Generation schon. Nun wird das selbe in Grün probiert: mit Frauen& Männern statt D & F. Die Autorin versteht einen feuchten Kehrich von Mathematik - ich würde nie meinen Computer einen Mathematiker nennen, obwohl er sicher mehrere Millonen mal schneller rechnet als all die erwähnten Damen zusammen. Nach einer von anderen Leuten zusammengestelltem Regel Zahlen um- und errechnen, macht noch lange keinen Mathematiker aus..und ist auch wesentlich einfacher als die Arbeit eines Ingenieurs. Das kann den Unterschied im Gehalt ausreichend erklären. Ein wenig wiki-Lesen hätte auch erklärt computress ‎(plural computresses) (obsolete) feminine equivalent of computer (a person employed to perform computations; one who computes) woher die Berufbezeichnung in jener Zeit stammte, es gab natürlich auch die männliche Person, die mechanisch Rechenarbeiten ausführen musste ... keine der Gruppen wurde mit einem der späteren Rechenkisten assoziert. Mit flotten Zitaten wie Bild 7 "Die Ingenieure verursachen die Probleme - und wir lösen sie!" So beschrieb Helen Ling, eine der JPL-Angestellten, die Rollenaufteilung zwischen Ingenieuren und weiblichen "Computern" kann man fleissig brain washing zu betreiben versuchen, aber es wird hoffentlich diesmal noch schlechter klappen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.