einestages

Roger Moore im Interview

"Ich hatte nie Bond-Phantasien"

Sieben Mal spielte er den legendären Agenten, zuletzt vor 24 Jahren - doch für viele Bond-Fans ist Roger Moore bis heute der 007. Im einestages-Interview spricht der Brite über Fluch und Segen seines Alter Ego, die peinlichste Anschaffung seines Lebens und darüber, wie Ebay seine Beziehung zu Fans zerstört.

Mittwoch, 03.06.2009   10:14 Uhr

einestages: Ich habe viele James-Bond-Fragen. Ich hoffe, das langweilt Sie nicht nach all den Jahren?

Roger Moore: Nein, überhaupt nicht. Aber sollte ich schnarchen, schalten Sie einfach das Aufnahmegerät ab - und schließen Sie die Tür bitte leise.

einestages: Was war der James-Bond-hafteste Moment Ihres Lebens?

Roger Moore: Der Tag, an dem ich einen Eindringling erschoss. (lacht) Nein, natürlich nicht. Ich habe keine James-Bond-Momente. Was ist ein James-Bond-Moment?

einestages: Augenblicke, in denen man sich fühlt, als könnte man alles erreichen.

Roger Moore: Doch, solche Momente habe ich natürlich. Aber meine Frau sagt mir dann immer sofort, dass ich mich zusammenreißen soll. Das mag ein bisschen enttäuschend sein, aber wir führen ein ganz normales Leben, stehen morgens auf, öffnen eine Flasche Champagner, gegen elf trinke ich meinen ersten Wodka Martini, danach habe ich Sex mit ein paar Ladys ... ein Scherz. In Wahrheit steht meine Frau Kristina morgens auf und bringt mir Ei und Porridge ans Bett.

einestages: Das ist nicht wahr!

Roger Moore: Doch, doch! Dann stehe ich auf und wir gehen spazieren oder manchmal auch shoppen. Es wäre doch wirklich albern, wenn ich in einen Zoo marschieren und wie in meiner Rolle als Bond in "Octopussy" "Platz!" zu einem Tiger sagen würde. Nein, ich hatte in meinem richtigen Leben nie Bond-Phantasien.

einestages: In Ihrem Buch schreiben Sie, Sean Connery sei in Japan einmal ein Fotograf bis auf die Toilette gefolgt. Danach habe er entschieden, dass Schluss sein muss mit Bond, der Rummel um seine Person wurde ihm zu viel. Hatten Sie auch Momente, in denen Sie dachten: Das reicht, ich höre auf?

Roger Moore: Mir ist glücklicherweise noch nie jemand auf die Toilette gefolgt. Aber nach sieben Bond-Filmen hatte ich keine Lust mehr, Interviews zu geben. Damals kamen schon während des Drehs Hundertschaften von Journalisten aus aller Welt zum Set. Und jeder einzelne von ihnen wollte ein Interview. Irgendwann musste ich ihnen sagen: Wir können erst die Interviews machen und dann den Film oder wir machen den Film jetzt und vergessen die Interviews. Es war bizarr, ich hatte zwischen den Takes keine Zeit mehr, um mich hinzusetzen und mich auf meinen Text zu konzentrieren: "Mein Name ist Bond, James Bond" - allein, um diese Textzeile zu lernen habe ich deswegen Ewigkeiten gebraucht (lacht).

einestages: Wenn Ihnen bislang niemand aufs Klo gefolgt ist - was war Ihr verrücktestes Erlebnis mit einem Fan? Ich habe gehört, dass sich ein paar Ihrer Anhänger als Gäste ausgegeben und ins Hotel geschlichen haben, um Ihnen aufzulauern.

Roger Moore: Ja, das stimmt. Aber in den vergangenen Jahren hat sich vieles verändert. Die Fans von heute strahlen oft eine gewisse Aggressivität aus. Denn eigentlich sind diese Menschen gar keine richtigen Fans mehr, sie geben sich nur als solche aus. In Wahrheit wollen sie nur Fotos signiert haben, um sie auf Ebay zu verkaufen. Dieses Ebay-Syndrom macht vielen Schauspielern das Leben schwer. Die Leute kommen nicht mehr mit einem Bild, das sie unterschrieben haben wollen. Das wäre ja völlig okay. Aber dann holen sie noch eins und noch eins und noch eins hervor. Das finde ich wirklich unfair.

einestages: Das wirkt sich doch bestimmt sehr negativ auf das Verhältnis von Schauspieler und Fan aus.

Roger Moore: Ringo Starr hat vor ein paar Monaten etwas sehr Treffendes dazu gesagt: Er gibt zwar noch Autogramme, aber er sieht sich die Leute gar nicht mehr an, weil am Ende sowieso alles auf Ebay landet.

einestages: Wie hat Ihre Rolle als James Bond Ihr Leben verändert?

Roger Moore: Alles, was du tust, jeder Mensch, den du triffst, verändert dein Leben. Deshalb muss Bond etwas verändert haben. Im Gegensatz zu Sean Connery war ich ja schon vorher ein bekannter Schauspieler. Doch die Bond-Filme waren ein weltweites Phänomen. Das liegt in der Natur von Kinofilmen, dass sie größer sind, als zum Beispiel meine Rollen in TV-Serien wie "Die Zwei" oder "Simon Templar". Obwohl ich eigentlich finde, dass Fernsehen intimer ist, weil man direkt zu den Leuten ins Wohnzimmer kommt.

einestages: Hatten Sie eine Vision, als Sie den Charakter Bond von Sean Connery übernommen haben?

