Roger Cicero im Interview "Jetzt ist aber mal Ruhe, Junge!"

Die ganze Welt kannte ihn als "Mister Golden Hands": Vor zehn Jahren starb der begnadete Pianist Eugen Cicero. Jetzt feiert sein Sohn Roger Hitparaden-Erfolge. Im einestages-Interview spricht der Jazzmusiker über peinliche Tadel bei Konzerten seines Vaters, verbotene Melodien und die Tücken musikalischer Früherziehung.

Ein Interview von Stephan Orth


einestages: Herr Cicero, Ihr Vater Eugen Cicero hat in den sechziger bis achtziger Jahren mit Jazz-Interpretationen von Klassik-Komponisten wie Schubert und Tschaikowsky Millionen Platten verkauft und war ein weltbekannter Pianist. War er ein guter Lehrer für Sie?

Roger Cicero: Als Teenager habe ich ihm einmal einen selbstkomponierten Song vorgespielt. Er hat sich gleich ans Klavier gesetzt und das musiktheoretisch auseinander genommen - das war mir dann viel zu kompliziert und zu hoch, so dass ich mit "Danke, tschüss" das Zimmer verlassen habe.

einestages: "Mister Golden Hands", wie Ihr Vater genannt wurde, war also pädagogisch eher eine Niete?

Cicero: Er war ein wahnsinnig intuitiver Spieler, der am Klavier in eine andere Welt eintauchte. Darum konnte er sehr schlecht erklären. Aber er spielte immer mit einer unglaublichen Leichtigkeit, so als ob das jeder könnte - das habe ich in mich aufgesogen, das wollte ich auch können. Und wenn er über Musik redete, die andere machten, oder darüber, warum gerade diese eine Stelle so unglaublich toll ist - das sind Sachen, die er mir musikalisch mitgegeben hat. Da hat er mir kleine Schätze offenbart, die ich aber erst viele Jahre später wirklich verstanden habe.

einestages: Sie fingen, genau wie Mozart und Ihr Vater, schon mit vier Jahren mit Klavierunterricht an. Waren Sie ein Wunderkind?

Cicero: Wohl kaum. Meine Lehrerin merkte schnell, dass ich nicht übte und dass mir deshalb wöchentlicher Unterricht nichts bringen würde. So hatte sie den grandiosen Einfall, mir jeden Tag Unterricht zu geben.

einestages: Bestimmt ein voller Erfolg.

Cicero: Obwohl sie alles versuchte und mich sogar mit *Keksen bestochen hat - ich habe es gehasst und mit Fünf aufgehört.

einestages: Später haben Sie ja noch die Kurve gekriegt, fingen mit Gitarre und Gesang an - hätte Ihr Vater Sie auch BWL studieren lassen?

Cicero: Als ich noch zur Schule ging, hat er mir sogar geraten, "Junge, werd' doch Anwalt" - damit ich mir den Spaß an der Musik als Hobby bewahre. Als ich dann aber Gesang, Klavier und Gitarre studiert habe, hat er das natürlich trotzdem unterstützt.

einestages: Wie haben Sie als Kind seine Auftritte erlebt?

Cicero: Ich hatte immer sehr große Mühe, unerkannt und still zu bleiben. Mein Vater musste nämlich bei jedem Konzert darauf aufmerksam machen, dass der kleine laute Junge da hinten sein Sohn ist - da war ich fünf oder sechs. Bei einem Konzert in einem kleinen Theater in Berlin saß ich sogar auf der Bühne auf einem Seitenstuhl. Da hat er sich dann direkt umgedreht und gesagt: "Jetzt ist aber mal Ruhe, Junge." Für die Zuschauer war das natürlich der Brüller.

einestages: Im Jahr 1962 musste Ihr Vater aus seiner rumänischen Heimat fliehen, weil die Kommunisten dort keinen Jazz und Swing duldeten.

Cicero: Auch Debussy und Rachmaninow, die er so liebte, waren auf einmal verpönt. Mein Vater ist dann durch sein Dorf gewandert, hat überall geklingelt und gefragt, ob die Leute von den verbotenen Sachen noch irgendwelche Platten besitzen, die er haben darf. Da hat er sich so einige Schätze zusammengesammelt. Auf dem Dachboden hat er dann heimlich Jazz gehört.

einestages: Er war 21 und in Rumänien schon ein berühmter Pianist, wie konnte er es unerkannt über die Grenze schaffen?

Cicero: Er nutzte dafür ganz einfach eine Tournee - nach einem großen Konzert in Ost-Berlin hat er mit seinem gesamten Septett und falschen Papieren nach West-Berlin 'rübergemacht.

einestages: Für ihn war es ein Kampf, seine Musik spielen zu dürfen, bei Ihnen war es von Geburt an erwünscht - haben Sie deshalb einen anderen Bezug zu Ihrer Kunst?

Cicero: Natürlich spielt es eine Rolle, wie hoch die Opfer sind, die man bringen muss. Meine Konflikte waren andere, mir war es sehr wichtig, dass ich meinen eigenen Weg gehe. Darum habe ich mich immer gewehrt, wenn es darum ging, Kontakte auszunutzen, die über meinen bekannten Vater kamen, das habe ich boykottiert.

einestages: Das ging soweit, dass Sie quasi selbst ins Ausland flohen...

Cicero: Es war eine gute Entscheidung, dass ich in Holland studiert habe, wo sein Name nicht bekannt war, wo ich mir meine Hörner abstoßen konnte. Dort bin ich durch die Clubs getingelt, habe mir die Anerkennung selber erarbeitet.

einestages: Apropos Anerkennung - haben Sie schon mehr Platten verkauft als er?

Cicero: Nee, da arbeite ich noch dran. Mein Vater hat mit "Rokoko Jazz" weltweit über eine Million verkauft. Es ist heutzutage unglaublich schwer, das einzuholen.

einestages: Sie selbst sind eigentlich in Jazz und Klassik zu Hause, was macht da den Reiz aus, massentaugliche Popmusik zu machen?

Cicero: Das Kommerziellste sind bei mir die deutschen Texte. Ich war es überhaupt nicht gewohnt, mit dieser Sprache so umzugehen. Mittlerweise finde ich es klasse zu sehen, wie die Leute auf die Texte reagieren. Für mich ist es ein Geschenk, dass ich Konzerte geben und damit meine Leidenschaft auf der Bühne ausleben kann.

einestages: Genau wie Ihr Vater haben Sie vermutlich ein belastetes Verhältnis zu Osteuropa - er musste Rumänien wegen seiner Musik verlassen, Sie wurden beim Eurovision Song Contest 2007 von osteuropäischen Pop-Sternchen abgehängt.

Cicero: (lacht) Mich hat der schlechte Platz beim Eurovision Song Contest sicher nicht so negativ beeinflusst, wie das kommunistische Regime meinem Vater zu schaffen machte. Ich habe keine nachträglichen schlechten Gefühle, was den Grand Prix angeht, es war eine aufregende Zeit.



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