Roger Moore: Ich wollte nicht wirklich etwas anders machen. Das Gute an Bond ist ja, dass er keinen Background hat. Nirgendwo steht geschrieben, wer er ist. So durfte er ein Schotte sein, als Sean Connery ihn spielte, oder ein Australier, als George Lazenby zwischendurch für einen Film die Rolle übernahm. Ich war der erste echte Brite, der im Geheimdienst Ihrer Majestät arbeitete. Und weil Bond keinen vorgeschriebenen Charakter hat, brachte ich damals eben hauptsächlich mich selbst mit - wie ich aussehe, Facetten meiner Persönlichkeit - alles, was zum Charakter passte. Und manchmal habe ich auch einfach dafür gesorgt, dass der Charakter zu mir passt. Unglücklicherweise oder glücklicherweise, je nachdem wie man es nimmt, sieht also alles, was ich in James-Bond-Filmen mache, aus, klingt und wirkt wie ich. Außer, dass ich nun wahrlich kein Held bin.

einestages: Immerhin arbeiten Sie für Unicef. Fühlen Sie sich da nicht manchmal wie ein Held, der Dinge bewegen kann?

Roger Moore: Das würde mich wirklich freuen, denn Filmhelden gewinnen immer. Bei der Arbeit für Unicef können wir keine vergleichbaren Erfolge feiern, weil es kein Drehbuch gibt, in dem auf der letzten Seite ein Happy End steht. Es ist das echte Leben und das ist leider oft sehr grausam. Natürlich ist es gut, wenn es einem gelingt, Geld für Projekte zu sammeln oder Menschen auf Probleme aufmerksam zu machen.

einestages: Was war Ihr bisher letztes Unicef-Projekt?

Roger Moore: Anfang des Jahres war ich in Israel. Statistiken haben bewiesen, dass der durchschnittliche israelische Mann 60 Prozent weniger gefährdet ist, als der Rest der Weltbevölkerung, sich mit HIV anzustecken. Also will Unicef dafür sorgen, dass israelische Ärzte nach Swasiland kommen, um dort fachgerechte Beschneidungen an Jungen und erwachsenen Männern vorzunehmen, weil durch die Beschneidung das HIV-Risiko erheblich gesenkt werden kann. Swasiland ist das Land mit der höchsten Rate an HIV-Infektionen im ganzen südlichen Teil Afrikas. Dass ich heute so sinnvolle Dinge tun kann, ist auch der Grund, warum ich heute noch gern mit Ihnen über James Bond rede. Denn wenn ich diese Filme nicht gemacht hätte, wäre ich heute nicht so nützlich für Unicef.

einestages: Damals haben Sie vermutlich noch nicht an solche Dinge gedacht. Haben Sie sich von der Gage für Ihren ersten Bond-Film "Leben und sterben lassen" irgendetwas absurd Luxuriöses geleistet?

Roger Moore: Ja, ich habe mir einen Rolls Royce gekauft. Eine totale Schnapsidee.

einestages: Warum, das ist doch ein Traumwagen?

Roger Moore: Für mich eigentlich nicht, aber ein befreundeter Finanzberater hat damals zu mir gesagt: "Roger, mit deiner Rolle als Jimmy Bond kannst du dir das jetzt leisten. Außerdem hast du eine Familie und brauchst sowieso einen größeren Wagen." Der Rolls wurde am Heiligen Abend geliefert. An diesem Abend feierte mein kleinster Sohn eine Weihnachtsparty. Ich hatte mich in den Pinewood-Studios als Santa Claus herrichten lassen - komplett mit weißem Bart und rotem Mantel. Es sah wirklich echt aus. Und so fuhr ich in meinen neuen Wagen nach Hause. Als ich dann an einer roten Ampel warten musste, schauten alle Passanten mich an. Ich dachte nur: "Mist, du hättest dir niemals einen Rolls Royce kaufen dürfen. Die Leute fangen schon an, dich anzustarren." Natürlich haben sie eigentlich geguckt, weil da ein Idiot als Weihnachtsmann verkleidet in einem Rolls Royce an der roten Ampel wartete. Aber irgendwie hat mich dieses Gefühl trotzdem nie mehr losgelassen. Ich hatte nicht viel Spaß an dem Rolls.

einestages: Haben Sie eigentlich jemals mit einem echten Geheimagenten Kontakt gehabt?

Roger Moore: Ich habe einige Leute beim Geheimdienst gekannt. Einer war zu meiner Bond-Zeit Chef des französischen Geheimdienstes. Er hat mir mal gestanden, dass er die Filme sehr mochte. Aber er konnte sie nicht in Paris sehen, weil es sich für den Geheimdienstchef natürlich nicht gehörte, Bond-Filme anzusehen. Also flog er immer nach Genf und schaute sie sich dort inkognito an.

einestages: Der deutsche Titel Ihrer Biografie lautet "Mein Name ist Bond, James Bond". Finden Sie es nicht komisch, auch 24 Jahre nach Ihrem letzten Auftritt als Bond immer wieder auf diese Rolle festgenagelt zu werden?

Roger Moore: Der englische Titel des Buches ist "My Word Is My Bond".

einestages: ... was soviel bedeutet wie "Mein Wort gilt."

Roger Moore: Ja, eine schöne Wendung, die darauf anspielt, dass James Bond ein Teil meines Lebens ist. Aber leider ist das in keine andere Sprache übersetzbar. "Mein Name ist Bond, James Bond" halte ich allerdings wirklich für keinen besonders gelungenen Titel. Denn mein Name ist nicht Bond.

Zum Weiterlesen:

Roger Moore: "Mein Name ist Bond, James Bond". I.P. Verlag, Berlin 2009, 384 Seiten.

Das Interview führte Benjamin Maack.

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